Dienstag, 1. Dezember 2015

Zwei Bücher von Abbé Pierre: "Memoiren" und "Wahres Leben angesichts des Todes".



      1.  Christliches Leben
ohne "Wenn und Aber"
Abbé Pierre: Memoiren eines unbeugsamen Christen.  
Aus dem Französischen von Luigi Clerici.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2013, 176 S., Abb. --- ISBN 978-3-7022-3283-2 ---

Der aus einer reichen Lyoner Familie stammende katholische Priester Abbé Pierre eigentlich Henri Antoine Grouès (1912-2007) ist auch in Deutschland durch die Emmaus-Bewegung bekannt geworden.  --- Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Emmaus_%28Organisation%29
Er gründete sie 1949. Wie diese Initiative entstand, fasst Abbé Pierre so zusammen: „ … mit einem Vatermörder, dessen Suizid misslang, einer Familie mit zwei Papas, einem Ingenieur, der seine Industriellenfamilie gegen die Fremdenlegion eintauschte. Kurz, mit verwundeten Vögeln aller Art“ (S. 24). Zu dieser
internationalen Einrichtung gehören heute über 300 Gruppen und Gemeinschaften in 36 Ländern. Sie haben alle das Ziel, den Ausgegrenzten der Gesellschaft Heimat und Menschenwürde (zurück) zu geben.

Die Spannbreite der Arbeit reicht darum von der Bekämpfung der Obdachlosigkeit, über die Einrichtung von Schulen in Afrika, die Durchsetzung der Rechte für Straßenkinder in Lateinamerika, Engagement für die Palästinenser – bis hin zum Kampf gegen den weltweiten Frauenhandel. Als politisch Engagierter gehörte er von 1945 bis 1951 als Mitglied der Französischen Nationalversammlung an. Er mahnte immer wieder die Verbesserung der sozialen Bedingungen an und setzte sich intensiv um eine Ausweitung des sozialen Wohnungsbaues ein.
Das Leben das Abbé Pierre verlief von Anfang an höchst dramatisch. Unter diesem Decknamen arbeitete er im 2. Weltkrieg in der Résistance gegen die deutsche Besatzung und half vielen jüdischen Flüchtlingen, in die neutrale Schweiz zu kommen. Dass er nur knapp der Gestapo entrann und seinem Verräter nach Kriegsende sogar verzieh, gehört zu der erstaunlichen Glaubensgröße dieses Priesters (S. 147f).     
In Frankreich lag er in den Umfragen 30 Jahre lang an der Spitze der beliebtesten Franzosen.
Er bat 2005 schließlich darum, nicht mehr auf dieser Prominentenliste geführt zu werden
.

Dass ein solcher, auch unbequemer Glaubenszeuge in der eigenen Kirche aneckt, muss nicht verwundern. Anstöße gibt es genug: Verhütung, Abtreibung, Homosexualität, Aids. So sparte Abbé Pierre auch nicht mit Kritik an Johannes Paul II., was dessen Kirchendisziplin und Sexuelle Moralvorstellungen betraf (S. 100). Zwar haben die Kirchenoberhäupter letztlich die kirchliche Lehre nie dem Irrtum preisgegeben. Aber für die Leitung der Kirche gilt: „Da ist der Heilige Geist nicht der Regent. Er assistiert zwar den legitimen Autoritäten, aber es war nicht er, der die Prälaten erleuchtete, als sie Galilei verurteilten!“ (S. 100f). Es muss auch nicht verwundern, dass der Priester für die Armen in seiner Kapitalismuskritik der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung nahestand. Dom Helder Camara zählte zu seinen Freunden: „Für einen gläubigen Christen kann wirtschaftliche und politische Befreiung nie Selbstzweck werden, den man mit jedem möglichen Mittel betreibt. Wahre Befreiungstheologie ist die Befreiung von Ungerechtigkeit durch eine mächtigere Liebe“ (S. 108).
Es gibt glücklicherweise auch die andere Seite dieser Kirche, die sich liebevoll zur Gesellschaft hin öffnet und den sich den Armen, Verstoßenen, Behinderten und Flüchtlingen nicht nur mit wohlgesetzten Worten zuwendet. Eine beeindruckende Phase betrifft darum die Zeit, als der spätere Papst Johannes XXIII. Nuntius in Paris und auch der Beichtvater von Abbé Pierre war. Dies ereignete sich in den sozial unruhigen Jahren während der Parlamentstätigkeit des Abbé und dessen politischen Kampf gegen sie wachsende soziale Ungerechtigkeit, die sich am Rande der Großstädte besonders dramatisch zeigte.
Und es verwundert schließlich nicht, dass Abbé Pierre auch der interreligiösen Begegnung ausgesprochen zugetan war. Er beruft sich auf den berühmten französischen Orientalisten Louis Massignon (1883-1962), dem „Sucher nach dem Absoluten“. Der „sagte wohl zu Recht, dass der Islam die Religion des Glaubens, das Judentum die der Hoffnung, das Christentum die der Liebe sei“ (S. 85). Allerdings gaben und geben gerade die drei monotheistischen Religionen keineswegs immer ein glaubwürdiges Zeugnis ab. Sie lieferten immer wieder erschreckende Beispiele von Fanatismus und Brutalität. Also sollte man besser selbstkritisch vor der eigen Tür kehren, um somit den „Gotteskarikaturen“ z.B. eines Blutopfer fordernden Gottes und den fundamentalistischen „Glaubenskarikaturen“ entgegenzutreten.
Abbé Pierre setzt sich auch intensiv mit dem Tod auseinander,[1] zumal er mehrfach in Todesgefahr war und auf einem sinkenden Schiff um Haaresbreite dem Tod entging (S. 141f). Ihn haben diese Erlebnisse ständig begleitet, so dass er den Tod als ein lange verschobenes Rendezvous mit einem Freund bezeichnen kann: (S. 143). Aber Abbé Pierre wäre nicht der in sich selbst Stimmige, wenn er nicht daran erinnern würde, dass angesichts des Todes Verantwortung vor Gott hier und jetzt beginnt: „Im Moment, da man aus dem Schatten tritt, um ins Licht zu gelangen, sieht man sich selber als den, zu dem man sich im Lauf des Lebens gemacht hat: entweder als einen solidarischen oder einen selbstsüchtigen Menschen“ (S. 144).

Es ist ein Glücksfall, dass Abbé Pierre auf Anraten seines Freundes Frédéric Lenoir (geb. 1962), einem bekannten Religionswissenschaftler, seine Memoiren niederschrieb. Schon im Vorwort blickt er zum einen in Dankbarkeit zurück, zum andern aber bittet er um Vergebung, weil er trotz seines ehrlichen Bemühens, in Liebe und Wahrheit gleichermaßen konsequent zu leben, doch Menschen verletzte. Dass er selbst oft auf das Übelste angegriffen wurde, solle am „Jüngsten Tag“ in die gegenseitige Vergebung einfließen. Auf diesem Hintergrund wird seine beeindruckende Lebensmotivation noch überzeugender: „Als alter Mann endlich (warum sollte ich es verschweigen?), nach so vielem unermüdlichen Protestieren und Demonstrieren, Kämpfen und Polemisieren gegen eine selbstgenügsame bourgeoise Gesellschaft, die sich nicht um ihre schwächsten Glieder, die Besitzlosen, kümmern will, verlange ich je länger, desto intensiver nach Aussöhnung und Frieden“ (S. 9). Der rastlose Kämpfer für Gerechtigkeit und Liebe für die Ausgegrenzten bleibt weiterhin ein leuchtendes Beispiel dafür, göttliche Liebe konsequent in menschlich-solidarische Tat umzusetzen.



2. Was  ist der Tod?

Abbé Pierre: Was ist der Tod? Ein Gespräch über den Sinn des Lebens. Aus dem Französischen von Bruno Kern.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2012, 77 S.
--- ISBN 978-3-7022-3200-9 ---
Französisches Original: C’est quoi la mort? Livre didactique destiné aux enfants, utilisé aussi dans l’apprentissage de la langue française. Paris: Albin Michel 1999.
 Ausführliche Besprechung:
Der 2007 verstorbene Abbé Pierre hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Nicht nur in Frankreich, sondern weltweit ist er als „Vater der Armen“ zu einer Institution gelebter Nächstenliebe geworden. Der österreichische Tyrolia-Verlag hat nun passend zum Geburtstag Fragen und Gespräche von und mit jungen Leuten herausgebracht, die der 87Jährige über den wahren Sinn des Lebens führte, und zwar im Spiegel von Sterben, Tod, Trauer und Hoffnung auf ein Leben jenseits. Dies alles ist mit vielen Beispielen aus seinem erfüllten Leben angereichert.
Zur Biografie:
Abbé Pierre kam am 5. August 1912 als
Henri Antoine Grouès in Lyon zur Welt. Er trat mit 19 Jahren in den Kapuzinerorden ein und wurde 1938 zum Priester geweiht – gegen den ausdrücklichen Widerstand seiner reichen Eltern. Abbé Pierre war jedoch kein „Gutmensch“ in diesem oft abwertend gebrauchten Sinn. Er war ein „Gut-Kämpfer“. Als aktives Mitglied der Résistance gegen die deutsche Besatzung erhielt er sein Pseudonym „Abbé Pierre“ und nutzte seine Kontakte, um jüdischen Flüchtlingen das Leben zu retten. In Manchem erinnern diese Aktivitäten an Frère Roger, der Ähnliches in Taizé organisierte.


Als politisch Engagierter war er von 1945 bis 1951 Mitglied des Französischen Nationalversammlung, wo er wesentlich am Gesetz über den Zivildienst mitarbeitete und immer wieder intensiv eine Verstärkung des sozialen Wohnungsbaues einforderte.
Besonders herausragend war seine Gründung der „Emmaus“-Bewegung im Jahre 1949. Verarmte und obdachlose Menschen wurden zur Verbesserung ihrer Lebenssituation geführt, und zwar durch eigene Arbeitsmöglichkeiten und damit weiterer Hilfestellung für andere am Rande der Gesellschaft.
Mehr:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emmaus_%28Organisation%29            
„Emmaus“ ist inzwischen in vielen Ländern auf der Welt tätig. Die Spannbreite der Engagements reicht vom Aufbau
von Schulen in Afrika, über die Durchsetzung der Rechte für Straßenkinder in Lateinamerika bis hin zum Kampf gegen den weltweiten Frauenhandel. Abbé Pierre hatte gewissermaßen Kultstatus in Frankreich, und sein Tod erschütterte darum so viele Menschen, weil sie in ihm eine Personifizierung des Guten von dieser Welt verschwinden sahen.
Zum Buch:
Dieses kleine Werk steht faktisch unter dem Titel: Wofür es sich zu leben lohnt. Seine Lebensmitte ist eine von Gott gespeiste Humanität, wie Abbé Pierre dies auch im Vorwort für ein Buch seines langjährigen kommunistischen Freundes Roger Garaudy (1913–2012) zum Ausdruck bringt [1]: „Haben wir Gott nötig? Man muss es herausschreien: Ja!Ja! Und dieses Buch treibt dies mit Gelehrsamkeit, Belesenheit und liebender Leidenschaft voran: Ja, die Humanität hat Gott nötig!“ 
Es ist diese von der göttlichen Liebe geprägte Humanität, die sich so klar und in bewegten Worten auf die beunruhigenden Fragen junger Leute einlässt: Den Tod als eine Erneuerung des Lebens verstehen: „Es ist, als ob man aus dem Schatten herausträte, um ins Licht einzutauchen …“ (S. 12). Der Sterbende „geht hin, um Gott zu begegnen. Er geht in den Frieden Gottes ein. Es ist ein neues Leben, das da beginnt. Wie ist das möglich? Weil die Person, die uns verlassen hat, im Licht Gottes auf eine andere Weise lebt“ (S. 29). Dass es auch ein Totsein schon im Leben gibt, lässt den Priester allerdings auch scharf über jene urteilen, die ihr Leben nutzlos vertan haben (S. 31).
Dennoch, die von Altersweisheit geprägten Worte sind auf dem Boden eines schwierigen Lebens gewachsen. Abbé Pierre hat – wie er hier erzählt – einen Schiffbruch bei Montevideo in Uruguay nur mit knapper Not überlebt
(S. 19–28). Seine Worte über Himmel und Hölle, Jenseits und Gottesbeziehung, Seele und (nicht notwendige) Wiedergeburt sind ausgeformt, dass die das Lebens im Diesseits trotz allem heiter und gelassen werden kann, wenn es vom Hoffnungslicht des Jenseits geprägt ist.
Wofür also ist es gut, an Gott zu glauben? „Man muss überzeugt sein, dass er [Gott] nichts als das Gute für die Menschen will, aber dass dieses Glück von uns abhängt“ (S. 75). Kein Wunder, dass aus solcher Glaubenskraft heraus immer wieder in diesen Antworten das praktische „Herzthema“ des Abbé Pierre durchschimmert: Die Bewegung Emmaus. So wird dieses Büchlein zur Anfrage an jeden Einzelnen, wofür es sich lohnt, aktiv zu leben – angesichts des unausweichlichen Todes. Abbé Pierre hat so gehandelt, wie es das kreative Genie Steve Jobs auch ausdrückte: „Der Tod ist ein Motor des Wandels“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Steve_Jobs).
Aus diesem Grunde ist dieses Büchlein so empfehlenswert! 

Wer sich in komprimierter und vertiefender Weise weiter mit Abbé Pierre beschäftigen möchte und des Französischen mächtig ist, dem sei empfohlen:
Abbé Pierre: Testament ... suivi de Dieu Merci. Paris Bayard 2012, 266 S.
--- Lieferbare Bücher von Abbé Pierre im Verlag Bayard
--- Eine deutsche Übeseitzung "Mein Testament"  erschien 1995 bei Pattloch (nur noch antiquarisch erhältlich).

Ein Mutmach-Text von Abbé Pierre


Je continuerai à croire, même si tout le monde perd espoir.
Je continuerai à aimer, même si les autres distillent la haine.
Je continuerai à construire, même si les autres détruisent.
Je continuerai à parler de paix, même au milieu d’une guerre.
Je continuerai à illuminer, même au milieu de l’obscurité.
Je continuerai à semer, même si les autres piétinent la récolte.
Et je continuerai à crier, même si les autres se taisent.
Et je dessinerai des sourires sur des visages en larmes.
Et j’apporterai le soulagement, quand on verra la douleur.
Et j’offrirai des motifs de joie là où il n’y a que tristesse.
J’inviterai à marcher celui qui a décidé de s’arrêter…
Et je tendrai les bras à ceux qui se sentent épuisés.



Gefunden bei „Emmaus Le Mans-Sarthe“, 17.11.2015 –
http://emmaus72.fr/dans-lhorreur-des-attentats-des-mots-de-labbe-pierre/
 


 Reinhard Kirste
 Rz-Abbé Pierre,  23.09.12
 Rz-Abbe-Pierre-Memoiren, 28.01.14,
Beabrbeitungen: 01.12.15


[1]  Roger Garaudy: Avons-nous besoin de Dieu?. Introduction de Abbé Pierre.
Paris: Desclée de Brouwer 1993, S. 8
(eigene Übersetzung).
Garaudys Weg vom Marxisten über den Negationnisten zum Islam-Anhänger hatte ein menschenunwürdiges Zwischenspiel. Es eskalierte in einem Skandal 1996, in dem sich der Philosoph als Holocaust-Leugner präsentierte (Les mythes fondateurs de la politique israélienne (Samiszdat 1996). Er wurde dafür auch verurteilt.     
Abbé Pierre, anfänglicher (quasi blinder) Unterstützer Garaudys, distanzierte sich dann ausdrücklich und öffentlich.
Vgl. University of Pennsylvania, April 1996: http://www.writing.upenn.edu/~afilreis/Holocaust/pierre-news.html
Und: Wikipedia, abgerufen 28.07.12: http://de.wikipedia.org/wiki/Abb%C3%A9_Pierre

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