Donnerstag, 24. Oktober 2019

"Spektrum Iran" - Interkulturelle und interreligiöse Begegnungen zwischen Orient und Okzident (aktualisiert)

SPEKTRUM IRAN. 
Zeitschrift für islamisch-iranische Kultur.
Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift (mit jeweils etwa 100 Seiten) 
wird von der Kulturabteilung der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin herausgegeben und erscheint im Verlag Traugott Bautz, Nordhausen.

Die behandelten Themen betreffen überwiegend Kultur, Geschichte und Religionen im Blick auf die Vergangenheit, aber auch gegenwärtige Entwicklungen des Iran werden angesprochen. Das "Spektrum" der einzelnen Beiträge ist darum keineswegs einlinig ausgerichtet, sondern eröffnet oftmals ungewohnte Perspektiven.

Im Blick auf die Begegnung der Religionen im Iran sei besonders hingewiesen auf:

SPEKTRUM IRAN.
Zeitschrift für
islamisch-iranische Kultur

Vorstellung des 27. Jahrgangs
2014, Nr. 01-04

Hg.: der Kulturabteilung der Botschaft
der Islamischen Republik Iran in Berlin,


Ausführliche Beschreibung
Trotz vieler Informationen, die über den Iran inzwischen in den deutschen Medien erscheinen, sind doch kulturelle und religiöse Hintergrundinformationen über die Tagesaktualität hinaus keineswegs selbstverständlich geworden. So herrscht immer noch ein Persienbild vor, das durch die Spannung von Orient-Mythos und Post-Khomeini-Revolution geprägt ist. Hier ein Stück Differenzierung hineinzubringen, bemüht sich die Islamische Republik Iran mit ihrer Kulturabteilung seit 27 Jahren.


Die in ›Spektrum Iran‹ veröffentlichten Beiträge kommen aus den Bereichen Iranistik, Orientalistik, Islamwissenschaft, Archäologie, Ethnologie, Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst, Soziologie sowie Religion und Theologie. Berühmte IslamwissenschaftlerInnen wie z.B. Annemarie Schimmel haben hier geschrieben. In früheren Jahren driftete die Zeitschrift jedoch manchmal in sehr spezielle Themen ab, die höchstens Iranistik-Spezialisten interessieren konnten.


Von 2014 - 208 hatte Spektrum Iran als Schriftleiter, Prof. Dr.  Hamid Reza Yousefi  (Universität Qom, Iran). Er lehrte auch viele Jahre an der Universität Koblenz-Landau. Als Religionswissenschaftler und Philosoph im Bereich der interkulturellen Philosophie hat er sich einen Namen gemacht und das Institut zur Förderung der Interkulturalität in Trier gegründet. Durch seine iranischen Wurzeln und durch die Auseinandersetzung mit der Philosophie und dem Islam im Abendland nimmt er gewissermaßen eine Brückenfunktion wahr. 

Ganz im Sinne der Brückenfunktion von ›Spektrum Iran‹ kommen islamische (überwiegend) schiitische und christliche Autoren (bisher noch keine Frau!) zu Wort, die aus ihrer jeweiligen philosophischen oder religiösen Tradition die genannten Themen unter speziellen Gesichtspunkten behandeln. 

Die Autoren nehmen von ihrem jeweiligen Forschungsschwerpunkt das vorgegebene Thema auf. Es seien hier nur einige herausragende Forscher erwähnt:

Peter Antes (Universität Hannover) bearbeitet als Religionswissenschaftler Methodenfragen und Perspektiven des interreligiösen Dialogs – auch im Blick auf die religiösen Veränderungen in Europa. Reza Davari Aredekani, Präsident der ›Akademie der Wissenschaften Irans‹, beschäftigt sich neben Philosophiegeschichte mit Grundfragen der Ethik. Der Religionswissenschaftler Wolfgang Gantke (Universität Frankfurt/Main) hat seine Forschungsschwerpunkte auf Religionsphänomenologie, Religion in der Moderne, auf den Neo-Hinduismus und den interreligiösen Dialog gelegt. Hans-Christian Günther (Universität Kiel) setzt als klassischer Philologe als Schwerpunkte nicht nur die griechische und lateinische Dichtung, sondern neben der antiken Philosophie und Byzantinistik auch Neo-Gräzistik sowie den interreligiösen Dialog. Heinz Kimmerle (Universität Rotterdam) gehört zu den Wegbereitern für die Grundlagen interkultureller Philosophie. Seyed Mohammad Marandi (Universität Teheran) ist Spezialist für Nordamerika-Studien und Fragen des Eurozentrismus. Klaus E. Müller (Universität Frankfurt/Main) geht als Ethnologe den Grundfragen der Moral und speziell der Verhaltens- und Kognitionsethnologie nach. Seyyed Hossein Nasr (George Washington Universität, USA) kümmert sich seit langem intensiv um eine Aufarbeitung der islamischen Geschichte und der Mystik sowie deren hermeneutisch aktualisierenden Vorbedingungen. Ayatollah Reza Ramezani ist Theologe und leitet das Islamische Zentrum in Hamburg. Sein Arbeitsspektrum umfasst insbesondere die Schia mit Exegese, Logik und Gnosis. Ali Akbar Velayati war iranischer Außenminister und als Politiker aus deutscher Sicht keineswegs unumstritten.

Weiterhin fällt auf, dass mehrere, besonders jüngere theologische und philosophische Wissenschaftler von einer der zahlreichen Universitäten in Qom stammen. Einige begannen ursprünglich als Lehrerseminar und erhielten 1997 den Status einer Universität. Die Universität Paderborn pflegt mit dortigen Theologen und Philosophen einen regen dialogischen Kontakt.


Im Heft 1: Was ist Kultur? werden zunächst verschiedene Kulturbegriffe dargestellt, anschließend die persisch-vorislamische sowie die islamische Geistesgeschichte europäischen Kontexten gegenübergestellt. Ali Akbar Velayati sieht innerhalb der Geschichte Irans durchaus Spannungen zwischen dem Islam und der persischen Kultur. Eine chancenreiche Brückenfunktion gerade durch Kulturveränderungen (in Europa und im Mittleren Osten) betonen Reza Ramezani, Ali Radjaie, der übrigens auch mit Annemarie Schimmel zusammengearbeitet hat, und Philipp Thull. Eine Interpretation ihrer Entwicklungsgeschichte mit Hilfe einer Hermeneutik wird zur Verständigung der Kulturen vorgeschlagen. Diese könnte als gemeinsame Kommunikationstheorie über geografische Räume hinaus einem universalen Kulturverständnis dienen. Diese Tendenz verstärken Hamid Reza Yousefi und Peter Gerdsen hin zu einer (theologischen) Hermeneutik der Kulturen, die als Verständigungskriterium erhebliche Faszination ausstrahlt. Gerdsen, ein Spezialist für Nachrichtentechnik, befasst sich besonders mit der Grenzlinie von Natur- und Geisteswissenschaften.


Gegenstand von Heft 2: Was ist Philosophie? ist das Spannungsfeld zwischen Vernunft, Denken und Interkulturalität. Hamid Reza Yousefi versteht als anthropologische Grundkonstante den denkenden Menschen, während die iranischen Autoren sowohl den Stellenwert der Vernunft in der islamischen Kultur sowie im zeitgenössischen Iran untersuchen. Seyyed Hossein Nasr fordert die Wiederbelebung einer eigenständigen islamischen Philosophie ein, um diese endlich aus ihren verinnerlichten westlichen Sichtweisen herauszuführen. Heinz Kimmerle lenkt den Blick verstärkt auf afrikanische Kulturen, um von den dort entwickelten Zeitverständnissen den europäischen Umgang mit der Zeit unter seiner Hast- und Produktivitätsorientierung in Frage zu stellen. Eine Philosophie, die unter der Dominanz von Rationalität steht, stellt den Horizont von Mythos, Kunst und Religionen zu sehr ins Abseits. Sie kann interkulturell nur defizitär sein, wie Harald Seubert (Basel / München) betont.


Nach Kultur und Religion steht in Heft 3 die religiöse Frage Was ist Religion? im Mittelpunkt. Ayatollah Reza Ramezani versucht eine Antwort, indem er auf die erstaunliche Pluralität der Schia in ihrer Geschichte verweist. Hujjat ul-Islam Hamidreza Torabi zeigt, wie im schiitischen Islam die Vernunft, in komplexen Zusammenhängen von Gerechtigkeit und Willensfreiheit, zu den Basisfaktoren eines theologischen Systems gehört. Peter Antes geht dagegen nicht nur von den Intentionen von Religion aus, sondern spitzt die Frage nach ihrer Nützlichkeit für die entscheidenden Sinn- und Lebensfragen zu. Denn Religion ermöglicht Kontingenzbewältigung, Wertevermittlung, soziale Integration und Identitätsfindung (S. 67). Das lässt sich sehr schön an der Funktion von Religion im privaten und öffentlichen Raum exemplifizieren und konkretisieren bzw. mit Hans-Christian Günther als wichtige Herausforderung formulieren. Wolfgang Gantke präzisiert von daher die Aufgabe der Religionen. Sie besteht darin, angesichts von beunruhigenden Gewalt-Eskala­tionen im prophetischen Protest Missstände anzuprangern und durch die kontinuierliche Einforderung des Gesprächs die Aggressionspotentiale zu vermindern.


Angesichts der drei bisher verhandelten Basisbegriffe und ihrer komplexen Querverbindungen – erkenntnistheoretisch wie historisch – spielt das Stichwort ›Tradition‹ eine Schlüsselrolle in Heft 4: Was ist Tradition? Seyyed Hossein Nasr fängt die schillernde Vielfalt und Instrumentalisierung des Begriffs durch die Zuspitzung auf Logik und Hermeneutik ab. Damit überlässt er das Feld nicht den orthodoxen, unbeweglichen Auslegungen, sondern gibt einem Traditionsverständnis Raum, das sowohl der Moderne gerecht wird als auch eine Brückenfunktion zwischen Orient und Okzident wahrnehmen kann. Seyyed Mohammad Marandi und Zohreh N. Kharazmi  verdeutlichen mit ihrer Beschreibung des Kiyan-Kreises, eines reformistischen Ausbildungszentrums im Iran, dass sich trotz eines umfassenden traditionell-religiös-gesellschaftlichen Horizonts eine säkulare Ideologie entwickeln kann. So scheint es auch möglich und sinnvoll, den Koran und seine Auslegung mit der Moderne kompatibel zu machen. Neben diesem spannenden Beitrag lenkt Hamid Reza Yousefi auf die Sinndeutung und die Funktionen des Norouz-Festes hin, und zwar mit intensiven Bezügen zur Zarathustra-Religion. Klaus E. Müller betont in seinem Beitrag das Wechselverhältnis zwischen Tradition und ethischer Verantwortung, deren Entwicklung keineswegs selbstverständlich voranschreitet. Angesichts von Innovationen werden Tradition und Moral gleichermaßen brüchig. Es stellt sich die Frage, was christliche Traditionen in einem solchen Kontext geleistet oder versäumt haben. Reinhard Kirste (Interreligiöse Bibliothek, IRB)) zeigt an Protagonisten und dem ›linken Flügel‹ der Reformation des 16. Jahrhunderts, wie eine Neuausrichtung der Bibel-Auslegung im Protestantismus gesellschaftliche Veränderungen freisetzt. Trotz der im 17./18. Jahrhundert folgenden hermeneutischen Verhärtungen wird Tradition dank der Aufklärung letztlich in einen lebendigen Verstehensprozess hineingenommen, der auf die Bewältigung gegenwärtiger Probleme ausgerichtet ist. Die Betonung der Bedeutsamkeit von Texten schneidet Vergangenes keineswegs ab, sondern ermöglicht ein korrigierendes religiöses Selbstbewusstsein, das sich den Veränderungen in der Gesellschaft auch mit ethischen Maß-Setzungen stellt.

Bilanz

Diese vier geschichtlichen, systematischen und aktualisierenden Anfragen an Kultur, Philosophie, Religion und Tradition in dieser Heftreihe setzen zwar keine endgültigen Antworten frei, aber immerhin eröffnet sich ein ›weites Feld‹, auf dem die verschiedenen Ansätze gerade zwischen Orient und Okzident eine pluralitätsfähige ›Bebauung‹ ermöglichen. Damit fallen scheinbar unüberbrück­bare Gegensätze in sich zusammen und eröffnen gemeinsam erweiterbare ›Gehwege‹. Denn alle verengenden Beschreibungen  von Kultur, Philosophie, Religion und Tradition vergessen die universale und zugleich relativierbare Ausrichtung aller Kommunikationsmuster in Geschichte und Gegenwart. ›Spektrum Iran‹ kann dazu sicher noch weitere wichtige interkulturelle und interreligiöse Beiträge leisten.

Reinhard Kirste

Rz-Spektrum-Iran, 20.02.15, bearb. 24.10.2019




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