Mittwoch, 1. Januar 2014

Buch des Monats Januar 2014: Orientierungsmarken für eine interreligiöse Theologie



Reinhold Bernhardt / Perry Schmidt-Leukel (Hg.):
Interreligiöse Theologie. Chancen und Probleme.
Beiträge zu einer Theologie der Religionen (BThR), Band 11.
Zürich: TVZ 2013, 296 S., Personenregister
--- ISBN 978-3-290-17718-8 ---
Kurzrezension: hier

 Ausführliche Beschreibung
Die beiden Herausgeber Reinhold Bernhardt, Professor für Systematische Theologie an der Universität Basel und Perry Schmidt-Leukel, Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Universität Münster, haben sich als kompetente und engagierte Promotoren des interreligiösen-theologischen Dialogs schon seit langem einen Namen gemacht. In der vom Theologischen Verlag Zürich betreuten Reihe (seit 2005) haben sie wichtige Denkanstöße für die sich weiter entwickelnden interreligiösen Theologien gegeben. Dieser Band stellt nun eine Art Zwischenbilanz dar, und zwar nicht nur auf der Basis der christlichen Tradition, sondern im Zusammenhang verschiedener religiöser Traditionen. So lassen sich hier in Verbindung von Theologie, Religionswissenschaft und dank wichtiger theologischer Entwicklungen neue Horizonte entdecken.


Die bisherigen erschienen 10 Bände BThR haben verstärkt einzelne Schwerpunkte interreligiösen Theologisierens angesprochen. Vgl. die Besprechungen:         
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2013/12/auf-dem-weg-zu-einer-universalen.html
Der neueste Band bezieht sich auf eine Fachtagung im November 2012 in der Nähe von Basel. Hier wird programmatisch benannt, welche Funktion eine interreligiöse Theologie angesichts unterschiedlicher Entwicklungstendenzen hat: „Wie immer das Spannungsverhältnis zwischen konfessioneller Herkunft und religionsdialogischer Orientierung im Einzelnen gelöst wird, so setzt interreligiöse Theologie in jedem Fall die Annahme voraus, dass theologisch relevante Wahrheitserkenntnis nicht auf die eigene religiöse Tradition oder Konfession begrenzt ist (S. 11). Im Konzept einer solchen interreligiösen Theologie werden zwangsläufig neue Einsichten erkennbar, dennoch erhebt eine solche Theologie „den Anspruch, traditionelle religionsspezifische Theologie in erkennbarer Kontinuität fortzuführen“ (S. 15).
Die hier versammelten z.T. international renommierten Fachleute decken in ihren Beiträgen nun  Problemfelder und Chancen eines interreligiös theologischen Ansatzes aus verschiedenen Perspektiven auf.
Im 1. Teil geht es um systematische und methodologische Aspekte einer Theologie, die komparativ ansetzt und sich interreligiös auswirkt. Die Herangehensweise der Autoren ist dabei recht unterschiedlich. Der Mitherausgeber Perry Schmidt-Leukel fordert eine interreligiöse Lern- und Revisionsbereitschaft ein, die nur möglich ist, wenn die Verschiedenheit der Religionen ebenso wie ihre essentielle Gleichwertigkeit betont wird. Zurückhaltender äußert sich der andere Herausgeber, Reinhold Bernhardt, dass interreligiöse Theologie die Verwurzelung in der eigenen Tradition braucht und so fähig wird, sich in andere religiöse Traditionen hineinzudenken (S. 45), und zwar im Sinne einer transreligiösen Theologie (S. 65f). Dies macht heutzutage jedoch nur im globalen Rahmen Sinn, wie Bernhardt an ausgewählten Theologen katholischer Provenienz wie z.B. an Francis Clooney oder an dem Anglikaner wie Keith Ward zeigt und sich dabei immer wieder auf Schleiermacher beruft. Sigrid Rettenbacher (Universität Salzburg) dagegen betont die Notwendigkeit eines postkolonialen Fokus, von dem her inter-religiöse Theologie ihre Glaubwürdigkeit gewinnt. „Wie immer das Konzept einer interreligiösen Theologie auch näher bestimmt werden mag, es geht darum, den eigenen konfessionellen Glaubensstandpunkt mit einem Bewusstsein für religiöse Pluralität zusammenzudenken“ (S. 79) und mit einem postkolonialen Identitätskonzept bei der Wahrnehmung des „Anderen“ zu verbinden (S. 87). Dies wird in der Spannung von Universalität und Partikularität geschehen müssen. In einem solchen Prozess können hegemoniale Strukturen entlarvt (S. 92) und Identitäten in ihrer Pluralität und Besonderheit respektiert werden. Ulrich Dehn (Universität Hamburg) setzt sein interreligiöses Theologieverständnis bei der Kommunikationstheorie an und spielt dies mit Hilfe der buddhistischen Traditionen durch. Dazu benutzt er die unterschiedliche Auslegungs-Verwendung des berühmten Gleichnisses von den Blinden, bei ihrer Begegnung mit einem Elefanten. So geraten über die Erzählung/ die Narrative Wahrheitsdiskurse in den Vergleich. Kontextuelle Theologie des Christlichen zwischen Partikularität und Universalität erweitert sich auf diese Weise hin zu interreligiöser Universalität, ohne dass man dazu den übergeordneten Begriff einer „interreligiösen Theologie“ braucht (S. 126), weil dieser Begriff fast als Tautologie erscheint (S. 127).
Die Formulierung von den „Grenzen interreligiöser Gastfreundschaft“ im Titel des Beitrags von Marianne Moyaert, Professorin für interreligiösen Dialog an der Universität Amsterdam, verwundert zunächst etwas. Ist doch die Gastfreundschaft das Band, das gerade unterschiedliche Glaubende erst einmal zusammenbringt, und „rituelle Partizipation“ scheint doch ein besonderer, eben nicht nur kognitiver Weg des Dialogs zu sein. Aber die Autorin sieht auch unangebrachte Grenzüberschreitungen. Darum möchte sie die „Dualität von Anziehung und Widerstand von der spezifischen Eigenart symbolischer Praktiken her … verstehen“ (S. 156f). Denn es geht um ein tieferes Verstehen des religiös Anderen (S. 142ff). Welche Konsequenz ist daraus zu ziehen? Kann man nicht mehr als respektvolle Anwesenheit der „Anderen“ bei den eigenen religiösen Ritualen erwarten, zumal diese ja aus ihrer „Vorformung“ leben und religiöse Symbole nicht einfach austauschbar sind? Eingeladene und Einladende brauchen natürlich eine entsprechende Sensibilität für den Anderen. Offenbar bewegt die Angst der „eigenen religiösen Bindung untreu [zu] werden“ (S. 156), manches gläubige Gemüt doch recht intensiv. Ich frage mich allerdings, ob die Angst vor der eigenen dialogischen Courage wirklich der beste Ratgeber ist.
Im kürzeren 2. Teil des Bandes werden mögliche und sich realisierende Konkretionen angesprochen. Catherine Cornille (Boston College) als Hauptherausgeberin der Reihe „Christian Commentaries on Non-Christian Sacred Texts“ geht von einem breit angelegten Verständnis “Komparativer Theologie” aus. Die theologische Beschäftigung mit anderen religiösen Traditionen führt natürlich zu einer bewussten Auswahl der Dialogpartner (S. 164). Das Weiterwirkende daran ist, dass heilige Texte von „anderen“ oft „katalysatorische“ Rückwirkungen haben können (S. 167). Interreligiöse Hermeneutik wagt jedoch Deutung aus einem anderen religiösen Kontext heraus (S. 170). Sie ermöglicht in christlich-theologischer Verantwortung geoffenbarte Wahrheit in anderen Religionen zu entdecken. Anja Middelbeck-Varwick (Freie Universität Berlin) schlägt den Bogen noch etwas weiter, indem sie ekklesiologische Fragen (innerhalb der römisch-katholischen Theologie) im Gespräch mit der islamischen Theologie entfaltet. Dazu dienen die „Umma“ im islamischen und „Kirche“ im katholischen Verständnis. Kirche als Widerschein Christi (S. 193) wirft auch ein neues Licht auf muslimisches Gemeinschaftsverständnis bis hin zur Überlegung, ob nicht der analoge Begriff zu „Kirche“ „Islam“ sei (nach Felix Körner, vgl. S. 200). Das gemeinsame Tun wird zum einigenden Band, Umma und Kirche bleiben in ihrem gemeinsam möglichen Verständnis „lernoffen“. Ebenfalls auf der komparativ-theologischen Ebene liegt der Beitrag von Michael Hüttenhoff (Universität Saarbrücken), der das nicht zentrale Thema der Freundschaft vergleichend an einem buddhistischen Text durchspielt und interreligiöse übergreifende Freundschaft wegen unterschiedlicher Heilsvorstellungen in Frage stellt. Um exklusivistische Tendenzen abzufangen, müsste also eine interreligiöse Tugendlehre der Freundschaft erst entwickelt werden. Der Religionswissenschaftler Wolfgang Gantke (Universität Frankfurt/M.) bedenkt die Probleme einer „pluralistischen Blickentschränkung“ (S. 235). Er geht dabei den ungewohnten Weg im Sinne einer religiösen Lebensphilosophie, die zwischen interreligiöser Theologie und interkultureller Religionswissenschaft changiert. Eine solche Position enthält sich angesichts der Unergründlichkeit des Lebens aller Verabsolutierungen. Ein Stück weit dient dem Verfasser Nietzsche, aber noch mehr Sri Aurobindo als Vorbild. Dieser hat das starre Entweder-Oder hinter sich gelassen und gibt dem Geist des jeweils Entgegengesetzten immer Platz. Der Missionswissenschaftler Werner Ustorf (Birmingham) grenzt seine Überlegungen auf den australischen Anthropologen Ted Strehlow (1908–1978) ein. Aufgrund dessen spirituellen Offenheit gegenüber den Aborigines lehnte er die autoritäre Variante des Missionschristentum ab, entwickelte jedoch keine synkretistische Identität. Er versuchte vielmehr aboriginale Religion in ihrer Regionalität theologisch in sein eigenes Glaubensverständnis mit einzubeziehen, auch was den Weg zum Heil und die Gemeinschaft mit den Ahnen betrifft.
Am Schluss spricht sich der Münchener Religionswissenschaftler, Zen- und Yoga-Lehrer, Michael von Brück, sehr persönlich autobiographisch für eine religiöse Praxis aus, die Tendenzen der „negativen Theologie“ aufnimmt und sich jenseits von Theismus und Atheismus ansiedelt. Es ist ein Leben mit und in einem nicht-dualen, einem ökosophischen Weltbild (S: 282). Seine theologische Theorie geht auf eine Pluralität in wechselseitigen Relationen hinaus, die er als Inklusivität versteht, d.h. die eigene Religiosität ist von „inklusivem Pluralismus und plualistischer Inklusivität“ geprägt (S. 289). Die eigene Ego-Stabilität muss offensichtlich bei einer solchen „interreligiösen Theologie“ zugunsten eines pluralistischen Denkens aufgegeben werden.
Markierungen für eine interreligiöse Theologie
Interkulturelle, kontextuelle, Komparative und interreligiöse Theologie sind Begriffe, die zunehmend und nicht immer eindeutig gebraucht werden. Die Autoren haben hier methodologische und systematisierenden Klärungsschritte vorgenommen und auch ungewöhnliche Ansätze gewagt. Wenn man es aber genauer bedenkt, so scheint sich die hier dokumentierte Problemlage überwiegend um eine christlich-interreligiös offene Theologie der Religionen zu drehen als tatsächlich um eine Theologie, die mehrere Religionen einbeziehend transzendieren kann. Auf die umfassenden Religionstheorien und bewussten theologischen Grenzüberschreitungen im Sinne universaler Wahrheiten von Wilfred Cantwell Smith oder des im „the Real“ gipfelnden Konzepts von John Hick wird relativ wenig eingegangen. Paul Schwarzenau mit Ansätzen zum Verständnis eines „Größeren Gottes“ in einer „nachchristlichen Theologie“ kommt gar nicht ins Blickfeld. Dennoch: die hier vorgestellten Ansätze bieten Möglichkeiten, interreligiöse Theologie als Herausforderung durch andere religiösen Traditionen, aber zugleich konsequent dialogisch – und nicht nur religionswissenschaftlich vergleichend – voranzutreiben.
Reinhard Kirste
Rz-Bernhardt_Perry-Interrel-Theol, 31.12.13  



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