Sonntag, 6. Oktober 2013

Im Überschneidungsfeld von Theologie und Literatur: Die Bachl-Lectures



Gregor Maria Hoff / Ulrich Winkler (Hg.): Poesie der Theologie.
Versuchsanordnungen zwischen Literatur und Theologie:

Bachl-Lectures 2007-2011

Salzburger Theologische Studien Bd. 45. Innsbruck-Wien: Tyrolia 2012, 179 S.
--- ISBN 978-3-7022-3192-7 ---

Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Der katholische Dogmatiker und Ökumeniker Gottfried Bachl (geb. 1932 in Linz) gehört zu den weniger bekannten, aber doch wichtigen Theologen im deutschsprachigen Raum, weil er praktische Erfahrung und wissenschaftliche Theologie in vielfältiger Weise miteinander verbindet. So hat er sich nicht nur mit seinen theologiegeschichtlichen Veröffentlichungen einen Namen gemacht, sondern auch mit seinem engen Bezug zur Literatur. Dies drückt sich sowohl in seinem ihm eigenen poetischen Stil wie in den Intentionen aus, dogmatische Positionen zu hinterfragen und neu zu beziehen.

1997 wurde Bachl mit dem Sexauer Gemeindepreis für Theologie ausgezeichnet und ihm damit die große Gemeindenähe seiner Theologie bestätigt. Bachl gehört übrigens auch dem PEN-Club an. Die Salzburger Universität hat es nun unternommen, die Mehrzahl der sog. Bachl-Lectures zum 80. Geburtstag von Gottfried Bachl zu dokumentieren. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop zwischen Theologie, Liturgie und Poesie. Damit wird zugleich ein Signal gesetzt, dass der religiöse Bereich ständige Veränderungen braucht, um durch unterschiedliche Sichtweisen, auch bewusste Irritationen, Glauben heute überzeugend zu leben.
Um Gottfried Bachl gewissermaßen theologisch und biografisch näher kennen zu lernen, zeichnet der Salzburger Dogmatiker Alois Halbmayr ein Lebensporträt des 80jährigen. Er legt die Schwerpunkte auf dessen Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus, um von dort aus seine geistigen Grenzverschiebungen anzusprechen: „So galt Bachls theologisches Interesse nicht nur den großen, ausgetretenen Pfaden der kirchlichen Tradition, sondern mit gleicher Aufmerksamkeit auch den abgelegenen Wegen …“ (S. 13). Das führt zur Konzentration auf die Gottesfrage, den Umgang mit den oft genug befremdlichen Jesus, und zugleich die Auseinandersetzung in kritischer Zeitgenossenschaft. Das Interview, vom Salzburger Dogmatiker und Mitherausgeber Ulrich Winkler geführt, macht in einer Art aktualisierenden Fortsetzung nicht nur die Lebensstationen Bachls zwischen Oberösterreich, Rom und Salzburg deutlich, sondern auch die zeitkritischen Impulse, die seine Theologie bestimmen. Denn „es [ist] wohl an der Zeit , dieser Mündigkeit (sc. in der Bildung) auch im religiösen Bereich zu entsprechen. Die längste Zeit war der Klerus auch im religiösen Bereich der Dominator des Bildungswesens. Dass diese Zeit vorbei ist, begrüße ich“ (S. 29).
Die zuerst präsentierte Vorlesung des Tübinger Germanisten und katholischen Theologen Karl-Josef Kuschel aus dem Jahr 2007 bezieht sich auf Krankheit, genauer auf den Krebs als Metapher: „… wenn Krebsausbruch und Sterbensbeginn zusammenfallen, dann schlägt die Stunde der Literatur“ (S. 35). Das verdeutlicht Kuschel an Leo Tolstois Geschichte „Der Tod des Iwan Iljitsch“, an der Krankengschichte „Die Betrogene“ von Thomas Mann, an Alexander Solschenizyns „Die Krebsstation“ und Philip Roths „Das sterbende Tier“. Während hier noch die Erzähler „außen vor“ bleiben, stellt Kuschel dann beispielhaft Autoren vor, die zugleich Patienten sind: Fritz Zorn, Maxie Wander und Peter Noll. Letztlich zeigen sie alle, um es mit Blaise Pascal zu sagen „Elend und Größe des Menschen“ (S. 55). Wie Poesie und Liturgie im Sinne ästhetischer Wahrnehmung zusammenhängen, beschreibt der Theologe und Didaktiker Alex Stock und verdeutlicht dies recht ungewöhnlich an Ernst Jandls hosi, am Sanctus der Messe und am Ave Maria. Es geht um Musikalität der Sprache, ihren Rhythmus und ihren Klang, die manchmal unter Modernisierungsversuchen der Liturgie leiden. Auf anderem Wege nähert sich der Augsburger Religionspädagoge Georg Langenhorst dem Thema: Wie gehen Schriftsteller/innen des 20. Jahrhunderts mit der Frage nach Gott um? Wie kommt „Gott“ bei ihnen vor? Die herangezogenen Beispiele zeigen eine Veränderung an. Wurde in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eher verdeckt oder von Gott als Vergessenem geredet, so entwickelte sich eine neue Unbefangenheit in der 2. Jahrhunderthälfte, aber dennoch in einer gewissen ambivalenten Distanziertheit. Das zeigt Langenhorst besonders eindrücklich an Michael Krüger (geb. 1943), Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) und an dem islamisch aufgewachsenen Exiliraner SAID (geb. 1947). In einem Beitrag über Existenz und Transzendenz beim Schreiben experimentiert der Schriftsteller Markus Orths (Karlsruhe) mit den Begriffen (Selbst-)Offenbarung, Imagination und Kommunikation in der Auseinandersetzung mit dem wirklichen Leben. Denn in literarischen Texten wird das Sagbare hin zum Unsagbaren überstiegen (S. 105). Die Münchener Literaturwissenschaftlerin Barbara Vincken stellt in ihrem Vortrag die christliche Maria der Anti-Maria Félicité in Gustave Flauberts „Coeur simple“, entgegen. Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit der Religion, in der sich der christliche Gott als eine Metamorphose der heidnischen Götter entpuppt (S.117), findet in dieser Erzählung – erotisch aufgeladen – eine Erhöhung zum Tode als verzerrte Spiegelung der marianischen Verkündigungsszene statt. Der Bildungsverantwortliche im Bistum Limburg, Eckard Nordhofen, spricht einen anderen Aspekt an: Er setzt sich in kühner Interpretation mit der Rolle der Schrift im Monotheismus auseinander: Der Mensch als Wesen, das mit Zeichen agiert, setzt diese mit Mund und Hand konkret um. All dies wird schließlich in der Schrift fixiert und in der Kunst „abgebildet“. In Abgrenzung vom Polytheismus werden in der Bibel schließlich Götzenbilder der Lächerlichkeit preisgegeben (S. 131). Dies setzt sich im Neuen Testament ungewöhnlich fort: Am Sinai wird das Goldene Kalb zermahlen und in der Geschichte der Ehebrecherin löst der in den Sand schreibende Jesus die festen Zeichen auf (S. 134ff). Es entsteht insgesamt ein Richtungswechsel von Gott im Text (der Gebote) zu Gott im Fleisch (im Menschen Jesus). Die Praktische Theologin Susanne Heine (Wien) zeigt in ihren Gottes-Transformationen die Auswanderung des christlichen Glaubens aus der christlichen Tradition in die Dichtkunst und in die Malerei, und zwar an Robert Musil, Friedrich Schlegel und René Margritte. Zum Schluss gibt der österreichische Theatermann und Schriftsteller Rudolf Habringer – von Kafka geprägt – Einblicke von eine herbeiphantasierte Schreibwerkstatt als „Einkaufsquelle“ . Von dem dort Mitgebrachten erhofft er sich, schöpferische Schreibimpulse zu erhalten und so auf neue Weise zu kommunizieren.
Dieses Buch erinnert daran, wie notwendig das Gespräch zwischen Theologe und Literatur ist und unbedingt bleiben muss. Theologie lebt von der Sprache, darum braucht sie die Literatur. Dorothee Sölle hätte sicher – wie immer eigenständig – mit eingestimmt.

Reinhard Kirste 


Rz-Hoff-Winkler_Poesie, 06.10.13

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