Montag, 1. Oktober 2018

Buch des Monats Oktober 2018: Postkoloniale Änderungen eurozentristischer Perspektiven in deutschsprachigen Theologien


Andreas Nehring / Simon Wiesgickl (Hg.):
Postkoloniale Theologien II.
Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum
Stuttgart: Kohlhammer 2018, 320 S. 
--- ISBN 978-3-17-032571-5
--- auch als E-Book erhältlich
--- Leider kein Register und
     keine Hinweise zu den Autoren.
  • Zusammenfassende Bilanz 
    am Schluss der Besprechung 
  • English abstract at the end of the review
Bereits im Jahre 2011 erschien ein erster Band „Postkolonale Theologien“, den auch Andreas Nehring mit herausgab. Er ist Religions- und Missionswissenschaftler an  der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Beiträge nahmen die weltweiten Veränderungen in den Blick, die auch eine theologische Aufarbeitung des Kolonialismus und seiner Folgen notwendig machen. Entscheidende Anstöße und Konzepte kamen von TheologInnen aus Lateinamerika, Afrika und Asien. Sie hatten und haben wesentliche Rückwirkungen auf die „westliche“ Theologie zur Folge.

Vgl. Bd.1: Bibelhermneutische und kulturwissenschaftliche Beiträge - https://Postkoloniale Theologien I 

Postkoloniale Theologien sind im Grunde eine Variante interkultureller Theologien, denn es geht angesichts weltweiter Vernetzungen um das Gespräch, in dem Gotteserfahrungen im gesellschaftlichen Kontext nicht unter der Deutungshoheit der Theologien Europas und Nordamerikas geführt werden dürfen. Damit gehören auch alle missionstheologische Positionen auf den Prüfstand, weil sie Teil der westlichen Kolonialgeschichte sind.
„Postkoloniale Theologien knüpfen entschieden an diese Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen an [sc. seit den 60er Jahren des 20. Jh.s]. Sie können in dieser Sichtweise als ein Echo auf die Welle der Dekolonialisierung der Welt im ausgegangenen 20. Jahrhundert und als ein Anklageschrei gegen alle Formen der Neokolonialisierung verstanden werden“ (S. 11). Dies bedeutet zugleich einen Abbau des Eurozentrismus, der sich auch in westlichen Theologien findet und geht einher mit einer Bestandsaufnahme unterschiedlicher Perspektiven in postkolonialen Theologien im deutschsprachigen Raum. Die Autoren beziehen sich dazu auf verschiedene interkulturelle Ansätze – gerade aus der Theologie der Befreiung und der feministischen Theologie mit bewusster Orientierung an die theologischen Entwicklungen in Asien, Afrika und Lateinamerika.
Die Herausgeber, Andreas Nehring und sein Assistent Simon Wiesgickl (derzeit Vikar in einer Nürnberger Kirchengemeinde) haben in diesem Band zusammen mit den AutorInnen dazu fünf Orientierungspunkte gesetzt:
  1. Systematische Verortungen im Horizont von Emanzipations- und Befreiungsbewegungen
  2. Interkulturelle und religionstheologische Perspektiven:Zuordnungen von Christentum und Kultur in der Weltgesellschaft
  3. Exegetische Ansätze: Postkoloniale Klärungen historischer und gesellschaftlich bedingter Zugänge zur Bibel.
  4. Kirchengeschichtliche Zugangsweisen: Änderung bisheriger Muster
     von Mission und kirchengeschichtlicher Sichtweisen.
  5. Praktische-Theologische Anknüpfungspunkte angesichts von Globalisierung und Migration – Herausforderungen für Kirche, Religionspädagogik und Politik.

In den Verortungen von Teil 1 geht es um theologische Kritik an Herrschaftsstrukturen, die bereits im Neuen Testament und in der alten Kirche angesprochen werden. Eine Theologie, die sich in dieser Weise erinnert, interpretiert die Auferstehung vergegenwärtigend (Judith Gruber, Kath. Universität, Leuven). Postkoloniale Kritik wehrt sich gegen die Dominanz westlicher Theologien und fordert eine Teilhabe aller ein (Michael Nausner, Uppsala). Das neue Sein in Christus ermöglicht eine “nicht-konkurrierende Ökonomie der Gnade“ und eine interkulturelle Öffnung des Abendmahls als umfassende und an den Rändern bewusst offene christliche Gemeinschaft (S. 51f). Neben veränderten christologischen und sozialethischen Sichtweisen kommt auch die Eschatologie auf den Prüfstand, weil sie koloniale und imperiale Gewalt mit der „Entdeckung“ Amerikas zementierte (Florian Tatschner, Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Erlangen). So muss christliche Zeitlichkeit neu durchdacht werden, und zwar im Sinne einer ausgeführten “Konter-Apokalyptik“, die die Exklusions- und Inklusionsmechanismen abbaut (S. 70-72). Eine besondere Frage ist die Möglichkeit einer postkolonialen Theologie nach der Shoah in der Aufarbeitung der Täter-Opfer-Problematik (Sabine Jarosch, Universität Rostock). Ein zunehmendes Problem stellt die erneute Kolonialisierung im öffentlichen Raum dar, wie der Umgang mit den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen zeigt. Die Gewalt zeigt sich rassistisch, geschlechtsspezifisch, ökonomisch, gesellschaftlich und religiös ausgrenzend. Man denke nur an die weit reichende Auseinandersetzung um die „Option für die Armen“.
Im Teil 2 – den interkulturellen und religionstheologischen Schwerpunktthemen – bietet zuerst Ulrike Auga (Humboldt-Universität Berlin) Dekolonialisierungsmodelle und praktische Beispiele im Horizont von Dietrich Bonhoeffers ökumenischer Widerstandstheologie und dem Aufbau solidarischer Lebensformen, wie sie besonders die aus Indien stammende Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorti Spivak (Columbia-University, New York) erörtert. Die religionstheologische Zuspitzung leistet Sigrid Rettenbacher (Universität Innsbruck), indem sie verschiedene postkoloniale Theorien im deutschsprachigen Kontext verortet und die Verwobenheit religiöser Traditionen in kolonialen Strukturen heraushebt. Daraus leitet sie die Notwendigkeit einer sich weitenden Religionentheologie ab, die sich gleichermaßen systematisch und praktisch interreligiös von kolonialen Verengungen befreit. Denn auch die Theologien sind immer noch in dominierende Identitäts- und Machtstrukturen eingebunden. Auch Migration und Flucht müssen wesentliche theologische Themen bleiben. Die Bibel beinhaltet bekanntermaßen wesentliche Narrativen zu Flucht und Vertreibung.
Andreas Nehring (Universität Erlangen) zeigt von daher, wie das Menschsein in der Moderne intensiv frag-würdig wird. Menschliches Leben ist als spirituelle Pilgerschaft auch von Erfahrungen der Verletzung und der Missachtung der Humanität geprägt. Die „Erste“ Welt kann und darf sich nicht mehr gegen die „Dritte“ Welt positionieren, sondern angesichts der zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft durch die Migrationsbewegungen wird Humanität zur entscheidenden Herausforderung.
Klaus Hock (Universität Rostock) lenkt den Blick auf „afrikanische Divinationssysteme“, d.h., wie „das Heilige“ zwischen Wahrsagen und Weissagen gedeutet werden kann und von daher die Realität bestimmt. Das ist natürlich ein „diffuses Feld“ (S. 157) – umso mehr als die Erkenntnisweisen/Epistemologien vom westlichen Wissenschaftsverständnis erheblich abweichen. Vielleicht bildet die Kosmologie hier eine Brücke. Interkulturelle Theologie muss sich also bewusst auf die „Durchlässigkeit“ dieser und jener Welt einlassen.
Der Teil 3 stellt mit seinen zwei Beiträgen zum einen die lang andauernde Eingebundenheit der alttestamentlichen Wissenschaft an koloniale Phantasmen heraus, zumal sie die hebräische Bibel in eine „gemäße“ Ordnung zu bringen suchte. Das gilt z.T. auch für Herder und J.K.Chr. Nachtigal (Simon Wiesgickl). Zum anderen führt Lukas Bormann (Universität Marburg) aus, dass sich im Sinne der „epistemischen Regeln des Westens“ (S. 194) die Wirklichkeit durchaus als richtig und wahr analysieren lässt. Die neutestamentliche Forschung hatte dies ebenfalls verinnerlicht. Wie sieht demgegenüber postkoloniale Exegese aus? Der Autor sieht allerdings in der postkolonialen Exegese das Problem, „dass sie keinen Raum für eine wissenschaftliche Beschäftigung zulässt oder definieren kann, die ergebnisoffen, eigensinnig und nach einer methodischen disziplinären Logik arbeitet“. Es ist unabdingbar, dass sich in einem herrschaftsfreien Diskurs das bessere Argument durchsetzt (S. 203f).
Ein besonderes heikles theologisches Feld sind kirchengeschichtliche Zugänge, wie dies im Teil 4 deutlich wird. In der Bestandsaufnahme referiert Ciprian Burlacioiu (Universität München) wichtige Autoren asiatischer und afrikanischer und lateinamerikanischer sowie nordamerikanischer Missionsgeschichte. Das Christentum in seinem Werden zur Weltreligion und der damit verbundenen Pluralität braucht als „Referenzzentrum“ die Bibel, von dem her transnationale und transkontinentale Aspekte aufgearbeitet werden können und müssen (S. 224f). Ein besonderes Augenmerk verdient von daher die Orthodoxie. Irena Zelter Pavlović (Universität Erlangen-Nürnberg) verweist auf eine religiös-politisch verquickte Gemengelage in Ost- und Südosteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und zwar im Horizont von „Balkanismus“, Byzantinismus und Orientalismus. Chandra Talpade Mohanty, indische Feministin, wehrt sich ausführlich gegen den „epistemologischen Ethnozentrismus“ (S. 238). Es stört sie, dass sich die wissenschaftliche Arbeit primär auf den Westen bezieht. Damit (sozialwissenschaftliche) Forschung vorankommen kann, müssen die erworbenen Präkonzepte bzw. das Vorwissen kritisch überprüft, „dekolonialisiert“, werden, um europäische Monopolisierung von Wahrheiten zu verhindern. Postkoloniale Theologie im deutschen Kulturraum muss sich auf die schon immer währende „Kulturen-Durchmischung“ konsequent einstellen. Dominanz-Soteriologien – wie die vom „Christus victor“ – haben sich in der Theologie- und Kirchengeschichte teilweise verheerend ausgewirkt. Nicht umsonst heißt der Beitrag von Marion Grau (Norwegian School of Theology, Oslo): Bonifatius, Christus und die Axt am Baum. Die Autorin zeigt an heiligen Eichen, dem Kreuz Christi und an der Weltenesche Yggdrasil sowie am Heliand die sinnvoll-notwendige Inkulturation christlichen Erlösungsverständnisses.
Der Teil 5 widmet sich im Sinne praktischer Konsequenzen den Anknüpfungspunkten in der Religionspädagogik, speziell dem ökumenischen Lernen, dem Gottesdienst und der Neuausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit. Henrik Simojoki (Universität Bamberg) erinnert an die christliche Bildungsverantwortung weltweit, auf die sich die westlichen Kirchen z.T. recht unausgewogen einstellten (so auch die EKD). Die kulturelle Globalisierung (McDonaldisierung, S. 259) einerseits und Huntingtons prognostizierter „clash of civilizations“ beschleunigt Kulturentwicklungen, und zwar in der Mischform bisher getrennter Systeme („hybride Melangen“, S. 263). Ökumenisches Lernen muss sich darum aus Blickverengungen wie „Was Christen heute glauben“ lösen. Stefan Scholz (Universität Erlangen-Nürnberg) setzt diesen Beitrag gewissermaßen fort, indem er angesichts der Reste postkolonialen Denkens in der Religionspädagogik folgert, dass sich die Lernintentionen hegemoniekritisch und multiperspektivisch ändern müssen. Dazu legt er auch einige Unterrichtsbeispiele vor.
Ähnliches gilt auch für eine postkoloniale Liturgiewissenschaft. Gerade im Blick auf die Wertschätzung indigener Kulturen ist nach Bertram J. Schirr (Universität Göttingen) eine dortige Durchmischung bisher dominierender europäischer Liturgien dringend notwendig. Und schließlich sieht Claudia Jahnel (Universität Bochum) angesichts des „religious turn“ in der Entwicklungspolitik, dass hier mit dem unscharfen Begriff der Religion dem „Süden“ diese verstärkt zugebilligt wird, während aufgeklärte und säkularisierte Prozesse im „Westen“ doch wieder gesellschaftliche Abstufungen gegenüber den Welten des Südens vornehmen. Vordringlich in der Debatte muss jedoch die Beseitigung des Weltelends sein!
Zusammenfassende Bilanz
Postkoloniale Theologien untersuchen kritisch interkulturelle Zusammenhänge auf hegemoniale Muster. Hier werden nicht nur kulturelle Differenzen wahrgenommen, sondern es wird ein generelles Umdenken und eine neue Sichtweise gefordert. Die Theologien des „Westens“ haben nämlich eurozentrische Perspektiven gegen den „Süden“ verinnerlicht. Damit gibt es leider auch einen theologisch legitimierten Kolonialismus. Indigene, feministische und interkulturelle Theologien der Befreiung in Lateinamerika, Afrika und Asien spielen darum eine zunehmende Rolle. Die Beseitigung theologischer Absolutheitsansprüche nötigt zu einer Dekolonialisierung der christlichen Exegese der Hebräischen Bibel („Altes Testament“) und des Neuen Testaments und zur kritischen Sichtung der Kirchen- und Missionsgeschichte. Ferner müssen die Religionspädagogik, die Liturgie und die Entwicklungszusammenarbeit deutlich auf ein partnerschaftliches ökumenisches Lernen ausgerichtet werden.

Herausgebern und AutorInnen ist zu danken, dass sie von ihrer jeweiligen Fachwissenschaft her die postkoloniale Herausforderung ernst genommen haben und nicht nur kritisch reflektieren, sondern Transformationen im Sinne postkolonialen theologischen Umdenkens klar konturieren.

Abstract: Postcolonial changes of Eurocentric perspectives 
in German-speaking theologies
Postcolonial theologies examine critically intercultural connections on hegemonial patterns. Not only cultural differences are seen, but a general rethinking and a new perspective is demanded. The theologies of the "West" have internalized Eurocentric perspectives over the "South". Unfortunately, there is also a theologically legitimized colonialism. Indigenous, feminist and intercultural theologies of liberation in Latin America, Africa and Asia play therefore an increasing role. The removal of theological absolute claims demands a decolonization of Christian exegesis of the Hebrew Bible (“Old Testament”) and the New Testament and a critical examination of the church history and mission. Furthermore, religious education, liturgy and the cooperation of development needs to be clearly changed towards an ecumenical learning, based on partnership.
Thanks to the editors and authors for having taken the postcolonial challenge seriously and this from their specific discipline and that they have not only reflected it critically, but also have clearly outlined transformations in the sense of a postcolonial theological rethinking.
Translation of the abstract: Prof. Dr. Dr.(h.c.) Manfred Kwiran, Wülperode

Reinhard Kirste




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