Dienstag, 16. Mai 2017

Den Koran in seiner Vielfalt verstehen lernen

Willi Steul (Hg.): Koran erklärt. Ein Beitrag zur Aufklärung.
st 4802. Berlin: Suhrkamp 2017, 298 S.
--- ISBN 978-3-518-46802 ---

Seit März 2015 hat der Deutschlandfunk in seinem Programm die kontinuierlich laufende Sendereihe „Koran erklärt“. Das vorliegende Buch ist ein gedrucktes Zwischenergebnis. Die Kommentare werden jedoch nicht im Rahmen einer Verkündigungssendung ausgestrahlt (wie z.B. beim kirchlichen „Wort zum Sonntag“ oder dem „Wort zum Freitag“ im SWR). Vielmehr versuchen die Autoren eine angemessene Verstehensgrundlage für muslimisches Handeln durch eine gewissenhafte Koran-Interpretation zu ermöglichen. Um Vorurteilen vorzubeugen, geschieht diese Auslegung einzelner Koransuren durch anerkannte Islamwissenschaftler, bewusst auch von islamischer Seite.
Ömer Özsoy (Universität Frankfurt/M.), Milad Karimi (Universität Münster), Tuba Isik (Universität Paderborn), Bülent Uçar (Universität Osnabrück), Mohammed Ali Amir-Moezzi (Sorbonne, Paris) und Seyyed Hossein Nasr (George Washington Universität, Washington, DC)
seien darum unter den muslimischen Koranexegeten
beispielhaft hervorgehoben.


Die bis Dezember 2016 interpretierten Koransuren, verbunden mit generellen Erläuterungen, liegen nun gedruckt vor. Das Buch enthält dazu noch drei Essays. Hier geht es um die Geschichte der Koranauslegung im Überblick (Thorsten Gerald Schneiders, Islamwissenschaftler und Journalist), um die keineswegs spannungsfreie Koranexegese zwischen Theologie und Orientalistik (Angelika Neuwirth, Arabistin, Freie Universität Berlin) und schließlich um die mediale Problematik, konkret um die islamische Beteiligung am Rundfunk in Deutschland.

Die Auswahl der Koransuren hat der Deutschlandfunk ganz offensichtlich auch an aktuellen Gegebenheiten orientiert. Insgesamt gelingt so ein versachlichender Beitrag, wenn man sich bewusst auf die Exegese der Korantexte konzentriert. Zugleich lässt sich dadurch auch die Variationsbreite der Interpretation erkennen.                                                                                
Die im Inhaltsverzeichnis benannten Themen,
werden an einzelnen Koranversen erläutert.                                      
 Inhaltsverzeichnis          
Bisher sind diese Suren zur Sprache gekommen: 
1-6, 9,12,13,15-19, 
21-24, 26,29,
30,31,33,
41-44,49,
54,57,
80,82,83,85,
91,93,96,100,112.

Einstiegshilfe zum Verstehen bildet bereits der erste Beitrag –(zugleich auch die damalige erste Sendung. Es ist eine Auslegung von Sure 4,163 (Offenbarungen Gottes, die von Noah bis Jesus erfolgten).
Ömer Özsoy betont: „Die Offenbarung ist eine Vergegenwärtigung, durch die das Göttliche, das heißt das Kontextlose, ins Menschliche, also in bestimmte Kontexte, übertragen wird“ (S. 15). 
Bereits hier, aber noch deutlicher in dem Abschnitt über Auslegungsfragen (S. 25–49), kommt eine intensive hermeneutische Debatte ins Blickfeld, die die unterschiedlichen historischen, sprachlichen, geografischen und gesellschaftlichen Bedingtheiten bei der Auslegung heiliger Texte nicht ausklammern darf. Da wird selbst das Privileg der arabischen Sprache für die Gottesoffenbarung deshalb hinterfragt, weil schließlich alle Völker vor Gott gleich sind (S. 28). So gibt es auch in der islamischen Theologie von Anfang an unterschiedliche Deutungen schwierig zu verstehender Koranverse. Georges Tamer (Universität Erlangen-Nürnberg) bringt dies am Beispiel von Sure 3,7 so auf den Punkt: „Laut Averroes müssen jedoch Menschen, die nicht über notwendiges Wissen verfügen … von der Auslegung mehrdeutiger Verse ferngehalten werden – eine Vorstellung, die im Islam in den vergangenen Jahrhunderten weite Verbreitung fand“ (S. 31).
Bilanz
Die göttliche Offenbarung hat konkrete Menschen zum Ziel. Was Gott den Menschen zu sagen hat, hat seine Basis im Koran. Das vereint konservative und reformorientierte Interpreten. Aber die göttliche Botschaft wird nicht dadurch ernst genommen, dass man sie wortwörtlich auf eine veränderte geografische, klimatische, gesellschaftliche und kulturelle Situation drückt. Das Wort Gottes will unter menschlichen Bedingungen neu gehört werden. Schließlich hat der Koran selbst unterschiedliche Entstehungszeiten und unterschiedliche Adressaten (Angelika Neuwirth, S. 231). Das muss sicher im Respekt vor dem heiligen Text, unter Berücksichtigung der Auslegungstraditionen, aber ebenso im Horizont der jeweiligen Zeit adäquat und redlich versucht werden. Darum wird die Koranauslegung nie abgeschlossen sein. Diese wichtige Erkenntnis macht absolute Deutungsansprüche unmöglich. Insofern ist dieses Buch zugleich eine Absage an jegliche Fundamentalismen. Angesichts solcher hermeneutischer Herausforderungen darf man auf die weiteren Suren-Interpretationen gespannt sein.
Reinhard Kirste


Rz-Koran-Keul, 16.05.17

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