Sonntag, 3. Mai 2015

Buch des Monats Mai 2015: Ent-Rüstung


Margot Käßmann / Konstantin Wecker (Hg.):
Entrüstet euch !

Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt. 
Texte zum Frieden.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2015, 208 S.
--- ISBN: 978-3-579-07091-9 ---

Zusammenfassung: Dem Mitgefühl Raum
und dem Pazifismus eine Stimme geben
In diesem Buch kommt intensives persönliches Engagement für Gewaltfreiheit und Frieden mit angenehmer Bescheidenheit zum Ausdruck. Die Autoren wissen nämlich, dass sie nicht den Schlüssel zum endgültigen weltweiten Frieden haben. Sie machen aber klar, dass Kriege immer wieder neue und größere Konflikte verursacht haben. Die Gefahr angesichts der Brutalitäten weltweit ist, dass das Mitgefühl stirbt (S. 21). Aber genau aus diesem Mitgefühl heraus muss der Widerstand wachsen, Konflikte militärisch zu lösen. Man darf nicht vergessen, dass immer wieder zur sog. Sicherung von (westlichen) Werten und Interessen sinnlos viele Menschenleben vernichtet werden.
Dieses aufrüttelnde Buch wird keineswegs die mehrheitliche Zustimmung der Gesellschaft finden. Auch die Massenmedien lassen sich vermutlich nicht zu einem generellen Umdenken bewegen. Aber der Ruf, wirklich Frieden zu machen und nicht mehr „den Krieg zu lernen“ (Jesaja 2,4), muss noch viel deutlicher zur Sprache kommen. Im Grunde müssten die hier vorliegenden Texte zum Pazifismus Pflichtlektüre in der Schule und in den Bildungseinrichtungen werden.

Ausführliche Beschreibung
Am Neujahrstag 2010 predigte die damalige Bischöfin der Lutherischen Landeskirche Hannovers und zugleich Vorsitzende der EKD Margot Käßmann in der Dresdener Frauenkirche und sagte dort diese folgenschweren Sätze:
„Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan ...“

Die seltsame „ultima ratio“
Ein Aufschrei sog. Realisten ging daraufhin durch die Medien, und die Vorwürfe von Naivität und politischer Blauäugigkeit waren noch die harmlosesten. Selbst Kirchenleute sprechen angesichts der nicht aufhörenden Konflikte mehr und mehr von der „ultima ratio“ militärischen Einsatzes, dem sich Deutschland nicht entziehen könne. Im Juni desselben Jahres sagte ein evangelischer Pfarrer, der spätere Bundespräsident Joachim Gauck: „Ich wünschte mir, andere deutsche Armeen wären auch mit so edlen Zielen ausgezogen. Der Frieden muss manchmal auch erkämpft werden.“ (Leipziger Volkszeitung, 18.06.2010, kurz vor der Wahl zum Bundespräsidenten). In einem Radio-Interview vom Juni 2014 betonte der Bundespräsident dann: Im Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen sei es "manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen“ (vgl. SPIEGEL online, 14.06.2014).
Angesichts solcher Äußerungen von höchster Stelle ist die Stimme der prominenten Margot Käßmann umso wichtiger. Dass nun ausgerechnet ein Künstler, ein ungewöhnlicher Dichter, Sänger und Komponist wie Konstantin Wecker so aufmerksam auf die Worte dieser Pastorin achtete, ist angesichts der Verschiedenheit der beiden nur dem ersten Anschein nach erstaunlich. Konstantin Wecker hatte ja schon in seinem Buch „Mönch und Krieger“ (2014) anders als der Titel vordergründig vermuten lässt – seine pazifistische Grundhaltung zum Ausdruck gebracht.
Geradezu ein Glücksfall ist es nun, dass die Pastorin und der Poet schließlich zusammenfanden, um der Stimme des Pazifismus in einer Welt zunehmender Kriegseinsätze deutlich Gehör zu verschaffen und an der Utopie des „Frieden schaffen ohne Waffen“ konsequent festzuhalten.         
Margot Käßmann plädiert darum für eine „prima ratio“: „Krieg ist für mich nicht die Ultima Ratio, weil Ratio Vernunft heißt. Und im Krieg setzt die Vernunft aus … Ja, wir brauchen Strategien gegen den Terror, keine Frage. Aber dazu ist wohl zuallererst ein Bündnis aller Menschen von entscheidender Bedeutung, die sich nach Frieden in allen Nationen und zwischen allen Religionen sehnen. Wir müssen darauf bestehen, dass Religion endlich nicht mehr Konflikte verschärft, sondern zu ihrer Lösung beiträgt“ (aaO, S. 85+104)
Notwendigkeit der Ent-Rüstung
Die beiden Autoren schreiben darum im Vorwort: „In einer Zeit, in der der Pazifismus belächelt und verspottet wird, ist es wichtig, dass Menschen verschiedenster Herkunft und Motivation sich wieder zusammentun. Frieden ist keine Illusion, Frieden ist machbar. Wir können uns ent-rüsten!“ (S. 9).
Denn alle Kriegseinsätze haben bisher nur mehr Gewalt und Chaos produziert. Der Aufruf der beiden Pazifisten hat durchaus Ähnlichkeit mit dem, was Stéphane Hessel in „Empört Euch“ und „Engagiert Euch“ sowie zusammen mit dem Dalai Lama „Wir erklären den Frieden“ zum Ausdruck gebracht hat: http://buchvorstellungen.blogspot.de/search?q=Hessel
Das Interview im Bayerischen Rundfunk mit dem Moderator und ev. Theologen Matthias Morgenroth ist die Basis für das vorliegende Buch geworden. Es macht sehr schön deutlich, dass die Pazifisten nicht moralisch besser sind als andere, aber dass sie sich nicht damit abfinden, dass irgendwann doch der Punkt militärischer Gewalt gekommen ist, davon abgesehen, dass es immer auf Kosten der Leidenden im Krieg Gewinner gibt. Die deutsche Rüstungsindustrie gehört als weltweit drittgrößter Waffenlieferant leider dazu.
Konstantin Wecker bemerkt: „Ich weiß … nicht, ob ich eine pazifistische Haltung wirklich durchhalten könnte, wenn es mir persönlich an den Kragen ginge. Aber eines weiß ich als Künstler: Die Stimme des Pazifismus darf nicht verloren gehen. Wenn es diese Stimme nicht mehr gibt, dann wird auch die Idee verschwinden … Diese Stimme möchte ich wenigstens bewahrt wissen. Sie darf nicht verstummen … Denn eines ist sicher: Wir werden künftig entweder eine Menschheit haben, die ohne Kriege auskommt, oder eben keine Menschheit mehr“ (S. 14).
Friedensstimmen – damals und heute
Verstärkt wird dieser Aufruf zur Ent-Rüstung noch durch beeindruckende Texte von Konfuzius (Philosoph), Franz von Assisi (Mönch), Matthias Claudius (Dichter), Bertha von Suttner (Friedensforscherin), Claire Groll (Schriftstellerin), Erich Kästner (Schriftsteller), Else Lasker-Schüler (Lyrikerin), Wolfgang Borchert (Dichter), Ingeborg Bachmann (Lyrikerin), Martin Luther King (Bürgerrechtler), Friedrich Schorlemmer (ev. Pfarrer), Antje Vollmer (ev. Pfarrerin), Arno Gruen (Psychoanalytiker), Markus A. Weingard (Politikwissenschaftler), Ellen Diederich (Frauenrechtlerin), Jörg Zink (Theologe), Heike Hänsel (Entwicklungshelferin, Bundestagsabgeordnete), Henning Zierock (Lehrer) und Eugen Drewermann (Priester und Psychotherapeut). Einige Texte sind für diesen Band eigens geschrieben worden.

Es ist natürlich recht leicht, in einem Land über Pazifismus zu sprechen, das 70 Jahre bereits im Frieden lebt.
Hier lohnt aber ein Blick auf Johann Wolfgang von Goethe, der als Weimarer Staatsminister wahrhaftig kein Kriegsbegeisterter war. Er zog – faktisch nur genötigt –  mit seinem Herzog 1792 gegen die französischen Revolutionsheere in den Krieg. Der Dichter erkannte jedoch den sich anbahnenden geschichtlichen Umbruch in der „Kanonade von Valmy“, nämlich, dass sich für Europa eine neue Epoche anbahnte. Ein neues Museum gehört inzwischen zur berühmten Mühle.    
vgl.:
http://intra-tagebuch.blogspot.de/2012/03/was-hat-eine-muhle-mit-europa-zu-tun.html

Der Gewalt nicht mit Gegengewalt begegnen
Im Zusammenhang mit heutigem Friedensengagement muss nämlich die Frage der maßlosen Ungerechtigkeit und Unterdrückung angesprochen werden, die zur Französischen Revolution führte. Ich kann sie nicht wie Konstantin Wecker als völligen Fehlschlag ansehen (S. 37). Vielmehr haben wir es ihr zu danken, dass in Europa die Werte von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit wachsen konnten. Trotz aller Rückschläge kam auf dieser Saat auch die Demokratie zum Durchbruch. Aber genau dies macht eine pazifistische Haltung nicht leichter: Heute Pazifist zu sein, weil die Früheren für unsere Werte starben ... Dennoch: Es gibt heute keine Alternative zum absoluten Nein gegen den Krieg. Hier kann man auch nicht die Bergpredigt Jesu ins Private abschieben und in der Politik andere Gesetze gelten lassen.
Eugen Drewermann hat das in aller Deutlichkeit formuliert: „Wir sind hier, Nein zu sagen. Wir sind hier, um Tucholsky recht zu geben: Soldaten sind Mörder. Wir sind hier, um zu propagieren, was im Bundestag allein die Linkspartei vertritt: nicht einen Pazifismus der verlorenen Kriege, sondern einen Pazifismus der nie zu gewinnenden Kriege, einen Pazifismus nicht der Resignation, sondern der Hoffnung, gerichtet gegen den Zynismus der Macht, geschuldet auf immer der Menschlichkeit. Wir sind hier, um zu sagen: Nicht in unserem Namen. Nicht mit unserer Stimme. Und nie, niemals mit unserer Zustimmung“ (S. 191f).
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Reinhard Kirste

Rz-Käßmann_Wecker-Entrüstet, 01.05.15 


Keine Kommentare:

Kommentar posten