Mittwoch, 23. Januar 2019

Olivier Roy - Zeitanalysen in der Begegnung mit dem Orient (aktualisiert)

Der international bekannte Politikwissenschaftler Olivier Roy (geb. 1949) gehört zu den herausragenden Persönlich-keiten im Bereich politisch-religiöser Forschungen und Analysen gesellschaftlicher Veränderungen. Diese betreffen zu einem nicht unerheblichen Teil einen sich gewalttätig gebenden Islamismus. Roy war lange Zeit Forschungsdirektor am Centre National de Recherches Scientifiques (CNRS) und Professor sowohl für die École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS)  als auch für das Institut d'Études Politiques de Paris (IEP)Alle Einrichtungen haben ihren Sitz in Paris. 
Inzwischen arbeitet Roy am Europäischen Hochschul-institut in Florenz. Seine Beobachtungen, Analysen und Schlussfolgerungen betreffen in besonderer Weise den gegenwärtigen Islam mit seinen regionalen Ausprägungen und die damit zusammenhängenden politischen Strömungen und Tendenzen der Globalisierung.

Olivier Roy: LE DJIHAD ET LA MORT
Paris: Seuil 2016, 176 pp.


Deutsche Ausgabe:
Siedler Verlag München 2017, 176 S.: 
"Ihr liebt das Leben - wir lieben den Tod"
--- Der Djihad und die Wurzeln des Terrors -
Informationen: hier 

--- Interview mit Olivier Roy zum Buch (Le Temps, 14.10.2016)
--- Mehr zu Olivier Roy in:
Frankreich
   - Laizismus, religiöser Pluralismus und Islam

Wie kann man den djihadistischen Terror erklären?




  • Post-Islamismus - Le post-islamisme (REMMM, no. 85-86, septembre 1999)
    Die Aufsätze in diesem Band – bearbeitet von ForscherInnen und exzellenten KennerInnen der islamistischen Ausprägungen des Islam – beziehen sich vor allem auf den Iran und Ägypten. Der Islamismus, so schreibt Olivier Roy in seinem Vorwort, unterscheidet sich vom traditionellen Fundamentalismus dadurch, dass er den Islam als eine Ideologie versteht, wo die Scharia nur ein Element unter anderen darstellt.
    Olivier Roy
     (geb. 1949) als Koordinator dieser Nummer ist u.a. Direktor im renommierten staatlichen Institut CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique, Abteilung Human- und Gesellschaftswissenschaften). Forschungen zum politischen Islam haben ihn bekannt gemacht. Er gilt als Asienspezialist, besonders für Afghanistan und Iran. Er stellt in seinen Beiträgen fest, dass der politische Islam gescheitert ist. Es ist nicht gelungen, einen islamischen Staat aufzubauen. Die Entwicklung im Iran zeigt die Unvereinbarkeit eines Rechtswesens, das auf der Scharia beruht, und dem Primat des Staates. Man kommt nicht umhin, sich zu entscheiden zwischen dem Vorrang von Politik und Staat (Khomeyni) oder der Auflösung des Staates (Taliban in Afghanistan). Die großen islamistischen Bewegungen entwickeln überall einen islamischen Nationalismus (Refah in der Türkei, Hamas in Palästina, Fis in Algerien). Der in islamischen Kreisen beliebte Terminus „société civile" bezeichnet diese neue Distanz gegenüber der Idee des Staates. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass der Glaube zunehmend individuell oder in einer geschlossenen Gemeinschaft (transnationale Vereinigungen) praktiziert wird und dies in einer Gesellschaft, die sich immer stärker aufspaltet. Der Bereich des Religiösen entgleitet den Islamisten mehr und mehr.
    Post-Islamismus bedeutet für Olivier Roy vor allem, dass in den muslimischen Gesellschaften ein laizistischer Bereich entsteht, der jedoch nicht darauf zurückzuführen ist, dass der Glaube bzw. die religiöse Praxis abnehmen, sondern auf eine Tendenz, die die Bereiche von Religion und Staat trennt.
    Im Blick auf diese Entwicklung scheinen sich vor allem zwei Reaktionen abzuzeichnen. Auf der einen Seite ist die Zunahme eines konservativen Neofundamentalismus zu beobachten, der ganz auf die Anwendung der Scharia ausgerichtet ist (Afghanistan, Pakistan). Obwohl man hier von der Umma redet, trägt der Fundamentalismus zur Individualisierung der Religiosität und der Ablehnung des Staates bei. Auf der anderen Seite findet man den Konservatismus der in den Staatsapparat eingebundenen oulémas (Ägypten), der mit ihnen den Bereich aushandelt, innerhalb dessen sie ihre gesellschaftliche Kontrolle ausüben. Dieser Konservatismus reduziert den Islam auf Ethik und Recht und lässt der Politik, von der sie instrumentalisiert wird, ihre Autonomie.
    Rezension von Silvia Bartelheimer - zuerst erschienen in:
    Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.): Wegmarken zur Transzendenz.
    Religionen im Gespräch, Bd. 8 (RIG 8).
    Balve: Zimmermann 2004, S. 499-500






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