Samstag, 2. Juni 2012

Buch des Monats Juni 2012: Rudolf Otto und die Diskussion um das "Heilige"


Thorsten Dietz / Harald Matern (Hg.): Rudolf Otto. Religion und Subjekt.
Christentum und Kultur, Band 12. Zürich: TVZ 2012, 264 S, Register --- ISBN 978-3-290-17608-2

Die Diskussion um das berühmte Buch des evangelischen Theologen und Religionswissenschaftlers Rudolf Otto (1869–1937) hat bis heute eine intensive Auseinandersetzung zur Folge. Otto hatte das „religiöse Gefühl“ für das „Heilige“ mit transzendentalphilosophischen und phänomenologischen Theorieelementen verbunden und eine für viele Fachkollegen fragwürdige  Kriteriologie dafür entwickelt. Im 1977 erschienenen Sammelband „Die Diskussion um das Heilige“ drückt der herausgebende Religionswissenschaftler Carsten Colpe sein Unbehagen u.a. folgendermaßen: aus1: „Würde ich gefragt, wie ich … über das Problem selbst schreiben würde, dann hätte ich etwa zu antworten: Herauslösung von Ottos Heiligem aus der Zweideutigkeit zwischen psychologischem und transzendentem Apriori (mit Paus); Einführung einer wieder an Kant orientierten Bedingung der beiden Möglichkeiten: der erkenntnistheoretischen, das Heilige als formales Prinzip der Weltdeutung zu kategorisieren (mit Feigel …) und der ethischen, die Empirie des unfreien Willens innerhalb einer Ontologie des Bösen transzendental zu deduzieren (mit Ricœur …) …“


Das hier vorzustellende Buch, das die beiden Theologen Thorsten Dietz (Ev. Hochschule Tabor in Marburg) und Harald Matern (Universität Basel und Erlangen) herausgegeben haben, stellt das Ergebnis eines Forschungssymposiums zu Rudolf Otto vom Dezember 2010 in Marburg vor. Der Schwerpunkt hat sich hier – wie schon im Vorwort angesprochen - auf die Begründungszusammenhänge religiöser Subjektivität verschoben, und zwar in vierfacher Hinsicht: religionswissenschaftlich, religionsphilosophisch, religionspsychologisch und narrativ-theologisch. Dazu treten exemplarisch die Interpretationen und unmittelbaren Bezüge Ottos zu Martin Luther (1483–1546), Immanuel Kant (1724–1804), Friedrich Schleiermacher (1768–1834), Friedrich Jakob Fries (1743–1843), Nathan Söderblom (1866–1931), Wilhelm Wundt (1832–1920) und Paul Tillich (1886–1965).
Der Band beginnt mit einem wieder veröffentlichten Reisebericht Ottos nach Teneriffa 1911. Statt einer Kommentierung dieses Berichts untersucht der Religionswissenschaftler Gregory D. Alles aus Maryland (USA) Ottos Wirken religionsökonomisch – und die Nordafrikareise wird zum unausgesprochenen Beleg: Ottos große Reisen, gar eine „Weltreise“ 1911/19112 verstärken einen Kulturaustausch im Sinne eines Import-Exports von West nach Ost, aber auch von Ost nach West. Dem liegt ein kolonial geprägter Eurozentrismus bzw. Kulturimperialismus zugrunde, der sich mit einer subjektiv bestimmten Religionstheorie mischt. So tritt neben das kolonialistisch-ökonomisch-elitäre Denken eines deutschen Nationalismus der Gedanke der Bildungselite und ihren Errungenschaften als zu verbreitendes Exportgut. Allen bringt es auf den Punkt: Es ist die Wiedergeburt des Kulturimperialismus in der „Religionswissenschaft“. Indem sich Otto jedoch von der Religionsphilosophie zur Religionsgeschichte wendete, führte ihn die Niederlage Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg zu einem eher post-kolonialen Denken, das die Überlegenheit der eigenen Nation allerdings beibehielt. Von daher ist auch die Religionskundliche Sammlung Ottos in Marburg zu betrachten. Diese kulturimperialistische Haltung konnte sich erstaunlicherweise mit einer liberalen Theologie, dem religiösen Sozialismus und dem von Otto favorisierten „religiösen Menschheitsbund“ verbinden. Das schloss politischen Opportunismus allerdings nicht aus.
Einen anderen Aspekt bringt der erste Herausgeber Thorsten Dietz ins Spiel: Ottos Luther-Rezeption im Zusammenhang des „religiösen Gefühls“, der „ Kontrast-Harmonie“ in der Erfahrung des „Heiligen“ und seine anthropologische Deutung von Luthers „homo spiritualis“. Der zweite Herausgeber, Harald Matern, untersucht Ottos religionsphilosophischen Gefühlsbegriff, der von Schleiermacher geprägt ist, aber insgesamt für Otto nicht ausreicht. Hinzu kommen Weiterentwicklungen auf der Basis der Religionsphilosophie von Kant und F.J. Fries (S. 117f.129ff), so dass „Gefühl“ als spezifizierte Emotion verstanden wird, „vermittelt durch nicht-begriffliche Reflexion“ (S. 149). Stephanie Gripentrog (Universität Basel) zeigt bei Otto religionspsychologische Prägungen in seiner Religionstheorie mit Bezügen auf William James und Wilhelm Wundt. Otto wird darum auch für die religionspsychologische Forschung wichtig. Der Theologe Stefan S. Jäger macht darauf aufmerksam, dass der religionsgeschichtliche und religionsethnische Einfluss des späteren Bischofs Nathan Söderblom – mehr als bisher gedacht – erhebliche Auswirkungen auf Otto Verständnis des „Heiligen“ zwischen Fascinosum und Tremendum hatte. Mit dem „Heiligen“ haben beide eine religiöse Grundkategorie gesetzt. Ein weiterer bedeutender Theologe wird durch Peter Schütz (Universität Marburg) eingeführt: Paul Tillich. Bereits vor den persönlichen Begegnungen nimmt Otto den Sprachduktus des Unbedingten, Absoluten und der „unermesslichen Fülle des Seins“ (S. 200) auf, entwickelt ihn aber eigenständig in der Marburger Zeit weiter. Die Themenfelder bleiben jedoch gemeinsam: Politik und Gesellschaft, Gottesdienst und religiöse Praxis sowie die Mystik. Und die inhaltlichen Diskussionen sind zugleich freundschaftlich geprägt. Zum Schluss zeigt Dirk Johannsen (Universität Basel), wie bei Otto eine „erzähltheoretische Umwendung in textstrukturellen Aspekten des ‚Heiligen“ bereits angelegt ist“ (S. 240). Der numinose Wert und die von Poesie und Malerei dafür entwickelte Ausdruckskraft, sind für Ottos Verständnis des „Heiligen“ wesensbestimmend (S. 254). Das hat dann bei sich abgrenzenden Theologen wie Karl Feigel dazu geführt, die Rede vom „Numinosen“ für die Theologie zu verwerfen (S. 250).
Bilanz: Die mit diesem Symposium aufgezeigten transdisziplinären Zugänge lassen religiöse Kriterien im Kontext des „Heiligen“ in verändertem Licht erscheinen und eröffnen neue Verstehenszugänge für Ottos Religionstheorie. Denn sowohl transzendental-philosophisch als auch subjektiv-emotional bekommt sein Heiligkeitsverständnis eine durchaus aktuelle Relevanz für die theologische und religionswissenschaftliche Theoriebildung.
Reinhard Kirste
 Rz-Otto-Dietz, 31.05.12
Anm. 1: Carsten Colpe (Hg.): Die Diskussion um das „Heilige“. Wege der Forschung CCCV. Darmstadt 1977, S. XXV

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