Mittwoch, 3. Juni 2015

Ramadan im Kindergarten - ein Beispiel für interreligiöses Lernen (aktualisiert)



Naciye Kamçılı-Yıldız / Şenay Biricik / Katharina Kammeyer / Claudia Tombrink:       
Kinder feiern Ramadan.
Ein interreligiöses Praxisbuch für den Kindergarten
.             
München: Don Bosco 2015, 96 S., farbig illustriert, inklusive einem Downloadcode für Zusatzmaterial wie Bastelvorlagen, bildhafte Erzählvorlagen, Elternbriefe u.ä.
--- ISBN: 978-3-7698-2111-6 ---



Ausführliche Beschreibung
In einer multikulturellen Gesellschaft rücken die Rituale und Feste anderer Religionen verstärkt in den Blickpunkt. Das gilt wohl am stärksten für den Islam mit seinen etwa 4 Millionen Anhängern in Deutschland. Die Öffentlichkeit nimmt besonders zwei Festzeiten besonders wahr: den Fastenmonat Ramadan und das Opferfest mit der Wallfahrt nach Mekka. Es gibt dafür auch gute Informations- und Unterrichtsmaterialien Zum Verständnis des Ramadan mit seinem Fest des Fastenbrechens ist nun ein Praxisbuch für den Kindergarten herausgekommen. Gerade Kindergarten und Schule haben eine wichtige Vermittlungs- und Verstehensfunktion für die Heranwachsenden. Wo Kinder und Jugendliche verschiedener religiöser Glaubenstraditionen zusammenkommen, ist es wichtig, Genaueres vom „Anderen“ in der Begegnung zu erfahren. Damit kann man nicht früh genug beginnen. Darum ist dieses „Kindergartenbuch“ zum Thema „Ramadan“ ein wichtiger Verständigungsschritt im Sinne des gemeinsamen Erlebens und Feierns.

In den Kindergärten hat sich in den letzten Jahren dazu eine besondere Sensibilität entwickelt, weil es nicht nur darum gehen kann, die christlichen Feste kindgemäß zu feiern, sondern ebenso die der anderen religiösen Traditionen.
Die Autorinnen dieser interreligiösen Orientierung kommen aus dem universitären Bereich, aus der Schule und dem Kindergarten. Sie bringen sowohl in der Reflexion wie in der praktischen Situation vor Ort „inter-religionspädagogische“ Kompetenzen mit. Außerdem wird nicht nur aus einer religiösen Sicht berichtet, sondern die Autorinnen stellen bewusst ihren jeweils christlichen bzw. islamischen Hintergrund dar. Im Sinne einer Lern-Kooperation legen sie eine Handreichung vor, indem sie knapp und präzise zuerst die Motivation und die Ziele interreligiöser Erziehung beschreiben, und zwar im Umgang miteinander unter Berücksichtigung der jeweiligen Biografie-Zusammenhänge der Kindern. Das bedeutet, Gemeinsames und Fremdes zu entdecken sowie Kooperationen und Verhaltensweisen zu entwickeln, die allen im Kindergarten guttun (S. 13-15). Akzeptanz und Wertschätzung wird so nicht nur von den Kindern praktisch eingeübt, sondern bildet auch eine Herausforderung für Eltern und ErzieherInnen. Ich selbst hätte mir gewünscht, dass im Blick auf die interreligiöse Erziehung die Gleich-Wertigkeit (nicht Gleichheit) von Islam und Christentum stärker betont worden wäre, weil so aufkommende (oft verdeckte) Gedanken der Minder-Wertigkeit der andern Religion nur sehr schwer zum Zuge kommen können – vgl. dazu Thesen zum religiösen Pluralismus und zur Gleichwertigkeit der Religionen:   http://textmaterial.blogspot.de/2014/02/thesen-zum-religiosen-pluralismus.html
Vom Aufbau dieses Konzepts ist es logisch, ausführlicher über die Bedeutung des Ramadan im islamischen Kontext zu schreiben. Die Zusammenhänge mit der Offenbarung des Korans und der Begründung der Fastenriten mit dem jeweiligen Fastenbrechen am Abend (Iftar) und am Schluss des Ramadan kommen sehr schön zur Sprache.
Damit ist nun die Tür aufgetan – zu vielen Anregungen, (Rollen-)Spielen, Bastelanleitungen, Nacherzählungen auf der Verstehens-Ebene der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren: Einen Mondkalender basteln, Ramadan aus Mäusesicht …, Einladungskarten zum Iftar-Essen, Spielzeug spenden usw. usf.
Besonders angemerkt sei hier, dass durch die jahrzehntelange Begegnung von Christen und Muslimen auch der beliebte christliche Adventskalender eine islamische Variante als Ramadan-Kalender bekommen hat, eine schöne interreligiöse Verbindung, um besondere Fasten- und Festzeiten vertiefend zu erinnern.
So finden Eltern und ErzieherInnen viele Ideen und praktische Vorschläge, um neben christlichen und säkularen Ausprägungen auch die „islamische“ Seite eines Kindergartens interkulturell zu verstärken und entsprechend zur Geltung zu bringen. Auf diese Weise werden allen Kindern der Kita praktische interreligiöse Gemeinschaftserfahrungen ermöglicht. So entstehen Schritt für Schritt Fundamente, die in späteren Lebensabschnitten vielleicht ein leichteres Umgehen mit Menschen anderen Glaubens und Denkens ermöglichen.
Das vorliegende „Kindergarten-Ramadan-Buch“ füllt damit eine Lücke, denn auf das interreligiöse Lernen und die interkulturelle Kommunikation im Kindergarten wurde bisher nicht ein so großes Schwergewicht gelegt, wie auf Unterrichtsmaterialien für die Schule – vgl. als Übersicht eine ausführliche Materialzusammenstellung - Begegnung der Religionen im Kindergarten.
http://religiositaet.blogspot.de/2014/05/begegnung-der-religionen-im-kindergarten.html
So kann man nur wünschen, dass dieses hilfreiche Buch in vielen Kindergärten bald zum Basismaterial wird.
Reinhard Kirste
Rz-Kammeyer-Kita-Ramadan, 07.04.2015 

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