Montag, 30. April 2018

Theologien des Südens - eine Zwischenbilanz unter postkolonialen Aspekten

Juan José Tamayo: Theologien des Südens. 
Die Entkolonialisierung

= Theologien des Südens - eine Abkehr vom Kolonialismus
Madrid: Editorial Trotta 2017, 252 S.
- ISBN 978-84-9879-707 ---
  • Verlagshinweis: hier
  • Zusammenfassung in Spanisch
    am Ende des deutschen Textes
  • Englische Zusammenfassung am Ende
    der Überprüfung
Der Madrider Religionswissenschaftler Juan José Tamayo (geb. 1946) hat schon mit seinen bisherigen Veröffentlichungen gezeigt, dass Theologie Wege des Dialogs aus kultureller und dogmatischer Enge ermöglichen muss, um auf die Herausforderungen der Gegenwart glaubwürdig zu reagieren. 

Mit diesem Buch zieht der Autor eine vorläufige Bilanz. Er lässt den immer noch gepflegten religiösen Eurozentrismus hinter sich,
um afrikanische, asiatische lateinamerikanische,
schwarz-amerikanische Konzepte der Theologie vorzustellen.
Dies geschieht beschreibend, aber zugleich mit einem ethischen Impetus. So werden die immer noch existierenden Kolonialismus-Strukturen auf dem südlichen Teil der Erde offenbar. Sie sind leider konstitutives Element der Moderne.


Um die bisherige Denkrichtung generell zu ändern, konzentriert sich Tamayo unter den Stichworten Feminismus, Ökologie und Option für die Armen als fundamentale Herausforderungen der Gegenwart. Der Blick auf soziale und religiöse Hegemonien auf Kosten der Ausgegrenzten nötigt zur Parteinahme: gegen Patriarchismus,
(Neo)-Kolonialismus, neoliberaler Kapitalismus, Rassismus, Umweltzerstörung, Krisis der Demokratie und Fundamentalismen aller Art. Die Zielrichtung seines Buches geht von der Kritik an bisherigen (christlichen) Religionskonzepten hin zu einer [indigenen] Theologie, die menschenfreundliche Ethik und visionäre Weltverantwortung zusammenbindet.

1.  Kritik an Religionen, die die Vorherrschaft
     über andere religiöse Traditionen ausüben
Tamayo zeigt, wie das Aufkommen und die Ausbreitung der monotheistischen Religion des Christentums zu Absolutheitsansprüchen geführt hat, die auch militärisch-politisch durchgesetzt wurden. Diese religiösen Hegemonien haben zugleich Unterdrückungsmechanismen produziert. Das gilt für das mittelalterlich-katholische Paradigma ebenso wie für das kolonialistische Christentum in Lateinamerika, Afrika und Asien. Der zur Schau gestellte Exklusivismus mit absoluter Heilswahrheit machte das Christentum unfähig, auf den Reichtum der anderen Religionen dialogisch einzugehen. Schließlich wurde auch die islamische Welt in der Neuzeit durch die kolonialen Eroberungen der westlichen Welt untergeordnet. Christentum und Okzidentalismus sind insgesamt eine problematische Einheit eingegangen. So lässt sich eine hegemoniale Typologie des monotheistischen Christentums gegenüber den „polytheistischen“ und „kleinen“ indigenen religiösen Traditionen aufdecken. Tamayo bezieht sich dazu mehrfach auf die monotheistisch-kritische Position von Jan Assmann. Aus der theologischen Schieflage „Nord-Süd“ sind darum neue Theologien als Gegenpositionen mit den Schwerpunkten Gerechtigkeit und Befreiung entstanden. Besonders hervorzuheben ist hier die 1976 in Daressalam gegründete  Ecumenical Association of Third World Theologians (EATWOT).  Sie ist sehr schnell zu einer globalen Vereinigung religionsökumenisch orientierter christlicher TheologInnen geworden.

2.  Theologische Aufbrüche und post-koloniale Theologien
Die theologischen Veränderungen in Richtung eines Pluralismus zeigten sich auch in der westlichen Welt. Dazu gehört ein Teil der liberalen Theologen des 19. Jahrhunderts und dann besonders die Existenztheologien des 20. Jahrhundert. Tamayo klassifiziert sie als hermeneutisch unter aktualisierten Auslegungskriterien der Glaubensquellen. Damit wird die Auslegung verstärkt interkulturell, interreligiös, feministisch, praktisch-ethisch, ökologisch, anamnetisch (im Sinne von Erinnerung an die Ausgegrenzten), utopisch, symbolisch, ökonomisch-politisch und nicht mehr kolonialistisch. Er sieht diese Konzepte im Horizont der Befreiung von bisherigen übergeordneten Abhängigkeiten. Barmherzigkeit wird als gemeinsames Element aller Religionen gesehen. Die Religionswissenschaft wird dabei zum kritischen Element für die methodische und interdisziplinäre Arbeit der Theologie (S. 60–62). Ich hätte mir gewünscht, dass neben wichtigen Protagonisten wie Rudolf Bultmann, Paul Tillich, Dietrich Bonhoeffer und Karl Rahner  auch John Hick genannt worden wäre. Insgesamt zeigt sich eine ökumenische Weite, aus der postkoloniale Theologien erwachsen, die zu überregionalen Netzwerken werden. Treibende Elemente sind die Wahr-Nehmung und die Bedeutung des Anderen in seiner Andersheit. Sie gilt es, ernst zu nehmen und theologisch umzusetzen. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. versuchten, diese Tendenz disziplinarisch zu bremsen, indem sie Theologen der Befreiung, pluralistische und feministische Theologen/Theologinnen abstraften, z.B. Leonardo Boff, Tissa Balasuria und Jacques Dupuis. Aber die post-kolonialen Theologien des Südens wirken trotzdem eminent kritisch-gesellschaftlich und politisch. Nach dieser Positionsbestimmung folgt nun eine genauere Differenzierung postkolonialer Theologien in den Abschnitten 3-7.

3.  Afrikanische Theologien
In diesem Kapitel beleuchtet der Autor auf dem Hintergrund der (traumatischen) kolonialen Vergangenheit Afrikas die Wirkungen des Christentum als imperialer Religion. Umso aufregender muten von daher die Aufbrüche „schwarzer“ christlicher Theologien an mit einer Vielfalt religiöser Glaubensüberzeugungen. Diese lebt von einer konsequenten (afrikanischen) Kontextualität, in der Konzepte von Befreiung (z.B. auch gegen die Apartheid), Einbeziehung der Frauen und Aufnahme traditionaler Religionen eine wesentliche Rolle spielen. Hier hätte noch der islamische Befreiungstheologe Farid Esack zu Wort kommen können. Denn es entstehen Theologien in bewusster Loslösung von europäischen Einflussnahmen, aber in zugleich aktualisierender Wertschätzung von einigen europäischen Theologen wie Dietrich Bonhoeffer. Zur Verdeutlichung seiner Zielrichtung geht Tamayo ausführlich auf den Ubuntu-Kult der Bantu-Völker ein. Diese Tradition ist geprägt von einer Interdependenz, auf der Grundlage einer spirituellen Lebensweise. Kennzeichen sind Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Empathie und die Selbstverständlichkeit des Miteinander-Teilens.

4.  Die „Schwarze Theologie“ in den USA
Sie ist in den USA auf dem Hintergrund des weißen Rassismus entstanden.
Martin Luther King auf christlicher Seite und Malcom X auf islamischer Seite werden zu einer unüberhörbaren Herausforderung für die Veränderung der nordamerikanischen Gesellschaft im Sinne von Gleichheit und Gerechtigkeit. Tamayo verfolgt diese Entwicklung von 1966 bis in die 80er Jahre des 20. Jh.s.
 
Dann geht er noch auf aktuelle Tendenzen ein, in denen wiederum die Verbindung zu den Theologen der 3. Welt (EATWOT) hergestellt wird. Hier zeigt sich der Zusammenhang von „Schwarzer Theologie und Theologie der Befreiung auch unter feministischen Gesichtspunkten sehr deutlich.
„Die schwarze Gemeinschaft möchte in dieser Weise zum Ausdruck bringen, dass sie mit vollem Recht einen Teil der Gottesherrschaft bildet  und dass sie die Bevormundung der weißen Superioritätsansprüche zurückweist“ (S. 119, eig. Übers.).

5.  Asiatische Theologien
Der Blick nach Asien macht die dortige Vielfalt religiöser Traditionen ebenfalls offenkundig. Es handelt sich um ein“ religiöses Pluriversum“ (S. 125f) in soziökonomischen Kontexten. „Jede Sprache und jede Kultur bringt die asiatischen Völker in Kontakt mit den religiösen Erfahrungen in ihrem Leben und mit den fundamentalen Wahrheiten der Religionen“ (S. 125f). Das führt zu einem neuen Paradigma, wie der Kongress der 3. Welt-Theologen 1979 in Sri Lanka hervorhob: „Die Theologinnen und Theologen … wertschätzen den Reichtum der hauptsächlichen religiösen Traditionen Asiens positiv: Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum. Das gilt ebenso für ihre jeweilige Philosophie wie für ihre künstlerischen Manifestationen, ihre Mythen, Riten und Legenden“ (S. 129, eig. Übers.). Unter dem Vorzeichen der Befreiung geht Tamayo dann noch auf die indische Dalit-Theologie, die Minjung-Theologie Südkoreas (im Kontext des Konfuzianismus) ein. Es sind Theologien des Kampfes/Streits, in denen auch lateinamerikanische Einflüsse wirksam werden. Die verschiedenen Vertreter sehen sich als gleichwertige Partner, also im Sinne einer islamischen, hinduistischen, buddhistischen, konfuzianischen, jüdischen und palästinensische Variante einer Theologie der Befreiung. Um nur einige wenige Namen zu nennen: in Indien Ashgar Ali Engineer (1939–2010), in Südasien
Aloysius B. Chang, auf jüdischer Seite auch im Blick auf Palästina Marc H. Ellis
und Naim Stefan Ateek.
Christliche TheologInnen wie Aloysius Pieris, Michael Amaladoss, Kwok Pui-Lan
und Hyun Kyun Chung zeigen, wie sich ihre Konzepte bewusst auf Zusammenhänge einlassen, und zwar auf Säkularisierung, Gender-Problematik, Religion der Ahnen.
So werden zugleich pluralistische Ansätze interreligiös vertieft.

6.  Lateinamerikanische Theologien
Erst jetzt kommt Tamayo auf die in der 2. Hälfte des 20.Jh.s bedeutende lateinamerikanische Theologie der Befreiung zu sprechen. Diese von Konservativen gern schon totgesagte und päpstlich unterdrückte Richtung hat jedoch durch Papst Franziskus einen neuen Aufschwung erhalten. Ihre Promotoren sind z.T. auch in Deutschland bekannt geworden: Gustavo Gutierrez, José Mará Arguedas, Leonardo Boff, Jan Sobrino, Dom Helder Cámara, Ernesto Cardenal, Pedro Casaldáliga. Es war und ist eine Theologie unter ethischen Prämissen und Bewertungen. Die Option für die Armen hat von Anfang an dazu geführt, dass die Befreiungstheologen Analysen des Marxismus bewusst aufnahmen. Allerdings sahen sie sich selbst nicht als Marxisten, was jedoch der Vatikan behauptete. Aber man kann Theologie nicht ohne kritischen Umgang mit dem kapitalistischen Neoliberalismus glaubwürdig betreiben. Den Armen die Armut und die Ausgrenzung nehmen, ist darum eine theologische Notwendigkeit. So „hat die Theologie der Befreiung die dogmatischen Sicherheiten der Vergangenheit verlassen. Sie hat sich auf den Weg unerforschter komplexer Bereiche gemacht. Sie hat aufgehört,  den Wegen ermüdender Wiederholungen zu folgen und hat sich vielmehr neuen Pfaden im religiösen Denken geöffnet“ (S. 179, eig. Übers.). 
Zu den neueren Richtungen gehört auch die schwarze feministische Theologie Lateinamerikas und der Karibik. Sie nimmt u.a. kultische Elemente des Candomblé, 
des Voodoo, der Santería und des Lumabalú auf (S. 186f).  Angesichts des Geschlechterverhältnisses geht sie durchaus ungewohnte Bahnen (z.B. zur Homosexualität). Diese Theologien sind zugleich Öko-Theologien, weil ihnen die Bewahrung der Erde ein zentrales Anliegen ist. Diese Konzepte sind durch die Verbindung zu den indigenen und neuen Kulten religionspluralistisch angelegt – oft mit poetischer Kraft wie bei Rubem Alves (S. 202f).
Die lateinamerikanische Variante von EATWOT(= ASETT) bietet hier eine offene Plattform für den Diskurs. Dass dies alles nicht ohne Brüche mit den europäischen Theologien geschieht, liegt angesichts des ethischen Impetus dieser Befreiungskonzepte auf der Hand. Das trifft selbst solchen Tendenzen nahestehende Theologien wie die Theologie der Hoffnung von Jürgen Moltmann und die politische Theologie von Johann Baptist Metz. Darauf hat besonders Enrique Dussel aufmerksam gemacht (S. 209-211).

7.  
Das gemeinsame Gute für die Erde und die Menschlichkeit

Das Schlusskapitel ist der indigenen Theologie des Andenraumes  gewidmet –
 Sumak Kawsay – das gute Leben. Es ist zu verstehen im Sinne „einer Kosmovision und einer Ethik des  harmonischen Lebensstils im Einklang mit der Mutter Erde, der Natur, dem Kosmos, den Ahnen, den Brüdern und Schwestern der [übrigen] Gemeinschaften und aller menschlichen Wesen“ (S. 215, eig. Übers). Die indigenen Völker werden durch ihr ganzheitliches Lebensverständnis in einer globalisierten, neo-kapitalistischen modernen Welt mehr und mehr zu einer kritischen Kraftreserve. Es ist eine Weise des Kommunismus, der in seinem Humanismus Karl Marx durchaus nahesteht. Hier ließe sich durchaus eine Brücke zur UNO Menschenrechtserklärung von 1948 schlagen. Aber auch Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika Laudato si‘ (2015) einen ermutigenden Weg formuliert, der die Spaltungen in der Weltgesellschaft vom Evangelium her heilen könnte.

Bilanz
Dieses Buch ist für alle jene eine Ermutigung und Empfehlung, die für eine Gesellschaft arbeiten, in der sich Theologie widerständig zeigt, um Vorherrschaften abzubauen und den „Raubtierkapitalismus“ in die Schranken zu weisen. Es ist die Herausforderung, die Gleichwertigkeit aller Menschen im Horizont unterschiedlicher Religionen und Kulturen praktisch umzusetzen. Das ist mehr als nur ein neuer Denkhorizont. Von hier aus muss der Transfer in den Alltag hinein geschehen, an dem die Wahrheit solcher Theologien offenkundig wird. Tamayo hat mit seiner konsequenten Betonung der „Theologien des Südens“ nicht nur die Option für die Armen angemahnt, sondern auch das Engagement für eine gerechte Welt und ein Leben in versöhnter Verschiedenheit.
Eine deutsche Übersetzung dieses spannenden Ganges durch theologische Aufbrüche des Südens wäre sehr zu wünschen! Vielleicht würde auf diese Weise zugleich der theologische Dialog über die Pyrenäen hinweg endlich verstärkt.

Resumen en español
Este libro es un estímulo y una recomendación para todos aquellos que trabajan para una sociedad en la que la teología opone resistencia para reducir las supremacías y poner dique al "capitalismo del depredador". Es el desafío de transferir en práctica la igualdad de todas las personas en el horizonte de las diferentes religiones y culturas. Esto es más que solo un nuevo horizonte de pensamiento. A partir de aquí, la transferencia a la vida cotidiana tiene que suceder, donde la verdad de tales teologías se vuelve obvia. Tamayo, con su constante énfasis en las "teologías del Sur", no solo ha llamado a la opción por los pobres, sino también al compromiso con un mundo justo y una vida de diversidad reconciliada.

English summary
J.J. Tamayo, researcher in religious studies at the university of Madrid Carlos III, has shown with his recent publications that theology can free itself from cultural and dogmatic narrowness in order to respond  to the challenges of the present. In his new book: "Teologías del Sur. El giro descolonizador"  (Madrid: Trotta 2017). In this renunciation of all forms of colonialism he leaves each religious Eurocentrism behind and looks with  engaged interest  to African, Asian Latin American and Black American concepts of theology. He reveals the still-existing colonial structures on the southern part of the world. Unfortunately these are a constitutive element of modernity. To change the mindset in general, Tamayo focuses on feminism, ecology, and option for the poor as the fundamental challenges of the present time. Social and religious hegemonies to the disadvantage of the marginalized people obliges him to stand up against patriarchy, (neo) -colonialism, neo-liberal capitalism, racism, environmental destruction, crisis of democracy and fundamentalism of all kinds. The aim of his book is based on criticism of previous (Christian) religious concepts. The way must be opened to a theology with human-friendly ethics and visionary global responsibility. Therefore it is necessary to learn in the West from the [indigenious] theologies of liberation which have been developed in the South.
Reinhard Kirste

Rz-Tamayo / Südliche Theologien 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen