Freitag, 1. September 2017

Buch des Monats September 2017: Kulturelle Bereicherung durch Begegnung

Nefvel Cumart / Ulrich Waas: 
Orient und Okzident  
 die andere Geschichte. 
Das Fremde als kulturelle Bereicherung. 
Buchreihe der Georges-Anawati-Stiftung, Bd. 14. 
Freiburg/Br. u.a.: Herder 2017, 240 S.
 
--- ISBN 978-3-451-37884-3 ---
Die beiden Autoren sind von ihrer Herkunft und ihren Studien her mit dem Thema vertraut: Nevfel Cumart (geb, 1964) hat als Sohn türkischer Einwanderer Orientwissenschaften studiert und arbeitet als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Ulrich Waas (geb. 1947) ist gewissermaßen ein Quereinsteiger, denn er war bis zu seiner Pensionierung für Sicherheitsfragen in Atomkraftwerken zuständig. Er arbeitete sich intensiv besonders durch Kulturreisen in die Geschichte Anatoliens ein.
Die Georges-Anawati-Stiftung hat diesen Band herausgegeben. Ihre Intentionen zielen darauf ab, das gegenseitige Verständnis von Christen und Muslimen besonders zu fördern: http://www.anawati-stiftung.de/
Die Autoren widmen das Buch Semiya Simsek. Ihr Vater Enver Simsek wurde im September 2000 das erste Opfer in der Mordserie des rechtsradikalen, terroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). In ihrer Rede im Februar 2012 angesichts der Morde des NSU und in ihrem Buch  Schmerzliche Heimat  (2013) spiegelt sich das Leiden ihrer Familie. Es ist ein Skandal, dass die Opfer als Täter verdächtigt wurden!  Das hat die Autoren motiviert, das Verbindende von Morgenland und Abendland in der Geschichte zu betonen.

Trotz aller Missverständnisse und nicht aufhörender Konfliktserien „Ost gegen West“ und „West gegen Ost“ gelingt es den Autoren, ein Bild der Hoffnung zu zeichnen. Das ist der Schwerpunkt in Kapitel 1. Die Vorstellungen der Extremisten auf beiden Seiten und die negativen Wahrnehmungen des Islam („Kampf der Kulturen“) bis in die Gegenwart werden keineswegs ausgeblendet. Vielmehr geht es in der Fortführung von Goethes Blick auf den Orient darum, respektvolles gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. So entsteht eine west-östliche Religions- und Kulturgeschichte von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert. Es ist ein guter Überblick, der die wesentlichen Epochen und Brennpunkte sachgemäß und verständlich beschreibt.
In Kapitel 2-4 erfolgt dann eine genauere Differenzierung im Blick auf den Kulturtransfer von Ost nach West, und zwar aufgegliedert in folgende Epochen: Hellenismus, Römisches Reich, Aufstieg des Christentums, das sog. Goldene Zeitalter des Islam zwischen 800 und 1100 und das Heraufkommen der Turkvölker. Das Kapitel 5 verweist auf den Vorsprung der islamischen Kultur im Hochmittelalter, besonders in den Naturwissenschaften. Mit dem Kapitel 6 und 7 kommt neben dem osmanischen Imperialismus auch der des Abendlandes zur Sprache. Machtverschiebungen unterschiedlicher Art führen schließlich zum Niedergang des Osmanischen Reiches.
Mit Kapitel 8 beginnen Rückblicke und gegenwärtige Reflexionen gleichermaßen. Angesichts der Quellenlage und genauerer Untersuchung der islamischen Anfänge lassen sich reichlich klischeehafte Vereinnahmungen oder Abwertungen aufdecken. Die Autoren betonen dann in Kapitel 9 die Flexibilität koranischen Verständnisses sowie im Handeln des Propheten Mohammed. Sie verweisen auch auf die Wertschätzung Jesu im Islam und die Betonung der Vernunft (S. 161ff, 151ff). Das Kapitel 10 geht den gegenseitigen Abgrenzungen sowie den christlichen und islamischen Vorurteilen bis in die Gegenwart nach: Der heutige islamistische Terrorismus hat die Reformversuche des 19. Jahrhunderts und das Salafiyya-Verständnis eines Mohammed Abduh und eines Dschmal ad-Din al-Afghani geradezu fanatisch karikiert (S. 113ff). Das verschärft die Schwierigkeiten heutiger Ost-West-Begegnung zusätzlich, wie Kapitel 11 zeigt.
In Kapitel 12 versuchen die Autoren, eine dialogfähige Bilanz zu ziehen, indem sie Wege für eine fruchtbare interreligiöse Begegnung aufzeichnen, und zwar durch Vernunft und Ablehnung von zweierlei Bewertungsmaßstäben. Die positiven Seiten des „Anderen“ lassen zugleich zukunftsorientierte Möglichkeiten aufscheinen.
Die Autoren sprechen insgesamt viele Aspekte einer Ost-West-Geschichte im Kontext des Islam an. Sie war und ist nicht nur (religiös) konfliktgeladen, sondern auch  von enger kultureller Verbundenheit geprägt. Einige Brennpunkte seien herausgehoben:  
  • Islamische Aufbrüche in Bagdad und Toledo sowie Kaiser Friedrich II. in seiner Funktion als Brückenbauer (S. 54f und 66f).
  • Das Osmanische Reich mit seinen christlichen Verbündeten (!), also kein Kampf Ost – West, sondern oft seltsame Realpolitik. Man denke an die Anti-Kaiser-Koalitionen und die preußische Türkenpolitik (S. 104).
  • Seit dem hohen Mittelalter fällt eine zunehmende Dogmatisierung des Islam auf (besonders Ibn Taimiyya im 13./14. Jh.) gegen die immer wieder Aufklärer als flexible Ausleger von Koran und Sunna auftreten.
  • Der Koran und die Gewalt: Die Autoren reden die problematischen Korantexte nicht klein, die angesichts der Sure 5,32 und einiger weiterer Stellen zu ausgesprochen „grenzwertigen Kommentaren“ führen. Das betrifft nicht nur fundamentalistische islamische Theologen (S. 142ff).

In Erinnerung an die Mu‘taziliten mit ihrer Betonung der Rationalität ist es darum besonders wichtig, die Debatte um den Idschtihad im Sinne eines offenen Tors der Auslegung neu ins Spiel zu bringen
(S. 152–155). Das haben Autoren wie Kermani, Abu Zaid und Khorchide bereits getan. Auch aus Franz von Assisis friedlichen Orient-Begegnungen lässt sich gegenwärtig viel lernen. Die einzige Chance scheint nämlich zu sein, dass „man den Weg zu einer glaubwürdigen Verständigung zwischen der Mehrheit bzw. ihren Repräsentanten in Abendland und Morgenland findet“ (S. 226). Stolpersteine auf diesem Weg dorthin gibt es allerdings genug! Dass jedoch ein Muslim und ein Christ gleichermaßen und einhellig betonen, dass ein politisches und theologisches Umdenken großen Stils notwendig ist, signalisiert zumindest Hoffnung für einen Frieden der Kulturen und Religionen, der herstellbar ist.
Reinhard Kirste



Rz-Cumart-Orient-Okzident, 31.08.17

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