Sonntag, 5. Oktober 2014

Gewalt-Potenziale im Islam und im Christentum



Hamideh Mohagheghi / Klaus von Stosch (Hg.): Gewalt in den Heiligen Schriften von Islam und Christentum. 
 Beiträge zur Komparativen Theologie, Band 10.
 Paderborn: Schöningh 2014, 186 S., Personenregister  
--- ISBN 9783506772817 ---

Ausführliche Beschreibung

Angesichts der gegenwärtigen Weltkonflikte und einer zunehmenden Brutalität gegenüber unschuldigen Menschen stellt sich automatisch die Frage, wie die Religionen hier mit Gewalt umgehen. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes haben zusammen mit den Autoren Aggressionspotenziale innerhalb von Bibel und Koran untersucht, um den Spuren von religiöser Gewaltrechtfertigung nachzugehen. Dabei entsteht jedoch keine gemeinsame Zielrichtung. Es geht auch weniger um eine an den Friedenstendenzen in den Religionen sich ausrichtende Hermeneutik. Die Beitragenden beschäftigen sich stattdessen stärker mit den verschiedenen Formen von Gewaltverständnissen und Gewaltäußerungen in Bibel und Koran.


Die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi und Klaus von Stosch, katholischer Theologe und Leiter des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften (ZEKK) der Universität Paderborn, arbeiten schon länger Religionen übergreifend im ZEKK zusammen. Die Texte sind aus den Vorträgen einer Tagung der Kath. Akademie Schwerte im Jahre 2012 entstanden.
Der evangelische Systematiker Reinhold Bernhardt (Universität Basel) geht bei seiner narratologischen Untersuchung biblischer Texte besonders auf die literarischen und historischen Kontexte der Gewaltdarstellungen ein. Als hermeneutische Setzung hebt er das Identitätszentrum des christlichen Glaubens heraus. Es besteht in der Botschaft Christi von der universalen, unbedingten Gnade und Liebe Gottes. Diese göttlichen Vorgaben dürfen nicht durch eine dunkle gewalttätige Seite Gottes konterkariert werden (S. 29f).
Der Alttestamentler Andreas Michel (Universität zu Köln) exemplifiziert an der Vernichtungsaufforderung in Deuteronomium 7,1-6 und vergleichbaren Josua-Texten, wie die „assyrische Leitkultur“ mit ihren sog. „Vernichtungsweihen“ (S. 41) auch auf Israel durchgefärbt hat und aus der Sicht des 6. Jh. v. Chr. auf die sog. Landnahmezeit des 12. Jh.s zurückgreift und damit interne Konflikte thematisiert. Als Exeget findet Michel die spätere Instrumentalisierung von Texten früherer Ereignisse allerdings nur bedauerlich (S. 50).
Der Neutestamentler Eckart Reinmuth (Universität Rostock) überlegt, wie das Neue Testament und daraus folgend die frühe Christenheit mit Gewalt und Gegengewalt umgeht und wie sich dies in den jeweiligen Texten niederschlägt. So kann es nicht nur um historische Rekonstruktion gehen, sondern es müssen auch die in den Texten der monotheistischen Religionen vorfindlichen Gewaltpotentiale reflektiert werden. In ihnen ist nämlich durchweg verboten, Gott im Sinne der eigenen – auch religiösen – Interessen zu instrumentalisieren.
Der verbalen Gewalt im Johannesevangelium (besonders 8,43-44) geht die Neutestamentlerin Margareta Gruber (Hochschule der Pallotiner in Vallendar bei Koblenz) nach: „Nicht mehr genau zu bestimmende, vor Ort als feindlich erlebte Gruppen, vermutlich aus den Reihen des beginnenden rabbinischen Judentums, werden in der literarischen Fiktion des Johannesevangeliums mit den jüdischen Autoritäten gleichgesetzt, die für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden“ (S. 66). Dass hier zwischen dem Text und dem heutigen Leser nicht nur „kritische Reziprozität“ (S. 69) angesagt ist, sondern auch Sachkritik, liegt auf der Hand. Zu fragen wäre allerdings über das Gesagte hinaus, was die Wirkungsgeschichte solcher Texte im Blick auf „die Juden“ Verheerendes angerichtet hat.
Dass die drei monotheistischen Religionen, Gewalt nur unter einschränkenden Bedingungen und faktisch nur im Sinne von Verteidigung rechtfertigen, ist bekannt. Die Meinungen weichen jedoch erheblich voneinander ab, wenn es darum geht, diese Bedingungen historisch einzuordnen und gegenwärtig zu interpretieren. Die Mitherausgeberin Hamideh Mohagheghi legt dazu die oft zitierte Sure 2,190-195 aus, und zwar im Sinne von Gottes Offenbarung in mündlicher und schriftlicher Tradition unter den Bedingungen des 7. Jahrhunderts. Die Autorin sieht die religiös verantwortliche Aufgabe darin, Ungerechtigkeit nicht gewaltsam zu beseitigen versuchen, sondern ihr entgegenzuwirken und dabei Gewalt zu minimieren, denn Krieg gilt im Koran immer als ein Übel.
Einen umfassenden und zugleich aktuell orientierten Einblick in das Verständnis von “djihad“ geben der islamischen Theologe Farid Esack (Universität Johannesburg) und die Mitarbeiterin am ZEKK, Muna Tatari. Sie ordnen den Djihad-Begriff konsequent im Sinne von Glaubensanstrengung ein und zeigen dies an Beispielen der islamischen Geistesgeschichte. Sie verdeutlichen damit, dass selbst konservative Ausleger weder das Morden von Nichtmuslimen noch Zwangskonversionen befürworten. Und nicht zu vergessen: Der Koran ist nicht Gott, sondern seine Offenbarung an die Menschen. Er bedarf der Auslegung, die sich an sozialer Gerechtigkeit messen lassen muss – im Sinne der Verantwortung des Menschen vor Gott. So sollte man djihad jenseits von Quietismus und Gewalt verstehen und den gewalttätigen Missbrauch dieses Begriffs verhindern.
Hierher gehört auch die Genderproblematik. Damit steht die Sure 4,34 und das Schlagen der Frauen durch die Männer“ in der Diskussion. Die Islamwissenschaftlerin Nimet Seker (Universität Frankfurt/M.) stellt in dem hier offenkundigen Gewaltpotential heraus, dass „Schlagen“ in Korankommentaren unterschiedlich betont wird und die Überzeitlichkeit bzw. Zeitlosigkeit bestimmter Verständnisse fraglich ist. Das macht besonders die feministische Lesart dieses Verses durch die liberale Islamwissenschaftlerin Amina Wadud deutlich, die exegetisch interveniert und „Nein“ zu expliziten Geboten im Koran sagt (S. 134f). So ganz kann sich die Autorin jedoch nicht mit dieser Interpretation anfreunden. Das belegt sie durch Heranziehung und hermeneutischer Berücksichtigung von Hadith-Versen – und der exegetische Diskurs bleibt dadurch offen, aber m.E. letztlich unbefriedigend.
Vielleicht hilft die Art, wie Alsayad Alrahmany (Al-Azhar Universität Kairo), die Koranstelle über die Verehrer des Goldenen Kalbs auslegt (Sure 2,54). Natürlich gibt es hier bei den Korankommentatoren Dissens, aber eben auch eine dominierende Auslegung, die Gewalt befürwortet. Alrahmany distanziert sich vorsichtig von dieser Mehrheitsmeinung und erinnert an die auch von Luther favorisierte erste Regel der Hermeneutik: Die Heilige Schrift legt sich durch sich selbst aus, d.h. mehrdeutige Texte werden durch eindeutige interpretiert. In diesem Falle bedeutet es, dass Gottes Aussage „Meine Barmherzigkeit umfasst alles (Sure 2,256) hermeneutisches Kriterium für das Gesamtverständnis werden muss.
Schließlich bedenkt der katholische Theologe Aaron Langenfeld (Universität Paderborn), dass gerade in den apokalyptischen Vorstellungen der monotheistischen Religionen erhebliche Gewaltpotenziale stecken. Motivation ist letztlich ein fundamentalistisch orientierter Erlösungsglaube, in dem die selbst ernannten Erlösten schon das gute Ende für sie selbst kennen und sich selbst zu Richtern über Gut und Böse aufschwingen, statt das Urteil Gott zu überlassen. Nun nehmen offensichtlich apokalyptische Vorstellungen in Zeiten der Unterdrückung zu. Eschatologische Aussagen brauchen wegen dieser Zuspitzungen jedoch eine angemessene Hermeneutik. Der Autor versucht nun insofern eine positive Bewertung der Apokalyptik, indem er das Leiden und das Kreuz Christi zum Ankerpunkt gegen die Unrechtsstrukturen der Welt erhebt. Der Geist der Liebe Gottes prägt von daher die eschatologischen Vorstellungen, so dass kein Endkampf zwischen Gut und Böse nötig ist. Im Blick auf den Dialog mit dem Islam zeigt der Gedanke des sich barmherzig offenbarenden Gottes, dass das Eschaton und auch das Symbol des Endgerichts im Sinne einer Transformation des Menschen zu verstehen ist, wie der islamische Theologe Mouhanad Khorchide besonders betont.
Bilanz
Die Beiträge in diesem Buch machen durchgängig auf die Gefahren fundamentalistischer, zeitloser Auslegungen von Bibel und Koran aufmerksam. Diese sind extrem problematisch, denn für die eigene Interpretation finden sich genügend Gewaltpotenziale und Aggressionsmuster in den heiligen Texten selbst. Gegenwärtig-sachgemäße Auslegung bietet aber die Möglichkeit, die Versöhnungstendenzen in diesen Religionen hermeneutisch stärker zu betonen. Hier zeigen sich allerdings einige Autoren etwas zu vorsichtig in der Weiterführung exegetisch-historischer Erkenntnisse. So verwundert es schon, dass das Thema zuweilen sehr aus der wissenschaftlichen Distanz abgehandelt wird und Religionskritik dann nicht recht greift, um der Empörung angesichts auch von religiös motivierten Gewaltverständnissen nachzugehen. Insgesamt ist hier jedoch ein Fundament gelegt, dass die dialogoffene Auslegung jüdischer, christlicher und islamischer Texte im Sinne einer religiös motivierten Friedensethik und Gewaltminderung vorantreiben kann.
Reinhard Kirste
Rz-Mohagheghi-Stosch-Gewalt, 05.10.14 



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