Sonntag, 29. Januar 2017

Inter-religiöser / inter-ideologischer Dialog als globale Notwendigkeit

Leonard Swidler: The Age of Global Dialogue.
Eugene (Oregon (USA): Pickwick Publications
2016, XII, 428 pp., index
-- Paperback:    ISBN 978-1-4982-0867-3
Hardcover: ISBN 978-1-4982-0869-7 

E-Book:  ISBN 978-1-4982-0868-0


In diesem Buch zieht der bekannte katholische US-Theologe und engagierte Dialogiker Leonard Swidler eine Art Bilanz seines Wirkens in der Begegnung mit Menschen und Theorien anderen Religionen. In vielen Veröffentlichungen hat er seit vielen Jahren die verschiedenen Stationen der interreligiösen Begegnungen mit allen Schwierigkeiten und Chancen bereits erfahren.  

Er verfolgt den Weg vom Beginn des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1893 bis zum 2. Vatikanischen Konzil und den von daher sich entwickelnden weiteren Möglichkeiten. Das gilt besonders im Blick auf die Konzilserklärung „Nostra Aetate“.
Seine Zeitschrift
Journal of Ecumenical Studies (JES):
http://dialogueinstitute.org/jes/ ist von Anfang an ein Seismograph interreligiöser Begegnung, was neue Tendenzen und wichtige Auseinandersetzungen in den verschiedenen Weltreligionen betrifft.

In „The Age of Global Dialogue“ geht Swidlers Gedankenweg nach einführenden Überlegungen in sieben Schritten bis zur Notwendigkeit eines dialogischen Lebens. Ganz nebenbei entsteht so eine Geschichte des interreligiösen Dialog von den frühen Begegnungen mit anderen Religionen in früheren Jahrhunderten bis zu den Herausforderungen der Gegenwart:

1.   Grundlagen des Dialogs (Bases of Dialogue) – S. 1
2.   Religion als Weltanschauung – ihre Bedeutung (Religion/Ideology) – Its Meaning) – S. 35
3.   Der “innere” Dialog (The “Inner” Dialogue) – S. 82
4.   Der gegenseitige-Dialog (The “Inter” Dialogue) – S. 95
5.   Dialog in der Welt (Dialogue in the World) S. 312
6.   Dialog als Experiment (Dialogue Attempted) – S. 366
7.   Endgültige Schlussfolgerung (Final Conclusion) – S. 409
Sehr klar benennt Kapitel 1: Bases of Dialogue neue Verstehensgrundlagen, was die letztgültigen Strukturen unserer Realität, unserer Wahrheitsaussagen und unseres ethischen Verhaltens betreffen. Das muss auf die Religionen weltweit bezogen werden. Das gilt auch für die Weltanschauungen, z.B. den Marxismus. Swidlers Ideologiebegriff ist dabei bewusst wertfrei. Hier zeigt sich bereits eine gegenseitige Verbundenheit im Sinne einer Komplementarität, weil die Verständnisse von Wahrheit nicht isoliert betrachtet werden können.
Die Zielrichtung hatte Swidler schon skizzenhaft vorweg formuliert (aaO S. 3). Er verstärkt sie, indem er Offenheit deutlich macht, nämlich über bisherige Absolutismen hinaus lernend aufeinander zuzugehen und sich damit, auf eine de-absolutierte, kritische Gedankenwelt einzulassen. Hier können wir nicht mehr auf der Ebene einer überkommenen, ersten Naivität leben. Wir müssen wenigstens versuchen, auf die Ebene der zweiten Naivität zu kommen. Auf dieser Ebene verwechseln wir unsere Grundsymbole und Metaphern nicht mit empirischen, ontologischen Realitäten. Wir bringen sie auch nicht mehr mit Phantasien und Märchen durcheinander. Weil wir sie nun als Grundsymbole und Metaphern sehen, schätzen wir sie als unentbehrliche Vehikel, um tiefe zwischenmenschliche Verständigung zu ermöglichen. Hier sind die Religionen und Ideologien besonders herausgefordert.
In Kapitel 2: Religion/Ideology – Its Meaning geht es um Möglichkeiten von Deeper Religion“. Darum entgrenzt der Autor die Religionen und Ideologien/Weltanschauungen aus ihren jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Verengungen, weil bereits faktisch das Zeitalter des globalen Dialogs begonnen hat (S. 43). Authentizität ist aber nur auf dem Weg „Zurück zu den Quellen“ zu erreichen. So werden die Grundmuster aller religiösen Traditionen deutlich – sie seien mehr populär oder reflektierend. Sie intendieren Heil und Erlösung im Kontext einer „ultimate reality“ (S. 59). Sie ist der Horizont, in dem alle interreligiösen Begegnungen ihren Sinn und zugleich ihre menschliche Begrenzung haben (ausführlich S. 283ff).
Das Kapitel 3: The „Inner Dialogue“ nimmt geschichtliche Entwicklungen innerhalb des Christentums auf. Swidler, als katholischer Theologe, sieht dabei kritisch auf die Geschichte des Katholizismus. Der Wendepunkt wurde eindeutig mit dem 2. Vatikanischen Konzil und mit der Erklärung „Nostra Aetate“ gesetzt. Man darf für das Christentum derzeit sagen, dass inzwischen Zukunft weisende Wege beschritten werden.
Logischerweise erfolgt dann mit dem umfassenden Kapitel 4: The „Inter“ Dialogue, für den es natürlich Regeln braucht. Bereits 1978 hatte Swidler diese zum ersten Mal formuliert und 1983 erweitert als „Dialog-Dekalog“ veröffentlicht: http://dialogueinstitute.org/dialogue-principles/
Dieses Grundmuster muss aber nun weiter entwickelt werden. Raimon Panikkar hatte bereits eine Vertiefung im Sinne eines spirituellen Dialogs für notwendig erachtet (S. 107ff). Er schlug ein ökumenisches Esperanto vor (S. 117). Dialog jedoch beruht immer auf Gegenseitigkeit angesichts der Chancen und Probleme, die religiöse Traditionen innerhalb und außerhalb haben. Für den jüdisch-christlichen Dialog, der am Anfang der theologischen Begegnungsarbeit Swidlers stand, spielt zum einen das christliche Verhältnis zum Juden Jesus eine wichtige Rolle. Aber zum andern wird die Erfahrung des Holocaust immer prägend bleiben. Die Einbeziehung des monotheistischen Dialogs, also die Erweiterung zum „Trialog“ wird gegenwärtig durch den zunehmenden Terror im Namen des Islam belastet (S. 209f). Umso wichtiger ist es neben wichtigen Dialog- und Trialog-Organisationen herausragende islamische Dialog-Denker vorzustellen wie Smail Baliç, Mahmud Muhammad Taha, Mohamed Talbi, Hasan Askari und Mohammed Arkoun. Ähnliches lässt sich auch für den hinduistisch-christlichen und den buddhistisch-christlichen Dialog sagen. Hinzu kommt der an Bedeutung gewinnende christlich-konfuzianische Dialog, aber auch der Diskurs mit dem Marxismus. Es seien nur Milan Machovec und Andrija Krešić erwähnt. Gelingen können solche Begegnungen allerdings nur mit entsprechenden sachlichen und zugleich empathischen Dialoghaltungen (S. 307ff).
Im Kapitel 5:  Dialogue in the World kommen die Menschenrechte und die Religionsfreiheit zur Sprache. Im Gegensatz zu Behauptung eines „clash of civilizations“ gilt es den Entwurf für eine Global Ethics-Declaration weiter umzusetzen. Sie gründet auf liebevoller Menschlichkeit (347ff). Wesentliche Schritte dorthin sind, eine ganzheitliche Erziehung aufzubauen im Sinne eines vertiefenden Dialogs („Education Deep Dialogue“), deren Zentrum Friedensstudien sein müssen (S. 360ff). Swidler schlägt dafür 7 Lernstufen vor:
1.  In der bewussten Begegnung mit dem Anderen die Differenz wahrnehmen.
2.  Das Hinübergehen in die Welt des Anderen („crossing over“).    
     Empathie führt zur Veränderung des eigenen Selbstverständnisses.
3.  In die Welt des Anderen und in seine Erfahrungen eintauchen und sich so selbst hin   
     zum Anderen verwandeln.
4.  Rückkehr zu sich selbst mit einer erweiterten Vision und einer neuen Erkenntnis.
5.  Dialogisch/kritisches Erwachen – ein radikale Kehrtwendung (paradigm shift)  
     zu einem inneren transformierten Selbst.
6.  Globales Erwachen: Die „Reifung“ der paradigmatischen Veränderung               
     in Bezug auf sich selbst, den Anderen und die Welt.
7.  Persönliche und weltweite Transformierung des Lebens und des Verhaltens. Leben und Handeln
      von einem selbst geschieht in einem neuen globalen Bewusstsein.
Von daher folgert Swidler im 6. Kapitel: „Dialogue Attempted“, christliche Existenz Grenzen überschreitend anzugehen und zu leben. Dazu müsste ein „ökumenisches Esperanto“ entwickelt werden, ein Gedanke, den Swidler von Panikkar her weiter entwickelt  (S. 366ff, vgl. bereits oben S. 117). Diese „Weltsprache“ basiert – christlich gesprochen – auf der Weltversöhnung in Christus. Das ist eine Christologie, eine Lehre von Christus, die sich dem anderen zuwendet. Sie geschieht durch einen authentischen, interreligiösen, inter-ideologischen Dialog (S. 371). Dieser lebt angesichts der „ultimate reality“ aus der Tiefe der jeweiligen Begegnungen. Das heißt, er wird  von einer heilsamen „ultimate harmony“ geprägt (S. 403ff). Das wäre dann eine Erlösungslehre, die die verschiedenen religiösen und ideologischen Traditionen in die Vision der großen Ökumene aller Glaubensweisen einbringt. Selbst christliches Trinitätsverständnis kann hier weiterhelfen (S. 291).
In seiner Schlussbilanz kommt Swidler auf die Gedanken des Anfangs zurück: Interreligiöser und weltweiter Dialog ist ein Zeichen der Menschlichkeit. Gerade die Religionen, die auch politisch erheblichen Einfluss gewonnen haben, sind herausgefordert, den Dialog zu vertiefen. In einer globalisierten Kultur gibt es nur eine Option: Der globale Dialog. Dies ist die einzige Chance, dass Humanität der oberste Wert im weltweiten Zusammenleben bleibt (vgl. den Originaltext auf S. 409).
Es lohnt sich, sachlich und zugleich empathisch Veränderungen anzugehen und Versöhnung zu praktizieren.
Leonard Swidler hat mit diesem Buch eine dialogische Lebensbilanz vorgelegt, die eine Ermutigung für alle ist, die in der Begegnung mit anderen Religionen und Ideologien die einzige Chance sehen, dass die Welt wieder etwas friedlicher werden kann ...


Reinhard Kirste 

Rz-Swidler-Global-Dialogue, 29.01.2017 

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