Sonntag, 15. Juli 2012

Buddhistisch-christlicher Dialog - japanische Herausforderungen


MUTO Kazuo (Martin REPP, ed.): Christianity and the Notion of Nothingness. Contributions to Buddhist-Christian Dialogue from the Kyoto School. Translated by Jan van Bragt.
Philosophy of Religion – World Religions Vol. 2. Leiden/Boston: Brill 2012, XIV, 227 S., Auswahlbibliografie, Indices
--- ISBN 978-90-04-22840-5 (auch als E-Buch erhältlich) ---


Der Theologe Martin Repp arbeitete von 1991-2002 in Japan als Stellvertretender Direktor des NCC Centers für die Studien der japanischen Religionen und von 2004 bis 2009 als Professor für religiöse Studien an der Ryukoku-Universität. Seine Forschungsfelder sind neben dem Buddhismus, neue religiöse Bewegungen und interreligiöser Dialog. Er gehört damit auch zu denjenigen Fachleuten, die die Verbindungslinien zwischen Buddhismus und Christentum besonders deutlich markieren können. Er ist Beauftragter der Ev. Kirche von Hessen und Nassau für den Dialog mit den asiatischen Religionen und lehrt als Privatdozent an der Universität Heidelberg.
Mit dieser Publikation stellt er Leben und Werk von MUTO Kazuo (1913-1995) vor, einen wichtigen Vertreter der Kyoto-Schule für Philosophie, der lange Zeit den Lehrstuhl für Christliche Studien an der Fakultät für Literaturwissenschaften der Kyoto-Universität inne hatte und eine wichtige Rolle in der christlichen Theologie Japans spielt (S. 1-53).
Die Anfänge der Kyoto-Schule liegen im frühen 20. Jahrhundert. Man setzte sich zum ersten Mal bewusst mit westlichen Geistestraditionen auseinander und brachte den Begriff des „Nichts“ intensiv ins Spiel. Dabei verstanden es ihre Vertreter wie NISHIDA Kitaro (1870-1945), TANABE Hajime (1885-1962) und NISHITANI Keiji 1900-1990) unter Aufnahme westlicher Begrifflichkeit eine Religionsphilosophie zu entwickeln, die sich besonders gegen christliche Exklusivitätsansprüche durchsetzte. Auch der christliche Theologe YAGI Sei’ichi (geb. 1932) wäre hier zu nennen. Sie alle nahmen in diesem Diskurs in durchaus kritischer Auseinandersetzung buddhistische Konzepte und Erfahrungsgrundlagen auf. So entstand eine eigenständige japanische Religionsphilosophie, die auch den christlich-buddhistischen Dialog auf neue Grundlagen stellte. Als japanischer Christ wehrte sich Muto gegen die von der westlichen Missionswissenschaft entwickelte Entgegensetzung von Evangelium und Kultur sowie die Abwertung der anderen Religionen mit den dahinter stehenden Absolutheitsansprüchen. Inkulturation und interreligiöser Dialog waren für ihn darum zwei Seiten derselben Medaille. Die Auseinandersetzung mit der exklusiv antretenden Dialektischen Theologie, besonders ihrem Hauptvertreter Karl Barth, war damit vorprogrammiert. Indem Muto das Christentum gewissermaßen in den asiatisch-religiösen Kontext hereinholte und entsprechend gestaltete, wandelte sich für ihn das christliche Evangelium in eine universale Religion. Muto war übrigens Schüler von Tanabe und Freund von Nishitani.
Wie schon Martin Repp in der Einleitung als herausragendes Merkmal von Mutos Argumentation heraushebt, ist seine dialektische Methode das „soku“, also die gleichzeitige Interaktion, d.h. die reziproke Beziehung des „one-sive-many und des „many-sive-one“ (S. 38) – und dies nun auch bezogen auf die Begegnung von Buddhismus und Christentum. Damit gelingt eine neue Wahrnehmung des christlichen Glaubens im asiatischen Kontext, die eine erstaunliche Nähe zu Friedrich Schleiermacher und Paul Tillich und eine intensive Auseinandersetzung mit Sören Kierkegaard verrät. Das Eingehen auf die westliche (Existenz-)Philosophie unter Einbeziehung auf die Religionsgeschichtliche Schule des 19. Jahrhunderts und die besondere Beachtung von Kierkegaard und Heidegger lässt sich übrigens in der gesamten Kyoto-Schule feststellen.
Die einzelnen vom Herausgeber ausgewählten Beiträge mit z.T. sich überschneidender Thematik versuchen das gesamte Spektrum der Religionsphilosophie von MUTO Kazuo zu umgreifen:
1.  Problems Facing Japanese Christianity Today:
 Muto ist der Überzeugung, dass der “Gospel of Christ” tief immanent in jedem Zeitalter und jeder Kultur vorhanden ist und also heimisch sein sollte (S. 59). Angesichts der kolonialistischen, imperialistischen und nationalistischen Erfahrungen, besonders nach dem 2. Weltkrieg, muss das Christentum alle Attitüden der Superiorität und Erwählungsmentalität ablegen (S. 65) und sich dem interreligiösen Dialog auf der Ebene der Gleichwertigkeit zu öffnen. Das ist für das multireligiöse Japan besonders wichtig.
2.  Theologism and Religionism:
 
Hier kommt Muto in Abgrenzung zu Karl Barths Religionsbegriff besonders ausführlich auf Schleiermacher und Tillich zu sprechen (S. 75-91). Religion ist für ihn in Konvergenz zu Schleiermacher die Schöpfung aus dem Nichts (S. 80). So betont er bei gleichzeitiger Übernahme bestimmter Begrifflichkeiten Tillichs: „… instead of abiding self-sufficiently within the theological circle, he [sc. Tillich] wants to step outside this circle in order to pursue serious dialogue with the thought, culture and religion beyond this circle“ (S. 88). Religion ist für ihn in Konvergenz zu Schleiermacher die Schöpfung aus dem Nichts (S. 80).
3.  A New Possibility for a Philosophy of Religion:
Was für die Begegnung der Religionen wichtig ist, hat eine ähnliche Bedeutung im interdisziplinären Diskurs von Theologie und (Religions-)Philosophie. In Auseinandersetzung mit dem antichristlichen Atheismus des 19. Jahrhunderts geht es darum, „Theologie nach dem Tode Gottes“ zu formulieren und den atheistischen Nihilismus zu transzendieren. Auf diese Weise kommen Martin Heidegger und Rudolf Bultmann kritisch hinterfragt ins Spiel.          
Denn Entmythologisierung neigt zur „Ent-Mystifizierung“ und zur Ausblendung einer generellen Religiosität, die durchaus ein Ich-Du-Beziehungs-Verstehen einfordert. Denken und Mystik schließen sich nicht aus, wie das Beispiel Paulus zeigt. Im christlich-buddhistischen Dialog zeigt sich besonders, dass die Leere und das Nichts, besonders im Zen-Buddhismus ernst zu nehmen ist.
4. "Immanent Transcendence" in Religion:
Unter Aufnahme von Nishida, Hatano und Tanabe geht es bei der Beziehung Gott Mensch um die Relation zwischen dem Relativen und dem Absoluten. Muto erneuert damit Luthers Aussage vom verborgenen Gott. Es sollte gelingen, die Relativitäten aller Theologien zwischen „natürlich“ und „geoffenbart“ zu durchbrechen und die Vorläufigkeiten des Pilgers als Wegerfahrung aufzunehmen (S. 124). Wenn dann im Sinne von Nishida das Selbst in die Tiefe seiner originalen Quellen zurückkehrt, dann sollten wir am „place of nothingness“ (S. 126) stehen, der das „absolute Nichts“ ohne jeglichen Gegensatz ist.
5. Christianity and the Notion of Nothingness:
Im Blick auf die Mystik scheinen sich nun Christentum und Zen-Buddhismus besonders nach zu kommen. Das zeigt sich in der Beschäftigung Mutos mit dem (frühen) Luther, der Mystik des Apostels Paulus im Sinne von Albert Schweitzers Paulus-Interpretation und eines hermeneutischen Umdenkens in Richtung Rudolf Bultmann. Diesem ausführlichen Beitrag ist auch der Gesamttitel des Buches entnommen und zeigt m.E. zusammen mit dem 4. Kapitel die Schlüssel-Themen und -Intentionen von Muto: „I think that also for Christianity it is important not to lose sight of the fact that >nothingness< is not something that must be viewed objectively, but something that has to practisiced subjectively and become self-aware” (S. 155). Dies ist eine Verstehensausrichtung, die in vielem an den Mystiker Heinrich Seuse (1295/97-1366) erinnert.
6. "Watch Your Step!"
In diesem Abschnitt geht es um die Unterscheidung zwischen einer Gottesmystik und einer Christusmystik bzw. Geistesmystik in teilweise vorsichtiger Abgrenzung von der Interpretation der paulinischen Mystik durch Albert Schweitzer, ähnlich wie in Kap. 5. Aber weil Gott Geist ist und dort Freiheit ist, ist dies eine dialektische Freiheit im Sinne von Luthers Freiheits- und Knechtsbegriff, die Muto als „love-qua-nothingness“ interpretiert. Die Grundfragen des Lebens nach dem Woher und dem Wohin reduzieren sich auf den Ort, „where I stand and come to rest“. Alles und „Nichts“ fallen in Eins zusammen – „in the place of >nothingness-in-love<“ (S. 180)
7. Nothingness-in-Love – The Philosophy of Tanabe Hajime and Christianity:
Was Muto im 6. Abschnitt angesprochen hat spielt er nun an der Philosophie von Tanabe so durch, dass dessen Kritik deutlich wird: „… from the beginning Tanabe put himself on a standpoint that was critical and skeptical toward kerygmatic theology“, bezogen auf die Theologie Rudolf Bultmanns (S. 200). Sie versucht er zu „de-kerygmatisieren“, um von Paulus zu Jesus zurückzukehren und so eine zweite dialogfähige Reformation nach Luther auf der Basis einer tieferen Nicht-Religiosität einzuläuten. Das „Heilige“ zu negieren, heißt sich auf das „Nichts“ einzulassen.
8. The Nishida–Tanabe Philosophy and Christianity:
Schließlich betrachtet Muto noch die Philosophien von Nishida und Tanabe in Relation zueinander und zugleich auf das Christentum fokussiert. Tanabe wendet sich vom Christentum ab und dem Zen-Buddhismus stärker zu. Er kommt dann jedoch wieder zum Christentum zurück. Nishidas Philosophie dagegen positioniert sich religionsphilosophisch „hinter“ das mystische Denken, hin zum Nichts („oriental nothingness“, S. 209), das man letztlich von einem christlich-westlichen Standpunkt nicht erreichen kann und das trotzdem als christlich anzusehen ist. Also muss die orientalische Kultur die westliche „umarmen“ (S. 209).
Bilanz:
Die erstaunlich intensive Auseinandersetzung mit westlicher Theologie zwischen existentialer Interpretation und Erfahrungstheologie zeigt, dass die Vertreter der Kyoto-Schule keineswegs eindeutige Lösungen anbieten und die Leser auch in Aporien zurücklassen. Aber es zeigt sich besonders an Mutos sorgsamem Umgang mit japanischer und westlich (überwiegend deutscher) theologischer Begrifflichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts, dass gerade die japanisch-buddhistisch geschliffene „Linse“ auf ein dialektisch sich zur Sprache bringendes Christentum erstaunliche Verbindungsmöglichkeiten für einen Verstehens-Dialog ins Blickfeld bringt, der die theologische bzw. religionsphilosophische Begegnung zwischen Christentum und Buddhismus als komplementär notwendig erachtet.



Veröffentlichungen von Martin Repp in der Reihe "Religionen im Gespräch" (RIG)
Reinhard Kirste
Rz-Muto-Repp-Kyoto-School, 15.07.12

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