Freitag, 3. Februar 2017

Dorothee Sölle und Christiane Singer: Transformationen des Lebens im Schatten des Todes

Dorothee Sölle: Mystik des Todes. Ein Fragment.
Stuttgart: Kreuz 2003 (4. Aufl. 2004), 155 S.
--- ISBN 978-3-7831-2322-7 ---

Schon bei der Arbeit an ihrem für sie wichtigsten Buch  "Mystik und Widerstand" (1997) begannen Aufzeichnungen zur "Mystik des Todes". Dieses Buch konnte sie nicht mehr vollenden, weil sie im April 2003 starb. In der dem Buch beigefügten Traueransprache rückte die Bischöfin Bärbel-Wartenberg-Potter die Zielsetzung Dorothee Sölles ins Zentrum: „Sie wollte im Tod ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werden, das genüge ihr, sagte sie. Das war ihr mystisches Todesbild. Denn auch ein Tropfen vermehrt die Kraft des unendlichen Meeres, auch ein Tropfen tritt ein in die Tiefe des Seins“ (S. 153). Die Worte Meister Eckharts werden hier aktualisiert hörbar und erinnern an die Stationen eines spirituellen Weges, der in ihrem Buch „Die Hinreise“ (1975) zum ersten Mal offenkundig wird. Gewissermaßen durch die eigene Lebenserfahrung geläutert, klingt  bei ihr immer wieder hindurch:  Gott geschieht im Leben und im Sterben, das heißt dann letztlich nichts anderes, als dass das wahre Ziel unseres Daseins im Hineingehen in Gott liegt. „Wenn wir Gottes Immanenz in unserem Leben wahrnehmen und bejahen können, mit anderen Worten, wenn wir Heiligkeit erfahren, weil Gott sich in unserem Leben ereignet, dann kann das auch im Sterben erfahren werden.“ (S. 122) „Gott kann anwesend sein, auch wenn unsere Zeit zu Ende geht“ (S. 124). 

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In ähnlicher Weise wirken zwei andere Bücher, die die bekannte französische Literaturwissenschaftlerin Christiane Singer (1943-2007) geschrieben hat:

1. "Zeiten des Lebens. Von der Lust, sich zu wandeln".
München: Diederichs 1991, 1992, 2. Aufl., 160 S. -- ISBN 3-424-01070-7 --
Hier geht die Autorin den Stationen der Lebensreise vom Beginn im Mutterleib bis ins Alter nach. 
Vgl. dazu die Besprechung im Portal "Lebe-Liebe-Lache"

2"Alles ist Leben.
Letzte Fragmente einer langen Reise"
 

München: Bertelsmann (Random House) 2008,
btb 74247, 2011, 143 S. --- ISBN 978-3-442-74247-9 --- 


Christiane Singer (geb. 1943 in Marseille, gest. 2007 in Wien) ist in Frankreich durch ihre Romane und Essays bekannt geworden. Der auch in Deutsch erschienene Roman "La mort Viennoise" (1978) - "Der Tod zu Wien" (1996) befasst sich bereits mit den spirituellen und ethischen Dimensionen des Lebens.

Ihr letztes Buch enthält Aufzeichnungen angesichts des Todes: Sie wirken fast wie ein Schlusskapitel von "Zeiten des Lebens".
Es ist ein Tagebuch der besonderen Art entstanden.
Die Lesenden werden zu mitdenkenden Begleitern, wenn Christiane Singer sowohl verzweifelnd (z.B. S. 64ff) als auch bewusst, dankbar annehmend, die Diagnose "unheilbar krank" verarbeitet (S. 72ff). Da ihr vermutlich nur noch wenige Monate zum Leben bleiben, schreibt sie kontinuierlich dieses Begleitbuch des Abschieds. Es bewegt und fasziniert zugleich, weil für Christiane Singer trotz der körperlichen Niederlagen, der Schmerzen und des nahenden Endes das Leben voller Wunder bleibt. Noch mehr, sie akzeptiert bewusst den Tod als Teil des Lebens im Sinne einer Transformation. Das nimmt ihr die Angst.  "Ich habe die unendliche Liebe in mir strömen lassen, die ich selbst im schlimmsten Moment meines Abstiegs empfunden hatte"
(S. 43). Sie weiß: Tod und Verlassenheit sind nicht das Ende (S. 46). Die Kraft des Lebens über das Sterben hinaus soll auch anlässlich ihres Todes durch das Pflanzen einer Linde verdeutlicht werden (S. 49). Denn dem Menschen ist das Leben verheißen, nicht der Tod (S. 63). "Ich bin nur eine LEBENDE auf Reisen zwischen den Welten " (S. 73). Das bedeutet das Loslassen des bisherigen Lebens. Sie erlebt auf vielen inneren Wanderungen die Schwelle zwischen "Hier" und "Dort", ähnlich dem, was die Mystiker immer wieder beschrieben haben - in der Spannung von Liebe, Leiden und Tod: "Irgendetwas in mir hat beharrlich das Gefühl, dass es das Wichtigste ist, bis zum Ende zu preisen, bis zum Ende zu feiern ... Damit von allem, was ich gewesen bin, zum Schluss nur noch die Stimme bleibt, die DICH preist" (S. 120). Diese neue Erfahrung gibt den Blick frei nach "dort". Die Autorin schließt das Logbuch ihrer irdischen Lebensreise ab und sagt: "Ab morgen, besser gesagt, von diesem Augenblick an, ist alles neu. Ich gehe weiter meinen Weg". Es ist nunmehr der Tag ihrer Geburt (S. 137).

Es ist gut, dass Christiane Singer in diesem Reise-Tagebuch ihre Erfahrungen mit uns geteilt hat (S. 137). Sie geben wichtige Anhaltspunkte für die Höhen und Tiefen des eigenen Lebens, dessen irdisches Ende der Tod, aber nicht Ziel des Lebens ist. Vielmehr bedeutet Tod einen Durchgang, eine Transformation irdischer Wirklichkeit. Die Aus-Sicht auf den Tod bedeutet Ein-Sicht in das Leben  ...



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