Montag, 21. Januar 2013

Wie tolerant ist der Islam? - Ältere Analysen mit aktueller Brisanz


Walter Kerber (Hg.): Wie tolerant ist der Islam?
Islamwissenschaftler nehmen Stellung.
Gerhard Böwering, Richard Gramlich, Anton Heinen, Arij A. Roest Crollius, Christian W. Troll.
München: Kindt 1991(!), 147 S., Glossar --- ISBN 3-925412-11-5 ---
Der Islam muss als politische und religiöse Kraft ernster genommen werden als das bisher die westliche Welt getan hat. Dies hat besonders die damalige Golfkrise ins Bewusstsein gerufen. Grundlegende Fragestellungen sind u.a, wie der muslimische Glaube das Ungleichgewicht zwischen religiösen Wahrheitsanspruch und humaner Forderung nach Toleranz herstellt. Verschiedene deutschsprachige Islamwissenschaftler des Jesuitenordens geben einen Einblick in die Toleranzbereitschaft des Islams.
Das Buch ist in fünf Themen aufgeteilt, die jeweils von den einzelnen Autoren geschrieben worden ist. Es beginnt mit Gerhard Böwering (Yale University, USA) „Der Islam im  Aufbruch“. Das nächste Thema wird behandelt von Arij A. Roest Crollius (Gregoriana, Rom) „Menschenrechte im Islam“. Dann kommt „Der Blick des Koran auf andere Religionen“ von Christian W. Troll (Hochschule St. Georgen, Frankfurt/M.). Anschließend gibt Arij A. Roest Crollius die „Einführung zum Symposion“. Das letzte Thema behandelt das Rottendorf- Symposion „Die Toleranz im Islam“ mit Diskussionsbeiträgen weiterer kompetenter Gesprächspartner.
Schwerpunktbetrachtung: Toleranz im Islam nach Arij A. Roest Crollius
Um einen Einstieg in das Thema „Die Toleranz im Islam“ von Crollius zu bekommen, definiert der Autor den Begriff „Toleranz“. Seiner Ansicht nach bezieht sich Toleranz auf Haltungen und Verhaltensweisen der verschiedenen Ebenen der menschlichen Beziehungen wie Sprache, Religion usw. (vgl. Crollius. 1991. S. 71). 
Der Autor gibt zwei Gründe an, die im Islam die religiöse Toleranz als Haltung und Praxis erschweren: Erstens politisch und zweitens anthropologisch. Trotzdem stellt er gleichzeitig fest, dass es im islamischen Rechtssystem Toleranz gibt. Dies versucht er mit Versen aus dem Koran zu belegen. Der Autor stellt heraus: „In der Religion gibt es keinen Zwang“ (Sure 2:256). Weiterhin führt er Stellen im Koran an, die aufzeigen, dass die Glaubensüberzeugung eine persönliche Sache ist. „Die Wahrheit von eurem Herrn. Wer nun will, möge glauben, und wer nicht will, möge nicht glauben!“ (Sure 28,29).  Besonders deutlich macht der Autor jedoch die Toleranz im Islam mit zwei Zitaten aus dem Koran. Er schreibt:
„Gleichzeitig wird anerkannt, dass die Menschheit in eine gesellschaftliche Pluralität gegliedert ist: >Ihr Menschen! Wir haben euch geschaffen von einem männlichen und einem weiblichen Wesen, und wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr euch untereinander kennt. Als der Vornehmste gilt bei Gott derjenige von euch, der am frömmsten ist< (Koran 49,13). – Die Anerkennung dieser Pluralität in der Menschheit bedeutet aber auch eine Pluralität verschiedener >ways of life<: >Für jeden von euch haben wir ein Brauchtum und einen Weg bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber er wollte euch in dem, was er [jeder Gruppe von euch] gegeben hat, auf die Probe stellen. Wetteifert nun nach den guten Dingen! Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren< (Koran 5, 48)“ [aaO S. 75].
Durch dieses Zitat versucht er noch einmal auf die Toleranz im Islam hinzuweisen und darzustellen, dass diese schon im Koran enthalten ist. Sie muss nur noch erkannt und als solche auch aufgefasst und realisiert werden. 
Zuletzt bezieht sich Crollius auf die Frage der Hermeneutik. Darin stellt er heraus, dass ein Unterschied gemacht werden muss zwischen Meinungsäußerung und offiziellen Deklarationen. Es muss auch immer geprüft werden, wie repräsentativ solche Äußerungen für den Islam sind.
Recht eindeutig sind die Stellungnahmen im Buch „Wie tolerant ist der Islam?“ Negative Entwicklungen und quasi- religiös begründete Gewaltelemente werden weniger thematisiert. Man kann dies bedauern, aber doch zugleich die positiv gesetzten Signale begrüßen:
„Bei >Toleranz im Islam< sind wir konfrontiert mit einem Zeitgeschehen, nicht mit einem Zustand. Vielleicht kann man voraussehen, dass in einer in religiöse Gleichgültigkeit abgleitenden Zivilisation der Islam dem Wert der Toleranz neuen Glanz verleihen wird“ (aaO S. 78).
Auch im Jahre 2012 sind die im Buch gesetzten Markierungspunkte zu islamischen Toleranzverständnissen noch erstaunlich aktuell.
Mareike Schulte und Falk Goth
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund zum Thema
Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden,
Sommersemester 2012

Eine weitere aktuelle Bestätigung erhält die angesprochene Problematik durch einen Bericht in
Deutschlandradio Kultur vom 20.01.2013,
in dem kompetenten Analysten der multikulturellen Situation in Deutschland zu Worte kommen:



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