Mittwoch, 17. Dezember 2014

Christentum und Islam - Theologische Verständigungswege



Susanne Heine / Ömer Özsoy /
Christoph Schwöbel / Abdullah Takim (Hg.):
Christen und Muslime im Gespräch.
Eine Verständigung über Kernthemen der Theologie.

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus
(Random House) 2014, 384 S.,
Zeittafel, ausführliches Register
---  ISBN 9783579081793 ---

Ausführliche Besprechung

Das vorliegende umfangreiche Buch ist nicht einfach ein Zusammenschnitt mehrerer  internationaler Konferenzen an der Universität Wien in den Jahren 2007–2010. Vielmehr wurde hier ein christlich-islamischer Gesprächsprozess von theologischen Fachleuten sorgsam protokolliert und redaktionell in Form gebracht. Die zur Sprache gekommene thematische Vielseitigkeit zu bündeln, haben dann die vier Herausgeber geleistet: 


Susanne Heine (evangelisch, Praktische Theologie, Universität Wien), Ömer Özsoy (islamisch, Koranexegese, Universität Frankfurt/M.), Christoph Schwöbel (evangelisch, Systematische Theologie, Universität Tübingen), Abdullah Takim (islamisch, Koranexegese und Islamwissenschaft, Universität Frankfurt/M.). Hinzu kamen neben den Herausgebern als christliche Gesprächspartner: Klaus Hock (Universität Rostock), Christian Danz und Wolfram Reiss (Universität Wien). Als muslimische Partner wirkten weiterhin mit: Serdar Kurnaz und Serdar Günes (Universität Frankfurt/M.), Mouhanad Khorchide (Universität Münster), Yasar Sarikaya (Universität Gießen), Amir Zaidan (Islamologisches Institut Wien) und Senad Kusur (Imam einer bosnischen Gemeinde in Niederösterreich).

So spiegelt das Buch dialogische Zusammenarbeit mit dem Ziel, ein sachgemäßes Verstehen des Anderen anzubahnen sowie Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten im Blick auf Christentum und Islam zu verdeutlichen. Das Profil dieses Bandes zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass dieser Gesprächsprozess unabgeschlossen ist. Dadurch, dass man so intensiv nicht übereinander, nicht nacheinander, sondern miteinander redete, ist m.E. jedoch mehr als eine dialog-theologische Zwischenbilanz zu den “Kernthemen der Theologie“ entstanden. Durch das ausführliche Register gewinnt dieses Buch den Charakter einer Orientierungshilfe, die man/frau immer wieder zu bestimmten Themen und aktuellen Konflikten im Blick auf scheinbar oder anscheinend „typische“ christliche oder islamische Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Konflikte gut heranziehen kann.

Das didaktische Vorgehen:
Die Vertreter aus dem Christentum und aus dem Islam stellen zuerst ihre theologische Sicht (zuweilen stark dogmatisierend) dar, um sie anschließend in die Gesamtdiskussion einzubringen – unter Einbeziehung innerislamischer und innerchristlicher Unterschiede! Aber es geht nicht nur um die „rein“ wissenschaftliche Ebene. Vielmehr plädieren Herausgeber und Mitarbeitende für eine Kultur des (interreligiösen) Gesprächs, die angesichts der Konfliktbeladenheit im Zusammenhang von Christentum und Islam besonders geboten ist (S. 19). Insofern kann dieses Buch auch als Argumentationsgrundlage für ein friedvolles interreligiöses Zusammenleben dienen. Es ist nämlich zugleich ein theologisch-thematischer Überblick entstanden, der die systematisierten vielfältigen Positionstexte als Chance für vertiefte Verstehensmöglichkeiten ausweist. Dadurch lässt sich zeigen, wie gerade Verschiedenheit in Glaubensdingen bereichert und Gemeinsamkeiten oft an Stellen auftreten, wo dies ursprünglich nicht unbedingt erwartet worden war. Wie in der Einleitung betont wird, geht es schließlich darum, angesichts der Verwandtschaft und Unterschiedlichkeit der beiden großen Religionen die ehrliche Überzeugung in die gemeinsame dialogische Verantwortung mit einzubringen (S. 17). Die einzelnen Kapitel enden darum, indem einmal stärker die Unterschiede, ein anderes Mal mehr die Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden. Dabei wird deutlich, dass es hier variantenreiche exegetische und geschichtliche Sichtweisen gibt, die sich z.B. sehr klar bei Mohammed zeigen: „Gemeinsam das Unterschiedliche respektieren“(S. 221f).

Als Kernthemen werden 14 Bereiche angesprochen:
  1. Die Basis des Glaubens in den (geoffenbarten) Urkunden: Bibel und Koran
  2. Gottesfrage: Trinität und Monotheismus – die Schönheit Gottes
  3. Der Mensch als Schöpfung und Ebenbild Gottes
  4. Offenbarung als Gottesmitteilungen und Vergegenwärtigung von bisher Verborgenem
  5. Anfechtung, Schuld, Sünde, Gericht und Gnade im Kontext von Verfehlung und Barmherzigkeit
  6. Intentionen des Prophetentums und ihrer Botschaft im Christentum und im Islam
  7. Die Heilsbedeutung Jesu (als des Christus) und die unterschiedlichen Verständnisse der Kreuzigung
  8. Das positiv- islamische Muhammad-Bild als Prophet und Gesandter christlich respektieren lernen
  9. Sozial- und Tugend-Ethiken beider Religionen „in der Hinordnung auf Gott“ (S. 245) und in politischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit und der Gegenwart
  10. Der problematische Umgang mit Gewalt und Krieg: Djihad und Gewaltlosigkeit als Herausforderung
  11. Den eigenen Glauben leben in der Spannung von Glaube und Wissen,
    Vorherbestimmung und Theodizee – auch im Kontext der Willensfreiheit
  12. Erkennungs- und Identifikationsrituale im Leben der Gläubigen als Zeichen der Hingabe an Gott
  13. Gemeinschaftsstrukturen: Unverwechselbare Kennzeichen und Strukturparallelen
  14. Rechtssetzungen und Scharia: Ideal und Praxis bei Menschenrechten, Frauenfrage, Religionsfreiheit

Das Buch war bereits im Druck, als der „Islamische Staat“ (IS) durch seine Gräueltaten verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit kam. Umso mehr wird deutlich, dass es zu diesen Gewaltorgien im Namen des Islam dialogische Friedensalternativen braucht, weil dem gewalttätigen Extremismus letztlich nicht militärisch beizukommen ist. Religion, welcher Couleur auch immer, muss der Versuchung widerstehen, eine heile Welt durch die Beseitigung des Bösen mit Gewalt im Hier und Jetzt durchsetzen zu wollen. 
So haben die Herausgeber noch ein Nachwort angehängt, das mit einem Zitat des muslimischen Theologen al-Ghazali (1050–1111) aus seinem „Elixier der Glückseligkeit“ schließt:
„Diese irdische Welt ist eine Karawanserei auf dem Wege zu Gott, und alle Menschen finden sich in ihr als Reisegenossen zusammen. Da sie aber alle nach demselben Ziele wandern und gleichsam eine Karawane bilden, so müssen sie Frieden und Eintracht miteinander halten und einander helfen und ein jeder die Rechte des andern achten“ (S. 379). 
Dem ist nichts hinzuzufügen!

Reinhard Kirste,
Rz-Heine-christl-islam, 15.12.14 


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