Sonntag, 1. Dezember 2013

Buch des Monats Dezember 2013: Konfuzianismus als Humanismus



Ming-huei Lee: Konfuzianischer Humanismus. Transkulturelle Kontexte.
Reihe: Der Mensch im Netz der Kulturen.
Humanismus in der Epoche der Globalisierung Band 19.
Bielefeld: Transcript 2013, Personen- und Begriffsregister
 --- ISBN 978-3-8376-2515-8 --
Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Bereits der Untertitel des Buches verrät, dass es hier nicht um die nationalen Zusammenhänge etwa der Volksrepublik China geht, sondern um ein Humanitätsverständnis, das chinesische Geistes- und Lebenshaltungen prägt.
Der Autor Ming-huei Lee, Forscher an der Academia Sinica in Taipeh (Taiwan), macht von vornherein deutlich, dass man den Konfuzianismus nicht vorschnell als Philosophie oder Religion klassifizieren sollte. Vielmehr zeigt sich, dass gerade der Konfuzianismus seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Begriff Humanismus in enge Verbindung gebracht wird (S. 11f).

Der Verfasser lässt sich allerdings nicht auf eine komplizierte entwicklungsgeschichtlich zu differenzierende Humanismusdebatte ein, sondern hebt die folgende Grundbedeutung heraus: „Der Humanismus ist keine Schule, sondern eine geistige Richtung, die ausgehend von menschlicher Selbstbesinnung, dem Rang des Menschen neuerlich Anerkennung verschafft“ (S. 10). Die folgenden Kapitel und Textinterpretationen sind auch keine geschlossene systematische Darstellung, sondern eine Art Zusammenschau weitgehend früher schon veröffentlichter Texte.
Nun machen schon eine erste Durchsicht der hier vorgestellten klassischen Texte und die Diskussion um die Bedeutung Kants im Kontext des Konfuzianismus deutlich, wie facettenreich und keineswegs einlinig die Geistesgeschichte Chinas ist. Bedeutung humanistischer traditioneller Werte und Rückkehr zu einem Kulturkonservatismus sind Signale für eine Neuverortung des Humanismus, wie ihn der chinesische Konfuzianismus geradezu vorbildhaft repräsentiert (S. 15).

Wenn ich mich in meiner Besprechung stärker auf die im Buch zur Sprache kommenden religiösen Elemente des Konfuzianismus beziehe, so lässt sich an den Beiträgen Lees gut erkennen, dass die hier angestoßene humanistische Wertedebatte nicht nur ein wesentlicher Beitrag zum interkulturellen, sondern gerade auch zum interreligiösen Dialog ist. Das erscheint mir deshalb so wichtig zu sein, weil in der Begegnung der Religionen gerade des Konfuzianismus und Taoismus im Westen meist nur ausschnitthaft wahrgenommen werden. Im Diskurs westlicher Religionsverständnisse setzen dagegen im Osten Transformationen ein, deren Endlinien noch nicht abzusehen sind. Die von Lee gesetzten Beispiele und Schwerpunkte sind darum besonders aufschlussreich:
Im Kapitel 1 (S. 21–41) steht die konfuzianische Ethik am Beispiel der Debatte um die dreijährige Trauerzeit in Lunyü / Lunyu 17.21 (aus den Gesprächen/Analekten des Konfuzius / Kungfutse) im Mittelpunkt. Angesichts des Todes nächster Angehöriger wird die Verkürzung der Trauerphase diskutiert und gerät zu einem Orientierungspunkt für die Leitung eines Menschen durch das Gewissen. Eine kürzere Trauerzeit wird nur dann als sinnvoll angesehen, wenn der Mensch wirklich zuvor schon innere “Ruhe“ gefunden hat (S. 33f). Daraus leitet Lee ab, dass für Konfuzius und seinen Reform-Nachfolger Mengzi  Gefühl und Vernunft eng zusammengehören. Das hat zur Folge, dass das „Herz“ für die moralische Entscheidung wesentlich ist. Kant argumentiert hier anders.
Im 2. Kapitel (S. 43–52), die Autonomie des Herzens als philosophischer Deutung, wird vertiefend auf das „Herz“ eingegangen, und zwar mit einer Text-Interpretation von Mengzi (Buch 2A2). Der Autor kommt aktualisierend zu dem Schluss: „Wenn wir bei der Entscheidung der Normen und Werte nicht auf das moralische Ich als letzte Instanz dafür, sondern auf die theoretische Vernunft rekurrieren, können wir wirklich von unseren Neigungen oder Vorurteilen gelenkt werden, deren wir uns nicht bewusst sein mögen. Hierin finden alle ideologisierten Doktrinen ihren Ursprung“ (S. 52). Lee ist sich der Zustimmung Kants sicher. Man ahnt es bereits: Es entwickelte sich in China eine mehr als hundertjährige gemeinsame Denklinie zwischen dem Königsberger Philosophen und dem chinesischen Meister.
Quasi als Gegenüberstellung hin zur Moderne zeigt sich das 3. Kapitel (S. 53–76) im wirkungsgeschichtlichen Kontext der Philosophie Immanuel Kants im modernen China. Liberalismus und Marxismus bauten trotz ihrer gegensätzlichen Position eine gemeinsame Feindschaft gegen Kants Philosophie auf. Aber gerade der Neokonfuzianismus bildet nach den ideologischen Abgrenzungen der Vergangenheit wieder eine Brücke – selbst im (noch) kommunistischen heutigen China.
Die transformierende Interpretation des Dinges an sich ist der Schwerpunkt in Kapitel 4 (S. 77–90):
Sie ist aktualisierend dem Dialog zwischen Kant und dem 1995 verstorbenen neokonfuzianischen Philosophen Mou Zongsan (Mou Tsungsan) gewidmet. Das geschieht in schöpferischer und durchaus adäquater Weiterentwicklung bei Mou und im kritischen Rückblick auf die deutsche Debatte um Kant bei Fichte, Hegel und Nietzsche, Schleiermacher, Schopenhauer u.a.
Weil nun aber – wie Kapitel 5 beschreibt – Kants moralische Religion (S. 91–128) eine Entsprechung im Konfuzianismus findet, ist für den Autor klar, dass das weite Tillichsche Religionsverständnis in Verbindung mit Kant sowohl das „Unbedingte“ wie die Kultur adäquat und transkulturell zur Sprache bringt. Darauf hat auch der neukantianisch ansetzende religionspluralistische Theologe John Hick (Druckfehler – nicht Hicks!) aufmerksam gemacht. Konfuzianismus lässt sich also durchaus als Religion verstehen; und Kant wird zu einem wichtigen Brückenbauer des religiösen West-Ost-Dialogs, denn die Einheit von Himmel und Mensch zeigt die untrennbare Zusammengehörigkeit von Humanismus und Religion. Darauf legen neokonfuzianische Philosophen ausgesprochen Wert (S. 99).
Wenn man nun noch den Schlussbeitrag zum derzeitigen chinesischen Konfuzianismusfieber (S. 129–143) berücksichtigt, so bietet sich durchaus die positive Möglichkeit, Religion als Orientierung hin zu einer umfassenderen Wirklichkeit zu verstehen. Der west-östliche Religionsdialog bekommt ganz erstaunliche, auch widersprüchliche Konturen trotz und gerade wegen der weiterhin geltenden „Orthodoxie“ des Marxismus in China. Dennoch scheinen im Zusammenhang eines umfassenden Humanismus ermutigende Konvergenzen zwischen dem Westen und dem Fernen Osten möglich zu werden. Dass Ming-huei Lee westliche LeserInnen darauf aufmerksam gemacht hat, ist der große Vorzug dieses Buches.
Reinhard Kirste

Im Sinne einer grundsätzlichen Einführung vgl. Joseph A. Adler: Chinesische Religionen.
Religiöse und ethische Ideale einer großen Kultur.

Freiburg u.a.: Herder spektrum 5863, 2007. Rezension: hier

Rz-Lee-Konfuzianismus, 30.11.2013

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