Montag, 2. Mai 2016

Buch des Monats Mai 2016: Veränderte und erweiterte Sichtweisen der Theologie



Franz Gmainer-Pranzl / Eneida Jacobsen (Hg.):
Deslocamentos – Verschiebungen theologischer Erkenntnis.
Ein ökumenisches und interkulturelles Projekt.

Salzburger Theologische Studien 54  =
Salzburger Theologische Studien interkulturell 16.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2016, 526 S.
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ISBN 978-3-7022-3496-6 ---


Die Sensibilität lateinamerikanischer Theologie zeigt sich schon seit langem darin, gesellschaftliche Veränderungen und Verschiebungen (deslocamentos) in den eigenen theologischen Diskurs einzubeziehen Dieser (portugiesische) Terminus betrifft die Epistemologie, also die Erkenntnistheorie in ihren pluralisierenden Entwicklungen. Das bedeutet eine Zurücknahme hierarchischer Konzepte.
Herausragendes Beispiel dafür ist die Befreiungstheologie selbst. So entstehen neue Sichtweisen im Sinne von Kulturen übersteigender Ökumenizität.

Der lutherische Theologe Carlos Gilberto Bock [http://www.luteranos.com.br/conteudo/mensagem-de-despedida-carlos-gilberto-bock], hat diese Verschiebungen im Rahmen seiner Dissertation 2002 in ihrer Spannungsbreite umfassend beschrieben.
Er wurde damit indirekt zum Stichwortgeber eines Forschungsprojekts, das in dem vorliegenden Band seinen Niederschlag gefunden hat. Gemeinsam haben Theologinnen und Theologen der lutherischen EST (Escola Superior de Teologia) in São Leopoldo im Süden Brasiliens und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg versucht, „deslocamentos“ genauer zu beschreiben, m.a.W. wie sich die klassischen „loci theologici“ verändern. „Deslocamentos“, angewandt als hermeneutische Methode, zeigen nicht nur theologische Verschiebungen und Verzerrungen an, sondern fordern zu neuer Bewertung heraus.

Im Sinne der Klärung beginnen die Einleitungsbeiträge mit einer Diskussion um die hermeneutisch-epistemologischen Erweiterungen, die Carlos Bock einfordert. Die Theologie der Befreiung hat schon seit den 90er Jahren des 20. Jh.s ein „deslocamento“ durchlaufen. Darum müssen die Bereiche der Politik, der Kultur und der Religion in neuer Weise auf den Prüfstand. Man erinnere sich, dass die Theologie der Befreiung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihrer marxistisch angelehnten Analyse vom Vatikan aufs Schärfste abgelehnt wurde. Dies geschah, obwohl mit dem Stichwort „Revolution“ gewaltsame Umstürze nie prinzipiell gerechtfertigt wurden. Carlos Bock versucht angesichts gerade auch verzerrter theologischer Sichtweisen erkenntnistheoretische Überlegungen in diejenigen Veränderungen einzubeziehen, die die Befreiungstheologie selbst im Sinne einer religiösen Pluralisierung durchlaufen hat. Aus der ursprünglichen Forderung nach Revolution der gesellschaftlichen-kapitalistischen Bedingungen geht der Weg von der Praxis der Befreiung hin zu einer ökologisch geprägten Weltethik und einer interreligiösen Ökumene.
Hans Joachim Sander
(Salzburg) kommentiert die verschiedenen Varianten dieser Verschiebungen und daraus folgende Relativierungen.
Die Mitherausgeberin Eneida Jacobsen (EST) setzt die erkenntnistheoretischen Grundbegriffe in praktisches Verhalten um. So „lässt sich die Befreiung durch ein erweitertes Verständnis der Überwindung eines ungerechten ökonomischen Systems als Kontrapunkt zu jeglicher Situation der Gewalt, der Unterdrückung und der Exklusion wahrnehmen“ (S. 75).

Den Bereich der Politik (Teil I) spricht Roberto E. Zwetsch (EST) konkret in städtischen Zusammenhängen an: Fehlende strukturelle gesellschaftliche Veränderungen, bleibende Korruption, weitere Anhäufung des Reichtums bei wenigen machen das „arme Volk“ zum „gekreuzigten Volk“ (Ignacio Ellacuría, Jan Sobrino), „mit dem sich Christus identifiziert“ (S. 99). Die Option für die Armen ist gegenüber jeglichem Gewinnstreben kontraproduktiv. Schon Luther sah darin Götzendienst und die Verkehrung aller Werte in ihr Gegenteil. Es gilt aber, die Menschen die mit dem Stigma der Armut und des Leidens behaftet sind, aufzurichten und das Teilen von Gütern, Ressourcen, Wissen und Solidarität zum zentralen Anliegen zu machen. Hans-Joachim Sander (Salzburg) folgert in seinem zweiten Beitrag aus der weltweiten Verstädterung und der teilweisen Unfähigkeit der Kirche darauf kompetent zu reagieren: „Gott zeigt sich als Stadtbewohner ... Der biblische Gott ist nicht einfach nur bei seinem Volk präsent, sondern [ihn] zieht es in die Städte hinein“ (S. 132). Das zeigt sich in der Bibel bereits durch die Hervorhebung von Babylon, Jerusalem, Damaskus usw. Der gegenwärtige Gott fordert heraus, seine einladende Empathie zu praktizieren; denn Gott würde in einer „Stadt ohne Gott“ (vgl. Secular City, Harvey Cox, 1965) bewusst ausgegrenzt.

Durch die wachsende Migration in Europa in eine Identitätskrise. Auf diese Identitäts-Verschiebungen verweist Judith Gruber (Salzburg). Es geht einerseits um jene, die „immer schon“ dort beheimatet waren und andererseits um die Migranten, die in großer Zahl in Europa ankommen. Die geistigen und materiellen Grenzziehungen problematisieren die eigenen „Orte“ der Theologie und fordern zu Beweglichkeit auf neuen Wegen heraus.

Der umfassende Begriff der „Fremdheit“ steht darum auch im Mittelpunkt einer theologischen Deutung durch den Mitherausgeber Franz Gmainer-Pranzl (Salzburg): „Die Erfahrung des Fremden lässt ein gesellschaftlich-politisches deslocamento (die Veränderung hin zu einer von Multikulturalität, Migration und ethnischen Minderheiten geprägten Gesellschaft) zum Ort eines erkenntnistheologischen deslocamento werden (nämlich der Krise durch einen befremdenden Anspruch …)“
[S. 165]. In Auseinandersetzung mit Huntingtons „Kampf der Kulturen“ und ähnlichen Abwehrstrategien ist christlicher Glaube genötigt, angesichts von Fremdheitserfahrungen, die eigene Identität neu zu begreifen. Die >Identität< des Glaubenden besteht nicht in der Sicherheit des Eigenen, sondern in der Offenheit gegenüber dem Beanspruchenden“ (S. 191).

Über dem Beitrag von Martin Norberto Dreher (EST) „Fundamentalismus tötet“ könnte auch ein Wort des Aufklärers Denis Diderot stehen: „Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt (aus: Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu, 1745). Der erst im 19. Jahrhundert in den (protestantischen) USA virulent werdende Begriff Fundamentalismus“ signalisiert einen Angriff auf die Moderne mit einer Vereinnahmung der Religion durch die Politik. Am Beispiel der „Mucker“ und der „Christusin“ Jakobine Maurer in Brasilien in der 2. Hälfte des 19. Jh.s zeigt der Autor schließlich, wie Fundamentalismus tatsächlich zum Töten führt.
Die negative Seite von deslocamento hebt Kathleen Luana de Oliveira (EST) hervor: Die Bedrohung der (Menschen-)Rechte. Diese zeigt sich immer wieder in den Gefängnissen, in der Ausübung sexueller Gewalt, der Verweigerung des Landbesitzes und der fehlenden Freiheit des Wohnens. Das gilt auch für die Debatten zum Thema Religionsfreiheit, die durch fundamentalistische Gruppierungen eine besondere Brisanz gewonnen haben. Nicht zu vergessen sind jedoch in verstärktem Maße die Monopole in Wirtschaft und Gesellschaft. Proteste und Gegenbewegungen werden (oft mit Erfolg) zensuriert und zum Schweigen gebracht. Theologie der Befreiung bringt hier neue Hoffnung zum Ausdruck. In diesen Kontext gehört auch HIV/Aids. In den Spannungsfeldern von „Verländlichung“, „Verweiblichung“, „Verjüngung“ und „Verarmung“ diskutiert Walburga Schmied-Streck (EST) die eingetretene Verschiebung. Als zuerst die Reichen in den Städten heimsuchende Krankheit ist sie ins Landesinnere zu den Armen gewandert, dort verbunden mit einer ausgrenzenden Stigmatisierung. Den Infizierten fehlen kompetente Unterstützung und Therapieangebote und die Möglichkeit, dass die Unterdrückten ihre Würde als Bürger wieder erlangen (S. 275). Hierher gehört ein solidarisches Verständnis und Engagement von Kirche.

Im Teil II: Kultur setzt Elaine Neuenfeldt (EST) mit wissenschaftstheoretischen Überlegungen zur Genderfrage an. Sie plädiert für den inneren Zusammenhang von feministischer Theologie und Theologie der Befreiung. Ihre methodologische Basis ist eine Hermeneutik des Verdachts im Sinne von patriarchalen Deutungsvorgaben für die Neuerschließung von feministisch-befreienden Horizonten und die Ermöglichung von Geschlechtergerechtigkeit. Martin Dürnberger (Salzburg) geht auf die erkenntnistheoretischen Verschiebungen ein, die durch die neuen Medien, besonders im Rahmen der Popmusik, in Gang gekommen sind. Dies bedeutet die unausweichliche Frage an die Kirche, welche „Message“ sie denn weitertragen will. Denn das „Medium“ ist der „Mensch“ (S. 310f). Angesichts der Wahrheit Gottes bleibt Theologie methodisch zur Rationalität verpflichtet – „freilich im hellen Bewusstsein ihrer nachmetaphysischen Brechungen“ (S. 317). Die bisher noch nicht beantwortete Frage stellt sich: „Wo üben neue/Neue Medien Druck auf etablierte Theorien theologischer Arbeit aus und führen zu wissenschaftstheoretischen Verschiebungen?“ (S. 322).

Spannend wird die Debatte unter Einbeziehung „a/theistischer Verrenkungen“. Gregor Maria Hoff (Salzburg) nimmt die konfrontative Gottesbegegnung mit der Verrenkung von Jakobs Hüfte am Jabbok (Gen 32,23-33) zum Anlass, die neuen Atheismen als Ortsverschiebungen in den theistischen und atheistischen Diskursen hervorzuheben. Sie geben „Raum für das Entstehen eines neuen theologischen Gelenks“ (S. 340).

In ihrem zweiten Beitrag befasst sich Eneida Jacobsen (EST) mit der Verschiebung der Theologie hin zur Verankerung in der Lebenswelt im Sinne kommunikativen Handelns. Unter Heranziehung von zeitgenössischen Intellektuellen betont sie, dass die Subjektivität der TheologInnen auch das Engagement für die Sache der Unterdrückten einschließt, wie sich besonders am Leben und Denken von Bischof Romero sehen lässt. Aber ebenso kommen die Genderfragen in den Blick – immer auch unter biografischen und persönlichen Aspekten und Erfahrungen. Eine solche Theologie kann sich weder hierarchisch noch dogmatisch starr gebärden (S. 359). Helio Aparecido Campos Teixeira und Ezequiel de Souza (beide EST) argumentieren vor dem Hintergrund der sog. Dependenztheorie: Man analysiert das Vorhandensein hierarchischer Abhängigkeiten (Dependenzen), ausgehend von den industrialisierten Ländern (den Metropolen Europa, Asiens und der USA) und den sog. Entwicklungsländern, die in jeder Hinsicht in die Peripherie geraten sind. Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten sind von daher nur minimal möglich. Befreiungstheologisch leitet sich daraus die umfassende Notwendigkeit der „Option für die Armen“ ab. So entsteht ein prozessuales Zeitverständnis mit dem Ziel, „Räume und Territorien in Beschlag zu nehmen und sie mit Sinn zu füllen“ (S. 404)..
 
Mit der Religion befasst sich Teil III. Marina Pinheiro Teixeira (EST) setzt sich mit dem Pentekostalismus auseinander, der Brasilien seit 1910 in drei „Wellen“ das Land wesentlich beeinflusste. Die 3. und neueste Phase der Pfingstbewegungen bewirkt eine erstaunliche Verschiebung religiöser Identitäten durch deren Exklusivitätsanspruch in Verbindung mit einer Aufnahme synkretistischer Elemente. Das ist durchaus vergleichbar mit den afro-amerikanischen Kulten, die alle ganz praktische Anleitungen zu (materiellem) Glück und Heil bieten.
Alois Halbmayr
(Salzburg) geht auf die Erosion kirchlicher Strukturen ein und fordert um der Lebendigkeit des Glaubens willen nicht mit einem engen Religionsbegriff zu argumentieren. Religiöse Transformationsprozesse könnten dadurch kaum sachgemäß eingeschätzt werden, denn Religion ist in die jeweilige Kultur tief eingebettet. Angesichts von Identitäts- und Sinnsuche müssen sowohl zivilgesellschaftliche wie religiöse Anknüpfungspunkte möglich bleiben. Der Beitrag von Christina M. Kreinecker (Salzburg) bestärkt im Grunde diese Sicht auch auf Veränderungen, die die Säkularität mit sich gebracht hat. Gewissermaßen von der anderen Seite gesehen sind etwa die Olympischen Spiele in Vergangenheit und Gegenwart immer auch „Religion“. Auf diese Weise lässt sich der Kreis noch weiter schlagen in Bezug auf den interreligiösen Dialog und die Menschenrechte. Das zeigt Rudolf von Sinner (EST) unter Berufung auf Raimon Panikkar mit der Begrifflichkeit einer diaotopischen Hermeneutik und diatopischen Ökumene“ (S. 492f). So kommt die Unermesslichkeit der Religionen zum Ausdruck (S. 494), deren kosmotheandrische (Kosmos, Gott, Mensch) Wirklichkeit in jeder einzelnen sichtbar werden kann.
Schließlich beobachtet Ulrich Winkler (Salzburg) religionstheologische Verschiebungen, wodurch z.T. eine völliger Umbau der Theologie der Befreiung erfolgt – bezogen auf deslocamentos und desdobramentos (= Weiterentwicklungen, Entfaltungen – so bei Carlos Bock). Winkler beruft sich neben anderen Befreiungstheologen besonders auf José María Vigil, der in seiner Religionstheologie in Anlehnung an John Hick einen Paradigmenwechsel zur Sprache bringt. Hier verbindet sich sehr deutlich religiöser Pluralismus mit der Option für die Armen. Schwächen dieser Konzeption liegen neben der postkolonialen Dekonstruktion eigener theologischer Identitäten in der Problematik, eine korrelative Konstruktion verschiedener religiöser Traditionen komparativ aufzubauen.


Bilanz

Die in der europäischen Theologie bisher kaum so angesprochenen umfassenden Veränderungen in Lateinamerika verweisen auf erkenntnistheoretische (epistemologische) Verschiebungen (deslocamentos), die mit gesellschaftlichen Transformationen und bisher so nicht dagewesenen Pluralisierungen zu tun haben. Das sind Herausforderungen, die gerade in Lateinamerika eine Neuorientierung der Befreiungstheologie herausfordern, die den veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen differenziert Rechnung tragen will. Die „transatlantische“ Kooperation in diesen Fragen ist ein bemerkenswertes Beispiel, wie Theologien nicht nur voneinander lernen, sondern im Dialog gemeinsam neue Positionen entwickeln.

Reinhard Kirste


Rz-Gmainer-Pranzl-Deslocamentos, 30.04.2016


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