Donnerstag, 5. November 2015

Zur aktuellen Debatte: Islam wohin?



Religion unter Verdacht. Wohin entwickelt sich der Islam?
Herder-Korrespondenz – Spezial – Nr. 02 (2015), 84 S., Abb.
--- ISBN 978-3-451-02719-2 ---

Ausführliche Beschreibung
Der Herder-Verlag hat der neuesten Nummer seiner renommierten Herder-Korrespondenz ein brisantes Thema in den Fokus gerückt. Anregung und Aufregung zugleich sind garantiert, weil unterschiedliche Gesprächspartner zu Worte kommen. Sie diskutieren aktuelle Entwicklungen generell und im Blick auf verschiedene „islamische“ Länder, hinterfragen Entwicklungen in Deutschland und geben auch theologischen Überlegungen Raum. Dies alles geschieht in gedrängter und dennoch übersichtlicher Kürze.
Im Mittelpunkt dürfte die Auseinandersetzung zwischen dem bekannten Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide (Universität Münster) und dem Wissenschaftsjournalisten Hamed Abdel-Samad stehen (S. 5–9). Letzterer spitzt seine polemische Islamkritik in einer Weise zu, dass eigentlich nichts Positives mehr an dieser Religion übrigbleibt. Er liefert im Grunde allen Islamophoben eine Steilvorlage, wenn er etwa behauptet, dass der Prophet Mohammed keinerlei Vorbild sein könne und sich der sog. Islamische Staat (IS) direkt aus dem Grundverständnis des Islam ableite. Khorchide aber zieht ein logisches Argument heran: „Wenn der IS die Konsequenz wäre aus der Lehre Mohammeds … wäre die Mehrheit der Muslime froh über den IS, würde den Staat unterstützen und sich damit identifizieren. Das ist aber gerade nicht der Fall“ (S. 9). Die derzeitigen muslimischen Flüchtlingsströme nach Europa sind der faktische Gegenbeweis.


So versucht der Islamwissenschaftler Behnam Timo Said (Mitarbeiter der Stadt Hamburg) die Anziehungskraft des IS zu erklären: „Der Salafismus und insbesondere seine militante Ausprägung, der Dschihadismus, sind derzeit die radikalsten Gegenentwürfe zur materialistischen Gesellschaft“ (S. 11). Hier wird eine starke Identitätsfindung und neue Werteorientierung denjenigen versprochen, die sich in der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft sozial ausgegrenzt fühlen (S. 12).
Hierher gehört auch der Beitrag des Rechtswissenschaftlers Jörn Thielmann (Universität Erlangen-Nürnberg) (S. 39–42): Da der gewalttätige Salafismus offensichtlich bei jungen Muslimen Anklang findet, muss doch daraus nicht zwingend der Weg in den Terrorismus folgen. Das belegt die Mehrzahl der jungen friedliebenden Muslime.
Der liberale Muslim Abdul-Ahmad Rashid (ZDF-Redakteur) sieht das Reformjudentum als Vorbild für einen an der Gegenwart orientierten Islam innerhalb der säkularen Gesellschaften Europas (S. 29f).
So lässt sich in diesem Heft eine Tendenz feststellen, den Koran und die islamische Praxis der meisten (muslimischen) Bürger unter den heutigen Bedingungen zu verstehen und durchaus als Botschaft der Menschenwürde zu verdeutlichen. So betont der ebenfalls an der Universität Münster lehrende Milad Karimi, dass der Koran schon deshalb eine besondere Verantwortung für die Flüchtlinge fordert, weil jeder einzelne Mensch letztlich die gesamte Menschheit repräsentiert (S. 4). Das lässt sich auch am Dauerthema „Kopftuch“ durchspielen. Die Juristin und Bloggerin Betül Ulusoy hält die Emanzipation muslimischer Frauen für selbstverständlich und notwendig, plädiert aber auch für eine muslimische Identität, in der Kopftuchverbote kontraproduktiv sind (S. 13). Die Politikerin Lale Akgün erinnert allerdings daran, dass das Kopftuch bis heute als „Mittel des Patriarchats zur Unterdrückung der Frau“ missbraucht wird (S. 15).
Die interreligiösen Aspekte im Blick auf den Islam betont der Juniorprofessor Tobias Specker SJ (Hochschule St. Georgen, Frankfurt/M.), indem er auf die Neubewertung der anderen Religionen im Sinne von Hochachtung und Respekt durch die Katholische Kirche verweist (S. 16–20). Dies geschah geradezu bahnbrechend mit dem Konzilsdokument „Nostra Aetate“ (1965).
Im Sinne kleiner „Länderberichte“ beschreibt der Islamwissenschaftler Felix Körner SJ (Universität Gregoriana Rom) die Rückkehr der islamischen Religion in die bisher noch laizistisch geprägte Türkei (S. 21–22). Hierher passt durchaus der Beitrag von Friedmann Eißler von der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Er sieht in der weltweiten Gülen-Bewegung nicht eine konservativ agierende, aber sich reformorientiert gebende Theologie. Zugleich wird ein Netzwerk politischer Einflussnahme in der Türkei sichtbar mit der Vision einer wahrhaft muslimischen Gesellschaft (S. 46–49). Der Iran dagegen ist als Spezialfall eines extrem konservativen schiitischen Gelehrtenklerus anzusehen, wie der Islamwissenschaftler Peter Heine (Humboldt-Universität Berlin) betont (S. 23–24). Ob sich damit aber die große Gruppe junger Menschen im Iran auf Dauer abfinden wird, bleibt abzuwarten. Beim Blick auf Jordanien fällt schon geografisch auf, dass sich dieses Land in einer Zwickmühle befindet, die politisch und militärisch in der letzten Zeit beunruhigende Brisanz gewonnen hat. Der religiös offene Staat – gerade was seine Minderheiten der Christen und Drusen betrifft – muss inzwischen mit einer wachsenden Flüchtlingszahl leben, für die er kaum sorgen kann. Er kämpft auch gegen die machtpolitischen Einflüsse der Muslimbruderschaft und der wesentlich gefährlicheren salafistischen/wahabitischen Richtungen. Das betont Otmar Oehring, der für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman arbeitet (S. 25–28).
Rechtliche Aspekte im Sinne staatlicher Neutralität gegenüber den Religionen bringt der Jurist und Theologe Fabian Wittek (Universität Würzburg) zur Sprache, indem er zwei Schwierigkeiten thematisiert: Den Islamischen Religionsunterricht und die Frage nach der Körperschaft öffentlichen Rechts für den Islam (S. 31–34). Den Aspekt von Wohlfahrt, Diakonie und Caritas behandelt der katholische Theologe Hansjörg Schmid (Universität Fribourg, CH). Er plädiert aufgrund des Sozialverständnisses der Religionen für einen islamischen Wohlfahrtsverband – parallel zu den kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen (S. 35–38).
Ausgesprochen problematisch wirkt sich die andauernde Islamfeindlichkeit in der deutschen Öffentlichkeit aus. Die Medien haben mit einer gewissen Stereotypik und Schwarz-Weißmalerei sicher eine gewisse Einflusswirkung auf das „Feindbild Islam“, wie der Kommunikationswissenschafler Kai Hafez (Universität Erfurt) darlegt (S. 42–45). Die Politik muss darum mehr für „Islamfreundlichkeit“ tun.
Islamische Theologie in ihren Strukturen und Ausbildungsmöglichkeiten verhandelt der Professor für Islamische Religionslehre, Harry Harun Behr (Universität Erlangen-Nürnberg). Er spielt dies an den Möglichkeiten des Studiums für künftige Islamlehrer in der Schule durch (S. 50–53). Michael Marx von der Arbeitsstelle „Corpus Coranicum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beleuchtet dagegen (ähnlich wie Khorchide) die geschichtlichen Zusammenhänge der Koran-Entstehung. Das geht nicht ohne exakte historische Forschungen (S. 54–57). Ist dies für eine konservative Koran-Interpretation schon heikel, so wird es dies noch mehr durch das Reizwort „Scharia“ (S. 57–59). Der Spezialist für Islamisches Recht an der Universität Tübingen, Mouez Khalfaoui, versucht zu zeigen, dass unter Beachtung des Grundgesetzes im Bereich des bürgerlichen Rechts kaum Konflikte mit der geltenden Ordnung auftreten würden (S. 57–59). Schwieriger dürfte es beim Strafrecht und der Auslegung der Religionsfreiheit sein. Der islamische Theologe Mahmoud Abdallah (Universität Tübingen) sieht eine erhebliche Gefährdung bei Konvertiten und bei Konversionen überhaupt (S. 60–62), und zwar dann, wenn die islamische Theologie hier auf die Durchsetzung von Wahrheits- bzw. Machtansprüchen pocht – und dies, obwohl der Islam im Grunde volle Glaubensfreiheit garantiert ! (S. 61).
Als letztes Kontroversthema wird das sog. Bilderverbot im Islam angesprochen (S. 63–64, der Hinweis fehlt im Inhaltsverzeichnis S. 3). Hier gibt es keineswegs eine klar definierte theologische Grundlage, wie die Journalistin Mounia Jammal (Paris) ausführt. Sie belegt dies kunstwissenschaftlich interpretierend mit den diesem Heft beigefügten Bildern der libysch-kanadischen Künstlerin Arwa Abouon.
Bilanz: Wer sich kompakt und präzise zugleich mit vielfältigen geschichtlichen und aktuellen Strömungen „des“ Islam beschäftigen will, wird nach dieser Lektüre nicht nur einen erheblichen Erkenntnisgewinn haben, sondern auch wesentliche Zusammenhänge in den derzeitigen oft polemisch gefärbten Debatten besser verstehen.
Reinhard Kirste
Rz-Herder-Korr-Islam, 05.11.15


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