Sonntag, 2. August 2015

Buch des Monats August 2015: Diskussion um "das Heilige"



Wolfgang Gantke, Vladislav Serikov (Hg.):
Das Heilige als Problem der gegenwärtigen Religionswissenschaft

Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2015. 143 S.
Reihe: Theion.
Studien zur Religionskultur - Studies in Religious Culture. Bd. XXX
Print: ISBN 978-3-631-65400-2  – E-Book: ISBN 978-3-653-04429-4

Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Beide Herausgeber arbeiten an der Universität Frankfurt/M.: Wolfgang Gantke als Religionswissenschaftler und Vladislav Serikov als (katholischer) Theologe und Koordinator des interdisziplinären und internationalen Promotionsprogramms (IPP-Religion im Dialog). Sie dokumentieren in diesem Buch zwei Tagungen zur Debatte um das Heilige, die im Jahr 2013 in Göttingen und Frankfurt stattfanden. Im Horizont dieses strittigen Begriffs versuchen die Beitragenden aus Religionswissenschaft, Philosophie, Pädagogik, Kulturwissenschaft und Theologie Schneisen des Verständnisses nicht nur für unterschiedlich denkende Religionswissenschaftler, sondern für alle Interessierten zu legen.

Orientierung ist nötig, weil „im Zeitalter nicht nur freundlicher Begegnungen der Religionen“ Beiträge zu größerer religiöser und weltanschaulicher Toleranz notwendig sind (S. 8). Um das umfassende Thema einigermaßen zu strukturieren, wird als Hauptintention formuliert: „Trotz des Wissens um die bleibenden Differenzen sollte es ein vorrangiges Ziel der Religionswissenschaft sein, einen aufklärerischen Beitrag zur Überwindung von religiösen Vorurteilen über das Fremde durch die Betonung des nach Otto ehrfurchtgebietenden und faszinierenden Heiligen als eines allen Religionen gemeinsamen, toleranzmöglichen Bezugspunktes zu leisten“ (S. 8). Dies geschieht in drei Schwerpunkten:
      I.        Die Auseinandersetzung mit Rudolf Otto
und seiner Erlebnistheorie des Heiligen

     II.        Die Möglichkeiten angewandter Religionswissenschaft
im Kontext kulturhistorischer, empirischer
 und religions-phänomenologischer Untersuchungen

    III.        Begründungen, Entwürfe und Absicherungen
von Theorien des Heiligen auf phänomenologischer Basis.

I.  Es leuchtet ein, dass Rudolf Otto im Blick auf seine Wirkungsgeschichte und aktuelle Relevanz genauer untersucht werden muss. Dem widmet sich Roderich Barth, Theologe an der Universität Gießen (S. 13–22). Er beginnt mit dem provokanten und irritierenden Zitat Ottos: „Wer das nicht kann, ist gebeten nicht weiter zu lesen“. Im Umfeld der damit zusammenhängenden (oft erregten) Debatte spitzt der Autor seine Ausführungen auf Ottos Lutherdeutung sowie auf „das Heilige“ zu. Dabei erscheint eine religionspsychologisch, religionsgeschichtlich und religionsphilosophisch geprägte Methodologie bei Otto, die sowohl eine Außenperspektive wie eine Binnenreflexion erlaubt. Marianne Schröter von der Universität Halle-Wittenberg befasst sich ausführlich mit dem Numinosen als einem religionstheologischen Zentralbegriff (S. 101–109). Dieses und nicht das Heilige ist das „basale Element des religiösen Erlebens und der religiösen Sphäre insgesamt“ (S. 109). Schließlich untersucht der Mitherausgeber Vladislav Serikov Ottos Bhagavad Gita-Deutung (S. 111–124). Im Gespräch zwischen Arjuna und Krishna zeigt er die Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Heiligen. Rudolf Ottos Interpretation in Annäherung an das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ bei Schleiermacher erlaubt, den numinosen Gefühlen eine eigenen Bedeutung zuzumessen und sie explizit werden zu lassen.
II.  Wie Religionswissenschaft von einer sich objektiv gebenden Methodologie zu einer „angewandten wird, lässt sich an unterschiedlichen Vorverständnissen explizieren und exemplifizieren. Der Frankfurter Museumspädagoge Sven Lichtenecker (S. 41–65) macht dies am Tempel als Palast des Heiligen deutlich: Tempelarchitektur in kosmischer Geometrie umgesetzt am Ebenmaß des idealen menschlichen Körpers.
Der Autor führt dies beispielhaft an dem römischen Architekturtheoretiker Vitruv (1. Jh. v. Chr.) und an Leonardo da Vinci vor.     
Kann man „heilige Transzendenz“ überhaupt empirisch sichtbar machen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Religionswissenschaftler Martin Mittwede von der Universität Frankfurt/M. (S. 67–74). Immerhin gibt es auch eine Transzendenz, die gleichzeitig in der empirischen Wirklichkeit gegenwärtig (immanent) ist (S. 72). Offensichtlich muss über die Realität des Bewusstseins neu nachgedacht werden. Dabei spielt offenbar der menschliche Körper eine Schlüsselrolle. Das führt die Religionswissenschaftlerin und Fotokünstlerin Natalia Diefenbach, ebenfalls von der Universität Frankfurt/M. weiter aus (S. 23–32): Körperlichkeit im Zusammenhang mit dem Heiligen hat u.a. narrativ-religiöse, religionspsychologische, religionshistorische und visuelle Kontexte. Das bedeutet die Ausrichtung auf eine vieldimensionale Wahrnehmbarkeit. Diese konkretisiert sich in den Geschichten der Götter und der Heiligen. Im Hinduismus, Buddhismus und Christentum hat sich dazu oft ein intensiver Reliquienkult entwickelt, weil man bestimmten Körperteilen der Verehrten besondere Kraft zuschrieb/zuschreibt. Der Gräberkult dürfte dann eine sekundäre Variante der Reliquienverehrung sein. (S. 32).
III.  Um Theorien des Heiligen auch phänomenologisch abzusichern, geht der Mitherausgeber Wolfgang Gantke auf die Krise des Naturalismus ein (S. 33–40). Das hat zu erheblichen Schwierigkeiten des Verstehens geführt: „Die nicht immer offen ausgesprochene naturalistische Unterstellung einer durchgängigen Berechenbarkeit und damit Beherrschbarkeit der Wirklichkeit hat … nur zu größerer Unberechenbarkeit und Unübersichtlichkeit geführt“ (S. 37). Darum gilt es im Sinne einer „pluralistisch orientierten Lebenshermeneutik“ die „Verabsolutierung endlicher Teilwahrheiten über das Unendliche“ zurückzuweisen (S. 40). 
Der Münsteraner interkulturelle Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel sieht ähnlich wie Gantke naturalistische Erklärungsversuche von Religion für defizitär an. Weder eine Perspektive von außen noch eine Reduktion auf die immanent zugänglichen Bereiche von religiösen Phänomenen können das „Heilige“ zureichend erfassen. 
Darum ist eine religionsphänomenologisch übergreifende Erklärung von Religion nötig, die Schmidt-Leukel am Weiterführendsten bei John Hick erkennt. Dieser bezieht sich weniger auf das Heilige als vielmehr auf die transzendentale Wirklichkeit überhaupt. Es ist der Annäherungsversuch an die „fünfte Dimension, die Hick mit „The Real“ umschreibt. Wie von daher ein religiöses Denkmuster im Einzelnen aussieht, lässt sich letztlich nur durch Nachfrage bei den jeweiligen Menschen genauer eruieren.             
Einen anderen Zugangsweg beschreitet der Moskauer Religionswissenschaftler William Schmidt. Er arbeitet an der „Russian Presdiential Academy of National Economy and Public Administration (RANEPA). Der Autor favorisiert ein ontologisches Modell eines Weltbildes, das die Transzendenz mit einschließt
Der Mensch „als ein komplex organisiertes System“ ist hier ebenfalls eingebunden (S. 96). Das Sakrale – in der traditionellen Kultur tabuisiert – funktioniert in diesem Weltmodell dann als das Numinose (S. 97).Im Sinne einer genaueren Klärung ist es wichtig, hier noch einmal auf den Beitrag von Marianne Schröter über
„Das Numinose als Kategorie“ heranzuziehen (s.o.).
Weiterführend ist der Beitrag des Religionswissenschaftlers Edmund Weber von der Universität Frankfurt/M. Auf der Basis einer „pseudo-renaturierten Welt sakralisierter Kulturelemente“ (S. 127) erinnert er an das Heilige als „Urkraft des freigestellten Bewusstseins“ (S. 128). Mit Blick auf die Brennpunkte in der Geschichte der westlichen Kultur zeigt er, wie Reformation, Renaissance, Aufklärung und die Revolte des Liberalismus im 19. Jahrhundert „die religiöse Innenwelt des westlichen Menschen grundsätzlich umgestaltet“ haben (S. 130): Idee und Praxis der Religionsfreiheit sind aber keineswegs Hinderungsgründe, Existenzgestaltungen zu ermöglichen, die auf eine Identität bauen und eine Authentizität ermöglichen, in der das „Heilige“ – trotz gegenteiliger Behauptungen – menschlichen Zugriffen entzogen bleibt.
Schließlich bezieht sich der interkulturelle Philosoph Hamid Reza Yousefi (Universität Koblenz-Landau) auf
die vielen Namen des Heiligen (S. 133–141). In seiner Pluralität bildet dieses „stets eine spirituelle Brücke zwischen Religion und mystischer Erkenntnis“ (S. 139). Die Anhänger der Religionen werden aufgrund ihres besonderen „am Heiligen orientierten Weg“ (aaO), dem anderen in seinem religiösen Anderssein dies ebenfalls zubilligen (müssen). Weil die „echte“ Begegnung mit dem Heiligen die „menschliche Seele „veredelt“ und zu verantwortungsvoller Erziehung aufruft (S. 140), wird sich eine dialogische Lernkultur immer auf die Nächstenliebe als Grundlage von religiöser Toleranz berufen. So erinnert die Hoffnung auf die Frieden stiftende Kraft des Heiligen nicht nur an Rudolf Ottos tiefstes Anliegen (S. 141), sondern macht – wie die durchaus empathische Problematisierung dieses Begriffs im gesamten Buch – die Bedeutung des Heiligen für das gegenwärtige Existenz- und Kulturverständnis unmissverständlich deutlich.
Bilanz: Das Buch vermittelt wichtige Anstöße, um „das Heilige“ in verschiedenen Kontexten wahr-zunehmen und sich zu verdeutlichen: Objektivierbare Zugriffe auf Numinoses insgesamt führen offensichtlich in eine Sackgasse. Rudolf Ottos Position "des Heiligen" spielt für gegenwärtige Verstehens-Annäherungen darum eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Reinhard Kirste
Rz-Gantke-Das Heilige, 31.07.15

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen