Montag, 16. Dezember 2013

Die Trinitätslehre im christlich-islamischen Dialog



Muna Tatari / Klaus von Stosch (Hg.):
Trinität – Anstoß für das christlich islamische Gespräch
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Beiträge zur Komparativen Theologie Band 7. 
Paderborn u.a.: Schöningh 2013, 268 S., Personenregister --- ISBN 978-3-506-77538-2 ---

Kurze Übersicht: hier

Ausführliche Beschreibung
In der Begegnung zwischen Christentum und Islam scheint die christliche Trinitätslehre eine beachtliche Hemmschwelle für die islamische-christliche Annäherung zu sein. In der Dreieinigkeit/Dreifaltigkeit findet eine besondere Ausdifferenzierung des christlichen Gottesverständnisses statt, die es so im Neuen Testament noch nicht gab. Erst die griechische Philosophie machte solche „Ausfaltungen“ möglich, die scheinbar/anscheinend unabdingbar für den christlichen Gottesglauben sind. Aber wo liegen genau die Stolpersteine und wo sind die Begegnungsfelder einer streng monotheistischen und einer differenziert weiter entwickelten monotheistischen Gotteslehre?


Klaus von Stosch, Leiter des Zentrums für Komparative Theologie der Universität Paderborn, und die Institutsmitarbeiterin Muna Tatari haben sich diesen dogmatisch heiklen Fragen gestellt. Sie haben neben ihren eigenen Positionen kompetente Fachleute beider Religionen eingeladen, damit Anstöße und Annäherungen im Gottesverständnis deutlich werden. Plurale Denkmöglichkeiten spielen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Wenn man also die „Aufgefaltetheit“ des christlichen Gottesglaubens vergleichend in die Religionen übergreifende Debatte einbringt, erhebt sich die Frage: Welchen Gewinn hat davon der christlich-islamische Dialog?
Daher ist es sinnvoll, im 1. Teil aktuelle trinitätstheologische Modelle auf ihre Dialogfähigkeit abzuklopfen. Das gelingt Thomas Schärtl (Universität Augsburg) dadurch, dass er die Lesenden nötigt, diejenigen trinitarischen Positionen mitzudenken, deren wirkungsgeschichtlicher Gehalt die Theologiegeschichte geprägt hat. Auch ostkirchliche Theologen (wie die drei großen Kappadokier) müssen hier gehört werden. Das kostet allerdings einige Lesemühe! So führt Schärtle vor, wie letztlich der klassische Theismus des Thomas von Aquin durch Karl Rahner und Friedrich Schleiermacher gebrochen wird – verkürzt gesagt: Von Gott kann nur im Verhältnis zur Welt geredet werden. Der Autor überlegt schließlich, ob und wie man sich auf drei „Personen“, drei Freiheiten oder drei Instanzen Gottes einlassen kann und dennoch die Einheit Gottes nicht aufgibt. Für den Dialog bleibt dann die Frage, wie Gott in den Weisen seines Handelns, obwohl er der ganz Andere ist, dennoch anwesend erfahren wird (S. 68). Dass solche trinitätstheologischen Modelle aus islamischer Sicht nicht unwidersprochen bleiben, liegt auf der Hand. Gott bleibt für Hureyre Kam (Universität Frankfurt/M.) ein unzugängliches Geheimnis. Allerdings lässt sich von den Attributen Gottes her  dieser durchaus als „Leben“ denken. Im Streit um die Trinitätslehre sieht dann Bernhard Nitsche (Universität Freiburg/Br.) trotz einer Reihe von misslungenen (auch tritheistisch verdächtigen) Systematisierungsversuchen Chancen der Annäherung. Hebt man die Erfahrung die Relationalität in den Gottesaussagen hervor, lassen sich „unterschiedliche Qualitäten und Bestimmtheiten der Präsenz Gottes in der Geschichte denken“, die man dann „präzise ausbuchstabieren kann“ (S. 125). Auch hier erfolgt natürlich Einspruch, und zwar durch die Mitherausgeberin Muna Tatri. Sie verweist auf die islamische Zurückhaltung, überhaupt Aussagen über das Wesen Gottes zu machen. Immerhin – die mittelbare Begegnung mit Gott im Koran ist zwar die wesentliche, jedoch nicht die einzige Möglichkeit der Gottesbegegnung. Die göttliche Kommunikation äußert sich auch im Kontext von Erde und Mensch (S. 147), was das im Blick auf Gott als Gegenüber personal und wesensmäßig auch immer bedeuten mag.
Diese nicht leicht nachvollziehbaren Diskurse dienen erst einmal zur vorläufigen Festschreibung trinitätstheologischer Aussagen, deren spekulativer Charakter – selbst bei korrelativen Denkmustern – immer wieder durchscheint. Man wird jedoch neugierig gemacht, wie denn angesichts der islamischen Vorgaben im 2. Teil des Buches die Einheit und Vielfalt in Gott zu denken sei. Man ahnt es bereits: Hier erfolgt eine Abgrenzung von einer eng geführten irgendwie noch zu formulierenden „personalen“ Trinität. Mouhanad Khorchide (Universität Münster) zeigt, „dass die im Islam gedachten innergöttlichen Verschiedenheiten als verschiedene Eigenschaften Gottes gesehen werden und nicht als >Personen<, die zueinander stehen“ (S. 157), m.a.W. Khorchide macht im Rahmen von Schöpfung und (geoffenbarter) Barmherzigkeit Gottes deutlich, dass es im Grunde nur ein korrelatives Annäherungsverstehen zum „wesentlichen“ Tun Gottes gibt. Aaron Langenfeld (Köln) begrüßt in seiner Antwort zunächst die Überlegungen von Mouhanad Khorchide, von der Differenziertheit Gottes zu sprechen. Er sieht sie jedoch recht unverbunden mit der Wirklichkeit des religiösen Vollzugs (S. 167). Langenfeld stört weiterhin, dass Khorchide die wesenhafte Liebe Gottes von seiner Barmherzigkeit abhängig macht. Hier muss offensichtlich noch weitergedacht werden. Auch Ayatollah Ghaemmaghami (Hamburg) geht auf die Einheit und Vielfalt im Gottesgedanken ein und damit auch auf die Problematik von Monotheismus und Trinität. Letztlich geht es immer um die Personalität des göttlichen Seins und um die Personalität der daraus erwachsenden vielfältigen Manifestationen des göttlichen Seins, durch die weltliche Vielfalt entsteht (S. 181.183). Dieses pyramidale Beziehungsmuster (taskik), erlaubt es auch der islamischen Seite, sich dem christlichen Dreifaltigkeitsverständnis anzunähern. Dass hier neuplatonische Ansätze wirksam werden, kritisiert zwar Katharina Lammers (Paderborn) – übrigens auch für das Christentum – um dann im Weiterdenken der coincidentia oppositorum des Nikolaus von Kues die Grenzen jeglicher Gottesbeschreibung Religionen übergreifend zu respektieren. So zeigt sich immer wieder in den Beiträgen, dass Wesensbeschreibung und Attribute Gottes in einem schwierigen Verhältnis zu denken sind. Darauf macht Seyed Mohammad Nasser Taghavi aufmerksam, indem er Gott angesichts der Bedeutung des Gebets nur als Person verstehen kann.
Der letzte und kürzeste 3. Teil nimmt die im 2. Teil angesprochenen Verhältnisbestimmungen und Wesensbeschreibungen unter den Stichworten Beziehungswilligkeit und Beziehungsmächtigekeit Gottes“ auf. Jürgen Werbick (Universität Münster) tritt der Sorge entgegen, als würde der christlich-trinitarische Gottesglaube zur Disposition gestellt und sieht in der Relationalität der Beziehung Gott – Mensch, dass Gott in Christus menschlich zugänglich ist und so von ihm auch zu sprechen ist. Die Transzendenz Gottes wird dadurch keineswegs geleugnet. Zugleich wird jedoch in der trinitarischen Rede immer vom Menschen gesprochen, besonders wenn sich der Mensch im Gebet auf Gott als Geheimnis einlässt. Das kann als Anfrage an die islamische Jesus-Vorstellung verstanden werden. Der Psychologe Cemil Şahinöz (Gütersloh) möchte gegenüber Werbick verhindern, dass der für die gesamte menschliche Heilsgeschichte bedeutsame Jesus auf das Christentum eingegrenzt wird. Dies geschieht nämlich durch die trinitarische Engführung mit Jesus als zweiter „Person“ der Gottheit. Außerdem wird durch die Inkarnation Gott in Jesus „geschöpflich“.
In der Zwischenbilanz versucht der Mitherausgeber Klaus von Stosch, die verschiedenen Trinitätslehren zu klassifizieren: Soziale Trinitätslehren bringen „drei Subjekte, Freiheiten und/oder Selbstbewusstseinen in Gott“ zur Sprache (S. 239), eine durchaus innertrinitarische Ausdrucksform, die noch nicht einmal analog zu denken sei. Demgegenüber steht eine semiotische Trinitätslehre im Sinne von drei Dimensionen des göttlichen Selbstbewusstseins, menschliche Zeichenbildungsprozesse, die auf Gott übertragen werden. Beide Typen kritisiert der Autor als nicht angemessen. Er lässt sich darum auf die „interpersonale“ analog ausgerichtete Trintätstheologie“ Jürgen Werbicks ein. Denn sie kann man im Sinne der lebendigen Einheit Gottes und zugleich heilsgeschichtlich verstehen.
Bilanz
Es kann hier nur angemerkt werden, dass die christlichen Trinitätslehren gerade für den christlich-islamischen Dialog viele Fragen selbst dann heraufbeschwören, wenn von islamischer Seite Annäherungsversuche gemacht werden. Blickt man auf das vorliegende Buch insgesamt, so scheint selbst die Gefahr noch nicht ganz gebannt zu sein, dass Trinitätslehren tritheistisch „abrutschen“. Hinzu kommt, dass bei aller Bemühung mittelalterlicher und gegenwärtiger Dogmatiker die Kompliziertheit der Korrelationen Gott –Jesus – Mensch generell schwer zu vermitteln bleibt. Hier wollen die Autoren weiterkommen. Dennoch muss man fragen, ob etwa die menschlichen Zusprechungen Gottes als Geheimnis, Liebe oder im Rahmen eines schwer zu klärenden Personenbegriffs nicht mehr als Signale sind, das Geheimnis Gottes zu betonen. Offensichtlich können alle Trinitätstheologien nur als den Glauben vertiefende (Denk-)Modelle dienen. Ihre Revision unter veränderten gesellschaftlichen und religiösen Umständen bleibt eine kontinuierliche und wichtige Aufgabe.

Reinhard Kirste

Rz-Tatari-Stosch-Trinität, 16.12.13

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