Freitag, 15. Februar 2013

Lieder der Gottesliebe - die Gitagovinda



Jayadeva: Gitagovinda. Lieder zum Lob Govindas.
Aus dem Sanskrit übersetzt und herausgegeben von Erwin Steinbach.
Frankfurt/M. und Leipzig: Verlag der Weltreligionen (im Insel-verlag) 2008, 194 S., Glossar,
Kommentar und Register --- ISBN 978-3-458-70012-8 ---
 Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung 
Es gibt zwar eine Faszination für indische Kulturen, dennoch bleiben wichtige literarische Werke aus dem indischen Subkontinent einem relativ kleinen Leserkreis in Deutschland vorbehalten. Darum erscheint es wichtig, auf poetisch geprägte heilige Texte aufmerksam zu machen, die durchaus der berühmten Bhagavad Gita nahekommen. Allerdings haben die hier vorzustellende Schrift eine andere Qualität, weil die Liebesmystik und Hingabe in all ihren Formen im Mittelpunkt steht. Vor uns liegt gewissermaßen ein indisches „Hoheslied“, das Sinnlichkeit und mystische Gottesschau gleichermaßen verbindet. Kein Wunder also, dass die Gitagovinda sowohl im privaten Bereich wie im Tempelkult eine Rolle spielt, kein Wunder aber auch, dass bereits Goethe die dichterisch-kreative Kraft dieses Lieder-Epos entdeckte und schätzte.


Der Autor der Gita Govinda ist Jayadeva. Er lebte im 12. Jahrhundert in Orissa bzw. West-Bengalen und gehörte zu den Anhängen des Gottes Vishnu (andere Namen des Gottes sind z.B. Madhava und Hari). Dies ist die eine große indische Traditionsgruppe, die zweite verehrt den Gott Shiva. Jayadevas asketisches Leben, verbunden mit grenzenloser Liebe und Hingabe (Bhakti), seine Poesie und seine Qualitäten als Guru machen ihn bis heute in Indien zu einer spirituellen Berühmtheit.
Die von dem Indologen und Sanskrit-Spezialisten Erwin Steinbach (Wien) übersetzten und herausgegebenen Lieder zum Lob Govindas, so der Beiname Krishnas, sind die erste Übersetzung nach der von Friedrich Rückert.
Gita bedeutet ja Lied im Sanskrit, und der Name Govinda lässt sich etwa als „Bester der Kuhhirten“ oder derjenige, „der Kühe findet bzw. gewinnt“ übersetzen. Es handelt sich vermutlich um den Namen einer „Hirtengottheit aus der Gegend um Mathura“ etwa 150 km südlich von Delhi, Geburtstort Krishnas entfernt, „die man später mit Vishnu identifizierte“ (S. 171)
Steinbach klassifiziert die Gitagovinda als „Kunstepos“ mit gereimten Liedstrophen (S. 95f). Diese Form füllt Jayadeva mit inhaltlicher Tiefe, indem er eine von Eifersucht, Leid, Schmerz und Sehnsucht erfüllte Liebesgeschichte von Krishna, dem inkarnierten Vishnu, und der Hirtin Radha erzählt. Dies ist ein anderer Krishna als der in der Bhagavad Gita in der Auseinandersetzung mit dem Helden Arjuna. Die in der Gitagovinda mit geradezu liebestollen Worten zum Ausdruck gebrachte Gottessehnsucht ist darum zugleich ein spiritueller Weg zur Einswerdung mit dem Göttlichen und damit Erfahrung von einer Wirklichkeit, die die irdische Liebe überschreitet:
Ihn (= Krishna), dem der Anblick von Radhas Antlitz ließ vielfachen Fühlens sich entfalten,
gleichwie das Meer, wenn bei Mondrunds Erscheinung wild aufgewühlt die Wellen wallten,
Hari [= Krishna], der ihrer nur harrend schon lang nach Wonnespiel glühte,
schaute sie schauderbezwungenen Mundes den leiblosen Gott im Gemüte.
22. Tanzlied, Vers 24, S. 63 (Fettdruck vom Rezensenten)
Um die für den „normalen“ Leser vielfältigen Facetten zu verstehen, empfiehlt es sich, zuerst den einführenden Kommentar zu lesen (S. 75–111). Der Autor erläutert übersichtlich die variantenreichen Legenden des irdischen Krishna und seine unterschiedlichen Typisierungen – auch Überlegungen zu historischen Persönlichkeiten, die in diese Legenden eingeflossen sind. Sie spielen überwiegend im Horizont des Hirtenmilieus in Nord(ost)-Indien und in der Gegend um Mumbai (Bombay). Zum besseren Verstehen ist auch die poetische Struktur dieser Lieder wichtig, die der Autor mit seiner Übersetzung ins Deutsche nachempfunden hat.
Um die Feinheiten in der poetischen Erzählung auf sich wirken zu lassen, braucht man immer wieder den Stellenkommentar (S. 112–168). Sehr angenehm ist dabei, dass den einzelnen Kapiteln dort eine kurze inhaltliche Zusammenfassung vorangeschickt wird, so dass die Lesenden sich den Gang der Geschichte klar machen können, ehe sie sich auf die poetischen Liebesbilder einlassen.
Für den nicht indologisch kundigen Leser ist es nicht ganz leicht, diese Krishna-Lieder in sich aufzunehmen, zumal uns Heutigen die Sprache oft extrem blumig und damit fremd vorkommt. Und dennoch eröffnet sich in dem Überschwang solch mystisch-poetischen Erzählens ein Geheimnis, das die Menschlichkeit des Göttlichen zum Ausdruck zu bringen versucht und damit spirituell-interreligiöse und nicht nur religionswissenschaftliche oder literarische Beachtung verdient. Denn trotz der anders kulturell eingefärbten Bilder scheint eine Nähe zu den Mystikern der Nachbarreligionen Islam und Christentum durch. Manche Textpassagen erinnern an Worte berühmter Sufi-Poeten wie Attar, Rumi und Ibn Arabi oder schlagen gar die Brücke zur christlichen Mystik in Europa (des Mittelalters) mit ihren Themen von Liebe, Leiden und Gottversenkung. Der relativ kurze Text der Gita Govinda wird damit zu einer poetisch-ästhetischen Erweiterung eigenen spirituellen Selbstverständnisses.
Reinhard Kirste
Rz-Gitagovinda, 15.02.13

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