Dienstag, 26. Juni 2012

Die Atombombe auf Hiroshima und die Folgen. Zum Jugendbuch: "Sadako will leben"


Karl Bruckner: Sadako will leben.
Wien – München: Jugend & Volk, 1990, 12. Aufl., 189 S.
--- ISBN 3-7141-1307-X
Erstausgabe 1961, Deutscher Jugendbuchpreis 1963.
Neuauflage: Arena Verlag Würzburg 2006, TB Arena life
In dem Jugendbuch „Sadako will leben“ (für Kinder ab 10 Jahren geeignet) schildert Bruckner auf eindringlichste Weise den Atombombenangriff durch das amerikanische Milität auf die japanische Stadt Hiroshima am 6. August 1945 gegen Ende des 2. Weltkriegs. Dazu führt er den Leser durch 10 Lebensjahre des japanischen Mädchens Sadako und seiner Familie.
Das Buch ist in zwei Hälften eingeteilt: 

Im ersten Teil schildert der Autor Ausschnitte der letzten Tage und Stunden vor dem großen Anschlag. Hierzu verweist er auf vollkommen unterschiedliche Perspektiven: Es werden die Gedanken einiger amerikanischer Soldaten sowie der Befehlshaber dargestellt. Aus dieser Perspektive erhält der Leser auch Einblicke in die Sorgen und Ängste der Angreifer-Seite, er erfährt, dass diese Krieger ganz „normale“ Menschen sind, die wehrlos ihren Anweisungen ausgeliefert sind. Auf der anderen Seite werden mehrere Bewohner der Stadt Hiroshima eingeführt:
Ältere Menschen, Kinder, Soldaten. Bereits in diesem ersten Teil wird das vierjährige Mädchen Sadako mit ihrem Bruder Shigeo und den Eltern der Familie Sasaki eingeführt, im Laufe des Buches spitzt sich der Fokus mehr und mehr auf die Situation des Mädchens zu.
In diesem Teil des Buches scheint soweit noch alles einigermaßen in Ordnung zu sein. Es herrscht zwar Krieg, die japanischen Menschen hungern und leiden unter der Situation. Jedoch haben sie sich, so gut es eben geht, mit der Situation arrangiert und leben ihr Leben.
In einem kurzen, dafür aber umso eindrücklicheren Mittelteil wird der Bombenangriff – erneut aus den Perspektiven der zuvor eingeführten Figuren – geschildert. Zudem erhält der Leser zusätzlich einen Einblick in den konkreten Moment des Bombenabwurfes. Der Autor nimmt den Leser mit auf den Flug der Maschine „Enola Gay“ und schildert aus nächster Nähe die Emotionen der drei Flieger der Maschine. Dieser Teil umfasst nur wenige Seiten, ist aber sehr berührend. Durch die Nähe, die Bruckner zuvor zu den Figuren geschaffen hat, wirkt die Katastrophe umso unglaublicher und schrecklicher.
In dem zweiten, großen Teil führt der Autor den Leser nun sehr ergreifend durch das Leben der Familie Sasaki. Beginnend bei den ersten Minuten nach der großen Explosion bis zu einem Zeitpunkt 10 Jahre nach der Katastrophe. Die Schilderungen sind sehr ergreifend und nahegehend; als Leser fühlt man die Freuden und Leiden der Familie sehr intensiv nach. Es entsteht ein ständiges Auf-und-Ab der Emotionen. Mal denkt man, die Familie könne sich endlich aus ihren Leiden befreien und zu einem angenehmeren Leben zurückkehren, man freut sich mit den Figuren über die kleinen (und in dem Zusammenhang doch so großen) Glücksmomente, nur um im nächsten Moment wieder hart auf den Boden der Tatsachen zurückgerissen zu werden und den nächsten Rückschlag durchleben zu müssen. Man fühlt sich als Teil der Familie und kann das unbeschreibliche Leiden und die Trauer kaum fassen.
Trotz des großen Leides gelingt es Bruckner, ein Buch zu verfassen, das nicht nur aus Leid und Negativem besteht. Durch die Augen der leidenden Menschen lernt man, die kleinsten Freuden als großes Glück wahrzunehmen und freut sich mit ihnen über diese kleinen „Geschenke“.
Mit diesem Jugendbuch ist Bruckner ein echtes Meisterwerk der Literatur über den zweiten Weltkrieg gelungen. Durch seine einfühlsamen Schilderungen wird der Leser mitgenommen auf eine Reise in ein völlig anderes Leben, das trotzdem sehr intensiv nachempfunden werden kann. Ich halte das Buch für sehr empfehlenswert für jeden, der einen Einblick in das Leben der Kriegsopfer von damals erhalten möchte.
Carina Höfer
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund zum Thema:
„Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden“, Sommersemester 2012
Rz-Bruckner-Sadako, 25.06.12

Samstag, 16. Juni 2012

Religion und gesellschaftlicher Wandel in Großbritannien


Linda Woodhead, Rebecca Catto (eds): Religion and Change in Modern Britain.
London / New York: Routledge 2012, 424 S., Abb., zahlreiche Literaturangaben, Index ---
ISBN 978-0-415-57581-2

Die Herausgeberinnen dieses umfassenden Bandes zu den religiösen Veränderungen in Großbritannien sind Expertinnen ihrer „Zunft“: Linda Woodhead arbeitet als Soziologieprofessorin an der Universität Lancaster und ist zugleich Direktorin eines Forschungsprogramm zu Religion und Gesellschaft, Rebecca Catto gehört zum Team dieses Forschungsprogramms und hat wie Linda Woodhead mehrere Veröffentlichungen zur Religionssoziologie sowohl theoretischer wie empirischer Art herausgebracht. 

Die Intentionen dieses Bandes sind, mit weiteren Fachleuten zu überprüfen, welche Auswirkungen Säkularisierung und De-Säkularisierung in der Gesellschaft des Vereinigten Königreiches nach dem 2. Weltkrieg haben.

Es zeigt sich nämlich eindeutig, dass es nicht mehr den einen traditionellen Glauben gibt, der sich auf das Christentum stützt. Vielmehr tritt eine „Wohlfahrts-Gesellschaft“ („welfare society“) in den Vordergrund, in der alles im Grunde „gleich“ zu sein scheint. Hat der Staat die Funktion der Kirchen übernommen mit einer Art Grundversorgung von der Geburt bis zum Tod? Aber genau dies scheint der „Knackpunkt“ zu sein: Indem der traditionelle (christliche) Glaube schwindet, füllen andere Religiositäten diese Lücke und bringen neue Spiritualitätsformen hervor, ohne dass der Einfluss der Kirchen völlig gegen Null geht. Gewissermaßen zwischen die Fronten geraten die „Säkularen“. Die Beurteilungen der insgesamt 38 Autor/innen fallen keineswegs eindeutig aus, zeigen z.T. aber scharf pointiert, welche unterschiedlichen Richtungen religiöse und a-religiöse Entwicklungen genommen haben.

Diese Überlegungen wurden in der Einleitung der Herausgeberin, Linda Woodhead, bereits angesprochen und ein Überblick über die Gesamtstruktur des Bandes gegeben. Es sei angemerkt, dass zum Verständnis der vielfältigen Informationen der Band sehr geschickt aufgebaut ist: Zur Präzisierung bestimmter Inhalte sind neben einer vorlaufenden Zusammenfassung (Abstract) des jeweiligen Beitrags 22 „Textboxes“ übersichtlich eingefügt. Hinzu kommen eingestreute Statistiken und vier Fallstudien. Diese Studien geben einen exemplarischen, natürlich sehr begrenzten Einblick in die multireligiöse Gemengelage zwischen traditionellem Christentum, zunehmender, eher vagabundierender (Patchwork)-Spiritualität und fundamentalistischen Verhärtungen.

In einer Art einführender Verstärkung (S. 34-54) beschreiben Malory Nye (Universitäten in Dundee und Aberdeen [Schottland] und Paul Weller, Universität Derby) den Streit um Religionen. Dazu gehören die neuen religiösen Bewegungen, feministische Aufbrüche, aber auch religiöse Konflikte und terroristische Aktivitäten, die zum einen auf nationalistischen und zum andern auf islamistischen Tendenzen beruhen. 

Die Lesenden werden dann im Teil 1 auf die Änderung religiöser Formen und Glaubensmuster sowie den religiösen Monopolverlust des Christentums eingestimmt. Das verdeutlicht als positive Reaktion in der 1. Fallstudie die Formierung der United Reformed Church (URC) in Schottland als Frucht ernsthafter ökumenischer Bemühungen. Anschließend geht es um die gesellschaftliche Etablierung von  Judentum, Sikhismus, Islam, Hinduismus und Buddhismus seit 1945. Die 2. Fallstudie geht dem Beziehungsgeflecht der vielfältigen Religionslandschaft im Horizont sich bildender Netzwerke nach und zeigt dadurch die (erstaunliche) Entwicklung interreligiöser Beziehungen in Großbritannien, also zwischen dem Christentum und den „anderen“ Religionen überhaupt. Auf die alternativen Spiritualitäten sowohl an den Rändern wie im „Mainstream“ gehen Graham Harvey (Open University, UK) und Giselle Vincett (Soziologin, Universität Edinburgh) ein, wodurch ein verändertes Gottesverständnis mehr und mehr offenkundig wird. Dies belegt am Beispiel junger Leute, die in Armut aufwachsen, die Fallstudie 3. Veränderte Rituale sind die logische Folge, zusammengefasst als „Changing British Ritualization“. Solche neuen Rituale zeigen sich auffällig in der Jugend- und Popkultur. Als ein exemplarisches Beispiel kultureller Veränderungen steht die 4. Fallstudie: Multireligiöse Räume als Symptome und „Agenten von Veränderung“. Die beigefügten Bilder illustrieren nicht nur die veränderte Gesamtsituation, sondern kommentieren bildhaft diesen religiös beachtlichen Umbruch in der britischen Gesellschaft.

In Teil 2 geht es um weiter reichende Einflüsse. Diese haben nicht unerheblich mit der Außenwirkung der Massenmedien zu tun. Die 5. Fallstudie untersucht dies im sensiblen Feld der Jugendkultur und der Identität stiftenden Pop-Musik, beginnend in den 1960er Jahren über die New Age Spiritualität bis hin zur religiösen Festivalkultur und den Veränderungen von der Generation X zur Generation Y, die in den 1980er Jahren geboren wurde (vgl. S. 269). Die 6. Fallstudie unterlegt die Analyse von Adam Dinham (Goldsmiths University London) und Robert Jackson (Universität Warwick) über den engen Zusammenhang von Religion, Sozialstaat, Wohlfahrt und Erziehung, zumal der Staat nicht alle sozialen Funktionen ausfüllt(e) und die religiösen Organisationen weiterhin eine wichtige Rolle spiel(t)en. Gerade Organisationen, die an der Basis arbeiten, z.B. beim Engagement für Obdachlose, gewinnen eine neue Wertschätzung und Überzeugungskraft. Dies alles muss im politischen Kontext gesehen werden. Die damit zusammenhängenden gesetzlichen Regelungen eines säkularen Staates müssen gerade in der Erziehung religiöse Indoktrination in öffentlichen Einrichtungen verhindern. Das verdeutlicht die 7. Fallstudie aus Nordirland.

Der kürzeste Teil 3 ist eine theoretische Aufarbeitung der hier dargelegten umfänglichen religionssoziologischen und kulturanthropologischen Arbeiten, und zwar hinsichtlich sich daraus ergebender kultureller, sozialer, religiöser und säkularer, teilweise sakralisierter Perspektiven. Auffällig sind dabei „Einbrüche“ romantisierender Elemente und eines neuen Atheismus in die Zivilgesellschaft. Die Religion ist keineswegs verschwunden, aber ihre „Wiederkehr“ hat gegenüber dem jeweiligen religiösen „Establisment“ ungewohnte Identitäten, die neue Sichtweisen im Bereich des Sozialen, der Gender-Problematik und der Erziehung in Schule, Familie und religiöser Gemeinschaft/Gruppe benötigen. Hier bleibt die spannende Aufgabe, weiterhin die unterschiedlichen Ziele und die rivalisierenden Aktivitäten zu analysieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten, damit sich die Gesellschaft nicht konfliktreich zersplittert. 

Insgesamt liegt hier eine umfassende aktuelle Bilanzierung vor, die nicht nur für Großbritannien wegweisend sein dürfte und auch für vergleichbare Untersuchungen in anderen Ländern Europas weiterführende Aspekte liefert.

Reinhard Kirste
Rz-Woodhead-UK, 14.06.12

Sonntag, 3. Juni 2012

Islamisch-theologische Ausbildung an Universitäten Europas


Ali Özgür Özdil:
Islamische Theologie und Religionspädagogik in Europa.

Stuttgart: Kohlhammer 2011, 340 S.
(zugleich Diss. Universität Hamburg 2009) ---
ISBN 978-3-17-021936-6
– Im Anhang Übersichten, Adressen mit weiteren Informationen zu den untersuchten Bildungseinrichtungen –

Der Autor Ali-Özgür Özdil gehört zur jüngeren Generation islamischer Theologen in Deutschland, die ihr Hauptaugenmerk auf Bildung, Integration und Dialog der Religionen richten. Als Direktor des islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts (IWB) in Hamburg hat er Theorieansätze und Praxiserfahrungen konkret miteinander verbunden. Zugleich ist es ihm aber wichtig, der islamischen Theologie in Deutschland eine eigenständige Stimme zu geben. Mit seiner hier nun auch einem größeren Leserkreis zugänglichen Dissertation zieht er eine Zwischenbilanz, die sich besonders auf islamische Studienmöglichkeiten für Religionslehrer/innen, Theolog/innen und Imame in Europa bezieht, jedoch wichtige Theologische Fakultäten in Ägypten, Iran und der Türkei mit einbezieht. Konkretisiert und exemplifiziert wird dieser umfassende Durchgang durch Bildungsinstitutionen mit Interviews von Dozenten und Studierenden in folgenden Ländern: Ägypten, Iran, Türkei, Großbritannien, Spanien, Niederlande, Österreich, Frankreich, Norwegen, Belgien, Schweiz und natürlich Deutschland.


Bei einer solchen Untersuchung mit 13 einbezogenen Ländern ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass die teilweise verstärkte positive Entwicklung – auch im universitären Bereich – „nur“ einen Zwischenstand wiedergeben kann. Dieser ist allerdings für weitere Veränderungen wichtig, besonders – wenn er wie hier – gut dokumentiert ist. Damit lassen sich weitere Untersuchungen auf diese Forschungsarbeit aufbauen.
Entscheidend ist die von Özdil genannte Hauptintention der Arbeit, die darin liegt „die Islamischen Studien auf dem Gebiet des Islam in Europa und insbesondere hinsichtlich der wissenschaftlichen Verankerung des Islam auf Hochschulebene voranzutreiben“ (S. 15). Nach Jahrzehnten der Einwanderung von Muslimen aus den verschiedenen Ländern der Türkei, des Nahen und Mittleren Ostens, Südasiens und Nordafrikas wird es immer dringender, dass angesichts des multikulturellen Spektrums und der unterschiedlichen Ausrichtungen des Islam die dadurch aufbrechenden Probleme und Herausforderungen gerade im Erziehungs- und Bildungsbereich endlich ernsthaft und konsequent angepackt werden. Die Frage, ob „der Islam zu Deutschland gehört“ mutet dabei wie eine politische Scheindebatte an, die die wahren Probleme und Veränderungsnotwendigkeiten nur verschleiert.
Özdil geht nun so vor, dass er bei seiner Analyse drei Ebenen miteinander vergleicht, die für das Gesamtverständnis notwendig sind und zugleich die Quellenlage offenlegen: Analyse der Selbstdarstellungen der Institutionen mit ihrem Studienmaterial, Präsentationen im Printbereich und im Internet, die Auswertung der Gespräche mit Studierenden und Dozenten. Damit gelingt eine sorgfältige Analyse der jeweiligen Unterrichtspraxis und ihrer Methoden (S. 25). An dieser Stelle sei das wichtige Ergebnis vorweggenommen, dass sich islamische Theologie in den genannten „islamischen“ Ländern ausgesprochen vielfältig zeigt.
Es ist nicht möglich angesichts der Vielzahl der angesprochenen Einrichtungen, diese im Detail vorzustellen, aber die Zusammenhänge zwischen den transdisziplinären Verankerungen und Verbindungen zu den in Europa beheimateten Wissenschaftsinstitutionen lassen sich zumindest verdeutlichen.
              So stellt Özdil in einem ersten Teil die Vorgeschichte mit dem derzeitigen Forschungsstand vor und verweist auf die dazu gehörenden Traditionen, wie die Kalam-Schulen (seit dem 8. Jh.), aber auch die „flächendeckende“ Bedeutung der islamischen Rechtsschulen seit ihrer Entstehung.
              Im zweiten Teil untersucht er die Zusammenhänge und Verankerungen christlicher, jüdischer und islamischer Theologie im deutschen Universitätssystem. In den islamisch geprägten Ländern, die er vorstellt, geht es dann um die ausgewählten und vom Autor besuchten islamisch-theologischen Fakultäten, nämlich Al-Azhar in Kairo und die theologischen Fakultäten in Teheran, Qum, Istanbul, Ankara (mit der hermeneutisch offenen Ankara-Schule). Der Fokus geht besonders auf die in Ankara und Istanbul auch für Ausländer geeignete theologische Ausbildung zum Imam.
              Der dritte Teil befasst sich mit dem Auftauchen islamischer Theologie in Großbritannien, Spanien, Österreich, den Niederlanden, Frankreich mit einer bereits jetzt existierenden erstaunlichen auch theologischen Vielfalt.  Nur knapp angesprochen wird dann die Situation in Norwegen, Belgien, der Schweiz und in Dänemark.
              Ausführlich kommen dann im vierten Teil die konzeptionellen Ansätze einer islamischen Theologie an deutschen Hochschulen sowie ihre Einbindung in die jeweilige Universität zur Sprache. Özdil listet sowohl die Rahmenbedingungen, die theologischen Hintergründe, die Verfassungsproblematik, die Rechtssituation sowie die laufenden Projekte in Münster, Frankfurt/M., Osnabrück, Erlangen-Nürnberg, Bamberg, Ludwigsburg und Hamburg auf. Hier bleibt für die Theologen und Religionslehrerausbildung noch viel zu tun.
Vgl. dazu den Bericht (INTR°A-Tagebuch, Stand Mai 2012):
http://intra-tagebuch.blogspot.de/search?q=Islamische+Theologie
In der Auswertung – fünfter Teil – versucht Özdil angesichts des Auf und Ab bei der Einrichtung entsprechender Studienzentren an europäischen Universitäten festzuhalten: „Sollte man eine Schlussbetrachtung wagen, kann bereits davon ausgegangen werden, dass eine ‚Entdeckung‘ neuer Ausbildungslehrgänge wie etwa in islamischer Theologie unter den Gegebenheiten westlich-säkularer Gesellschaften stattgefunden hat. Dadurch, dass Muslime begonnen haben, ihre eigenen und spezifischen Fragen in die eigene Hand zu nehmen, begann auch ein Prozess einer neuen Selbstdefinition“ … Muslime „sind inzwischen Teil der Gesellschaften geworden, in denen sie leben und sie fangen an, diese Gesellschaften mitzuprägen“ (S. 243). Diese Mitprägung erfordert nicht nur eine Praktische Islamische Theologie als Lebensorientierung, sondern auch die politische Akzeptanz der Muslime als gleichberechtigte Bürger in den westliche Gesellschaften (S. 244f). Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen.

Eine Kurzfassung dieser Rezension erschien in:
"Dialog. Zeitschrift für interreligiöse und interkuturelle  Begegnung". Jg. 11, Heft 20 und 21 (2012), S. 138-139


Von Ali Özgür Özdil erschien bereits 2002:
Wenn sich die Moscheen öffnen. Moscheepädagogik in Deutschland
- Eine praktische Einführung in den Islam.
Relgionspädagogik in einer multikulturellen Gesellschaft, Bd. 3. Münster u.a.: Waxmann 2002, 286 S. 
Reinhard Kirste
Rz-Özdil-Relpäd, 04.06.12

Samstag, 2. Juni 2012

Buch des Monats Juni 2012: Rudolf Otto und die Diskussion um das "Heilige"


Thorsten Dietz / Harald Matern (Hg.): Rudolf Otto. Religion und Subjekt.
Christentum und Kultur, Band 12. Zürich: TVZ 2012, 264 S, Register --- ISBN 978-3-290-17608-2

Die Diskussion um das berühmte Buch des evangelischen Theologen und Religionswissenschaftlers Rudolf Otto (1869–1937) hat bis heute eine intensive Auseinandersetzung zur Folge. Otto hatte das „religiöse Gefühl“ für das „Heilige“ mit transzendentalphilosophischen und phänomenologischen Theorieelementen verbunden und eine für viele Fachkollegen fragwürdige  Kriteriologie dafür entwickelt. Im 1977 erschienenen Sammelband „Die Diskussion um das Heilige“ drückt der herausgebende Religionswissenschaftler Carsten Colpe sein Unbehagen u.a. folgendermaßen: aus1: „Würde ich gefragt, wie ich … über das Problem selbst schreiben würde, dann hätte ich etwa zu antworten: Herauslösung von Ottos Heiligem aus der Zweideutigkeit zwischen psychologischem und transzendentem Apriori (mit Paus); Einführung einer wieder an Kant orientierten Bedingung der beiden Möglichkeiten: der erkenntnistheoretischen, das Heilige als formales Prinzip der Weltdeutung zu kategorisieren (mit Feigel …) und der ethischen, die Empirie des unfreien Willens innerhalb einer Ontologie des Bösen transzendental zu deduzieren (mit Ricœur …) …“


Das hier vorzustellende Buch, das die beiden Theologen Thorsten Dietz (Ev. Hochschule Tabor in Marburg) und Harald Matern (Universität Basel und Erlangen) herausgegeben haben, stellt das Ergebnis eines Forschungssymposiums zu Rudolf Otto vom Dezember 2010 in Marburg vor. Der Schwerpunkt hat sich hier – wie schon im Vorwort angesprochen - auf die Begründungszusammenhänge religiöser Subjektivität verschoben, und zwar in vierfacher Hinsicht: religionswissenschaftlich, religionsphilosophisch, religionspsychologisch und narrativ-theologisch. Dazu treten exemplarisch die Interpretationen und unmittelbaren Bezüge Ottos zu Martin Luther (1483–1546), Immanuel Kant (1724–1804), Friedrich Schleiermacher (1768–1834), Friedrich Jakob Fries (1743–1843), Nathan Söderblom (1866–1931), Wilhelm Wundt (1832–1920) und Paul Tillich (1886–1965).
Der Band beginnt mit einem wieder veröffentlichten Reisebericht Ottos nach Teneriffa 1911. Statt einer Kommentierung dieses Berichts untersucht der Religionswissenschaftler Gregory D. Alles aus Maryland (USA) Ottos Wirken religionsökonomisch – und die Nordafrikareise wird zum unausgesprochenen Beleg: Ottos große Reisen, gar eine „Weltreise“ 1911/19112 verstärken einen Kulturaustausch im Sinne eines Import-Exports von West nach Ost, aber auch von Ost nach West. Dem liegt ein kolonial geprägter Eurozentrismus bzw. Kulturimperialismus zugrunde, der sich mit einer subjektiv bestimmten Religionstheorie mischt. So tritt neben das kolonialistisch-ökonomisch-elitäre Denken eines deutschen Nationalismus der Gedanke der Bildungselite und ihren Errungenschaften als zu verbreitendes Exportgut. Allen bringt es auf den Punkt: Es ist die Wiedergeburt des Kulturimperialismus in der „Religionswissenschaft“. Indem sich Otto jedoch von der Religionsphilosophie zur Religionsgeschichte wendete, führte ihn die Niederlage Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg zu einem eher post-kolonialen Denken, das die Überlegenheit der eigenen Nation allerdings beibehielt. Von daher ist auch die Religionskundliche Sammlung Ottos in Marburg zu betrachten. Diese kulturimperialistische Haltung konnte sich erstaunlicherweise mit einer liberalen Theologie, dem religiösen Sozialismus und dem von Otto favorisierten „religiösen Menschheitsbund“ verbinden. Das schloss politischen Opportunismus allerdings nicht aus.
Einen anderen Aspekt bringt der erste Herausgeber Thorsten Dietz ins Spiel: Ottos Luther-Rezeption im Zusammenhang des „religiösen Gefühls“, der „ Kontrast-Harmonie“ in der Erfahrung des „Heiligen“ und seine anthropologische Deutung von Luthers „homo spiritualis“. Der zweite Herausgeber, Harald Matern, untersucht Ottos religionsphilosophischen Gefühlsbegriff, der von Schleiermacher geprägt ist, aber insgesamt für Otto nicht ausreicht. Hinzu kommen Weiterentwicklungen auf der Basis der Religionsphilosophie von Kant und F.J. Fries (S. 117f.129ff), so dass „Gefühl“ als spezifizierte Emotion verstanden wird, „vermittelt durch nicht-begriffliche Reflexion“ (S. 149). Stephanie Gripentrog (Universität Basel) zeigt bei Otto religionspsychologische Prägungen in seiner Religionstheorie mit Bezügen auf William James und Wilhelm Wundt. Otto wird darum auch für die religionspsychologische Forschung wichtig. Der Theologe Stefan S. Jäger macht darauf aufmerksam, dass der religionsgeschichtliche und religionsethnische Einfluss des späteren Bischofs Nathan Söderblom – mehr als bisher gedacht – erhebliche Auswirkungen auf Otto Verständnis des „Heiligen“ zwischen Fascinosum und Tremendum hatte. Mit dem „Heiligen“ haben beide eine religiöse Grundkategorie gesetzt. Ein weiterer bedeutender Theologe wird durch Peter Schütz (Universität Marburg) eingeführt: Paul Tillich. Bereits vor den persönlichen Begegnungen nimmt Otto den Sprachduktus des Unbedingten, Absoluten und der „unermesslichen Fülle des Seins“ (S. 200) auf, entwickelt ihn aber eigenständig in der Marburger Zeit weiter. Die Themenfelder bleiben jedoch gemeinsam: Politik und Gesellschaft, Gottesdienst und religiöse Praxis sowie die Mystik. Und die inhaltlichen Diskussionen sind zugleich freundschaftlich geprägt. Zum Schluss zeigt Dirk Johannsen (Universität Basel), wie bei Otto eine „erzähltheoretische Umwendung in textstrukturellen Aspekten des ‚Heiligen“ bereits angelegt ist“ (S. 240). Der numinose Wert und die von Poesie und Malerei dafür entwickelte Ausdruckskraft, sind für Ottos Verständnis des „Heiligen“ wesensbestimmend (S. 254). Das hat dann bei sich abgrenzenden Theologen wie Karl Feigel dazu geführt, die Rede vom „Numinosen“ für die Theologie zu verwerfen (S. 250).
Bilanz: Die mit diesem Symposium aufgezeigten transdisziplinären Zugänge lassen religiöse Kriterien im Kontext des „Heiligen“ in verändertem Licht erscheinen und eröffnen neue Verstehenszugänge für Ottos Religionstheorie. Denn sowohl transzendental-philosophisch als auch subjektiv-emotional bekommt sein Heiligkeitsverständnis eine durchaus aktuelle Relevanz für die theologische und religionswissenschaftliche Theoriebildung.
Reinhard Kirste
 Rz-Otto-Dietz, 31.05.12
Anm. 1: Carsten Colpe (Hg.): Die Diskussion um das „Heilige“. Wege der Forschung CCCV. Darmstadt 1977, S. XXV