Dienstag, 13. September 2016

The Indian Queen - ein Lehrstück zur Völker verbindenden Humanität

Henry Purcell (1659- 1695) - The Indien Queen - Die indianische Königin
Henry Purcell,
Porträt von John Closterman
(1660–1711)

(Wikipedia)
Kurz vor seinem Tode arbeitete der 36jährige Henry Purcell noch an einer letzten Oper: „The Indian Queen“ - "Die indianische Königin". Es blieb ein Fragment von 50 Minuten Spieldauer. 

Dieses in seinem dramatischen Aufbau keineswegs leicht zu verstehende Stück nahm der US-amerikanische Regisseur Peter Sellars (geb. 1957) zum Anlass, die dort zu Wort und Klang kommende Thematik neu und durchstrukturiert zu inszenieren. 

Das ursprüngliche Libretto von John Dryden (1631-1700) ersetzte er durch Zitate aus dem Roman "The Lost Cronicle of Terra Firma" von Rosario Aguilar
Die nicaraguanische Schriftstellerin (geb. 1938) erzählt darin die brutale Eroberung und fast völlige Zerstörung der indigenen Kulturen Mittelamerikas u.a. aus der Sicht ganz unterschiedlicher Frauen:
  • Teculihuatzin, eine Maya-Prinzessin 
  • Doña Isabel, Ehefrau des spanischen Gouverneurs Don Pedro de Alvarado 
  • Leonor, Tochter von Teculihuatzin und Don Pedro de Alvarado 
In diesem Roman verbindet sich Historisches mit Gegenwärtigem
(vgl. die Kurzrezension in der New York Times, 02.03.1997).


Von diesen Vorgaben her entwickelt Sellars ein Conquista-Drama der besonderen Art. In geradezu spiritueller Kooperation  mit dem Dirigenten  
Teodor Currentzis und dem Neu-Arrangement der Musik Purcells erhält das tragische Scheitern der Kulturenbegegnung von Spaniern und Mayas noch eine besondere Dichte: 
Zum Inhalt
Die Hörer und Zuschauer dieser Semi-Oper werden in die Zeit der spanischen Conquistadoren des 16. Jahrhunderts geführt. Den Waffen der Eroberer haben die Mayas mit ihren Speeren faktisch nichts entgegenzusetzen.
Angesichts der drohenden Vernichtung setzen die Mayas auf eine List: Teculihuatzin, eine Maya-Prinzessin wird auf Anraten ihres Vaters dem spanischen Gouverneur Don Pedro de Alvarado als Konkubine angeboten, um die Kriegspläne der Spanier auszuspionieren. Teculihuatzin lässt sich taufen und praktiziert intensiv den katholischen Glauben. Von keiner Seite erwartet, verlieben sich der spanische Kriegsmann und die Maya-Prinzessin ineinander.  Sie bekommen sogar eine Tochter: Leonor, die erste Mestizin.
Prinzessin Teculihuatzin kann aber auf Dauer den Gewaltmenschen Don Pedro nicht von Massakern an den Mayas abhalten. Ja, aus der anfänglichen Liebe des Kriegsherrn wird Hass auf seine demütige Frau, und Don Pedro beschließt auch noch, eine Spanierin zu heiraten. Verzweifelt wendet sich die "Indian Queen" an die schon fast vergessenen Götter mit Hilfe eines Maya-Priesters.
Sie praktizieren im Angesicht der alten Maya-Götter Hunahpú und Ixbalanqué 
Unheil abwendende Rituale.
Aber es ist zu spät ... 


Buchcover
mit Resten eines Maya-Tempels
Zur Aufführungspraxis
Seit 2013 wird "The Indian Queen" in dieser ungewöhnlichen, fast dreieinhalb Stunden dauernden Fassung immer wieder aufgeführt. 
In dem ausgesprochen informativen Bericht in Kultur-Port.de vom  20.02.2016 sind Infos und Beispiele aus der Aufführung von 2013 im Teatro Real Madrid zusammengestellt. 
Im September 2016 gastierte Teodor Currentzis mit seinem russischen Orchester MusicAeterna und dem Kammerchor im Konzerthaus Dortmund.
Bericht im Westfälischen Anzeiger vom 12.09.2016.

Hier ist eine beeindruckende, sehr nachdenklich machende Opernperformance entstanden. Sie zeigt, wie aktuell Barockmusik Zeitprobleme aufgreifen kann:
Die Eroberung Amerikas, die Conquista, gestaltet sich hier zu einem bewegenden Trauerspiel. Letztlich gibt es keine Gewinner. Die Stimmen der Frauen, wunderbar in den Arien artikuliert, kontrastieren zum Machtgehabe der Eroberer. 

Dass die Begegnung zweier Kulturen und Religionen eine großartige Zukunftschance für alle Beteiligten war, wurde durch Machtgier und Goldrausch vertan. Nur damals?
Die Oper endet darum auch beklemmend still.




Buch-Einblicke zur Thematik und den Orten des Geschehens: 
  • Hernán Cortés: Die Eroberung Mexikos.
    Eigenhändige Berichte an Kaiser Karl V. 1520-1524. 
  • Neu hg. und bearb. von Hermann Homann.
    Darmstadt: WBG 1984, 309 S., Abb.
  • Buchcover mit Kupferstich
     aus der Chronik "Americae" 1595
  • Diego de Landa: Bericht aus Yucatán.
    Leipzig: Reclam-TB 1347, 1990, 242 S. 

    --- 
    Mexikanische Ausgabe: Fray Diego de Landa: Como Vivieron los Mayas. Tomado de la Relación de las Cosas de Yucatán. Mérida (Mexico): Editorial San Fernando 1987, 2. Aufl., 158 S., ilustraciones
  • Beat Dietschy: Ist unser Gott auch eure Gott? Gespräche über Kolonialismus und Befreiung.
    Luzern: Edition Exodus 1992, 219 S.
  • El Libro de los Libros de Chilam Balam. Mexiko-Stadt:
    Fondo de Cultura Económica 1988, 15. Aufl. 213 pp.,
  • Antionio Mediz Bolio:
    La Tierra del Faisan y del Venado.
    Mérida (Mexico):
    Editorial Dante 1987, 2. Aufl., 156 pp.
  • Scott Peterson: Prophéties Indiennes. Adaption et notes de Bernard Dubant.
    Paris: Courrier du Livre 1996, 285 pp.
  • Popol Vuh. Das Buch des Rates.
    Mythos und Geschichte der Maya.
    Aus dem Quiché übertragen und erläutert von Wolfgang Cordan.
    DG 18. München: Diederichs 1990, 6. Aufl. , 231 S.
  • Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim (Hg.):  Die Welt der Maya.
    Ausstellung "Archäologiche Schätze aus drei Jahrtausenden, 14.06.-29.11. 1992.
    Mainz: Philipp von Zabern 1992, 636 S., Abb., Glossar
  • J. Eric S. Thompson: Grandeza y Decadencia de los Mayas.
    Mexiko-Stadt: Fondo de Cultura Económica 1990, 3. Aufl., 399 pp., ilustraciones




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