Dienstag, 22. Januar 2013

Befreiungstheologie - christlich und islamisch



Klaus von Stosch / Muna Tatari (Hg.): Gott und Befreiung.Befreiungstheologische Konzepte in Islam und Christentum.
Beiträge zur Komparativen Theologie, Bd 5.
Paderborn: Schöningh 2012, 285 S., Personenregister  ---
ISBN 978-3-506-77317-3 --- 
Kurzrezension: hier


Ausführliche Beschreibung
Der hier vorliegende 5. Band aus der Reihe Beiträge zur Komparativen Theologie nimmt ein wichtiges Thema auf, das im Christentum und Islam eine herausragende Rolle spielt: Freiheit und Befreiung;
vgl. zur gesamten Reihe die Besprechung in „Ein-Sichten“:
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2012/02/zwischen-glaubesngewissheit-und-gewalt.html
Befreiung im Zusammenhang irdischer Gerechtigkeit und göttlicher Erlösung ist in den Grundschriften des Christentums und des Islams fest verankert und ethisch normgebend. Die hier aufgenommenen Beiträge befassen sich nicht nur mit geschichtstheologischen Hintergründen, sondern fragen vielmehr, wie unter den Bedingungen der Gegenwart im Islam und Christentum Theologie als Theologie der Befreiung sich artikulieren kann und muss.


Die Herausgeber, der Paderborner katholische Systematiker Klaus von Stosch und die Islamwissenschaftlerin Muna Tatari (beide am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaft der Universität Paderborn), verweisen schon in der Einleitung auf das emanzipatorische Potential beider Religionen. Im Verlauf der Darstellung wird bei einigen AutorInnen mit geradezu systematischer Wucht deutlich, dass ein solch komparativ-interreligiöser Ansatz aus der Einseitigkeit von Wahrheits- und Absolutheitsansprüchen herausgeführt werden muss. Keine Position kann für sich also Deutungshoheit beanspruchen. So können, vielleicht sogar müssen im Horizont des interreligiösen Dialogs  eigene theologische Positionen verändert werden. Nun handelt es sich hier zugleich um ein höchst brisantes Thema, das dogmatische Verfechter beider Religionen immer wieder in ihrem Sinne und oft genug rückwärtsgewandt auszulegen versuchen. Hinzu kommt, dass nicht wenige der hier zu Worte kommenden Theologinnen und Theologen beider Religionen selbst in befreiungstheologischen Zusammenhängen gegen Rassismus, Unterdrückung und für die Rechte der Marginalisierten für die Armen gekämpft haben und kämpfen.

I.  Unterwegs zu einer islamischen Theologie der Befreiung
Schon der erste Beitrag des südafrikanischen islamischen Theologen Farid Esack lässt aufhorchen: Er gehörte zu den engagierten Gegnern des Apartheid-Regimes. Seine Argumentation ist deutlich: Er vertritt eine gegenwartsbezogene Koranauslegung im Sinne einer islamischen Befreiungstheologie. Diese erfordert eine befreiende Praxis, wie dies übrigens auch in der biblischen Exodustradition zum Ausdruck kommt. Mehr zu Farid Esack:
http://www.rpi-virtuell.net/workspace/CFF7AB46-2FDA-475C-A6C7-3F92D3174C51/Publ-INTR%C2%B0A-Mitgl/Esack-Hermeneutik.pdf
Klaus von Stosch reagiert darauf unter Betonung der hermeneutischen Instrumente, besonders des tawhid ( = Einzigkeit Gottes), die eine solche islamische Befreiungstheologie begünstigen. Shadaab Rahemtullah, kanadischer Muslim, derzeit in Oxford promovierend, setzt sich ebenfalls mit Farid Esack auseinander, indem er die Differenzen im Verständnis biblischer und koranischer Texte heraushebt. Der Schatten eines universale Ansprüche erhebenden (kolonialistischen) Christentums darf jedoch nicht dazu führen, nun muslimische Exklusivität einzufordern.     
Hamideh Mohagheghi (ebenfalls Universität Paderborn) kommt aus der schiitischen Tradition und stellt die iranischen Theologen Mohammed M. Schabestari und H. Mohsen Kadivar einander gegenüber. Sie verweist auf die Bedeutung der Gerechtigkeit in der schiitischen Tradition. Die Autorin kann von daher bei beiden zeigen, in welcher Weise sie sich gegen religiös-politische Absolutheitsansprüche wehren, ohne die Grundgedanken einer islamischen Revolution zu negieren. Schabestari betont stärker die Menschenrechte als einzige sichere Basis für Gerechtigkeit. Die im Koran und in den Menschenrechten zum Ausdruck kommende Freiheit ist Voraussetzung für Glauben überhaupt. Anna-Maria Fischer (ebenfalls Universität Paderborn) setzt im Sinne einer Gesprächsanknüpfung befreiungstheologische Überlegungen im iranischen Kontext fort: Die genannten iranischen Reformtheologen sind offensichtlich Befreiungstheologen, und zwar in der doppelten Ausrichtung, spirituell-mystisch und gesellschaftlich praktisch. Mouhanad Khorchide, in Münster für die islamische Religionslehrerausbildung zuständig, äußert sich insgesamt zurückhaltend über eine Befreiungstheologie und der exklusiven Option für die Armen. Er betont unter Berufung auf den Koran die geistige Befreiung, der die soziale Befreiung korrespondieren muss. Er verdeutlicht dies am arabischen Frühling und der Rolle der Theologie: Glaube und Freiheit gehören generell zusammen. So sieht er die theologische Privilegierung der Armen als Problem, weil im Reich Gottes ja die Armen nicht mehr arm sind. Hier scheint offensichtlich noch Diskussionsbedarf zu liegen, weil das religiöse Engagement für die Armen schließlich unter den Bedingungen der Gerechtigkeit für alle geschieht.
II.  Christliche Theologie der Befreiung in der Gegenwart
Stefan Silber (Sailauf bei Aschaffenburg), exzellenter Kenner der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, gibt zur Einführung einen Überblick über die Entwicklung und Aktualität befreiungstheologischer Strömungen seit Gustavo Gutiérrez. Diese umstrittene, abgelehnte und bekämpfte theologische Richtung bleibt eine ständige Herausforderung der Kirche, und zwar im Sinne der konsequenten Option für die Armen: Spirituelle Erfahrung (besonders der Basisgemeinden) setzt sich gesellschaftspolitisch um im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Sie nimmt in letzter Zeit jedoch auch bewusst die anderen (teilweise alten) religiösen Traditionen des Kontinents auf, bleibt nach der Meinung des Autors aber insgesamt eine (bewusst) christliche Theologie.
Mit einer religionstheologisch und weiter gefassten und faktisch interreligiösen Intention untersucht der kirchenkritische katholische Theologe und Religionswissenschaftler Juan José Tamayo (Universität Carlos III., Madrid) die Wirkungen der Befreiungstheologie. Sie ist keineswegs tot. Zwar wirft ihr der Vatikan Spaltung, Beleidigung und Anarchie vor, aber das kann die Dynamik dieser Theologie nicht hindern. Denn ihr wohnt ein Wesenselement des Evangeliums glaubwürdig inne: Die Absage an eine Kultur des Habens hin zu einer Kultur der Genügsamkeit. Hier wendet sich kirchlicher Absolutheitsanspruch („Außerhalb der Kirche kein Heil“) zugunsten der Aussage: „Außerhalb der Armen gibt es kein Heil“ (S. 133ff). Nicht der individualisierte Mensch steht im Mittelpunkt, sondern der Kosmos als ganzer mit den Menschenrechten und den Rechten der Erde. Hier entwickelt sich ein Pluralismus mit einer Nähe zu anderen religiösen Traditionen, die in ähnlicher Weise Mitgefühl für die Marginalisierten fordern und sich gegen die Ausbeutung von Menschen und den Ressourcen der Erde wehren. Eine Rückfrage an die sog. 1. Welt kann da nicht ausbleiben.
Die katholische Religionslehrerin Franziska Knob (Köln) zeigt darum ähnlich wie J.J. Tamayo auf, dass der Weg vom isolierenden Individualismus zurück zur Gemeinschaft als eine Kultur der Genügsamkeit gestaltet werden muss, ähnlich wie dies übrigens die Losung des Evangelischen Kirchentags in Hamburg 2013 zum Ausdruck bringt: Soviel du brauchst (2. Mose 16,18). Eine bisher monozentristisch Kirche muss sich erweitern zu einem interkulturellen Christentum, das des Mitgefühls nicht nur fähig ist, sondern dies umsetzt in geschwisterlicher (übrigens nicht nicht nur brüderlicher) Verantwortung (vgl. S. 153f).
Die evangelische Theologin Sabine Plonz (Comenius-Institut und Universität Münster) nimmt ebenfalls die von J.J. Tamayo schon angesprochene Gender-Problematik im christlichen Kontext auf. Sie bezieht sich auf die kritischen Einwände feministischer Autorinnen und betont, dass die Befreiungstheologie noch stärker feministisch werden sollte. Im Sinne von Karl Barth muss solche Theologie zugleich religionskritisch sein. Sie möchte dazu in die Richtung einer interkulturellen Christologie ohne (Herrscher-)Bilder gehen.
Einer solchen kritischen Einschätzung folgt auch die katholische Theologin Anne Weber (Universität Paderborn). Sie versucht in ihrer Antwort auf Sabine Plonz eine Art liberaler systematischer Theologie zu entwickeln, die feministische Ansätze bewusst einbezieht. Sie versucht mit innertrinitarischen und christologischen Kurzreflexionen Differenz und Andersartigkeit religionsdialogisch nutzbar zu machen: „Die Ermöglichung einer befreiten und befreienden Gemeinschaft kann und muss demnach offensichtlich konfessions- und in letzter Konsequenz religionsübergreifend sein, insofern es … um die Gemeinschaft mit allen Menschen geht“ (S. 176.). Ob nicht hier ein religionspluralistisch theo-logischer Ansatz doch hilfreicher wäre?
III.  Kontexte einer Theologie der Befreiung: Spiritualität – Pädagogik – interreligiöse Perspektiven 
Von islamischer Seite hofft Halima Krausen (Imamin, Akademie der Weltreligionen Hamburg) angesichts traditionell geprägter europäischer Muslime auf eine spirituelle Veränderung. Diese sollte es ermöglichen, befreiungstheologische Motive in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vom Verständnis der Einzigkeit Gottes her (tawhid) zu realisieren. Vorbilder aus der Geschichte des Islam gibt es dazu besonders in der mystischen Tradition und auch in hermeneutischen Neuansätzen wie denjenigen von Amina Wadud, Asma Barlas, Farid Esack, Farish A. Noor oder Khaled Abou El-Fadl (S. 192f.).Die katholische Religionslehrerin Katharina Lammers (Universität Paderborn) bezieht sich auf die Betonung von tawhid bei Halima Krausen und macht gegen deren Zuspitzung auf die Einheit Gottes (tawhid) trinitätstheologische Bedenken geltend, als würde mit dem Einheitsgedanken die Vielfalt gefährdet. Darum versucht sie ebenfalls, panentheistische Tendenzen in der Mystik abzuwehren.
Thorsten Knauth (evangelischer Theologe an der Universität Duisburg-Essen), geht die Thematik von der Seite der Religionspädagogik an, in dem er sich für eine Revision der problemorientierten Religionspädagogik einsetzt. Dadurch kann diese im Blick auf die Menschenrechte und den Gedanken sozialer Gerechtigkeit sensibilisiert werden. Für die Religionslehrerausbildung bedeutet dies, dass es um eine „Praktische Theologie der Einmischung“ geht, die als dialogisches Lernen im Religionsunterricht entsprechend umgesetzt werden will, und zwar unter dem Leitmotiv von Barmherzigkeit und solidarischer Verantwortung (S. 217), angesichts „heterogener Kontexte“ (S. 219).
Tuba Işik (Universität Paderborn) führt die Überlegungen Knauths kritisch weiter. Islamische religionspädagogische Konzepte brauchen adäquate Ansätze, um „das überwiegend christliche Ausbildungsmonopol zu überwinden“ (S.228). Religiöse Pluralität muss sich auch im Stundenplan der Schule niederschlagen.
In seinem zweiten Beitrag dieses Buches geht Juan José Tamayo den Befreiungstendenzen beider Religionen nach und zeigt, wie der Friedensgedanke in den jeweiligen Traditionen mehr und mehr Gestalt gewinnt. Das gilt auch im Blick auf eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für den Dialog der Kulturen und für feministische Strömungen und deren Hermeneutik. Angesichts patriarchal geprägter Auslegungsgeschichte wird eine Hermeneutik des Verdachts notwendig. Sie ist mit der Relativierung von Schriftenautorität zugunsten der Berücksichtigung gesellschaftlicher, geschichtlicher Umstände verbunden, besonders gegen Frauenunterdrückung und im Sinne einer kreativen Aktualisierung und Stärkung emanzipatorischer Bewegungen. Es geht darum, gerechte, friedvolle, befreiende Ordnungen zu entwickeln, wofür eine Theologie der Religionen einzustehen hat. Mehr zu Tamayo unter: http://textmaterial.blogspot.de/2012/06/eine-andere-theologie-ist-moglich-juan.html
Im Schlussbeitrag stellt die Mitherausgeberin Muna Tatari den „Vater“ der christlichen und den Protagonisten islamischer Befreiungstheologie einander gegenüber: Gustavo Gutiérrez und Farid Esack. Nach einer knappen Positionsdarstellung beider formuliert sie Gemeinsamkeiten und Anfragen, die letztlich um das Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit kreisen. Wäre es nicht sinnvoll, angesichts von Gottes Nähe im Menschen auch zu denken, dass Befreiung um Gottes Willen geschehen müsste? Das ist ein provozierender Gedanke, mit dem das Buch endet und zum Weiterdenken im christlich-islamischen Gespräch herausfordert.

Wie unterschiedlich die theologischen Denkbewegungen und -konstrukte der einzelnen AutorInnen auch sind, man merkt, dass die adäquaten befreiungstheologischen und feministischen Auslegungsmöglichkeiten von Koran und Bibel noch keineswegs ausgeschöpft sind. Hier aber ist Weiterarbeit dialogisch-theologisch und praktisch-gesellschaftlich notwendig im Sinne der Option für die Armen und für ein konsequentes Engagement, das Gerechtigkeit für alle Menschen einleitet. Die Anstöße aus diesem Buch sollten darum keinesfalls nur dem innertheologischen Diskurs vorbehalten bleiben.
Reinhard Kirste 
Rz-Stosch-Befreiung, 22.01.13

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