Sonntag, 1. November 2015

Buch des Monats November 2015: Kulturgeschichtliche Faszination - Äthiopien



Klaus Dornisch:  Sagenhaftes Äthiopien. Archäologie – Geschichte – Religion.
Mit einem Vorwort von S. K. H. Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate.

Darmstadt: Philipp von Zabern (WBG) 2015, 192 S., zahlreiche Abb., Glossar --- ISBN: 9783805348676 ---


Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Äthiopien gehört zu den ältesten Kulturländern der Erde. Von der frühesten Menschheit bis in die Gegenwart spielt sich hier eine faszinierende Geschichte zwischen Bergen, Wüste, Ackerland und dem Nil ab. Diese Kulturen sowie die spektakulären Landschaften ergeben ein geradezu aufregendes Panorama.
Der Archäologe Klaus Dornisch (geb. 1942) war von 1982–2008 Leiter des Fachbereichs Archäologie und Kulturgeschichte am Bildungszentrum der Stadt Nürnberg. Er ist ein anerkannter Experte, gleichzeitig Herausgeber der „Nürnberger Blätter zur Archäologie“. Mit diesem Buch entstehen durch eine geglückte Verbindung von Sachtexten mit vielen großformatigen Fotos und Karten spannende Einblicke in die einzelnen Epochen. Dieser Eindruck wird noch durch beigefügte Berichte früherer archäologische Expeditionen seit Anfang des 20. Jhs. verstärkt. Natürlich kommen auch die politischen Interessen der hinter den Ausgräbern stehenden Herrscher Deutschlands und Italiens zur Sprache.
Im Kapitel I: „Menschheitsdämmerung“ beschreibt der Autor die Konsequenzen, die durch die Entdeckung prähistorischer Menschen ein neues Licht auf diese Region werfen, sozusagen die „Wiege der Menschheit“. Dass die hier lebenden Hominiden/Frühmenschen angesichts eines gigantischen Klimawandels mehrfach auswanderten und damit auch nach Europa kamen, gehört vielleicht eher zu den Episoden der Menschheitsgeschichte. Denn zwischen 70.000 bis etwa 10.000 v. Chr. überlebte in Europa faktisch nur der „Homo heidelbergensis“.
„Ab etwa 10.000 v. Chr. findet der Übergang von der jagenden und aneignenden Wirtschaftsweise der bis dahin nicht sesshaften Jäger und Sammler hin zur sesshaften Lebensweise der Ackerbauer und Viehzüchter statt“ (S. 39). Es ist das Werden eines Kulturraums durch die neolithische Revolution, wie sie im Kapitel II beschrieben wird. So beginnt nun auch die kreative Epoche der Höhlenmalereien und Felsbilder. Von dort ist der Schritt in die sog. Hochkulturen nicht mehr weit. Entscheidend ist die Entwicklung der Schrift in Mesopotamien und Ägypten. Äthiopien rückt etwas an den Rand der globalen Geschehnisse, wie Dornisch etwas ausführlicher im Kapitel III „Äthiopisches Vorspiel“ beschreibt. Es ist die Suche nach dem Land Punt, dem Weihrauchland, über das die Pharaonin Hatschepsut (ca. 1479 – 1458/57 v. Chr.) herrschte. Vielleicht ist hier Äthiopien gemeint. Deutlicher in den Fokus stehen dann wieder die Reiche von Di’amat (mit den Weihrauchgärten) und von Aksum: Kapitel IV und V. Offensichtlich kamen die Sabäer von Südarabien nach Äthiopien. Ägyptologen und Archäologen haben immer wieder bedeutende Tempelreste aus der Zeit um 1000 v. Chr. ausgegraben, die eine Verbindung zur Mittelmeerwelt und zu den südarabischen Gestirngottheiten zeigen. So sind „sowohl der Fünf-Pfeiler-Bau von Sirwah [sc. im Jemen] wie auch der Sechs-Pfeiler-Bau von Yeha [sc. in Nordäthiopien) unter den frühen Bauten Altsüdarabiens ohne weitere Parallelen“ (S. 89). Einzigartig für Äthiopien und für den Jemen ist in diesem Zusammenhang auch der sog. Thron von Hawelti. Im Blick auf die Residenzstadt  Aksum breitet sich eine lebensvolle Epoche von ca. 400 v. Chr. bis 900 n. Chr. aus. Dieser Ort ist durch seine (Grab-)Stelen und seine Palastarchitektur berühmt geworden. Eine Verbindung zur Königin von Saba in der Bibel ist allerdings höchst unwahrscheinlich.
Einen wichtigen Abschnitt bildet das christliche Äthiopien, Kapitel VI. Hier spielen nicht nur die verschiedenen christlichen theologischen Richtungen (im Blick auf die monophysitische Variante der Natur Christi) eine Schlüsselrolle, sondern auch die geschichtlichen Hintergründe von Beta Israel bzw. den Falascha (S. 133) im Kontext des verlorengegangenen Stamms Levi und dem Verbleib der Bundeslade. Historisch bedeutend bleibt im Vielvölkerland Äthiopien der kontinuierliche Zusammenhang mit Ägypten quer durch die Epochen. Tatsache ist etwa, dass die Äthiopisch-Koptische Kirche bis 1950 unter dem Einfluss des Patriarchen von Alexandria stand. Erst von da an gibt es koptische Patriarchen. Breits in der Antike markiert die Stadt Aksum mit ihren Richterstühlen und Königsthronen eine Veränderung hin zum bedeutendsten christlichen Zentrum des äthiopischen Reiches. Dies kam durch die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion um 340 unter König 'Ezana zustande. Die Kathedrale „Maryam Tsiyon“ in Aksum nimmt in ihrer Ortslegende die biblischen Geschichten um Salomo auf und behauptet sich als Aufbewahrungsort der Bundeslade (S. 150f). 
Sowohl in Vergangenheit wie Gegenwart spielen damit die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam eine maßgebliche Rolle, besonders auffällig ist der jüdische Einfluss auf die christliche Liturgie. 
Das Schlusskapitel VII bildet die unmittelbare Fortsetzung der Berichte um die Hauptstadt Aksum – verbunden mit durchaus erfolgreichen Versuchen, Einfluss auf die südarabische Halbinsel zu gewinnen. Der Dammbruch von Ma’rib im Jemen 572 allerdings markiert das Ende einer glücklichen Zeit sowohl in Arabien wie in Äthiopien. Die Verbindung zum Byzantinischen Reich zerbrach. Die Ausbreitung des Islam war am Anfang allerdings keine Bedrohung für das arabische Christentum, weil die aus Mekka emigrierten Muslime in Äthiopien freundliche Aufnahme fanden.
Erst Ende des 1. Jahrtausends vollzog sich ein tiefgreifender Macht-Wandel und eine Verlegung der Hauptstadt in das Landesinnere, der letztlich Äthiopien wieder in eine weltgeschichtliche Randstellung brachte. Der Autor spricht darum von den dunklen Jahrhunderten mit einer Ausnahme: In der Zeit um 1200 entwickelte sich ein im Hochland gelegenes Dorf (heute Klosterdorf Lalibela) und seine Umgebung mit vielen in den Fels gehauenen Kirchen unter dem König Lalibela zum „neuen Jerusalem“. Eine Besonderheit sind auch die mittelalterlichen Totenstelen aus dem 12./13. Jahrhundert (Exkurs S,. 182f). Die Kaiserpaläste in Gondar (17. Jh.) signalisieren erneut eine kulturelle Blütezeit. Die kulturellen Schätze Abessiniens/Äthiopiens fachten schließlich das archäologische Interesse an – mit Expeditionen aus Europa besonders im 19./20. Jh.
Im Vorwort betont der Kultur engagierte Prinz Asfa-Wossen Asserate, dass das vielfältige Erbe Äthiopiens weitgehend von friedlicher Koexistenz geprägt war (S. 7). Äthiopien stand auch nie unter kolonialer Herrschaft europäischer Mächte. Dass die politischen Konflikte des 19./20 Jahrhunderts bis in die Gegenwart nicht intensiv thematisiert wurden, mag man einem Buch mit archäologisch-historischem Schwerpunkt nachsehen. 

Dieses bedeutende Kultur-Erbe der Menschheit bis heute in solch schöner und zugleich informativer Weise dem Leser nahezubringen, bleibt jedoch das bleibende Verdienst von Klaus Dornisch.

Weiterführend:
  • Annie Caubet: Aux Sources du Monde Arabe. L'Arabie avant l'Islam.
    Collection du Musée du Louvre
    . Paris: Réunion des musées nationaux /
    Institut du Monde Arabe 1990, 110 S., Abb.
  • Ewald Hein / Brigitte Kleidt: Äthiopien - christliches Afrika.
    Kunst, Kirchen und Kultur
    . Ratingen: Melina 1999, 236 S., Abb., Index
    (mit Bezug zu Karlheinz Böhm und der Stiftung "Menschen für Menschen")
  • Philipp K. Hitti: History of the Arabs.
    From the Earliest Times to the Present
    (1937 !). 
    London u.a.: Macmillan 1970, XXIV, 822 S., Abb., Index

Reinhard Kirste 
 Rz-Dornisch-Äthiopien, 01.11.15

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