Sonntag, 1. Januar 2017

Islam ist Barmherzigkeit - Zum Verständnis einer umstrittenen Religion (aktualisiert)



Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit.
Grundzüge einer modernen Religion.

Freiburg u.a.: Herder 2012, 220 S. ---
ISBN 978-3451305726 ---
Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Der Autor, Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, versucht mit diesem Buch, einen positiven Akzent in die oft von Vorurteilen und Verdächtigungen geprägte Islam-Debatte zu bringen. Denn hier wird die Basis des Islam auf ein Wort bezogen, das jedem Koranleser in vielen Facetten erscheint: Barmherzigkeit. Bereits jede Sure (außer der 9.) beginnt: Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen! 
In diesem Buch unterscheidet der Theologe sehr genau, was viele Muslime als Glaubenspraxis verinnerlicht haben und was der Koran wirklich intendiert. So wird Gott viel zu oft von Muslimen als derjenige angesehen, der Unterordnung einfordert.
Die so Handelnden werden belohnt, die anderen bestraft, aber in seinem Buch lehnt der Autor solche „schwarze Pädagogik“ generell ab (S. 40ff). 

Von daher müssen auch Paradies und Hölle anders verstanden werden: Die Hölle ist ein Nein zu Liebe und Barmherzigkeit (S. 57ff). Allerdings ist die Barmherzigkeit Gottes kein Freibrief, Unrecht zu tun (S. 66ff). „Jeder Akt der Barmherzigkeit in dieser Welt ist eine Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes, denn die Barmherzigkeit Gottes >umfasst alle Dinge<“ (S. 110). So kann Khorchide u.a. durch Berufung auf Sure 55 betonen, dass Gott bedingungslos schenkt und damit den Weg zur Selbstvervollkommnung für Muslime freimacht.
Nun muss man allerdings einräumen, dass das von Khorchide vorgelegte Konzept nicht die islamische Mehrheitsmeinung der Gegenwart wiedergibt. Aber es hat zu allen Zeiten in der islamischen Geschichte genügend Vertreter gegeben, die Gott als den Allerbarmer und Versöhner verkündigt haben.[1] Das hat praktische Konsequenzen, die Khorchide im Sinne einer humanistischen Koran-Hermeneutik verdeutlicht. Zum einen ist der Koran unter bestimmten zeitlichen Bedingungen entstanden, die man nicht einfach negieren kann. Zum andern muss heute Auslegung den jeweiligen Kontext berücksichtigen. Zum Dritten muss nach dem hermeneutischen Leitmotiv für die Koran-Interpretation gefragt werden. Sorgsame Exegese belegt, dass dies offensichtlich die Barmherzigkeit ist. Angesichts der Mehrdeutigkeit bestimmter Koranverse, muss diese hermeneutische Vorgabe umgesetzt werden, z.B. als strikte Ablehnung jeglicher Gewalt gegen Frauen, im Sinne ihrer absoluten Gleichwertigkeit als Zeugen, im Blick auf das Mindestheiratsalter und natürlich auch im Umgang mit Andersgläubigen. Wirklich Ungläubige mag Khorchide nirgendwo erkennen. Positiv formuliert heißt das, dass der Islam eine Religion ist, die den Menschen nicht in ein enges Regel-Joch spannt, sondern ihn befreit, als vor und für Gott Verantwortlicher in dieser Welt zu leben. Darum ist die Frage an die Muslime, wenn sie auf den Koran hören: Was will Gott von den Muslimen heute?
Khorchide spricht in diesem Zusammenhang ein erhebliches Reizthema an: Die Scharia. Man kann es nicht oft genug wiederholen und selbst konservative islamische Vertreter stimmen ihm zu: Scharia ist kein juristisches System, sondern der Rahmen für eine verantwortliche auf den barmherzigen Gott ausgerichtete Lebensorientierung. Das Scharia-Prinzip heißt darum: Gerechtigkeit (S. 119). Der Autor zeigt dies an der Differenzierung, die im Koran selbst vorhanden ist, nämlich an den mekkanischen und medinensischen Suren, an der Rolle Mohammeds als Gesandter Gottes und als politischen Führer sowie Staatsoberhaupt. Genau zu beachten ist auch die Unterschiedlichkeit juristischer und theologischer Aussagen im Koran zur Stellung der Frau. Das Frömmigkeitsverständnis des Korans und die Glaubenspraxis bewahrheiten sich, wenn die Würde und Freiheit des Menschen als edelstes Geschöpf Gottes gewahrt bleibt (S. 157). Es ist ein geradezu tückisches Missverständnis, dass sich Glaubenspraxis im Befolgen von Regeln und in Ritualen erschöpft und dafür die Scharia bemüht wird, die faktisch ein menschliches Konstrukt ist (S. 144f).
Leider ist es so, dass alte Diktatoren und neue Revolutionsregierungen islamischen Glaubens eine solche humanistische auf dem Koran beruhende Haltung oft nicht gern sehen. Man bedient sich dafür der Fatwas von Theologen, die die eigenen politischen Ziele religiös legitimieren und Opposition gegen eine Regierung als Widerstand gegen Gott interpretieren. Diese Art, das eigene Handeln einschließlich der Unterdrückungsmechanismen als Gott gefällig auszugeben, macht jeden noch so friedlichen Widerstand für die Engagierten lebensgefährlich. Dies kann man im Gefolge des arabischen Frühlings an dem Regime in Saudi-Arabien, den Schwierigkeiten in Tunesien, dem furchtbaren syrischen Bürgerkrieg und den derzeitigen Unruhen in Ägypten sehen. Aber trotz aller Schwierigkeiten lässt sich die Hoffnung auf Freiheit und Menschenwürde auch im Nahen und Mittleren Osten auf Dauer nicht unterdrücken. Der Koran ist auf der Seite derjenigen, die für eine gerechte und freie Gesellschaft eintreten. So schreibt Khorchide im Sinne einer theologischen Bilanz: „Ein lebendiger Glaube ist ohne wirkliche Freiheit nicht möglich. Ein richtig verstandener Glaube leistet wiederum einen Beitrag zur Freiheit“ (S. 214).
Das muss auch Konsequenzen für die gegenwärtige islamische Theologie haben: „Wir benötigen heute eine Theologie, die das Verhältnis zwischen Gott und Mensch als dialogisches Freiheitsverhältnis bestimmt, in dem Gott allein mit den Mitteln der Liebe und Barmherzigkeit versucht, die Liebe des Menschen und somit Mitliebende zu gewinnen. Dies ist das Ziel der Schöpfung und Fokus von Gottes Handeln“ (S. 218). 
        
Angesichts der immer noch gängigen dogmatisch engen Auslegung des Korans wagt Khorchide den Durchbruch zu einer menschenfreundlichen Koran-Hermeneutik. Dies ist ein ermutigendes Hoffnungszeichen im oft polemisch belasteten christlich-islamischen Dialog. Dieses Buch empfiehlt sich darum nicht nur für alle am Dialog Interessierten, sondern auch gerade den Islamkritikern als nicht zu negierende Diskussionsbasis.

Vgl. auch das vom Verfasser herausgegebene
islamische Religionsbuch für die Grundschule: 
Rezension hier zu Miteinander 1/2 


Zur dialogischen Wirkung der Theologie von Mouhanad Khorchide
Reinhard Kirste

Rz-Khorchide-Islam, 31.01.13, bearb. 02.01.2017


[1]  Wesentliche Vorarbeit hat hier der Kölner Islamwissenschaftler Abdoldjavad Falaturi (1926-1996) geleistet.
Vgl. dazu seinen Beitrag: Der Islam – Religion der rahma, der Barmherzigkeit. In: A. Falaturi: Der Islam in Dialog.
Hamburg: Islamwissenschaftliche Akademie 1996, 5. Aufl., S. 98-120

Kommentare:

  1. Aus der Heimatstadt des Autors persönlich....

    An Alle, die noch ein bisschen Geld für die gute Sache übrig haben: bitte spendet für die Uni-Moschee Münster! Es dreht sich hier um ein wirklich tolles Projekt u.a. für den friedvollen Austausch der monotheistischen Religionen.

    Münster leistet hinsichtlich politisch missbrauchten Glaubenskriegen wissenschaftlich eine enorme Arbeit für die Entwicklung des globalen Frieden in der Welt!

    Außerdem besitzt die "lebenswerteste Stadt der Welt" eine großartige Geschichte und Kooperation zusammen mit Osnabrück, wo ein weiterer der fünf deutschen Lehrstühle für Islamische Theologie existiert.
    Zwischen diesen beiden Städten wurde schon der Westfälische Frieden nach dem 30-jährigen Krieg diplomatisch erfolgreich verhandelt - damals wurden vor allem die christlichen Konfessionen für Krieg gegeneinander missbraucht.

    Also überlegt es euch: Nicht nur für gläubige Menschen hängt an diesem Bau-Projekt eine große Chance der guten Entwicklung in die Zukunft!

    http://www.uni-muenster.de/ZIT/ZIT2015/index.html

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  2. Eine sehr dringende Botschaft, die wir heute brauchen.
    https://www.youtube.com/watch?v=eXgZhXl9obc

    Islam ist Barmherzigkeit
    Vorschlag zur Erweiterung:
    Chrsitentum ist Dankbares Leben.

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