Dienstag, 28. Januar 2020

Die Geschichte vom tragischen Tod des Imam Hussein, Enkel des Propheten Mohammed

Der tragische Märtyrertod
des Imam Hussein

überliefert von
Abu Michnaf 

Übersetzt von
Heinrich F. Wüstenfeld
 

mit einem Vorwort von
Seyed Ali Mujani, 

eingeleitet von Roland Pietsch,

korrigiert und herausgegeben
 von
Hamid Reza Yousefi

Würzburg:
Königshausen & Neumann
 2017, 210 S. ------ ISBN: 978-3-8260-6243-8 --- 


Der historische Hintergrund
Im vorliegenden Buch geht es um das Leben und das Martyrium von Hussein (auch Husain), dem 2. Sohn des Kalifen Ali ibn Abi Tahlib.

Die Ermordung von Ali, Schwiegersohn und Cousin des Propheten Mohammed (im Jahre 661) veränderte verstärkt das gesamtislamische Selbstverständnis und führte schließlich zur Spaltung in die "Bewahrer der Tradition", die Sunniten, und in die Anhänger Alis, die Partei Alis, die „Schiat Ali“. Hintergrund ist die Tatsache, dass die ersten Nachfolger des Propheten nach sunnitischer Tradition als die vier rechtgeleiteten Kalifen (Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali) angesehen werden, aber nur Ali gehörte zur Familie des Propheten Mohammed. Die Schiiten anerkennen darum nur Ali als den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds und ersten Imam. Sie gehen nämlich davon aus, dass die Imame als Führer der Muslime nur aus der Prophetenfamilie kommen dürfen, und zwar in direkter Linie von Ali und seiner Frau, der Prophetentochter Fatima. Die "Schiat Ali" lehnte darum Muawiyya, einen Cousin des Umayyaden-Kalifs Uthmans konsequent als nächsten Kalif ab. 
Nach dem Tod von Muawivya im Frühjahr 680 eskalierte der Konflikt und fand einen erbitterten und grausamen Höhepunkt in der Schlacht von Kerbela, die zu Ungunsten der Anhänger Alis ausging. Der jüngere Sohn Alis, Hussein, fiel in der Schlacht. Auf diesen Tod bezieht sich auch der schiitische Gedenktag Aschura, der seitdem jedes Jahr dramatisch mit einem zehntägigen Trauerritual im Monat Muharram begangen wird. Weiteres zu Aschura >>>
Er liegt einen Mondmonat nach Id a-Adha, dem gesamtislamischen Opferfest. 

Diese Schlacht besiegelte die endgültige Spaltung von Sunniten und Schiiten. Für die größte Gruppe der Schiiten, die „Imamiten“ beginnt nämlich mit dem Propheten Mohammed eine genealogische Kette, die erst mit dem noch verborgenen 12. Imam Muhammad al-Mahdi endet (darum auch Zwölfer-Schia).

Die ersten drei Imame nach dem Tod Mohammeds: 

  • Ali ibn Ali Talib („Amin al-Muminin“, Fürst der Gläubigen, gest. 661 n. Chr.)
  • Al-Hassan ibn Ali („al-Mudschtaba“, der Auserwählte, gest. 669 n. Chr.)
  • Al-Hussein ibn Ali („Sayyid asch-Schuhada“,
    Haupt der Märtyrer, gest. 680 n. Chr.)
Zum Buch vom Tod des Al-Husain
Der Autor des vorliegenden Textes über den dramatischen Tod Husseins, den man als historischen oder historisierenden Roman verstehen kann, ist Abu Michnaf (gest. 774), über den wenig bekannt ist. Von seinen Werken sind nur Fragmente bei anderen Autoren u.a. bei At-Tabari und Al-Baladhuri 
(beide 9. Jh.) erhalten.  

Die Überlieferung der Texte von Abu Michnaf ging schwer nachvollziehbare Wege. Spätere Handschriften befinden sich in Berlin, Leiden und St. Petersburg. 1882 stellte der Orientalist Heinrich F. Wüstenfeld aus diesen Vorlagen einen Gesamttext zusammen und brachte ihn  unter dem Titel: Der Tod des Husein ben Ali und die Rache heraus. Hier werden die dramatischen Ereignisse der Schlacht von Kerbela und damit Aschura thematisiert. 


Der Inhalt des Buches: Die Schlacht von Kerbela

Im Zusammanhang des Streits um die Rechtmäßigkeit der umayyadischen Kalifen marschierte Hussein im Herbst 680 mit einem kleinen Heer von Getreuen von Mekka Richtung Kufa (im heutigen Irak). Yazid I., der von Muawiyya ernannte und umstrittene  zweite Umayyaden-Kalif schnitt ihm den Weg dorthin ab, so dass Hussein in Kerbela eingekesselt war. 
Am 10. Oktober 680 ( = 10. Muharram 61 n.H.) kam es zur Schlacht, die mit einer verheerenden Niederlage für Hussein endete, obwohl er mit dem Koran in der einen und dem Schwert in der anderen Hand verzweifelt kämpfte. Husseins Anhänger wurden blutig niedergemetzelt. Der Kopf Husseins soll nach Damaskus in die Umayyaden-Mischee gebracht worden sein. Sein Grab in Kufa gilt jedoch seitdem als heilige Stätte von höchster Bedeutung.
Vgl.: 
Ausführliche Darstellung bei wikipedia >>>


Die Bedeutung der Schlacht von Kerbela für Schiiten
Heroische Taten in einem aussichtslosen Kampf und der erlittene Tod für die gerechte Sache und den wahren Glauben haben in der Schia die Schlacht von Kerbela zum Symbol für ein - auch nachahmenswertes - Leiden aufs Engste miteinander verknüpft. Die jährliche Erinnerung im rituellen Nachvollzug zeigt, dass hier der Märtyrergedanke seinen spirituellen Ursprung hat, aus dem sich das Ethos des gerechten Leidenden zur Lebensnorm entwickelt. Diese schiitische Haltung hat sich bis heute gerade in politischen Konflikten mit religiösem Hintergrund nicht nur erhalten, sondern wird duch entspechende Ereignisse immer wieder (aber nicht selten problematisch) aktualisiert.

In manchem erinnert diese Leidensmystik an das gerechte Leiden Jesu für das Heil der Welt - ein Mentalität, die auch das Christentum erheblich beeinflusste und im Mittelalter teilweise eine regelrechte Hochkonjunktur hatte. Passionsspiele, selbst Geißlerzüge sind darum auch für die schiitischen Kerbela-Rituale typisch.
Vgl. Christliche Geißlerzüge des Mittelalter >>>  (Historisches Lexikon Bayerns)


Im Vorwort des Buches (S. 9) wird darum auch der Tod Husseins so interpretiert: "Der vorliegende, modernisierte und gründlich korrigierte Text führt den tragischen Märtyrertod des Imam Hussein vor Augen und zeigt seine Größe, die sich in dessen Ausspruch „Freiheit sollte eure Lebensmaxime sein, auch wenn ihr den Glauben verachtet!“ manifestiert. Das Verantwortungsethos des Imam Hussein versinnbildlicht die Möglichkeit, sich in einem Zeitalter der Grausamkeit und Tyrannei für Liebe, Vernunft und Gerechtigkeit einzusetzen".


Resumee: Das Martyrium des Imam Hussein - mahnende Erinnerung
Die dramatische Geschichte um Hussein, den Enkel des Propheten Mohammed hat im gesamten Nahen und Mittleren Osten sowie im indisch-pakistanischen Raum eine weitreichende und nachhaltige Wirkung bis heute. Sie ist nicht nur der tragische Einstieg in die eigenständige Geschichte des schiitischen Islam, sondern kann auch als eine Herausforderung verstanden werden, sich gegen Gewaltausübung auszusprechen und ggf. sogar Leiden bis hin zum Martyrium in Kauf zu nehmen. Die aktualisierende Erinnerung an die "Schlacht von Kerbela" bedeutet zugleich im Sinne eines wahrhaftigen Islam-Seins, sich gegen Grausamkeiten und Gewaltherrschaft innerlich und auch politisch stark zu machen.


Weiteres zum Thema Leiden, Opfer und Martyrium
  • Annemarie Schimmel:
    Kerbela und Imam Hussein in persischer und indo-muslimischer Literatur 

    (mit Download) - in: Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.):
    Wegmarken zur Transzendenz. Religionen im Gespräch, Bd. 8 (RIG 8).
    Balve: Zimmermann 2004, S. 122-133
  • Weiteres zu Martyrium und Selbstopferung in religiösen TraditionenSasha Dehghani / Silvia Horsch (eds.): Martyrdom in the Modern Middle East. Ex Oriente Lux, Band 14.Würzburg: Ergon 2014, 225 S., Abb.
    Rezension >>> mit weiteren Buchvorstellungen und Besprechungen
Herausgeber und Autoren
  • Seyed Ali Moujani: Leiter der Kulturabteilung der Botschaft
    der Islamischen Republik Iran in Berlin. 
  • Roland Pietsch: Religionswissenschaftler, Professor für Philosophie.
    Er lehrt an der Ukrainischen Freien Universität in München. 
  • Hamid Reza Yousefi: Religionswissenschaftler, Professor für westliche Philosophie und die Geschichte des Denkens an der Universität Qom (Iran). Er ist Gründungspräsident und zugleich Leiter des Instituts zur Förderung der Interkulturalität e.V. in Trier.
Reinhard Kirste

Rz-Hussein-Märtyer, 28.01.2020 
Lizenz: CC 

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