Dienstag, 21. Juli 2015

Das 2. Vatikanische Konzil und seine Reform-Wirkungen



Peter Ebenbauer / Rainer Bucher / Bernhard Körner (Hg.):
Zerbrechlich und kraftvoll.
Christliche Existenz 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanum.

Innsbruck-Wien: Tyrolia 2014, 232 S. 

--- ISBN 978-3-7022-3350-1 ---
Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Dieser Band – aus einer Vorlesungsreihe an der Universität Graz entstanden – erinnert an die durch das 2. Vatikanische Konzil vor 50 Jahren in Gang gekommenen Veränderungen in der katholischen Kirche. Eine intensivierte Wahrnehmung richtet sich sowohl auf kirchliches „Binnenverhalten“ als auch auf eine veränderte Sichtweise nach „Draußen“. Der Liturgiewissenschaftler Peter Ebenbauer, der Pastoraltheologe Rainer Bucher und der Dogmatiker Bernhard Körner (alle von der Universität Graz, wie auch die meisten AutorInnen) bleiben darum nicht rückblickend stehen, vielmehr: „Dieses Buch bietet eine gegenwarts- und zukunftsorientierte Besinnung auf das Programm des Konzils … Die folgenden Beiträge bieten nicht Kirchengeschichte und auch nicht Jubelstimmung – bei aller Dankbarkeit für das Konzil. Sie wollen dazu beitragen, was Papst Franziskus eindrucksvoll einmahnt, nämlich das Konzil als aufstörenden und motivierenden Wegbegleiter wahrzunehmen“ (S. 7).

Damit setzen die BeiträgerInnen in diesem Buch Signale zu kirchlichen Veränderungen zwischen der Zerbrechlichkeit von Reformimpulsen und Ermutigung zu neuen Wegen. Das zeigt auch die Auswahl der Schwerpunkte mit den vier Konzilskonstitutionen Lumen gentium, Gaudium et spes, Sacrosanctum Concilium, Dei Verbum sowie mit dem Ökumenismusdekret: Unitatis reintegratio inter universos Christianos. Betont sei auch die klare Dialogöffnung der Kirche hin zu den anderen Religionen: Nostra Aetate.
Schon im ersten Beitrag stellt Bernhard Körner die Orientierungsfrage „Woher komme ich? Wohin gehe ich?“ Nach einem knappen geschichtlichen Abriss seit dem 1. Vatikanischen Konzil betont er die Funktion einer Kirche „die sich auf einem Pilgerweg weiß“ (S. 17), der unterschiedliche Ausprägungen hat. Die Gläubigen als Minderheit in der Welt machen ihre Gottesbeziehung in der Solidarität mit der sie umgebenden Gesellschaft glaubwürdig. Der Pastoraltheologe und Mitherausgeber Rainer Bucher konzentriert sich auf Gaudium et spes, um das dort formulierte neue Pastoralverständnis genauer zu erläutern: Es ist wesentlich mehr als das Seelsorgehandeln des Priesters zu sehen, es bedeutet zugleich eine Neubestimmung des Handelns in Wirtschaft, Kultur, Politik und internationalen Beziehungen (S. 41): Darauf hat sich Kirche angesichts der „andrängenden Zukunft“ (Zitat Karl Rahner, S. 45) zu besinnen.
Der Mitherausgeber Peter Ebenbauer und der Liturgiewissenschaftler Basilius J. Groen bedenken die Folgen der konziliaren Liturgiereform. Sie blenden dazu die Vorgeschichte im 20. Jahrhundert ein und zeigen an der Konstitution Sacrosanctum Concilium, dass die Liturgie kontinuierlicher Erneuerung bedarf. Mehr und mehr muss der Gemeinschaftscharakter des Volkes Gottes hervorgehoben werden (gegen eine Monopolisierung durch den Klerus), um in der Pluralität von Gottesdiensten Befreiung, Hoffnung und Vertrauen zu erfahren (S. 64). Aus protestantischer Sicht fällt im Vaticanum II (endlich!) die verstärkte Betonung der originalen Glaubensquelle auf und damit die nicht zu unterschätzende Bedeutung der Schriftauslegung. Der Neutestamentler Josef Pichler sieht im Horizont der Konszilskonstitution Dei Verbum, dass unter dem Leittext von 1. Johannes 1,2–3 die Bibelwissenschaft die Spannung zwischen Schrift und Offenbarung positiv nutzen kann. Dadurch entsteht oft ein fruchtbares Neuverständnis im Sinne einer spirituellen Intensivierung. Pichler verdeutlicht dies an der Geschichte der Emmausjünger (Lukas 24,13–49).
Einen epochalen Durchbruch im Sinne einer ökumenischen Horizonterweiterung bietet die Konzilserklärung Nostra Aetate. Sie eröffnet, wie die Religionswissenschaftlerin Ulrike Bechmann betont, eine universale Orientierung (S. 106f). Der Text gründet auf einem biblischen Schöpfungsverständnis, welches das Heilsangebot Gottes auf alle Menschen bezieht. Natürlich muss dabei der christliche Wahrheitsanspruch bedacht werden (vgl. Joh 14,6), aber die Welt umfassende Liebe Gottes ist das entscheidende Movens, das die Christen zu realisieren haben. Damit „proklamiert das Konzil den interreligiösen Dialog … als Teil ihres (= der Kirche) ekklesiologischen Selbstvollzugs und ihrer Identität“ (S. 117). So hat die katholische Kirche hier eine zukunftsfähige Haltung entwickelt, auch wenn über diesen Beitrag hinaus gefragt werden muss, ob es reicht, dass andere Religionen nur „Wahrheit enthalten … die >alle Menschen erleuchtet<“ (S. 108 mit Zitat aus der Nostra Aetate).
An der Frauenfrage kann die Pastoraltheologin Hildegard Wustmann zeigen, wie genau Johannes XXIII. die „Zeichen der Zeit“ beachtete und mit dem Begriff des Aggiornamento eine bleibende Aufgabe nach innen und außen formulierte (S. 124–127). Gottesebenbildlichkeit aller Menschen (vgl. Gaudium et spes 29) „ist eine bedeutsame Basis, die in besonderer Weise das Wirken von Frauen in der Kirche autorisiert“ (S. 135). Ob allerdings bei den Mitgliedern des Volkes Gottes zwischen dem gemeinsamen Priestertum der Gläubigen und dem Priestertum des Dienstes im bisherigen Kontext von Klerus und Laien „zuordnend“ unterschieden werden kann (S. 128f), bleibt aus protestantischer Sicht äußerst fraglich. Aufmerken lässt ein Zitat eines der wesentlichen „Architekten“ des Vaticanum II, nämlich Karl Rahner: „Die Kirche wird in mancher Hinsicht, neue, bessere und zeitgemäßere Formen des Verhältnisses zwischen Klerus und Frau entwickeln müssen“ (zitiert S. 135). Die Autorin sieht im Vaticanum II dafür bereits einen Schlüssel, der aber bisher kaum benutzt wurde.
Neben der neuen Sicht auf die Frauen durch das Vaticanum II insgesamt hebt Elisabeth Pernkopf die beeindruckende Gestalt der Alltagsmission von Madeleine Delbrêl heraus. Sie war von der Erfahrung des Außenseiterseins und zugleich von unbedingter Solidarität und Weggefährtenschaft, besonders mit den „Durchwanderern und Landstreicherinnen“ (S. 155), mit den „Leute von der Straße“ (S. 154), geprägt. Die Autorin bezieht sich dabei sehr deutlich auf das Buch von Annette Schleinzer: „Madeleine Delbrêl. Liebe ist unsere einzige Aufgabe“.    
  Vgl. die Rezension:
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2015/01/buch-des-monats-februar-2015-madeleine.html
In dieser Darstellung von Schleinzer werden besonders die Impulse von Madeleine Delbrêl für das Konzil selbst und mehr noch für die Nachkonzilszeit hervorgehoben. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes im Sinne eines Glaubens in der Nächstenliebe wirkt von daher wie eine Anstiftung direkt aus dem Evangelium Jesu Christi. Auf diese Pastoralkonstitution, besonders ihren 2. Teil, bezieht sich auch der Sozialethiker Leopold Neuhold. Er betont den unmittelbaren Zusammenhang: “Heilsdienst ist Weltdienst“ und beruft sich dabei auch auf beeindruckende Vorarbeiten katholischer Sozialethiker wie z.B. Friedhelm Hengsbach. Anders formuliert: eine christliche Soziallehre macht den „Blick frei auf die Werteckpunkte, die eine Veränderung der Gesinnung auch durch den Bezug auf religiös-ethische Werte erreichen und gerade damit verengende technokratische Modelle aufsprengen helfen“ (S. 165). So gilt es „im Sozialen christliche Werte zur Umsetzung zu bringen“ (S. 174). Vom daher versteht sich Kirche als bewusst in der Welt, aber nicht von der Welt.
Mit dem Vaticanum II bleiben jedoch auch eine Reihe von binnenkirchlichen Fragen. Die Katholizität der Kirche setzt letztlich die eine Kirche voraus, die es aber in der geschichtlichen Realität nie gegeben hat. Der Ökumeniker Pablo Argárate fragt nach einem Blick auf die „Ökumenischen Konzilien“ der Alten Kirche, was ein „ökumenisches Konzil“ wirklich auszeichnet (S. 183). Unter Bezug auf die Kirchenkonstitution Lumen gentium geht es im Ökumenismusdekret um die „Wiederherstellung der Einheit“ der Kirche (S. 186), denn man muss eingestehen, dass sich die Kirche Jesu Christi nicht mit der Katholischen Kirche gleichsetzen lässt“ (S. 187). Allerdings ist festzustellen, dass nach den ökumenischen Aufbrüchen in den 60er und 70er Jahren manche Experimente und Öffnungsversuche zurückgefahren worden sind. Immerhin gibt es mit den Kirchen der Reformation inzwischen die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999). Kontraproduktiv wirkte dagegen Dominus Iesus im Jahre 2000. Kardinal Walter Kasper versuchte das dort verneinte wahre Kirchsein der anderen Kirchen mit dem Begriff „Kirche eines anderen Typs“ (S. 192) abzufangen. Insgesamt bleiben für die Zukunft und die Einheitsgestaltung von Kirche viele Fragen offen, aber es gibt keinen Weg zurück!
Der letzte Beitrag des Frankfurter Systematiker Siegfried Wiedenhofer ist eine knappe Analyse der gegenwärtigen Situation der Katholischen Kirche: Sie befindet sich in einer epochalen Übergangszeit. Nach der Meinung des Autors helfen hierbei allerdings nicht polemische Gegenüberstellungen progressiver Positionen etwa der von Hans Küng gegen den Konservativismus Karl Joseph Ratzingers (S. 205). So versucht der Autor fast die Quadratur des Kreises, indem er Extrempositionen in der katholischen Kirche die Schärfe zu nehmen versucht. Denn ihm liegt sehr an einem Glaubens-Verstehen im Sinne einer gemeinsamen katholisch-theologischen Hermeneutik. So ist eigentlich keine Revision des Konzils nötig, sondern eine Absage an alle exklusivistischen Ansprüche der jeweiligen Glaubensprägungen, die er als traditionalistisch, progressistisch und charismatisch-spirituell umschreibt. Wiedenhofer – durchaus dem hermeneutischen Denkhorizont Ratzingers nahe – scheint mir angesichts der „Zeichen der Zeit“ die starken kirchenreformerischen Impulse des Vaticanum II etwas einzuebnen.
Im Zusammenhang der hier vorgelegten meist kritischen, aber auf Zukunft ausgerichteten Zwischenbilanz, möchte ich auf ein Ereignis am Rande des Vaticanum II hinweisen, das ziemlich vergessen wurde: der sog. Katakombenpakt. 40 Konzilsväter (später folgten etwa 500 Bischöfe) legten sich bei einer Messfeier in der Domitilla-Katakomnbe eine Selbstverpflichtung auf – im Sinne einer kritischen Lebensprüfung und einer konsequenten „Option für die Armen“. Dort heißt es z.B. unter 2.: „Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung … und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall … gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen.“ Insofern kann ich an dieser Stelle denn doch Siegfried Wiedenhofer zustimmen, der sich eine Revision des Konzils im Sinne „einer veränderten Weiterführung in einer neuen geschichtlichen Situation“ erhofft (S. 215). Es sieht so aus, als habe Papst Franziskus hier bereits die ersten Schritte eingeleitet.
Was insgesamt an kirchenreformerischer Fortsetzung des Vaticanum II wieder aufblühen könnte, ist nicht nur für die katholische Kirche von Bedeutung, sondern überhaupt für die Glaubwürdigkeit christlicher Existenz im 21. Jahrhundert.
Reinhard Kirste
Rz-Ebenbauer-Vaticanum II, 21.07.15 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen