Mittwoch, 7. März 2018

Zisterzienser-Spiritualität nach der Regel des Hl. Benedikt



Bernardin Schellenberger: 
  • Achte auf dein Leben. Mit Benedikt Spiritualität erfahren. 
    Stuttgart: Kreuz  2005, 76 S. 
    Neu herausgegeben - Vol
    kach: 
    Verlag der Ideen 2015, 96 S. --- ISBN 978-3942006248 --- 
  • Die Stille atmen. Leben als Zisterzienser
    Stuttgart: Kreuz 2005, 207 S., Abb.

    --- ISBN 978-3783126051 ---



Fast gleichzeitig erschien im Kreuz-Verlag ein kleines, bescheiden, aber sehr hübsch, aufgemachtes Büchlein und ein großes, optisch auffälliges Buch vom selben Autor: Bernardin Schellenberger, ehemals Zisterziensermönch in der Abtei Mariawald (Eifel). Er gehörte der strengen Observanz dieses Ordens, also den Trappisten, an. 
Es ist in diesem Rahmen ein eigenartiges Zusammentreffen, dass ein Bändchen des verstorbenen Trappistenmönches Thomas Merton (1915-1968)  ebenfalls 2002  herauskam, und zwar mit einem ähnlichen Titel: Zwiesprache mit der Stille (Hg. Jonathan Motaldo. Benziger 2002, vergriffen). 

Und noch eine auffällige, inhaltliche Gemeinsamkeit: Beide Trappistenmönche – Thomas Merton noch poetisch verstärkt – betonen durchgehend, wie das Schweigen vor Gott das eigene Selbst prägt und verändert und die Menschen- und Gottesbeziehung gleichermaßen vertieft. Damit ist eigentlich schon das Wesentliche über beide Bücher gesagt.
Aber schauen wir noch einen Augenblick auf den Trend der vielen Buchtitel, die das Klosterleben inzwischen zum Thema haben. Ganz offensichtlich hat diese Lebensform an Attraktivität gewonnen, auch wenn am Schluss doch recht wenige den Weg tatsächlich auf Dauer ins Kloster gehen. Aber „Kloster auf Zeit“, Meditationstagungen und klösterliche Besinnungen unter dem Rhythmus des Stundengebets erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Da wundert es nicht, wenn auch das Fundament faktisch aller Klöster im Westen, die Benediktsregel, neues Interesse gewinnt. Es lohnt offensichtlich sogar, sie im Licht unserer hektischen Gegenwart auch für den Alltag der Nicht-Mönche und Nicht-Nonnen zu bedenken.
Der Abt der Zisterzienserabtei Himmerod, Bruno Fromme (1938-2017),  hat ebenfalls die Benediktsregel für unsere Zeit ausgelegt, ein streng an den einzelnen Texten entlanggehender Versuch, Erfahrungen der Gegenwart in und  außerhalb
des Klosters mit Hilfe dieser spirituellen Lebensorientierung für Menschen unserer Zeit zusammenzubringen. Sehr schön führt Abt Bruno die den Mönchen zugedachte Regel als Regeln für das Christsein im Alltag weiter:
Bruno Fromme: Der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen. Anstöße aus der Regel des hl. Benedikt. 
Hg. Säkularvereinigung „Similitudo Dei. Großlittgen: Himmerod-Drucke 2004, 379 S.

Auch wenn Schellenbergers Begegnung mit dem hl. Benedikt viel kürzer gefasst ist, fast wie ein Meditationsbüchlein Mit Benedikt Spiritualität erfahren so ist doch die Ähnlichkeit des Zugangs frappierend. Er geht vom achtsamen Hören aus, ermutigt zur Wahrhaftigkeit, lädt ein, das Negative loszulassen („Entgiftung“) und weist auf die Notwendigkeit achtsamen Umgangs mit der Sprache hin. Das heißt: Bei aller imitatio Christi gilt, auf dem Boden des alltäglichen Lebens zu bleiben und doch durch das gebetete Leben schon das Himmlische „verkosten“ zu können. Demut und Dankbarkeit in einem sich mehr und mehr erfüllenden Leben lassen sich jedoch nicht ohne regelmäßige Rhythmen im Tages- und Jahreslauf verwirklichen, besonders durch das faktisch Tag und Nacht umfassende Stundengebet. So ist auch immer wieder Disziplin gefordert
(z.B. besonders auffällig S. 145ff in
 „Die Stille atmen“).
Am Ende des Spiritualitätsbüchleins ist der Leser/die Leserin in die Benediktsregel als Lebens- und nicht nur als Mönchsregel eingeführt worden, fast ohne es zu merken. Bernardin Schellenberger ist es somit gelungen, ein kleines Vademecum zu schreiben, das dem Selbstfindungsprozess dient und zugleich über ihn hinausweist: Sinnstiftung auf dem Weg zu Gott.
Von daher macht das recht aufwändig gemachte Buch desselben Autors über
„Die Stille atmen“ neugierig. In dieser Mö
nchsbiografie legt er gewissermaßen seinen Weg in eine andere Zeit und in eine andere Welt dar.Achtsam – fast tagebuchartig – wird so der Leser/die Leserin in das Klosterleben eingeführt. Dabei hat das „Tagebuch“ historische und gegenwärtige Teile, die sich in der beschreibenden Beobachtung immer wieder mischen. So erfährt man/frau eine Menge über die Geschichte der Zisterzienser und ihren asketischen und doch zugleich kreativen Lebensstil, besonders schön im Kapitel: Der Tag als spirituelles Erlebnis: das Stundengebet (S. 169ff). 
Bernardin Schellenberger lässt keine der wichtigen Phasen im Klosterleben aus: vom Eintritt, den Gelübden bis zum Sterben. Eine solche Choreographie lässt sich nicht in ein paar Stunden oder Tagen nacherleben. Es braucht offensichtlich ein ganzes Leben dazu, um diese Spannung zwischen Himmel und Erde, Ruhe und Arbeit, Schlafen und betendem Wachen als Lebenskonzept zu verstehen. 
Das Kloster ist eine Welt für sich und: das Kloster ist zugleich ein Mikrokosmos unserer gesamten Welt. Die Mönchsgemeinschaft (und das gilt in gleicher Weise für die Frauenklöster, von denen man aber im Buch so gut wie nichts erfährt) ist also eine Familie der besonderen Art, die die Herausforderungen des Lebens im Angesicht Gottes demütig mit allen Chancen und Schwierigkeiten wahrnimmt. 
Mit einer Klosterreform begann Bernhard von Clairvaux; auf eine kontinuierliche Lebensreform lassen sich die Mönche (und Nonnen) täglich ein. Das gilt besonders für die Reform der Zisterzienser, die zur eigenständigen Observanz der Trappisten führte. Hier hat das intensive Schweigen noch eine größere Bedeutung. Der Verfasser  widmet dieser asketisch-strengeren Form ein eigenes Kapitel.
Auch die mystische Erotik der Zisterzienser kommt zur Sprache - vielleicht etwas zu idealistisch – als die romantische Ader der Zisterzienser (S. 99ff), wo denn doch der Sublimierungsvorgang vielleicht rational leichter als mental nachzuvollziehen ist. Die Marienfrömmigkeit der Zisterzienser weckt sicher die weibliche Seite, die Anima, der Mönche. Aber sie bleiben doch Männer, die denn nicht nur mit der Liebeslyrik des Hohenliedes umgehen müssen, sondern auch Begegnungen mit sich liebenden Menschen ganz anders erleben (S. 203!). Was ist, wenn das Kraftfeld der zölibatären Klostergemeinschaft schwach wird? Schließlich hat auch Bernardin Schellenberger das Kloster verlassen und lebt heute als freier Schriftsteller in Stuttgart.
Beim Anschauen der Fotos und der Art, wie das Buch "Die Stille atmen" aufgemacht ist, birgt  eine Spannung: Das Umschlagfoto wirkt besinnlich einladend, die Schwarzweiß-Fotos im Band (aber auch die farbigen Bilder) wirken wie aus einer fernen Zeit, selbst wenn es Fotos von heute sind – als wäre das Leben der Zisterzienser Geschichte, die sich nicht mehr einholen lässt. Dies ist umso auffallender, als Fotos aus den verschiedenen Zisterzienser-Niederlassungen zusammengetragen wurden. Es bleibt eine Spannung zwischen Faszination und Veränderung des Weges, der sich offensichtlich auch die Trappisten nicht entziehen können, wenn sie als Orden gerade aus der Stille und Askese heraus für die Welt wirken wollen; und das hat sicher nicht nur mit der Überalterung in den Klöstern zu tun. So hätte ich mir gewünscht, dass gerade über die Bilder optisch stärker einladende Elemente „herübergekommen“ wären.
Zwei Sätze zur Achtsamkeit im Umgang Miteinander blieben mir besonders im Gedächtnis haften:
„In Folge unseres engen Gemeinschaftslebens wurden wir sehr sensibel füreinander und entwickelten eine ausgeprägte nonverbale Kommunikation. Aus leisesten Anzeichen vermochten wir zu spüren, wie es dem anderen ging, und das ließ uns nicht unberührt. Wir munterten uns durch Zeichen und Blicke auf und nahmen Anteil aneinander“ (S. 200) und: „ … denn im Alltag empfinden Mönche nicht pausenlos Licht und Freude, sondern zeitweise auch Verdruss; aber zweifellos wird der Gesichtskontakt zwischen den Schweigenden außergewöhnlich intensiv – so intensiv, dass mir heute noch, nach rund vierzig Jahren, das Gesicht jedes meiner Mitbrüder lebendig vor Augen vor Augen tritt, sobald mir sein Name kommt“ (S. 16).
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  • Reinhard Kirste
    Rz-Schellenberger, bearbeitet 07.03.2018


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