Freitag, 14. November 2014

Salafismus - Einordnungsversuche islamisch-fundamentalistischer Phänomene



Thorsten Gerald Schneiders (Hg.): Salafismus in Deutschland – Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung.
Bielefeld: Transcript 2014, 463 S.
 --- ISBN Print 978-3-8376-2711-4, auch als PDF erhältlich
 
Kurzrezension: hier
Ausführliche Beschreibung 
Vor wenigen Jahren kannte kaum jemand die Worte „Salafismus“ und „Salafisten“, stattdessen wurde weitgehend der Begriff „Islamismus“ gebraucht. Inzwischen jedoch bedienen sich besonders die Medien gern mit der Kennzeichnung“ Salafismus“. Mehr oder minder kenntnisreiche sog. Experten diskutieren das Phänomen in Talkshows und kommentieren die furchtbaren Ereignisse im Mittleren Osten. Hinzu kommt, dass die Salafisten immer mehr Anhänger in Deutschland gewinnen sollen. Verfassungsschützer korrigieren die Zahlen ständig nach oben. Hunderte junger Männer sind nach Syrien gereist, um dort an der Seite der Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen und als sog. Märtyrer zu sterben.
Der Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders beschäftigt sich schon lange mit den Phänomenen eines politisierten und von Machtinteressen pervertierten Islam. Das vorliegende umfangreiche Buch lässt nun Autoren zu Worte kommen, die sich zum einen in der Materie auskennen und zum andern Verstehenswege bahnen wollen und dabei bestimmte Aspekte herausgreifen. Die 36 AutorInnen bilden ein breites Spektrum von Kompetenz – Frauen und Männer mit den Fachgebieten aus Islamwissenschaft, Politikwissenschaft, Islamischer und christliche Theologie bzw. Religionspädagogik, Orientalismus, Arabistik, Soziologie, Journalismus und Verfassungsschutz.
Die Notwendigkeit, in der Debatte um den Salafismus die Bedeutungsvarianten und Erklärungsmuster genauer auszuloten, steht außer Frage. Das versuchen die Beiträgerinnen in diesem Band auf unterschiedliche Weise im Blick auf Vergangenheit und Gegenwart – direkt und indirekt und schließlich mit dem Fokus auf die salafistische Szene in Deutschland. Immerhin kann dies als Grundstruktur gelten: Der Salafismus ist unabhängig vom polemischen Wortgebrauch eine absolutistisch-fundamentalistische Strömung, die versucht, die Anfänge des Islam als „den wahren Islam“ des Propheten Mohammed und seiner ersten Nachfolger wieder herzustellen. Salafisten bauen sich damit ein Bild von Klarheit, Reinheit und Moral des Islam, wie es nach ihrer Meinung auf der Halbinsel im 7./8. nachchristlichen Jahrhundert Realität war. Dabei wird auf historische Bedingungen und zeitliche Veränderungen nicht Rücksicht genommen und stattdessen versucht, diesen moralisch und politisch echten Islam der „Altvorderen“ in die Gegenwart „ohne Wenn und Aber“ zu transportieren.
In diesem Sinne hat der Salafismus eine lange Geschichte mit Personen und Schlüsselereignissen, die gerade in der Gegenwart mit bedacht werden müssen. Erst im Zusammenhang ergibt sich aus diesem Mosaik ein Bild, das manches der heutigen salafistischen Szene weltweit, aber auch in Deutschland besser verstehen lässt.
Zum Aufbau des Buches
Um überhaupt eine Struktur in die vielfältigen historischen und gegenwärtigen Facetten des Salafismus zu bekommen steckt der Herausgeber Thorsten Schneiders in der Einleitung den Rahmen zwischen Analysen und praktischen Handlungsempfehlungen ab. Er verweist auf drei Formen des Salafismus, die puristische bzw. quietistische, die politische bzw. aktivistische und schließlich die dschihadistische (S. 14–16). Erst die letztere wird im Grunde für die Politik und die Sicherheitsbehörden wichtig, weil offensichtlich besonders junge Menschen den Verlockungen dieser Art von Salafisten anheimfallen und für diese (zweifelhafte) Sinnorientierung ihr Leben einsetzen.
Um überhaupt ein angemessenen Bild von dem durchgängig sunnitisch geprägten Salafimus zu bekommen, wird in einem
1. Teil
versucht, „Historische Ursprünge" zu zeigen und "ideengeschichtliche Einordnungen zu ermöglichen. In einem 2. ausführlichen Teil gehen die Autoren auf die Erscheinungsformen des Salafismus in Deutschland ein, in einem 3. Teil konkretisieren sie dies an einzelnen Phänomenen im Kontext von Feindbildern, Rechtsextremismus und Ausdruck von Widerstand gegen bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen. (Jugend)-Psychologische Hintergründe bedenken die Beiträger im 4. Teil unter den Gesichtspunkten von Gewaltbereitschaft von (muslimischen) Jugendlichen als Minderheit und damit als Phänomen von Identitätssuche angesichts von Erfahrungen gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Wie Staat und Gesellschaft reagieren bzw. reagieren sollten – im 5. Teil – sind nicht nur eine rechtliche Frage und eine Aufgabe der Terrorismusabwehr, sondern auch eine Herausforderung für den interreligiösen Dialog als gewaltloser Mediationschance. Allerdings sind die muslimischen Verbände hier zu mehr Klarheit und deutlicher Abgrenzung gegenüber dschihadistischen Salafisten herausgefordert. Hier muss sich ein begegnungsbereiter Islam noch deutlicher als bisher zu Worte melden – unabhängig von klaren Worten einzelner Vertreter.
Spannend sind im 6. Teil: Erfahrungen mit Salafisten. So versuchten diese z.B. sich in Mönchengladbach festzusetzen. Eine anonym bleibende Muslima berichtet von ihrem sehr schwierigen bewussten Ausstieg aus der Salafistenszene. Trotzdem hat sie weiter mit stattlichem Misstrauen zu kämpfen.
Kriterien der Beurteilung aus der Analyse der Wirkungsgeschichte
Um die Bedeutung einer sinnvollen Auseinandersetzung zu betonen, sei hier exemplarisch auf die Wirkungsgeschichte des Salafismus im 1. Teil Bezug genommen. Der Salafismus hat sich im sunnitischen Islam entwickelt. Es gibt eine strukturelle Nähe zu einer unbeweglichen Exegese des göttlichen Wortsinns in Koran und Sunna. Dies beschreibt Hans-Thomas Tilschneider (Universität Bayreuth).  Andreas Görke (Universität Edinburgh) und Christopher Melchert (Universität Cambridge, UK) weisen dagegen höchst interessant nach, dass sich die Muslime der Anfangszeit keineswegs nur nach dem Koran und dem Vorbild Mohammeds richteten, sondern dass sich die islamische Rechtsfindung erst nach und nach systematisierte. So ist die Scharia nie ein islamisches Gesetzbuch geworden, sondern bleibt Rahmen zur Strukturierung der Lebensverhältnisse. Salafisten damals und heute verkennen dies (bewusst) und arbeiten ganz offensichtlich mit einer historischen Fiktion. Der Herausgeber Thorsten Schneiders verweist in diesem Zusammenhang auf die ambivalente (keineswegs eindeutige) Rolle Ahmad Ibn Hanbals (780–855), des Begründers der sehr orthodoxen hanbalitischen Rechtsschule. Dieser schrieb allerdings die Rückbesinnung auf den Koran fest. Dennoch lässt sich die Ablehnung sufischer Strömungen mit ihm nicht begründen.  
Schwieriger wird es schon angesichts der moralischen Intransigenz von Ibn Taymiyya (1263–1328). Dessen keineswegs eindeutiges Rechtsverständnis spaltet seine späteren Interpreten in glühende Bewunderer und kompromisslose Gegner (besonders im Westen). Es bleibt damit offen, ob er wirklich „der Vater des islamischen Fundamentalismus“ ist. Man muss wohl eher die Nachwirkungen von Ibn Qayyim al-Dschauziyya (1292–1350) mit seinem eigenwilligen Zugriff auf die islamische Frühzeit verantwortlich machen (so Birgit Krawietz, Freie Universität Berlin). Die Salafiyya eines Nu’man Khaiyr al-Din al-Alusi (1836–1899) und Mahmud Schukri al-Alusi (1857–1924) im 19. Jahrhundert dürfte mit den heutigen Salafisten jedenfalls wenig gemeinsam haben. Denn sie gehören in Ägypten zu den antikolonialistischen Reformrichtungen, und zwar wohlgemerkt zu denjenigen um Sayyid Jamal Din al-Afghani (1838–1897) und seines Neffen Mohammed Abduh (1849–1905). Ähnliches gilt für das (osmanische) Syrien. Auf einen wichtigen Zusammenhang und zugleich auf eine beachtliche Differenz weist Mohammad Gharaibeh (Universität Bonn) hin. Die Wahabiyya Saudi-Arabiens kommt ursprünglich aus der hanbalitischen Rechtsschule und ist von der klassischen Salafiyya des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Sie hat sich jedoch mehr und mehr von ihr entfernt, so dass hier eine Art puristischer Salafismus entstanden ist, dessen Wurzeln sich nur bedingt bei den antikolonialistischen Reformbestrebungen Ägyptens (z.B. auch den Muslimbrüdern) und des Mittleren Ostens finden.
Die Notwendigkeit historischer Analyse im Blick auf gegenwärtige Einschätzungen
Angesichts einer solch komplizierten Gemengelage fallen die starken entwicklungsgeschichtlichen Impulse ins Gewicht bis in die die in die Gegenwart hinein, und zwar in recht unterschiedlichen auftretenden Gruppen zwischen Indien und Saudi-Arabien. So stellt sich wohl immer die Frage: Welchen Salafismus meinen wir bei der Beurteilung gegenwärtiger Tendenzen? Antikolonialistischer Reformkurs des 19. Jahrhunderts, soziales Engagement der Muslimbrüder Ägyptens, den Glaubenskampf betonende Fundamentalisten und wahabitische Verhärtungen haben alle irgendwie mit dem Salafismus zu tun. Und die heutigen Salafisten setzen ihre Denkrichtung einseitig als die authentische und endgültige Wahrheit fest. Die Geschichte des Salafismus verschwindet dabei im Nebel sich islamisch ausgebender Parolen. So bleibt nur, diese so schwer einzuschätzende fundamentalistische und dialogfeindliche Szene nach ihren Äußerungen und Taten zu beurteilen und deutliche Fragezeichen zu setzen, wenn diese ihr Verhalten mit geschichtlichen Zusammenhängen begründen wollen. Es wirkt geradezu unglaublich, wie willkürlich und kenntnisarm im islamistisch-gewaltbereiten Spektrum der Gegenwart mit dieser Geschichte umgegangen wird.
Wegen dieses auffälligen Variantenreichtums im islamischen Fundamentalismus sind die Ausarbeitungen in diesem Buch eine wichtige und kompetente Orientierung. Es ermöglicht Kriterien für eine klärende Beurteilung sowohl der verschiedenen in Deutschland agierenden islamistisch-fundamentalistischen Gruppen als auch ihrer als radikale Impulsgeber wirkenden Prediger. Trotz der Fülle des Buches konnte natürlich manches nicht oder nur knapp angesprochen werden. Schade, dass man zur Orientierung dem Buch kein Sach- und Personenregister beigegeben hat. Dies würde es auch erlauben, bestimmte Zusammenhänge in der Geschichte und Gegenwart des Salafismus leichter (wieder) zu finden.

Weitere thematisch verwandte Bücher von Thorsten Gerald Schneiders

  • Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen (2009)
  • Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird (2010)
  • Die Araber im 21. Jahrhundert (2013)
  • Der Arabische Frühling 2013)

Rezensionen zu diesen Titeln: hier                                                                                                                                                          Reinhard Kirste
Rz-Schneiders-Salafismus, 14.11.14 


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