Donnerstag, 1. Dezember 2016

Buch des Monats Dezember 2016: Henri Le Saux - christlich-hinduistische Annäherungen

Bettina Bäumer / Ulrich Winkler (Hg.): Unterwegs zur Quelle des Seins. Die Relevanz des Lebens und Denkens von Henri Le Saux/Abhishiktananda für die hindu-christliche Bewegung
Salzburger Theologische Studien 55 – interkulturell 17.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2016, 199 S.
--- ISBN 978-3-7022-3455-3 ---
 Henri Le Saux (1910 – 1973), französischer Benediktinermönch, hat als  Brückenbauer zwischen christlicher und indischer Spiritualität für den interreligiösen Dialog weltweit entscheidende Leitlinien gesetzt. Sein indischer Name Abhishiktananda, zugleich Ausdruck seiner indischen Existenz, bringt zum Ausdruck, das Leuchtfeuer der göttlichen Weisheit – verbunden mit einem kontemplativen Leben – über die Grenzen der eigenen Religion hinauszutragen und damit hinduistisch und christlich zugleich zu leben. Dadurch erhält der christliche Glaube zugleich Anstöße und Bereicherung vom „Licht des Ostens“.
Die hier versammelten Autoren stammen aus Indien und Europa. Eine Reihe von ihnen gehört dem Jesuitenorden an. Das Buch bietet eine Art Querschnitt durch Vorträge und Diskussionen, die seit 2010 im Rahmen der internationalen Ordensorganisation DIM/MID (Dialogue Monastique Interreligieux/Monastic Interreligious Dialogue) gehalten wurden. Alle Autoren darf man zweifelsohne sowohl als Experten für indische Religionen als auch für den interreligiösen Dialog bezeichnen. Insgesamt entstand eine Art Vergegenwärtigung von Henri Le Saux.
Angesichts vieler religiöser Spannungen (nicht nur in Indien) war das Wirken von Henri Le Saux damals keine Selbstverständlichkeit. Aber sein kontemplatives Leben wurde dennoch zu einem überzeugenden Beispiel. Er lebte zurückgezogen viele Jahre in einer Einsiedelei im Himalaya. In sein Denken und in seine non-dualistische (Advaita-)Spiritualität flossen intensiv Leben und Wirken eines der bedeutendsten indischen Weisen und Gurus ein: Ramana Maharshi (1879–1950): http://www.sriramanamaharshi.org/de/
Sein spirituell-interreligiöses Leben ist darum geradezu eine Empfehlung, seine Erfahrungen aktualisierend in die heutige Begegnung der Religionen einzubringen. Dabei gilt es, die spirituelle Kraft religiöser Traditionen in besonderer Weise zu bedenken. Wie diese Brücke von heute zu Henri Le Saux geschlagen wird und welche Erkenntnisse sich daraus ableiten, betonen die Autoren. Sie setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte.


Der Theologe, Zen- und Yoga-Lehrer Christian Hackbarth-Johnson, in gewisser Weise Schüler von Michael von Brück, hat ausführlich über Henri Le Saux gearbeitet. Er schrieb eine umfassende Biografie über diesen Mönch in zwei Welten: Interreligiöse Existenz. Spirituelle Erfahrung und Identität  bei Henri Le Saux (O.S.B.) / Swami Abhishiktananda (1910-1973). Frankfurt et al.: Peter Lang 2003.
In diesem Beitrag konzentriert er sich mehr auf die spirituelle Bedeutung des non-dualistischen Advaita-Verständnisses, verbunden mit tiefenpsychologischen Einblicken in das Leben des Eremiten.

Anders geht der Münchner Theologe, Religionswissenschaftler und Zen-Meister, Michael von Brück vor. Er fragt, ob und inwiefern Henri Le Saux in zwei Religionen zu Hause war. Dazu erläutert er die drei Ebenen von dessen denkendem Glauben: Angesichts der Notwendigkeit bildhaften Redens lassen sich, präpersonale, personale und transpersonale Gottesbilder als zusammenhängend verstehen. Die altindische Philosophie hat dafür mit der Chakra-Theorie bereits Voraussetzungen geschaffen (S. 45f). Hier lassen sich dann auch die Bildformen der Trinität einbringen, weil ein dynamisches Bild der Gottheit das eigene Sein reflektiert, zu sich selbst bringt und dadurch Ausdruck von Freude wird, christlich gesagt:
Es wird zum „Tanz der Trinität“ (S. 47).  
Der Theologe Fabrice Blée (Universität St. Paul, Ottawa) sieht die leitenden Gesichtspunkte des (asketischen) Lebens von Abhishiktananda in Exil und Wanderschaft.
 Er „ging in den Dialog hinaus“ (S. 67).
Das erleichtert das Verstandenwerden im Horizont „heiliger Gastfreundschaft“ (S. 68) und ermöglicht spirituelle Vertiefung.
Die bekannte Indologin und Mitherausgeberin Bettina Bäumer durchleuchtet die hinduistischen (Text-)Quellen, die für den christlichen Swami wichtig wurden. „Doch war es mehr und mehr die Erfahrung und der Begriff der Shakti, der göttlichen Energie, die ihn anzogen“ (S. 81). Aufgrund ihrer Forschungen kann sie resümieren, dass Abhishiktananda „Christentum und Kaschmir-Shivaismus einander nahebringt“ (S. 86) und in der Versenkung „nach oben“ gipfelt (S. 87). Hier zeigt sich  die Erfahrung von Christi Himmelfahrt in der Sprache der Veden und Upanishaden und zugleich trinitarisch gespiegelt.
Der ausführliche Beitrag von Karl Baier, Religionswissenschaftler an der Universität Wien, zieht Verbindungslinien zur katholischen Theologie der Mystik im 20. Jahrhundert. Als Theologe ist er beeindruckt, wie Abhishiktananda mystische Einheitserfahrungen jenseits neuscholastischer Verfestigungen lebt und begründet.
Damit eröffnet er zugleich ein non-duales Trinitätsverständnis. Es wird ihm zum Schlüsselthema im Sinne von Perichorese bzw. einer lebendigen Korrelation und damit auch jenseits von Personalität.   

Der indische Theologe Michel Amaladoss SJ ist neben seiner internationalen Lehrtätigkeit Direktor am Institute of Dialogue with Cultures and Religions, dem Jesuitenkolleg in Chennai (Madras). Ähnlich wie Michael von Brück sieht er das an der Advaita-Frömmigkeit orientierte Leben von Abhishiktananda als Herausforderung für die indische und westliche christliche Theologie. Er folgert: „Die Theologie der Religionen wird sich über die traditionellen Modelle von >Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus< hinwegsetzen müssen, auch über das Modell der Komplementarität oder des relativistischen Pluralismus, der ein Absolutes verneint“ (S. 125). Aber letztlich bleibt die Einzigartigkeit des (kosmischen) Christus [= der Purusha der Upanishaden] als eines unnennbaren Mysteriums der Manifestation bestehen (S. 126).
Fausto Gianfreda SJ, Professor für philosophische Anthropologie an der Universität Neapel, hebt die eschatologische Bedeutung der Eucharistie im Leben und im theologischen Verständnis von Abhishiktananda hervor. Sie wird zum vollkommenen Ausdruck der Seinserfahrung jenseits dualistischer Begegnung. „Im Erwachen ist es möglich zu erkennen, dass die Eucharistie in einem gewissen Sinne bereits in unserem Atem ist“ (S. 145). Sie ist die vollkommene Christus-[Opfer-]Gabe, die in der Tiefe des eigenen Selbst zu finden ist und den Übergang vom Tod der Selbstsucht zum Leben für andere bedeutet (S. 155). Die Eucharistie bezeichnet der Autor darum als „pneumatische koinonia“ (S. 155).
Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von Henri Le Saux auf die religionspluralistischen Ansätze von Jacques Dupuis, wie der Theologe und Indologe George Gispert-Sauch SJ besonders hervorhebt. Allerdings wollte Dupuis sein Anliegen immer in Übereinstimmung mit den Lehraussagen der Kirche wissen. Vgl. dazu besonders: Jacques Dupuis und der religiöse Pluralismus: http://buchvorstellungen.blogspot.de/2012/09/jacques-dupuis-und-der-religiose.html
Die Wiener Publizistin und Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz fragt, welche missionarischen Ansätze und welche Veränderungen sich in der Theologie und im Leben von Henri Le Saux spiegeln – auch unter Bezug auf Hugo Enomiya Lassalle“Ähnlich wie Lassalle davon ausging, dass das Christentum in Japan nur in Resonanz mit der buddhistischen Praxis glaubwürdig sein könnte, meinte auch Henri Le Saux, dass nur christliche Sannyasin [= Entsagende = spirituell Suchende als Mönche und Asketen] das Christentum glaubwürdig vertreten könnten" (S. 177). Hier ergeben sich Herausforderungen nach West und Ost: Im westlichen Kontext fällt das Fehlen einer kontemplativen non-dualistischen Theologie auf, die sich interreligiös achtsam auch stärker dem Schweigen verpflichtet fühlen müsste. Im indischen Kontext gerät die Forderung nach Abschaffung der religiös motivierten Kastenordnung zum unübersehbaren Glaubwürdigkeitsfaktor. Die gemeinsame Basis kann die Advaita-Erfahrung, die Erfahrung des Selbst sein, auf die sich Henri Le Saux bezieht. Diese Tiefen-Erfahrung ist ein glaubwürdiger Weg zur Verständigung zwischen den Religionen, die gesellschaftliche Veränderungen bewusst mit einschließt.

Der Beitrag von Shail Mayaram, Professorin am Centre for the Study and Developing Societies in Delhi, bringt die theologische und existentielle Frage der Bi-Identität, der Beheimatung in zwei religiösen Traditionen zur Sprache. Dies ist für den christlichen Mönch eine spannungsreiche und schmerzliche Erfahrung. Henri Le Saux erlebt auf seiner inneren Pilgerfahrt von daher eine extrem heftige Identitätskrise. Sein „Erweckungserlebnis“ nach dem Herzinfarkt formuliert er so „In mir ist die Quelle und die Nicht-Quelle, und das sind nicht zwei. Das trinitarische Mysterium ist die Offenbarung meiner eigenen Tiefe“ (S. 193). Die „schlechthinnig“ erlebte Wahrheit von Advaita, „die Abhishiktananda half, die Dualität seiner hinduistischen und christlichen Erfahrung zu überwinden, ist die Entdeckung des endgültigen wahren >Ich< (aham) in beiden Traditionen“ (S. 195).
Bilanz:
Die Folgerungen von Ursula Baatz (S.188) lassen sich noch verstärken: Auch über 40 Jahre nach dem Tod des Henri Le Saux / Swami Abhishiktananda sind sein Leben und seine Einsichten in die eine Wirklichkeit ein bedeutender Beitrag, um den interreligiösen Dialog gerade zwischen westlichen und östlicher Spiritualität weiter voranzubringen.
Reinhard Kirste

Rz-Bäumer-Henri Le Saux, 30.11.2016
Vgl. auch:

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