Donnerstag, 26. Dezember 2013

Scharia - menschenfreundliche Lebensorientierung



Mouhanad Khorchide: Scharia – der missverstandene Gott.
Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik.

Freiburg u.a: Herder 2013, 232 S.
--- ISBN 978-3-451-30911-3 ---


Ausführliche Beschreibung
Nachdem das Buch des Münsteraner Islamprofessors und Religionslehrerausbilders Mouhanad Khorchide, „Islam ist Barmherzigkeit“ (Rezension: hier) nicht nur den scharfen Widerspruch traditionalistischer Kreise, sondern auch ein Gegengutachten des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland (KRM) hervorgerufen hat, kann man dieses zweite Buch als Fortsetzungsband verstehen, der ebenfalls nicht unwidersprochen geblieben ist. Nun verwundert dies allerdings umso mehr, weil Khorchide an den Quellen und mit Hilfe der islamischen Kommentatoren klare belegbare Unterscheieungen trifft – zwar zwischen der Scharia als Weg zu Gott (wörtlich: „Weg zur Wasserquelle oder zur Tränke“) und den juristischen Normgebungen von der Lebenswirklichkeit her. Die Normen sind durch unterschiedliche Verbindlichkeiten geprägt wie Pflicht, Empfehlung, Verpöntes, Erlaubtes (S. 123). Davon muss man die daraus zu entwerfenden Rechtssetzungen unterscheiden.


All dies entwickelt Khorchide auf der Basis der fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Fasten im Monat Ramadan, verpflichtende Sozialabgabe, Pilgerfahrt nach Mekka. Daraus leitet sich der Glaube an einen gnädigen Gott ab (113 Suren haben bereits als Überschrift: Im Namen Gottes des Gnädigen und Barmherzigen!). Ebenso gehören zum islamischen Glaubensmuster die Engel. Sie sind Medien […], die das Unbedingte (Gott) mit dem Bedingten (Mensch), das Absolute mit dem Relativen verbinden“ (S. 61). Hinzu kommen der Glaube an die Schriften, zu denen nicht nur der Koran gehört, weiterhin der Glaube an die Propheten, das göttliche bestimmte Schicksal und an die Wiederauferstehung.

Knapp und übersichtlich beschreibt der Autor darum die vier Quellen der sunnitisch-islamischen Normen-Lehre. Es sind Koran, Sunna (Hadithe), Konsens (Idschma) und Analogieschluss (Qiyas). Diese Normen sind allerdings nicht ohne weiteres im Koran zu finden, sondern müssen hermeneutisch erarbeitet werden (S. 85f). Die mittelbaren Textableitungen werden Idschtihad genannt.
Die geschichtliche Entwicklung in der islamischen Welt lief dabei nicht unproblematisch ab: „Indem die Gelehrten darum bemüht waren, Regelungen für weite Bereiche des Lebens genauestens festzulegen, wurde aus dem Islam mit der Zeit eine >Gesetzesreligion<. Durch die Suche nach dem Grund bzw. dem Anlass einer Norm geriet der Mensch jenseits des Zwecks noch mehr aus dem Blickfeld“ (S. 139). Khorchide möchte jedoch den Menschen in der Beziehung zu Gottes Weisungen in den Mittelpunkt stellen. Sein Verfahren dabei ist ein überprüfbares, hermeneutisches, am Koran und an der Sunna orientiert. Die Fragen, was im Einzelnen erlaubt oder verboten ist, – beispielsweise im Blick auf die Nahrung oder das äußerliche Auftreten – erweisen sich als sekundär, weil es darum geht, dass Scharia im Sinne des Weges zu Gott als Weg des Herzens verstanden wird: „Dieser Weg besteht aus drei Pfeilern: der Überwindung des eigenen Egos, dem selbstlosen Einsatz für das Gute und der Fähigkeit des Herzens, Gottes Liebe zu erfahren. Die reine Absicht ist die gemeinsame Basis dieser drei Pfeiler … Wenn die Absicht rein ist, dann fragt der Mensch nicht nach Eigennutz seiner Handlung … sondern er fragt danach, ob diese Handlung gut ist oder nicht, und dann tut er sie, weil sie gut ist. Der Koran bezeichnet diese reine Absicht als den Weg Gottes „fi sabilillah<“ (S. 201). Damit wird ebenso deutlich, dass Khorchide die religiösen Rituale keineswegs ablehnt, ja er hält sie für wichtig und sinnvoll. Er möchte jedoch vermeiden, dass sich die Religiosität des Herzens über Äußerlichkeiten und die strenge Befolgung bestimmter Riten ausschließlich definiert, als könne man sich durch das Einhalten von Riten den himmlischen Lohn erwerben.

Von daher verwundert es nicht, dass sich Khorchide gegen die salafistischen Prediger wendet, die den Koran als Mittel zur teilweise gewaltsamen Durchsetzung ihres Islam-Verständnisses nutzen wollen. Dass ausgegrenzte Jugendliche in diesem Fundamentalismus einen Hoffnungsschimmer sehen, sollte die Gesellschaft allerdings höchst aufmerksam machen. Und der sich abgrenzende Wahabismus, wie er bis heute in Saudi-Arabien staatstragend ist, zeichnet sich nicht nur nach Khorchide durch seine unreflektierte Denkweise und Intoleranz gegenüber anders Denkenden aus. Hier wird Gott gründlich missverstanden. Und dies trifft z.B. den Sufismus mit voller Härte, aber auch andere Reform orientierte Muslime und natürlich alle Nicht-Muslime.

Khorchides Koranauslegung ist nicht von Beliebigkeit, sondern von hermeneutischer Offenheit geprägt, bezogen auf die genannten Auslegungsquellen. Damit ist auch keineswegs etwas gegen Fatwas der Gelehrten (Rechtsgutachten) gesagt. Sie legen nur eine bestimmte Sicht in einer jeweiligen Situation theologisch und juristisch begründet dar und zeigen Handlungsmöglichkeiten auf, bieten aber keine dogmatische oder ethische Weisung. Darum ist Khorchides Buch selbst auch keine Fatwa, sondern will vielmehr „eine Perspektive zeigen, wie man Scharia jenseits einer dogmatischen und juristischen Auffassung verstehen kann, um der islamischen Botschaft möglichst gerecht zu werden. Im Zentrum dieser Perspektive steht der Gedanke, dass es Gott um den Menschen selbst geht“ (S. 229f).


Bereits in dem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ hatte Khorchide aus dem Koran dieses Verständnis eines barmherzigen Gottes entwickelt, dessen Liebe mit der Freiheit des Menschen korreliert und damit den Gedanken des Strafgerichts in den unmittelbaren Folgezusammenhang des menschlichen Tuns bringt, m.a.W. der Mensch zieht durch sein böses Tun das Unheil selbst auf sich herab. Dazu braucht man keinen Angst machenden Gott. Vgl. die Rezension: http://buchvorstellungen.blogspot.de/search?q=Khorchide

In leicht verständlicher Sprache gelingt es Khorchide aus meiner Sicht, die scheinbar unüberwindbaren Vorurteile über die Scharia zu korrigieren. Von einer Bedrohung westlich-demokratischer Rechtsverständnisse kann angesichts eines „Lebensmodells Scharia“ wohl nicht mehr die Rede sein. Der Verfasser liegt damit auf der Linie des Rechts- und Islamwissenschaftlers Mathias Rohe, der in „Das Islamische Recht. Geschichte und Gegenwart“ (München: C:H. Beck 2009) auf Folgendes aufmerksam gemacht hat: „Auch traditioneller argumentierende [= islamische] Gelehrte unterscheiden zwischen Scharia als dem von Gott und dem Propheten bereiteten Weg einerseits und dem fiqh als menschliches Konstrukt. Insoweit wird zumindest die unmittelbare Herkunft der gefundenen rechtlichen Normen bzw. ihrer Auslegung bestritten“ (S. 12).

Es geht Khorchide immer wieder um die aufrichtige persönliche Beziehung zu Gott. Dafür dienen Koran und Sunna als Orientierung, die theologische Hermeneutik als aktualisierende Verstehensmöglichkeit und nicht, um Auslegungen endgültig zeitlos zu fixieren. Die Scharia bildet den Rahmen, in den das islamische Recht in seinen unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen und zeitlichen Bedingungen jeweils eingefügt und natürlich auch verändert wird. Das sind wichtige Klarstellungen, die verhindern, dass göttliche Setzungen einfach (absolut) behauptet werden. Vielmehr werden angesichts sich ändernden gesellschaftlicher Verhältnisse im Auslegungsdiskurs von Koran und Sunna immer wieder Prüfungen und Revisionen notwendig, die das komplexe islamische Recht betreffen. Hier entsteht durchaus eine gewisse Konvergenz zu den Hermeneutiken in der christlichen Theologie, mehr noch: Mit diesem Buch ist ein weiterer wichtiger Baustein für den christlich-islamischen Dialog gelegt worden.

Reinhard Kirste
Rz-Khorchide-Scharia, 26.12.13

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