Sonntag, 2. Oktober 2016

Buch des Monats Oktober 2016: Bereichernde Begegnungen mit dem Orient

Klaus-Werner Haupt: Okzident & Orient:
Die
Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert.
Wiesbaden: Weimarer Verlagsgesellschaft im Verlagshaus Römerweg 2015, 246 S., Abb., Personenregister
--- ISBN 978-3-7374-0220-0 ---
Die engagierte Wissens-Neugierde der Aufklärung ermöglichte bis dahin nicht gekannte Kulturen- und Religionen-Begegnungen. Diese Haltung setzte sich im 19. Jahrhundert fort. Klaus-Werner Haupt (geb. 1951) hat als Gymnasiallehrer in Weimar mit seinen Schülern die „Klassiker“ gewissermaßen lebendig werden lassen. Offensichtlich gelang ihm mit seiner Art der Nacherzählungen etwas von der Faszination des Damaligen ins Heute „herüberzubringen“. Das gilt auch für seine Biografie über Johann Winckelmann, Archäologe und Kunstwissenschaftler zugleich.
Weimar bietet natürlich dank des universalen Goethe einen ausgesprochen günstigen Anknüpfungspunkt. 

Was diesen Band mit den Biografie-Erzählungen noch interessanter macht, ist, dass der Autor die von ihm dargestellten 17 Persönlichkeiten in ihrer geistigen Nähe und Vernetzung zur Sprache bringt. Dabei werden oft auch die persönlichen Beziehungen zueinander sichtbar. Auf diese Weise entsteht eine Art Sinn gebender Orientierung. Es entwickelt sich gewissermaßen ein neues Narrativ.
Neben ausgesprochen bekannten Personen, kommen auch solche ins Blickfeld, die manchmal zu sehr im Schatten der „Großen“ stehen. Insgesamt aber soll „diese Anthologie verdeutlichen: Toleranz, Respekt und Lebensfreude sind Orient und Okzident gemeinsam“ (S. 9). Die nicht zu unterschätzende Wirkungsgeschichte von Goethe bis Kandinsky von Lord Byron bis Rudolf Steiner bekommt damit einen ausgesprochen aktuellen Akzent. Das „lange“ 19. Jahrhundert sieht Haupt darum erst in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg enden. Die dazu ausgewählten Bilder aus jener Zeit dienen offensichtlich dazu, das Erzählte auch optisch zu verstärken.
Der Pädagoge führt in essayistischer Form nicht einfach Lebensstationen vor, sondern jede der Persönlichkeiten steht gewissermaßen unter einem Schwerpunkt, den der Autor narrativ setzt. Dadurch lassen sich für die Lesenden auch viele interreligiöse Bezüge entdecken, die sich vielleicht so komprimieren lassen:
  • Germaine de Staёl (1766-1816, geb. und gest. in Paris): Der Orient-Eroberer Napoleon und seine Widersacherin – Die Wirkung des Buches: De l’Allemagne: „Deutschland für Franzosen“  – die Wirkungen des literarischen Weimar.
  • Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Dialog der Kulturen –West-östlicher Divan
    und die persische Poesie von Hafis.
  • Lord George Gordon Noel Byron of Rochdale (1788-1824): Der vom antiken Orient und vom Freiheitskampf Griechenlands gleichermaßen faszinierte Dichter.
  • Joseph Mallord William Turner (1775–1851): Der reisende Maler – Welt-Energie und verklärendes Licht.
  • Carl Eduard Ferdinand Blechen (1798–1840): Sehnsucht nach dem Süden –
    Ahnungen verdunkelnden Lichts.
  • Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871): Den Orient entdecken
    und in der Lausitz als Garten beheimaten.
  • Prinz Carl von Preußen (1801–1883): Geistesverwandter des Fürsten von Pückler-Muskau – Mittelmeer-Erfahrungen als bleibender Traum im Norden.
  • Heinrich Heine (1797–1856): Al-Mansor – Zeichen des Protestes gegen die Missachtung der orientalischen Wurzeln des Abendlandes.
  • Die Schriftstellerin Ida Pfeiffer (1797–1858) als forschende Weltreisende, zugleich der Aufbruch der Frauen in die männlich dominierte Entdeckerwelt.
  • Gustave Flaubert (1821–1880): Der dichterische Umgang mit der Zerstörung Carthagos
    durch die Römer.
  • Thomas Cook (1808–1892): Der Beginn des organisierten Kultur-Tourismus.
  • Carl Hagenbeck (1844–1913): Die Tiere der Welt in einem überschaubaren Rahmen präsentieren.
  • Karl May (1842–1912): Den Islam von christlicher Warte sehen und schließlich die Menschlichkeit betonen.
  • Osman Hamdi Bey (1842–1910): Als muslimischer Künstler in den westlichen Metropolen
  • Osmanische Sultane als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident
  • Gabriele Münter (1877–1962) und Wassily Kandinsky (1866–1944): Farben, Gerüche, die fremden Geräusche und alles im unendlichen Blau des die Kontinente verbindenden Himmels.
  • Rudolf Steiner (1861–1925): Goethe als Lehrmeister
    und die Theosophie als Inspiration für die Anthroposophie.

Die vorgelegten Biografien sind natürlich eine notwendige subjektive Auswahl angesichts der großen Zahl von Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die mehr als nur vom Orient begeistert waren bzw. von dem europäischen Bild, das man sich damals vom Morgenland machte.
Vgl. dazu den umfangreichen Band zur umfangreichen Berliner Ausstellung (28.05.–27.08.1989):
Europa und der Orient. 800–1900. Hg.: Gereon Sievernich / Heinrich Budde.
München: Bertelsmann Lexikon Verlag 1989, 923 S., Abb., Register
So ist es natürlich schade, dass insbesondere der Dichter und Sprachwissenschaftler Friedrich Rückert (1788–1866) nicht ins Blickfeld rückt. Vielleicht schreibt Klaus-Werner Haupt aber noch einen zweiten Band „Okzident & Orient“, in dem dann neben Rückert u.a. mehr (Orient-)Maler und (Landschafts-)Architekten, aber dann auch die im Buch mehrfach erwähnten Brüder Alexander (1769–1859) und Wilhelm (1767–1835) von Humboldt dargestellt werden könnten. Auch der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768–1834), der Romantik-Dichter Novalis (1772–1801) und die Salonnièren Henriette Herz (1764–1847) und Rahel Varnhagen (1771–1833) würden sehr gut in diese Reihe passen.

Insgesamt jedoch ist ein anregendes Buch entstanden, das Lust macht, noch mehr über das wissensbegierige Orientverständnis des 19. Jahrhunderts zu erfahren. Hier lässt sich nämlich lernen, wie innig Orient und Okzident in ihrer Geschichte, aber auch in ihren Denkweisen miteinander verwoben sind. Das ist zugleich eine Empfehlung, wie man heute mit dem reichen orientalischen Erbe in Deutschland umgehen sollte.
Reinhard Kirste

Rz-Haupt-Orient, 30.09.2016  

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