Sonntag, 5. August 2012

Weltreligion Christentum - ökumenisches Lernen in der Oberstufe


Werner Trutwin: Weltreligionen – Christentum. Arbeitsbücher Sekundarstufe II.
Religion – Ethik – Philosophie.
München: Bayerischer Schulbuch Verlag (Patmos) 2012, 192 S. Abb. --- ISBN 978-3-7627-0433-1
Völlige Neubearbeitung des bisherigen Heftes, das 1999 im Patmos-Verlag Düsseldorf erschien.
Mit diesem Band über die Vielfalt des Christentums ist nun die neubearbeitete Reihe für die Sekundarstufe II „Weltreligionen“ abgeschlossen.
Die bisherigen Bände - Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus - sind bereits auf dieser Rezensionseite ( = "Ein-Sichten") vorgestellt worden.  Hier mehr!

Ausführliche Besprechung
Der erfahrene Praktiker und Religionspädagoge Werner Trutwin behält auch bei diesem Arbeitsheft die gewählte Struktur zum Verständnis einer Religion bei, um damit zugleich eine gewisse Vergleichbarkeit im Blick auf die anderen Religionen zu ermöglichen.
Nach Anregungen für die unterrichtliche Arbeit im Kontext des Religionsunterrichts erwähnt Trutwin die „direkten“ Bezugsfächer „Ethik“ bzw. „Praktische Philosophie“. Er stellt dann einen klar strukturierten Kursunterricht in Religion vor.
Nach einer ersten Setzung, dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, hebt Trutwin die bleibende Mitte des Christentums – eben Christus – heraus, ordnet das Glaubenszentrum aber in die kulturelle und soziologische Vielfalt sowie in die jeweiligen historischen Prägungen ein. Neben der gläubigen Binnensicht weitet sich der Zugang bis hin zur Außenperspektive, der Ablehnung von Religion überhaupt. Verdeutlicht wird dies auch durch „widersprüchliche Urteile“ über das Christentum von Prominenten. Die Verbreitung des Christentums weltweit wird mit relativ neuen Zahlen gestützt.


Die Geschichte des Christentums ist ohne das Judentum nicht zu denken. Theologischer Ausgangspunkt bleibt hier der Gedanke der „bleibenden Erwählung Israels“ (S. 18). Als Bezugspunkte bieten sich wie in den anderen Religionen die Heiligen Schriften bzw. die Hebräische und Christliche Bibel an. Sie werden auf die jeweiligen Gottesverständnisse fokussiert. Natürlich muss es in diesem Zusammenhang auch eine ausführliche Darstellung der Bibelwissenschaft geben. Die skandalträchtigen Ereignisse christlich motivierten Verhaltens gegenüber dem Judentum werden bis ins 20 Jahrhundert deutlich zur Sprache gebracht.
Neben den außerchristlichen Zeugnissen zur Person Jesu präsentiert Trutwin auch verschiedene Jesusbilder im Horizont von gesicherten Daten und Fakten und ihre unterschiedlichen Deutungen des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu. Dabei kommen bekannte Theologen zu Wort.
Wie schon bei den anderen Religionen ist Trutwin auch die interreligiöse Offenheit wichtig, die Menschen anderer Religionen für Jesus haben. Äußerungen einzelner, aber besonders die Friedensgebete von Assisi sind dafür Mut machende Zeichen, ebenso das 2. Vatikanische Konzil, auf das der katholische Autor mit Recht als dialogischem Markstein verweist.
Jesusbilder – Gottesbilder – sie bieten in ihrer Vielfalt (auch in den beigefügten künstlerischen Darstellungen) Chance und Schwierigkeit zugleich, denn Menschwerdung und Dreifaltigkeit müssen unter den Bedingungen der Moderne interpretiert werden. Gottes-Annäherungen und klassische „Gottesbeweise“ werden darum an bekannten Persönlichkeiten in Vergangenheit und Gegenwart dargestellt. Die Theodizee-Frage nimmt dabei erheblichen Raum ein.
Es geht aber Trutwin nicht einfach darum, eine theologisch-wissenschaftlich akzeptable Materialbasis für die Sekundarstufe II zu schaffen, sondern auch zu verdeutlichen, dass neben die Theologie auch die Spiritualität in Gebet und Feier gehört. Dazu gibt es immer wieder eher meditative Einblendungen, beeindruckende Lyrik-Texte und erstaunliche Bilder, das „Göttliche“ sichtbar werden zu lassen und den Menschen in „Elend und Größe“ zu beschreiben (S. 110ff). Zugleich lässt sich „exemplarisches Christsein“ herausheben (S. 122–127).
In die Debatte um das Gottesbild gehört die Ambivalenz eines auf Eindeutigkeit drängenden und auch mit Gewalt verbundenen Monotheismus. In diesem Zusammenhang werden auch die Rede von der Schöpfung und atheistische Argumentationen angesprochen.
Die Ethik bildet ebenfalls einen großen Bearbeitungsblock. Die unterschiedlichen anthropologischen und theologischen Begründungen und Bezugselemente reichen von den 10 Geboten am Sinai über die Bergpredigt Jesu bis hin zu einer kleinen Tugendlehre (S. 136ff). Hier müssen natürlich auch die brennenden Fragen der Gegenwart angesprochen werden wie z.B. Präimplantationsdiagnostik und Sozialethik.
Mit einem knappen Überblick und einigen Brennpunkten zur Kirchengeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, ökumenischen (oft mühsamen) Bemühungen und kirchenkritischen Anmerkungen zum Machtverhalten der Kirche geht das Buch in die Schlussphase. Diese nimmt nicht nur Krisensymptome der Kirche auf, sondern auch die zunehmenden Christenverfolgungen und die offenen Fragen für die Zukunft des Christentums angesichts der Säkularisierung, der Wiederkehr von Religion ohne bestimmte Dogmen und die Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs.
Es ist ermutigend, wie ein katholischer Religionspädagoge dieses Buch zusammengestellt hat. Denn es setzt auf die positiven konfessionsökumenischen Erfahrungen. Zugleich wird die Begegnung der Religionen „auf Augenhöhe“ gerade für die Zukunft als eine unausweichliche Notwendigkeit postuliert. Damit ist hier ein religionsökumenisch offenes „Lehrbuch“ entstanden, das man als Christentum-Materialbasis mit seiner didaktischen und methodischen Vielfalt für den katholischen, evangelischen und islamischen Religionsunterricht nur wärmstens empfehlen kann.
Reinhard Kirste
Rz-Trutwin-Christentum, 03.08.12

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen