Dienstag, 17. April 2018

Der Islam auf dem Prüfstand gesellschaftlicher Veränderungen (aktualisiert)

Michael Blume: Islam in der Krise Eine Weltreligion
zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug.

Ostfildern: Patmos 2017, 217 S., ausführliches Glossar
 --- ISBN 978-3-8436-0956-2 ---
Das Buch des Stuttgarter Politik- und Religions-wissenschaftlers Michael Blume hat sofort nach seinem Erscheinen ein breites Medienecho gefunden. 

Vgl. die Zusammenstellung:
Kommentare und Rezension in Auswahl: hier


Das große Interesse kam auch deshalb, weil der Autor nicht den gängigen Vorstellungen von der weltweiten Expansion des Islams folgt. Ganz im Gegenteil: vielmehr zeigt er auf, wie „der Islam“ in seinen vielfältigen Strukturen offensichtlich eine innere Krise bewältigen muss. Das hängt mit den Säkularisierungsprozessen zusammen, die auch vor der islamischen Welt nicht haltmachen. Dazu kommen soziale Krisen, gesellschaftliche Konflikte, ethnische Auseinandersetzungen. Speziell die arabische Welt und besonders deren reaktionäre Herrscher können ihre Macht und ihren politisch-kulturellen Einfluss nur durch die Einnahmen aus den sprudelnden Ölquellen sichern.
Es sei angemerkt, dass Blume in eine ähnliche Richtung argumentiert wie schon seit längerem bedeutende französische Wissenschaftler:
·        Gilles Kepel, z.B. in: „Jihad. Expansion et déclin de l’islamisme. Gallimard 2000
Ausführliche Rezension in Recherches Sociologiques 2000/3, p. 133-138
·        Abdelwahab Meddeb: La maladie de l’islam. Seuil 2002 = „Die Krankheit des Islam“.
Heidelberg: Wunderhorn 2002–
Rezensionsnotizen bei perlentaucher.de
Mehr zu beiden Autoren im Verlag Seuil: Neue Sachbücher: hier
·        Olivier Roy und Fethi Benslama beziehen sich dagegen auf einen anderen Aspekt des islamischen Terrorismus: Er ist Ausdruck einer veränderten Form der Jugendrevolte.
·        Zu Olivier Roy und seinen Zeit-Analysen: hier
·        Zu Fethi Benslama und Radikalisierungstendenzen im Islam: hier
Die Krise des Islam zeigt sich am deutlichsten im Bildungsniedergang in der sog. Islamischen Welt. Bildungsaufbrüche brauchen aber demokratische Freiheiten, die den Bürgern dieser Länder weitgehend verwehrt werden. Der Eindruck des „Abgehängtseins“ und der Entwicklungsbedürftigkeit (auch durch die Macht des „Westens“!) fördert Verschwörungstheorien und Gewaltexzesse oder aber den „stillen Rückzug“.
Als das Buch geschrieben wurde, war der sog. Islamische Staat noch auf dem Höhepunkt seiner Macht. Inzwischen ist er fast zusammengebrochen. Er hält sich nur noch durch Terroranschläge, die er für sich reklamiert, im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Keineswegs beseitigt sind jedoch damit zusammenhängende Ursachen. Diese beschreibt Michael Blume grundsätzlich, demografisch, aber auch durch eigene Erfahrungen gestützt, die er bei Orientreisen und Begegnungen mit Muslimen vor Ort sammelte.
Der Verfasser geht nun so vor, dass er zuerst fragt, wie es um die Muslime bestellt ist. Der Islam ist statistisch gesehen die zweitgrößte Weltreligion mit ca. 1,6 Milliarden Menschen. Er konzentriert sich nun zuerst auf die Muslime in Deutschland. Ihre Zahl liegt nach Schätzungen zwischen 4,4 und 4,7 Millionen. Aber was sagt die Statistik wirklich? „Würde man beim Islam in Deutschland das gleiche, strenge Kriterium anlegen wie beim Christentum, wären nur noch die etwa 20 Prozent der >Muslime< zu zählen, die tatsächlich einer Religionsgemeinschaft angehören und dafür Beiträge entrichten“ (S. 15). Dieses ernüchternde Ergebnis verstärkt der Autor noch durch die Ergebnisse des Religionsmonitors 2017. Dort wird darauf verwiesen, dass sich Menschen muslimischer Herkunft verstärkt außerhalb der Moscheegemeinden engagieren.
Zur Verdeutlichung blickt Blume etwas genauer in die islamische Geschichte zur Religionsfreiheit (S. 17ff). Er spiegelt sie an der Entwicklung religiöser Toleranz und der Menschenrechte in Europa. Hier spielt die gegenwärtig vielfach aktivierte islamische Tradition des Takfirs, des Abfalls vom wahren Glauben und des Unglaubens eine beunruhigende Rolle. Dies geschieht, obwohl die koranische Auslegung von Sure 2,256 (Kein Zwang im Glauben!) Möglichkeiten der Religionsfreiheit eröffnet (S. 23). Die islamischen Institutionen lähmen sich teilweise selbst durch ihre theologisch-ethischen Einstellungen. Viele Muslime fühlen sich damit in einer veränderten Gesellschaft auf sich selbst gestellt und verunsichert. Tatsächlich hat inzwischen ein „stiller Rückzug“ begonnen. Er zeigt sich in der Kluft zwischen dem „öffentlich bekundeten >eigentlichen< Islam und der Lebensrealität der >Muslime<“ (S. 31). Es kann nun allerdings nicht darum gehen, einen staatlich sanktionierten „liberalen Islam“ in Deutschland zu etablieren. Der Islam muss in der Lage sein, sich selbst im Sinne einer religiösen Körperschaft (wie z.B. die Kirchen) zu organisieren.
Was also ist angesichts der ebenfalls auffälligen Säkularisierungstendenzen des Islam in Deutschland zu tun?
Ehe Blume sich mit dieser Frage weiter beschäftigt, kommt er auf einen Tiefpunkt islamischer Geschichte nach dem phänomenalen Bildungsaufstieg im Mittelalter zu sprechen: 1485. Die Erfindung des Buchdrucks und damit einhergehende intensive Medienverbreitung sah das Osmanische Reich als Bedrohung an und verbot den Druck in arabischen Lettern. Dank dieser phänomenalen Erfindung erhielt die europäische Welt seit der Reformation ein anderes Gesicht. Anders in der islamischen Welt: Es folgte der Niedergang islamischer Bildung, der bis heute nicht aufgeholt worden ist (S. 59–64) und sich teilweise in Moscheegemeinden fortsetzt. Unabhängig von den eigenen Entwicklungswegen jeder Religion wirkt sich im Islam jedoch in der Moderne der „Fluch des Öls“ aus, der mit Eliten in den ölreichen arabischen Staaten zusammenhängt: Diese beziehen ihr Einkommen nicht durch Arbeit, sondern die Produktivität erbringen Gastarbeiter. Das extremste Beispiel ist Saudi-Arabien mit dem rückwärts gewandten fundamentalistischen Wahabismus. So konnte und kann sich weiterhin auch die dunkle Seite der Religiosität in Abgrenzungsstrategien gegen den „Westen“ und Verschwörungstheorien entwickeln. Aktuelle politische Beispiele gibt es dafür genug. Es ist wohl einiges dran von der These „Die Krankheit des Islam“.

Woher aber kommen die westlichen Ängste einer islamischen Überfremdung? Der sog. Geburtendschihad (S. 139f) erweist sich als Phantom, gerade weil es in den Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ebenfalls wie im Westen in allen Bevölkerungsgruppen einen erheblichen Rückgang der Geburten gibt.
Was ist insgesamt zu tun, und wie können Muslime und Nichtmuslime gemeinsam die offenkundige Krise des Islams gemeinsam überwinden? „Weder die Weltreligionen noch die empirischen Wissenschaften sind also an ihr Ende angelangt … Und in aktiver Förderung von Wissen und gelingendem Leben, in gegenseitigem Respekt und friedlichem Wetteifern um das Gute … was könnte Muslime, Christen, Juden, Anders- und Nichtglaubende besser verbinden?“ (S. 154)
Bilanz
Zum einen lehrt die Demografie – so Blume – dass Überalterung nicht in die Zukunft führen kann. Wir brauchen die jungen Generationen. In diesem Zusammenhang haben die Religionen die Aufgabe, sinnhafte Antworten für Leben und Zukunft „herüberzubringen“. Zum anderen ist Bildung für alle der entscheidende Faktor, damit die Hoffnungen auf eine bessere und friedlichere Welt nicht zerbrechen, sondern realisiert werden können. 
Michael Blume kann hier natürlich auch keine präziseren Antworten geben. Seine Analysen weichen von üblichen Islamkritiken ab. Sie verändern den oft verengten, zuweilen verängstigten Blick auf die Muslime in Deutschland und auf die Umbrüche in der islamischen Welt. Solche Horizonterweiterung ist dringend notwendig. Blume leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Sein Buch ist darum zu recht in die Bestsellerlisten gekommen. Es sollten nun praktische Umsetzungen erfolgen: Gemeinsame Initiativen im praktischen Zusammenleben und in der politischen Neuorientierung!
Reinhard Kirste


Rz-Blume-Islam-Krise, 01.12.2017 

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