Donnerstag, 2. Januar 2014

Islam-Orientierung für Jugendliche und Erwachsene - ohne Vorurteile



Lamya Kaddor / Rabeya Müller
(Illustrationen: Alexandra Klobouk): Der Islam.
Für Kinder und Erwachsene.
 
München: C.H. Beck 2012. 175 S., Abb.,
Anhang mit Literaturhinweisen, Register und Verzeichnis der Koranstellen
--- ISBN 978-3-406-64016-2 ---

 Kurzrezension: hier

Ausführliche Besprechung

Der Islam ist ein Dauerthema in Deutschland. Oft werden jedoch Halbwissen und Vorurteile zu einer polemischen Brisanz gemischt, der argumentativ schwer beizukommen ist. Die beiden Autorinnen bemühen sich seit Jahren kompetent, dem ein unverstelltes, ehrliches Bild vom Islam entgegenzusetzen. Lamya Kaddor hat als Islamlehrerin in der Schule und Islamwissenschaftlerin Grundlegendes geleistet. Rabeya Müller, islamische Theologin und Religionspädagogin, hat ein umfassendes religionspädagogisches Islam-Konzept entworfen, das sie auch in vielen Ausbildungs- und Fortbildungskursen weiter verbreitet. Beide gehören zu den Gründerinnen des Liberal-islamischen Bundes1.
Bereits 2008 brachten sie eine Auswahl von Korantexten für Kinder und Erwachsene heraus.2 Das nun vorgelegte Buch ist gewissermaßen Fortsetzung und grundlegende Verstärkung dessen, was in der Koran-Übertragung nur auf die wesentlichen Texte bezogen war.


Zur Struktur und zum Inhalt
Die thematische Zusammenstellung des Buches geht vom Glauben aus, und zwar im Blick auf das Gottesverständnis – erläutert an den 99 schönen Namen Gottes (Kap. 1: Viele Namen, ein Gott). Dem folgt die Vorstellung der Glaubenskonkretionen und Rituale (Kap. 2: Fünf Säulen, ein Glaube). Dann kommt die Moschee als Gebäude, in ihrer Funktion mit ihrem „Personal“ in den Blick (Kap. 3). Besonders erhellend ist der Abschnitt über die Koranschulen, über die in der Öffentlichkeit und gerade in den Medien viele Missverständnisse kursieren. 
Dasselbe gilt vom Koran als Wort Gottes (Kap. 4). Auch hier wird Grundsätzliches mit praktischer Orientierung verbunden (z. B. Speisegesetze). Das Reizwort Scharia (Kap. 5) erfährt mit den entsprechend aufgearbeiteten historischen Hintergründen wie den Rechtsschulen eine sinnstiftende Orientierung im Sinne gelebter Rechtmäßigkeit, deren Basis der Koran ist. Der Stellung des Gesandten/Propheten Mohammed als Überbringer abschließender Offenbarung wird sowohl biografisch wie entwicklungsgeschichtlich nachgegangen und die Unterschiede etwa zwischen Sunniten und Schiiten einbezogen (Kap. 6). Dass die beiden Autorinnen die Gender-Problematik, Sexualität und Ehe im Islam in all ihren Schwierigkeiten sehen und die aktuelle Problematik unprätentiös angehen (Kap. 7), macht das Buch besonders sympathisch. Das gilt gerade für Begriffe wie Homosexualität, Zwangsheirat, Ehrenmord und Kopftuch.
Nur in scheinbar ruhigere Bahnen führt das Kap. 8 über Tradition und Kunst. Hier wird zum einen die kulturelle Offenheit des Islam im Prinzip herausgehoben, aber auch auf volkstümliche Vorstellungen (wie der „böse Blick“) eingegangen. Schließlich wird das Bilderverbot und Karikaturenstreit präzise thematisiert.
Beim Thema der Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitmenschen und die Stellung der Religion in der Gesellschaft sprechen die Autorinnen zum einen die Vernunftbezogenheit islamischen Denkens an, die Absage an jegliche Missionsbemühungen und den vom Koran gebotenen Respekt vor den Andersgläubigen (Kap. 9). Sie betonen damit die im Wort „Islam“ steckende Verbindung im Sinne von „Frieden“. Im Kap. 10 über Islam und Politik werden die Grundmuster  islamischer Verantwortung herausgestellt. Sie wehren sich gegen den „Heiligen Krieg“ und den Märtyrer-Terrorismus und zeigen die Notwendigkeit moralischer Anstrengung (dschihad) als religiöse Pflicht. Dem Monopol beanspruchenden Fundamentalismus wird dabei keine Chance gegeben. So gehört innerislamische Kritik zum Grundmuster diskursiven Denkens beider Autorinnen (so auch in Kap. 11), ebenso wie die Ablehnung, Islam und Terrorismus immer wieder gleichzusetzen.
In diesem 11. Kapitel steht die islamische Vielfalt in Deutschland im Mittelpunkt. Sie bedarf auch der kritischen Begleitung. Verdeckte oder gar offen zur Schau getragener Islamfeindlichkeit ist jedoch kontraproduktiv. Die Autorinnen machen deutlich, dass es „den“ Islam nicht gibt, was auch ein Blick in die weltweite islamische „umma“ zeigt. Imgrunde hätte der Anhang auch als eigenes Kapitel gezählt werden können, weil er „anschaulich“ den Umgang mit Bildern thematisiert. Das betrifft sowohl das islamische Bilderverbot wir die von Bildern geprägten Medien und den Stellenwert islamischer Medien in Deutschland überhaupt.
Bilanz
Die Autorinnen sind sich im Klaren, dass sie nicht den Islam repräsentieren, sondern ihre Sicht auf ihre Religion darstellen. Sie belegen dies mit der aktualisierenden Interpretation vieler Koranzitate. So scheint ein Verständnis des Islam auf, der nicht die großen Schlagzeilen bringt, aber dafür dem interkulturellen Verständnis dient. Hinzu kommt, dass das Buch in einer leicht zugänglichen Sprache geschrieben ist. Allerdings dürfte es vom Duktus und Stil her weniger für Kinder als vielmehr für Jugendliche und natürlich Erwachsene geeignet sein. Als Sachbuch hält es zum einen wissenschaftlichen Kriterien stand und zum andern ist es eine Lektüre, die nicht langweilt. Dazu verhelfen auch die Illustrationen, die dem Buch bei aller inhaltlichen Gewichtigkeit einen leichten „Touch“ vermitteln (sollen).
Bei den Tabellen und Schaubildern ergibt sich durch die Art der Zeichnungen und durch die Schreibschrift eine gewisse Unübersichtlichkeit (vgl. S. 16-17, 19. 21, 27, 30f, 78-79, 146f, besser z.B. S. 85). Dies sind jedoch eher optische Unschärfen, die die Gesamtintention letztlich nicht beeinträchtigen.        
Wenn das Wort nicht negativ besetzt wäre, könnte man das Buch als gelungenes populärwissenschaftliches Werk betrachten. Sowohl Muslimen, aber auch Christen, überhaupt allen einigermaßen religiös Interessierten kann es darum ein guter Wegweiser sein.
Reinhard Kirste,
 Rz-Kaddor-Müller-Islam, 14.09.12
Anmerkungen
1)  Zur Information über den Liberal-islamischen Bund vgl. die Selbstdarstellung: http://www.lib-ev.de/

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