Sonntag, 7. April 2013

Religiöse Erziehung als Kooperationaufgabe von Christen und Muslimen



Peter Graf / Bülent Ucar (Hg.):
Religiöse Bildung im Dialog zwischen Christen und Muslimen.

Interreligiöser Dialog in gesellschaftlicher Verantwortung Band 1.
Stuttgart: Kohlhammer 2011, 259 S. --- ISBN 978-3-17-022033-1 ---

Mit dem 1. Band der Reihe "Interreligiöser Dialog in gesellschaftlicher Verantwortung" beginnt die Eugen-Biser-Stiftung wichtige Debatten um das interreligiöse Lernen in einer säkularen Gesellschaft zu intensivieren: „Die neue Reihe soll dazu beitragen, den in Deutschland – wie auch in andern Staaten der Europäischen Union – geführten Dialog zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens durch das Sichtbarmachen zentraler gemeinsamer Aufgabenstellungen immer klarer zu konturieren“ (S. 7). Die beiden renommierten, interkulturell orientierten Religionspädagogen der Universität Osnabrück, Peter Graf (christlich) und Bülent Ucar (islamisch) haben dazu wichtige Vorarbeit geleistet. Ihnen ist ganz erheblich die inzwischen gesicherte Etablierung der Islamischen Religionspädagogik an der Universität Osnabrück  zu danken – und das angesichts politischer und theologischer Schwierigkeiten.


In diesem Band kommen nun Vertreter der drei monotheistischen Religionen zu Worte, deren Engagement für den interreligiösen Dialog schon über Jahre hinweg andauert.
Um einen Einblick in die dialogischen Initiativen der Eugen-Biser-Stiftung zu geben, berichtet zuerst Michael Kiefer (Islamwissenschaftler, Düsseldorf/Erfurt) über die Zielsetzungen im interreligiösen Dialog, zum islamischen Religionsunterricht, zur Imam-Ausbildung und im Blick auf die islamische Theologie in Deutschland. Grundsätzliche Überlegungen und Strukturelles werden anvisiert.
I. In den grundlegenden Dimensionen des interreligiösen Dialogs hebt der katholische Religionswissenschaftler Adel Theodor Khoury (Münster) die gemeinsamen religiösen Werte von Christentum und Islam hervor. Sie zeigen eine doppelte Blickrichtung an – von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott. Diese Korrelation kommt besonders in der mystischen Liebe und Gotteserkenntnis zum Ausdruck. Auf die unterschiedlichen Prioritäten im Verständnis von Individuum und Gesellschaft weist der Religionswissenschaftler Peter Antes (Hannover) hin: Man muss fast fragen, ob der Individualismus ein europäischer Sonderweg gegenüber islamisch geprägten Gesellschaften ist. Als Pädagoge fragt der Mitherausgeber Peter Graf, wie die Einzigartigkeit (Andersartigkeit) der Person vom Mittelalter an in Schule und ‚Bildung‘ generell) wahrgenommen und gefördert wurde. In der Neuzeit wird immer deutlicher, wie interreligiöse Bildung (nur) als Annäherung an das Absolute zu verstehen ist, weil niemand und keine Religion Gott „besitzt“. Die schon lange im christlich-jüdisch-islamischen Dialog engagierte türkische Religionspädagogin Beyza Bilgin (Ankara) stellt Abraham als Beispiel und Vorbild dar. Abraham ist der Vater vieler Völker, wie Bibel und Koran auf unterschiedliche Weise bezeugen. Die Autorin denkt sogar, dass es sinnvoller wäre, nicht nur von den Söhnen Abrahams in den drei Religionen zu sprechen, sondern von den Söhnen Adams im Sinne der gesamten Menschheit.
II.  Wenn man so umfassend – wie in diesem Band geschehen – von religiöser Bildung redet, muss der Blick auf religiöse Bildung als Teil der europäischen Kulturgeschichte gelenkt werden. Das tut der ev. Theologe Michael Fricke (Regensburg), indem er geschichtliche Voraussetzungen und Grundlagen für den christlichen Religionsunterricht in Deutschland beschreibt. Er verfolgt den Weg von einem einheitlichen Bildungsideal im Mittelalter, über Reformation und Aufklärung bis in die praktischen (rechtlichen) Umsetzungen in der Weimarer Republik. Die sich dort abzeichnende Krise wird im Nationalsozialismus verschärft und nötigt nach dem
2. Weltkrieg im Sinne von Neubeginn und Kontinuität zu reflektierter Partnerschaft von Staat und Kirche.
Wie sieht in solchen Kontexten die akademische Rabbinerausbildung aus? Der Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam, Walter Homolka, zeigt, wie sich das Verständnis von Wissenschaft im Judentum mit den positiven Wirkungen der Emanzipation in Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts verbindet und dafür eingerichtete Hochschulen kompetente Rabbiner heranbildet. Das sind Wissenschaftsstrukturen, die auch in anderen Ländern Europas und in Amerika Signalwirkung haben. Der Holocaust brachte einen furchtbaren Einschnitt – und erst langsam baut gerade das liberale bzw. Reformjudentum wieder passende Rabbinerseminare im deutschen Sprachraum auf.
Interessant ist zu sehen, wie die katholische Kirche die Imam-Ausbildung in Deutschland bewertet. Helmut Wiesmann vom Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz zieht einige bereits praktizierte Ausbildungsbeispiele heran, aber man merkt insgesamt eine gewisse offizielle Zurückhaltung im Blick auf die Ausgestaltung einer universitären Imam-Ausbildung. Diese muss natürlich an der deutschen Rechtsordnung ausgerichtet sein. Der Islamwissenschaftler Hans Vöcking vom Orden der Weißen Väter weitet den Blick auf die europäische Landschaft. Gegenüber einer meist staatlichen „Islam-Verwaltung“ in den Herkunftsländern der Immigranten, erfordern die unterschiedlichen Vertretungsinstitutionen der Muslime andere Ausbildungsmodelle. Es gilt auch die abweichenden europäischen Rechtsvoraussetzungen zu berücksichtigen, wie der Autor an Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Schweden und der Schweiz zeigt. Die Politik muss gewährleisten, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften gleich behandelt werden, für die der säkulare Staat nur den Rahmen bieten kann. Anders sieht es in den kleineren Sozialisationsstrukturen, Familie, Kindergarten, Gemeinde und Schule aus. Der Mitherausgeber Peter Graf hält vier Konstitutiv-Merkmale fest: Soziale Kontakte, lebenslanges Lernen, Einbeziehung gegenseitiger Erwartungen und Sozialisation als Kommunikation. Die verschieden Glaubenden müssen sich dazu auf ‚religiöse Partnerschaft‘ (S. 176) einlassen und gemeinsam ihre am Glauben orientierte Verantwortung wahrnehmen. Diese erlaubt individuelle Selbstfindung, Verarbeitung von Differenz und ganzheitliches Leben im Sinne gläubiger und zugleich dialogischer Existenz.
III. Der sich daraus ableitende 3. Abschnitt des Buches untersucht die konkreten bereits gegebenen und zu wünschenden Möglichkeiten für die Ausbildung von Religionslehrern und Imamen an staatlichen Hochschulen. Zuerst kommt die staatkirchenrechtliche Situation in den Blick. Der Kirchenrechtler Heinrich de Wall (Erlangen-Nürnberg) verweist auf die Selbständigkeit, mit der Religionsgemeinschaften ihre internen Angelegenheiten regeln. In Öffentlichkeit und Gesellschaft gibt es allerdings gewisse Reibungsflächen mit den verfassungsrechtlichen Besonderheiten theologischer Fakultäten für die Ausbildung ihrer „Religionsdiener“. Was für die Kirchen relativ eindeutig ist, wird für die islamische Seite neue Kooperationsformen notwendig machen, um für die staatliche Seite kompetente Ansprechpartner im Blick auf die Qualifikation der Lehrenden, der Studien- und Prüfungsordnungen zu haben. Als für die Integration nicht so günstige Alternative bieten sich islamisch-theologische Hochschulen in nichtstaatlicher Trägerschaft an. Die islamische Seite aus universitärer Sicht beleuchtet Bülent Ucar, der Leiter des Zentrums für Interkulturelle Islamische Studien an der Universität Osnabrück. Er beschreibt die derzeitige Situation der islamischen Theologie in Deutschland und hofft, dass die Imam-Ausbildung frei wird von ausländischer Bevormundung und künftig fester sowie personell ausreichend in deutsche Ausbildungsstrukturen integriert wird. Der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan (Osnabrück) geht auf die von Bülent Ucar angesprochenen Probleme ein, die mit den (nicht nur) türkischen Imamen in Deutschland und deren religiöser Ausrichtung zusammenhängen. Diese charakterisiert er so: traditionell-konservativ, traditionell-defensiv, intellektuell-offensiv, neo-salafitisch. Neben Übergangslösungen zur Imam-Schulung (in der Türkei und in Deutschland durch die Konrad-Adenauer-Stiftung) muss unbedingt das Studium islamischer Theologie in Deutschland selbst ausgebaut werden.
IV.  Den Schlusspunkt setzen zwei Beiträge zur religiösen Erziehung von muslimischen Schülern In öffentlichen Schulen. Der Verwaltungsrechtler Janbernd Oebbecke (Münster) bezieht sich auf die besondere deutsche Situation verfassungsrechtlicher Vorgaben eines säkular geprägten Staates, der bestimmte Grenzen, besonders im Blick auf die Schule gesetzt hat. Für die religiöse Bildung von Muslimen fordert er, was für die christliche Seite längst gängige Praxis ist, nämlich die gemeinsame Verantwortung von Staat und muslimischen Organisationen für das Schulleben. Diese Überlegungen führen notwendigerweise zur Etablierung und Ausgestaltung des Islamischen Religionsunterrichts im Blick auf die Integration und die religiöse Mündigkeit muslimischer Schüler. Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, verweist auf die Bedeutung der Religiosität zur Identitätsbildung im Zusammenhang der Migration. Ein Islamischer Religionsunterricht bietet deshalb eine weiterführende Perspektive, weil muslimische Schüler sich gegenüber den anderen mehr oder minder christlich sozialisierten Kindern und Jugendlichen als gleichberechtigt sehen, die Verbindung zu den Eltern hergestellt bleibt und so Integration wirklich gelingt. Das zeigen auch Ergebnisse eines entsprechenden Schulversuchs in Niedersachsen.
Bilanz: Religiöse Bildung gehört zu den Grundwerten unserer Gesellschaft. Dies machen alle Beiträge dieses Bandes unmissverständlich deutlich. Eine Gesellschaft, die nun zugleich multikulturell, multireligiös, säkular, und durch Migration stark geprägt ist, braucht jedoch Möglichkeiten, mit dieser Komplexität sachgemäß umzugehen. Wenn sich gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten verstärkt herausbildet, können gesellschaftliche Spannungen abgebaut werden. Im Blick auf den eingewanderten Islam zeigen muslimische, jüdische und christliche Religionspädagogen, Juristen und Theologen Voraussetzungen auf. Diese beziehen sich sowohl auf kulturelle und religiöse Unterschiede wie auf rechtliche Vorgaben. Die Autoren benennen zugleich die Schwachpunkte und zeigen, dass im Blick auf Schule und Gemeinde die Ausbildung der Lehrenden zentralen Stellenwert bekommt. Sie zeigen zugleich breite Variationsmöglichkeiten des interreligiösen Dialogs und der multireligiösen Begegnung, die den Abbau von kultur- und religionsspezifischen Bremswirkungen bewirken können. Das sind auf Dauer weitere positive Impulse für die Integration gerade des islamischen Teils der deutschen Bevölkerung. Es ist zu wünschen, dass der 1. Band dieser „religionsökumenischen“ Reihe bald einen weiterführenden Nachfolger bekommt.
Reinhard Kirste


Diese Rezension erschien auch in einer verkürzten Fassung in:
"Dialog. Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Bildung". 12. Jg. Heft 22+23 (2013), S. 131-133


Rz-Graf-Ucar-Bildung, 07.04.13


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