Freitag, 24. März 2017

Maimonides: Versöhnung von Glaube und Vernunft - Sehnsucht nach der Weisheit

Géraldine Roux: Maïmonide ou la nostalgie de la sagesse.  
Maimonides oder das Heimweh / die Sehnsucht nach der Weisheit
Coll. Points Sagesses 310.
Paris: Éditions Points (Seuil) 2017, 208 pp
 --- ISBN 978-2-7578-1630-1 --- 
Die Philosophieprofessorin Géraldine Roux ist zugleich Direktorin des Raschi-Instituts in Troyes. Der Name des berühmten Rabbiners und Talmud-Gelehrten Raschi von Troyes (1040–1105) steht für bahnbrechende hermeneutische Leistungen zum Bibel- und Talmud-Verständnis – mit großem Einfluss sogar auf christliche Exegeten.

Géraldine Roux hat sich als Kennerin mittelalterlicher Philosophie und besonders der Werke des Moses Maimonides (1135/1138–1204) schon länger einen Namen gemacht. Ihre Veröffentlichungen zu diesem Thema kreisen immer wieder um die Fragen von Glaube und Vernunft, Wissen und Weisheit.       Das hat sie besonders in ihrem Buch über den Horizont des Wissens bei Maimonides verdeutlicht: Vom Propheten zum Weisen - Du prophète au savant. L’horizon du savoir chez Maïmonide. Paris, Cerf, 2010, 359 pp. --- Vgl. dazu die Rezension von Anna Caiozzoin : Médiévales 64 / printemps 2013: Temporalités de l'Égypte: https://medievales.revues.org/7032 

--- Mehr zur Person von Géraldine Roux: hier


Das vorliegende Taschenbuch komprimiert nun in präziser Weise Leben und Werk des großen jüdischen Philosophen. Die Lesenden brauchen keine speziellen Sachkenntnisse. Sie können sich gut in die biografische und geistige Entwicklung dieses Brückenbauers zwischen Bibel, Talmud und griechischer Philosophie hineindenken. Wichtige Texte werden kommentierend zitiert. In einem persönlich eingefärbten Vorwort schreibt die Autorin von der eigenen Faszination, die Maimonides bei ihr auslöste: Wege des Verstehens zu eröffnen, ohne fertige Lösungen bei der Hand zu haben. Denn diesem Weisen gelang es, eine gemeinsame Sprache zu finden, die es Philosophie und Religion erlaubte, miteinander zu kommunizieren (S. 11).


In der EinleitungEin vorwärts treibendes Heimweh“ („Une nostalgie propulsive“) geht die Autorin zuerst den Legenden zur Biografie des Maimonides im Kontext der Kreuzfahrerzeit nach. Es sind Spannungen und Widersprüche, die sich zum Teil aus seinen Tora- und Talmud-Interpretationen ergeben. Sie beschreibt weiterhin im Rahmen seines Lebens die Entwicklung seiner theologisch-philosophischen Konzepte, aber auch seine konkreten religiösen und politischen Empfehlungen, basierend auf einem komplexen Verständnis jüdischen Glaubens. Die Zielrichtung des Buches liegt in der ausführlichen Darstellung des „Führers der Unschlüssigen“ bis hin zu der bleibenden Frage, wie weit eine Intellektualisierung des Glaubens gehen kann bzw. muss.

Géraldine Roux geht im 1. AbschnittJahre des Umherrirrens („Les années d’errance: de Fostat au Maroc“) – auf die Diskriminierungs- und Verfolgungssituation der spanischen Juden im 12. Jahrhundert ein, die durch die almohadische Eroberung ausgelöst wurde. Maimonides plädiert: Wer in solcher Bedrohungssituation seine Glauben verbirgt oder gar abfällt, sollte jedoch milde behandelt werden.
Im 2. Abschnitt – Neubegründung der Wissenschaft vom Gesetz, die Ankunft in Ägypten („Refonder la science de la Loi, l’arrivée en Égypte“) – zeigt die Autorin, wie Maimonides ein Politik-Projekt für die jüdischen Gemeinschaften entwickelt. In der reformierenden Restaurierung des von Gott gegebenen Gesetzes und im Erfinden einer gemeinsamen Sprache für Philosophie und Religion setzt er neue Möglichkeiten dialogischer Begegnung frei. Das geschieht angesichts messianischer Versuchungen und apokalyptisch zunehmender Hoffnungen. Mit den drei Kronen Keter Torah – Krone des Gesetzes,  – Keter Kehuna – Krone der priesterlichen Weihe und Keter Malkhut – Krone des Königtums ( = die des Davidssohnes und Messias) stellt er eine Entwicklung dar, deren Ende noch nicht gekommen ist. Der Messias als König, Prophet, Lehrender ist eine orientierende Symbolfigur, die allen Völkern gilt. Die Tora-Auslegung selbst eröffnet universale Weite.
Im 3. Abschnitt – Ratlosigkeit und Revolte („Perplexité et révolte“) ist der Ausgangspunkt die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und der eigenen Konditionierung. Letztlich kann nur der Geist allein die Notwendigkeiten des Körpers regeln, und zwar durch ein mentales Training, das durch philosophische Meditation und ein asketisches Leben ermöglicht wird. Aber wenn die Harmonie von Körper und Seele das zu erreichende Lebensziel sind, warum sprechen dann schmerzvolle Fakten und das Leiden dagegen? Zur Präzisierung dieser Probleme beschäftigt sich Maimonides mit der Physik des Aristoteles. Hier werden nämlich grundlegende Begriffe definiert, die zum Verstehen im Leben gebraucht werden, nämlich Raum, Zeit und Ursache. An der Geschichte des biblischen Hiob ergeben sich u.a. zwei Fragen: Was ist das für eine göttliche Vorsehung, wenn der Gerechte leidet? Was spielt sich vor dem himmlischen Gerichtshof im Blick auf Hiob ab (Kap. 2), als der Teufel sich dorthin einlädt? (vgl S. 99ff und S. 95–98, als Textauszug: hier)

Für Maimonides wirken die weisen Talmudlehrer selbst ratlos. Rabbinische Dispute verhindern eine legitime Orientierung und ein angemessenes Konzept zum Verstehen. So geht Maimonides in seinen Kommentaren zu Mischna und Tora und im berühmten Führer der Unschlüssigen, der Ratlosen bzw. Verwirrten eigenständig dn aufbrechenden Problemen nach. Géraldine Roux fasst diese nicht auf eine Linie zu bringenden Grenzerfahrungen so zusammen: Die Perplexität, die Ratlosigkeit wird zum Instrument, die Begrenztheit des Verstandes anzuerkennen und die Unfähigkeit der Vernunft zu akzeptieren. Zugespitzt: „Die dogmatische Vernunft verdammt die Tür zur Metaphysik und mit derselben Geste, die aus ihr hervorgegangenen Wissenschaften“ (S. 119).
Die Ratlosigkeit kommt nicht aus der Annahme eines verzweifelten Gewissens angesichts der Beschränktheiten des Verstandes (intelligence). Denn diese Begrenzungen sind objektiv, „der Fehler liegt in dem schlechten Gebrauch des Verstandes“ (aaO).
So ist die Unschlüssigkeit/die Ratlosigkeit nicht sinnlos, sie ist vielmehr eine Durchgangsstation, eine Vorbereitung, um die Sinnlosigkeit zu überwinden. Die Schleier, die über den Geheimnissen des Lebens lagen, werden ansatzweise gehoben. der Weg durch die (symbolische) Wüste nach dem inneren Zusammenhalt von Immanenz und Transzendenz wird zum initiatischen Weg, zum Weg der Weisheit, der in die Gotteserkenntnis mündet.
Im 4. Abschnitt – Der Weg der Weisheit („Le chemin de la sagesse“)kommen die vergessenen Lebenswurzeln des Judentums, nämlich die Geheimnisse der Tora zur Sprache. Wie kann man jüdische Weisheit wiederfinden, wenn man das Lernen und den Unterricht vergessen hat? Es muss also ein Weg eröffnet werden, um den Talmud mit den philosophischen Ideen zu versöhnen – noch umfassender: Wie kann man Glaube und Vernunft in Harmonie bringen? Darum ist eine „innere“ Führung notwendig, die mit äußeren quasi lexigrafischen Beschreibungen des Lebens beginnt und metaphorisch und allegorisch weiterschreitet und so wieder Licht zum Verstehen der Tora bringt. Es ist zugleich ein Weg der Negation. Er offenbart die Trennlinie zwischen Gott und Mensch. Das bedeutet, Gott kann man nicht irgendwelche positiven Attribute zuordnen, diese signalisieren ja fehlende Vollkommenheit. Nur durch Negation kann man sich den verborgenen Wahrheiten annähern. Dies ist eine Methode bewusster Beschränkung menschlichen Verstehenwollens. Konkret: die Offenbarung des Gottesnamens an Mose (Exodus 3) ist für Maimonides „die Offenbarung einer auf sich selbst bezogenen Identität, welcher der ontologische Beweis seiner Existenz ist“ (S. 158), also kein begrifflicher Name, sondern eine Umschreibung: „Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde.“(Ex 3,14). Auf diesem Wege gelangt der „unschlüssige/perplexe Weise“ über mehrere Glaubens-Stationen (dégrés de croyances, S. 176) von der naiven Anbetung zu einem wahrhaften Kult („culte suprème“, S. 166). Gesetz und Tora sind hier Ausdruck einer universalen Vernunft unter Einbeziehung der menschlichen Vernunft mit ihren äußeren, auch religiösen Begrenztheiten. Auch die anderen Religionen haben Defizite, aber sie werden zu Weggenossen im Blick auf den Monotheismus und die fundamentale Rationalität des Gesetzes (S. 171).             
Das Ziel ist also nicht die Wiederherstellung eines äußeren (in der Vergangenheit zerstörten Tempels in Jerusalem), sondern die Liebe Gottes im Sinne eines Tempels in einem selbst. Praktisch geschieht das durch die stufenweise Annäherung an das göttliche Gesetz, wodurch sich die eigene Ignoranz in Erkenntnis verwandelt.
Als Schlussfolgerung bedenkt die Autorin die Nachwirkungen des Maimonides („La postérité de Maïmonide“) in der Geschichte der Philosophie, besonders was Baruch de Spinoza (1632–1677) und Moses Mendelssohn (1729–1786) betrifft. Maimonides, der Vater des philosophischen jüdischen Rationalismus, hat viele weitere mehr rationalistische Richtungen und verinnerlichte Frömmigkeitsformen angestoßen. Die Dualität in seinem „Führer der Unschlüssigen“ jedoch ist nur oberflächlich. Denn es geht um eine verinnerlichte Praxis des Gesetzes. Maimonides hat ermöglicht, sich auf die sufische Tradition einzulassen, die zugleich in eine jüdische Praxis integriert ist. Und die von ihm geprägte Haskalah, die jüdische rationale Bildung, brachte in der Folgezeit eine Annäherung an eine besondere jüdische Aufklärung hervor, die in der Tiefe die moderne deutsche Philosophie beeinflusste.
Bilanz:
In präziser Weise und gut nachvollziehbar zeichnet Géraldine Roux für jede/n an der Geistesgeschichte Europas Interessierte/n die bahnrechende Leistung dieses Meisters nach. Maimonides gelang es, die metaphysischen Probleme damaliger Wissenschaft so in eine philosophische Aufklärung zu bringen, dass die Religion darin einen glaubwürdigen Platz finden konnte – beeindruckende Etappen auf dem Weg von Glauben und Wissen zur Weisheit. Es wäre schön, wenn dieses Buch auch in einer deutschen Ausgabe erscheinen könnte.
Mehr zu Leben und Werk von Maimonides  (mit Textbeispielen):      
https://textmaterial.blogspot.de/2017/03/moses-maimonides-die-versohnung-von.html
Reinhard Kirste
Rz-Roux-Maimonide, 24.03.17   

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen