Mittwoch, 28. September 2016

Kurz vorgestellt: Gebet im Islam und im islamischen Religionsunterricht


Frankfurt am Main 2016.
237 S., 1 s/w Abb.
ROI – Reihe für Osnabrücker Islamstudien, 22
geb. ISBN 978-3-631-66795-8

CHF 60.00 • € 49.50
£ 40.00 • US-$ 64.95
Jörg Ballnus
Text und Performanz
Eine Didaktik des Gebets im islamischen Religionsunterricht zwischen Normativität
und Spiritualität
Verlagsinformation
Das Buch bietet den Entwurf einer
Didaktik des Gebets im islamischen
Religionsunterricht.
Der Autor geht der Frage nach,
wie ein derart zentraler Begriff
wie der des Gebets an Schärfe und Kontur
gewinnen kann, wenn er Gegenstand
des islamischen Religionsunterrichts wird.
Wo verlaufen die Grenzen in einem
Unterrichtsfach, welches zwar eine
res mixtae zwischen Staat und
Religionsgemeinschaft ist,
bezüglich des religiösen Klimas
im Klassenzimmer vor dem
Hintergrund des Überwältigungsverbots
jedoch besondere Bedingungen an
die Unterrichtenden stellt?
Muslimische Schülerinnen und Schüler
kommen mit heterogenen lebensweltlichen
Bezügen in die Schule. All die normative Vielfalt
will dann mithilfe geeigneter didaktischer
Mittel in die unterrichtliche Ebene
übersetzt sein.
Letztlich kann ein sich all dieser Fragen
bewusster islamischer Religionsunterricht
seinen Anteil dazu leisten, das Gebet
zwischen normativen und spirituellen Ansprüchen
erfahr- und vor allem auch reflektierbar zu machen.                 ------------------------------------------------------

Montag, 26. September 2016

Borobudur - Kosmologie im Bild

Peter Cirtek: Borobudur.
Entstehung eines Universums.
Englische Ausgabe:
Borobudur. Appearance of a Universe.
Wissenschaftliche Beratung durch den Malaiologen 
Prof. Dr. Peter W. Pink (Universität Köln)
Hamburg: Monsun-Verlag 2016, jeweils 119 S., 80 Abb., 
3 Karten, 17 nummerierte Grafiken, Glossar, Register
--- Deutsch - ISBN 978-3-940429-05-6
--- Englisch - ISBN 978-3-940429-06-

Die Tempelanlage von Borobudur auf der indonesischen Insel Java gehört zu den beeindruckendsten Zeugnissen buddhistischer Kultur. 
Sie entstand im 8./9. Jahrhundert unter dem Einfluss der Architektur hinduistischer Tempel und Kultanlagen mit großen Stupas aus dem südostasiatischen Raum. Indonesien – mit einer Bevölkerung von über 220 Millionen Muslimen – betrachtet dies Monument mit großer Wertschätzung. Der Tempel war lange in Vergessenheit geraten. Er wurde erst 1814 wieder entdeckt. Eine groß angelegte Restaurierung von 1973–1984 machte die Bedeutung dieses riesigen Bauwerks auch international offenkundig. Es ist seit 1991 UNESCO-Kulturerbe. 


Was dieses Monument so besonders macht, ist neben der faszinierenden Konstruktion ihr symbolischer Gehalt. Hier wird das gesamte Universum dargestellt. Die Tempelanlage spiegelt eine atemberaubende Kosmologie in Stein. In dieser geformten buddhistischen Welt befinden sich Buddhastatuen in den Nischen der Galerien auf vier unteren Terrassen – ein Arrangement in indischer Zahlensymbolik:
  1. Terrasse =  104 Nischen
  2. Terrasse =  104 Nischen
  3. Terrasse =    88 Nischen
  4. Terrasse =    72 Nischen
  5. Terrasse =    64 Nischen –
                       also insgesamt 432 Statuen, von denen allerdings einige fehlen.

Auf den drei oberen, kreisförmigen Terrassen, befinden sich transzendente, meditierende Buddhas, die sich in 72, scheinbar perforierten kleinen Stupas befinden. Auf diesen oberen Rundterrassen nimmt die Zahl der Buddha-Statuen kontinuierlich ab:  32, 24, 16. Man muss also von insgesamt 504 Buddhastatuen ausgehen, von denen etwa 350 beschädigt sind oder völlig fehlen. Allein diese durchdachte Konstruktion lässt ahnen, wie differenziert die buddhistische Kosmologie hier architektonisch umgesetzt wurde.

Der (bisher nicht sichtbare) Fundamentsockel bzw. das Erdgeschoss stellt die Sphäre der Begierden dar. Umschreitet der Pilger aufsteigend die vier Stockwerke der Galerien, befindet er sich gewissermaßen in der Sphäre der (Wieder-)Verkörperungen bzw. Reinkarnationen der Buddhanatur. Von dort geht der Weg Schritt für Schritt über die drei Rundterrassen immer weiter in die Sphäre der Körperlosigkeit hinein, bis schließlich der Pilger am Hauptstupa angelangt ist. Der Stupa symbolisiert den Dharma, die buddhistische Lehre. Er ist das in Stein gehauene Wesenszentrum buddhistischen (kosmischen) Seins- und Weltverständnisses. Es wird durch die unterschiedlichen Buddhafiguren gewissermaßen ins Bild gebracht.
Peter Cirtek nimmt uns nun auf diese spirituelle Reise mit:         
Im ersten Abschnitt beschreibt er einige Gesichtspunkte der indischen Religionen bis zur Entstehung des Buddhismus durch Siddharta Gautama, den Buddha. Von der frühen buddhistischen Geschichte geht der Weg zu verschiedenen buddhistischen Schulen im Himalaya-Gebiet. Den tibetischen Buddhismus, den sog. Diamantweg (neben Hinayana und Mahayana) untersucht Cirtek später noch im Blick auf dessen Verbindungen zu Japan und Java. In einem weiteren Abschnitt kommt der Autor auf die Einwanderung des Buddhismus nach China zu sprechen. Durch die Verbindung mit dem schon länger existierenden Daoismus und dessen Seins- und Transzendenzkonzept entwickelten sich eigenständige buddhistische Verständnis- und Meditationsweisen (z.B. der Chan-Buddhismus, japanisch: Zen).
Der zweite Abschnitt beschreibt die Architektur von Borobudur mit der wahrscheinlichen  Entstehungsgeschichte zwischen 775 und 856 und die darin zum Ausdruck kommende Symbolik der Tempelanlage. Sie ist im Geist der Mahayana-Richtung entstanden. Vorbilder sind javanesische Hindutempel, die indischen Einfluss verraten. Für die Stupa-Struktur von Borobudur zieht der Autor Beispiele aus anderen asiatischen Regionen heran (z.B. aus China, Tibet, Nepal, Burma und Thailand). Auf den Balustraden der Galerien sitzen transzendente Buddhas. Sie zeigen die Himmelsrichtungen mit dem kosmischen Zentrum an, weiterhin die Wesenseigenschaften des Buddha und schließlich sein meditierendes, lehrendes und schützendes Handeln. Auf diese Weise werden zugleich die Weltzeitalter strukturiert.
Modell von Borobudur auf der Floriade in Venlo (NL) 2012

Im dritten Abschnitt erläutert der Autor die Geschichten auf den 1460 Reliefs. Es sind Darstellungen des täglichen Lebens allgemein, Stationen der Lebensgeschichte des historischen und legendarischen Buddha (natürlich auch mit den berühmten vier Ausfahrten) und Heldentaten des Buddha aus seinen früheren Leben. Der historische Buddha ist ja nur eine Personifikation früherer und späterer transzendenter Buddhas.          
Gegenüber den vergleichbaren Texten in Sanskrit oder Pali gibt es hier eine Reihe von Abweichungen.            
Hinzu kommen sog. Taten von himmlischen Helden -
aus dem sog. Divyavadana in Sanskrit (Ende 2. Jh. n. Chr.).

Es gibt jedoch noch mehr Narratives, und zwar von einigen Bodhisattvas auf den Relieftafeln. Sie beinhalten einen großen Teil des Avatamsaka Sutra. Besonders ragt hier die Pilgerreise des Sudhana hervor, einem Kind, das den Weg bis zur Erleuchtung geht.

In dieser Relief-Reihe zeigt sich auch die Begegnung mit Samantabhadra. Er gilt als Personifikation der allumfassenden Güte und Weisheit sowie Beschützer des Lotos-Sutra.

Bilanz:

Peter Cirtek ist offensichtlich daran gelegen, seine Beschreibungen durch Bezug auf die Originalquellen immer wieder abzusichern. Er berücksichtigt dabei die ältesten Belege im Pali-Kanon, bezieht sich jedoch insgesamt stärker auf den Sanskrit-Kanon und den chinesischen Kanon des Mahayana. Seine Beschreibungen mit einer gezielten Auswahl von (Bild-)Beispielen der Galerien und Terrassen mit ihren Skulpturen und Reliefs geben ein faszinierendes Bild von der Vielschichtigkeit des buddhistischen Welt- und Glaubensverständnisses. Gerade mehr meditativ Lesende und Betrachtende werden an dem herausragenden Kult-Kunstwerk Borobudur entdecken können, dass hier ein besonderer Annäherungsweg zum Heiligen eröffnet werden kann.

Reinhard Kirste


Rz-Cirtek-Borobudur, 25.09.16 

Mittwoch, 14. September 2016

Kurz vorgestellt: Nachfragen mit Ibn Arabi - Woher kommt das Böse?

Selahattin Akti: Gott und das Übel.Die Theodizee-Frage in der Existenzphilosophie des Mystikers Muhyiddin Ibn Arabi
Xanten: Chalice-Verlag 2016, 296 S., Abb. --- ISBN 
978-3-942914-15-4


   Verlagsinformation
   Krankheit, Schmerz und Tod, Naturkatastrophen, Verbrechen,      Krieg und Terror – warum lässt Gott das alles geschehen? 
   Weshalb verhindert ein (all)mächtiger Schöpfer nicht das Leid
   und das Böse in der Welt?


   Die Frage nach dem Grund des Übels hat die Menschen seit
   jeher bewegt, Anhänger monotheistischer Religionen schon
   immer herausgefordert und Philosophen wie Atheisten als
   gewichtiges Argument gedient. Wer sich über dieses komplexe
   Thema, die sogenannte Theodizee, den Kopf zerbricht, gerät
   schnell in weltanschauliche Untiefen.


   In diesem anregenden Buch erklärt der Sprach- und
   Kulturwissenschaftler Selahattin Akti, wie einer der
   bedeutendsten islamischen Mystiker, der große andalusische Sufi-Meister Muhyiddin Ibn Arabi (1165–1240), diese grundlegende Fragestellung beantwortet. Nach einer fundierten Darstellung der unterschiedlichen Lösungswege in der Geschichte der Philosophie sowie in den christlichen und islamischen Theologien erläutert der Autor mit spürbarer Sachkenntnis den Fragenkomplex des Übels aus dem Blickwinkel des mystischen Erkenntnisweges.


Ein wichtiger Verständnisschlüssel ist dabei Ibn Arabis Existenzphilosophie der »Einheit des Seins«, die unter dem Begriff wahdat al-wujud den Sufismus nachhaltig bereichert hat. Dabei gelingt Selahattin Akti neben einer hervorragenden Kurzdarstellung von Leben, Werk und Denken des »Größten Scheichs« eine intelligente, gut verständliche Erklärung von dessen tiefen Einsichten und anspruchsvollen Konzepten zum Verhältnis von Gott, Welt und Mensch, zur Problematik von freiem Willen und Vorbestimmung, zur Schöpfung als permanenter Selbstmanifestation des »verborgenen Schatzes« und als Bewegung der Liebe, zur Unterscheidung von al-Haqq (dem Allwahren) und Allah (Gott) sowie zur Funktion der Göttlichen Namen im Schöpfungsprozess und zur Bedeutung des vollkommenen Menschen als Abbild und Statthalter Gottes.

Leseprobe
Ausschnitte aus dem Buch von Selahattin Akti finden Sie hier...

Mehr zu Ibn Arabi: hier



Dienstag, 13. September 2016

The Indian Queen - ein Lehrstück zur Völker verbindenden Humanität

Henry Purcell (1659- 1695) - The Indien Queen - Die indianische Königin
Henry Purcell,
Porträt von John Closterman
(1660–1711)

(Wikipedia)
Kurz vor seinem Tode arbeitete der 36jährige Henry Purcell noch an einer letzten Oper: „The Indian Queen“ - "Die indianische Königin". Es blieb ein Fragment von 50 Minuten Spieldauer. 

Dieses in seinem dramatischen Aufbau keineswegs leicht zu verstehende Stück nahm der US-amerikanische Regisseur Peter Sellars (geb. 1957) zum Anlass, die dort zu Wort und Klang kommende Thematik neu und durchstrukturiert zu inszenieren. 

Das ursprüngliche Libretto von John Dryden (1631-1700) ersetzte er durch Zitate aus dem Roman "The Lost Cronicle of Terra Firma" von Rosario Aguilar
Die nicaraguanische Schriftstellerin (geb. 1938) erzählt darin die brutale Eroberung und fast völlige Zerstörung der indigenen Kulturen Mittelamerikas u.a. aus der Sicht ganz unterschiedlicher Frauen:
  • Teculihuatzin, eine Maya-Prinzessin 
  • Doña Isabel, Ehefrau des spanischen Gouverneurs Don Pedro de Alvarado 
  • Leonor, Tochter von Teculihuatzin und Don Pedro de Alvarado 
In diesem Roman verbindet sich Historisches mit Gegenwärtigem
(vgl. die Kurzrezension in der New York Times, 02.03.1997).


Von diesen Vorgaben her entwickelt Sellars ein Conquista-Drama der besonderen Art. In geradezu spiritueller Kooperation  mit dem Dirigenten  
Teodor Currentzis und dem Neu-Arrangement der Musik Purcells erhält das tragische Scheitern der Kulturenbegegnung von Spaniern und Mayas noch eine besondere Dichte: 
Zum Inhalt
Die Hörer und Zuschauer dieser Semi-Oper werden in die Zeit der spanischen Conquistadoren des 16. Jahrhunderts geführt. Den Waffen der Eroberer haben die Mayas mit ihren Speeren faktisch nichts entgegenzusetzen.
Angesichts der drohenden Vernichtung setzen die Mayas auf eine List: Teculihuatzin, eine Maya-Prinzessin wird auf Anraten ihres Vaters dem spanischen Gouverneur Don Pedro de Alvarado als Konkubine angeboten, um die Kriegspläne der Spanier auszuspionieren. Teculihuatzin lässt sich taufen und praktiziert intensiv den katholischen Glauben. Von keiner Seite erwartet, verlieben sich der spanische Kriegsmann und die Maya-Prinzessin ineinander.  Sie bekommen sogar eine Tochter: Leonor, die erste Mestizin.
Prinzessin Teculihuatzin kann aber auf Dauer den Gewaltmenschen Don Pedro nicht von Massakern an den Mayas abhalten. Ja, aus der anfänglichen Liebe des Kriegsherrn wird Hass auf seine demütige Frau, und Don Pedro beschließt auch noch, eine Spanierin zu heiraten. Verzweifelt wendet sich die "Indian Queen" an die schon fast vergessenen Götter mit Hilfe eines Maya-Priesters.
Sie praktizieren im Angesicht der alten Maya-Götter Hunahpú und Ixbalanqué 
Unheil abwendende Rituale.
Aber es ist zu spät ... 


Buchcover
mit Resten eines Maya-Tempels
Zur Aufführungspraxis
Seit 2013 wird "The Indian Queen" in dieser ungewöhnlichen, fast dreieinhalb Stunden dauernden Fassung immer wieder aufgeführt. 
In dem ausgesprochen informativen Bericht in Kultur-Port.de vom  20.02.2016 sind Infos und Beispiele aus der Aufführung von 2013 im Teatro Real Madrid zusammengestellt. 
Im September 2016 gastierte Teodor Currentzis mit seinem russischen Orchester MusicAeterna und dem Kammerchor im Konzerthaus Dortmund.
Bericht im Westfälischen Anzeiger vom 12.09.2016.

Hier ist eine beeindruckende, sehr nachdenklich machende Opernperformance entstanden. Sie zeigt, wie aktuell Barockmusik Zeitprobleme aufgreifen kann:
Die Eroberung Amerikas, die Conquista, gestaltet sich hier zu einem bewegenden Trauerspiel. Letztlich gibt es keine Gewinner. Die Stimmen der Frauen, wunderbar in den Arien artikuliert, kontrastieren zum Machtgehabe der Eroberer. 

Dass die Begegnung zweier Kulturen und Religionen eine großartige Zukunftschance für alle Beteiligten war, wurde durch Machtgier und Goldrausch vertan. Nur damals?
Die Oper endet darum auch beklemmend still.




Buch-Einblicke zur Thematik und den Orten des Geschehens: 
  • Hernán Cortés: Die Eroberung Mexikos.
    Eigenhändige Berichte an Kaiser Karl V. 1520-1524. 
  • Neu hg. und bearb. von Hermann Homann.
    Darmstadt: WBG 1984, 309 S., Abb.
  • Buchcover mit Kupferstich
     aus der Chronik "Americae" 1595
  • Diego de Landa: Bericht aus Yucatán.
    Leipzig: Reclam-TB 1347, 1990, 242 S. 

    --- 
    Mexikanische Ausgabe: Fray Diego de Landa: Como Vivieron los Mayas. Tomado de la Relación de las Cosas de Yucatán. Mérida (Mexico): Editorial San Fernando 1987, 2. Aufl., 158 S., ilustraciones
  • Beat Dietschy: Ist unser Gott auch eure Gott? Gespräche über Kolonialismus und Befreiung.
    Luzern: Edition Exodus 1992, 219 S.
  • El Libro de los Libros de Chilam Balam. Mexiko-Stadt:
    Fondo de Cultura Económica 1988, 15. Aufl. 213 pp.,
  • Antionio Mediz Bolio:
    La Tierra del Faisan y del Venado.
    Mérida (Mexico):
    Editorial Dante 1987, 2. Aufl., 156 pp.
  • Scott Peterson: Prophéties Indiennes. Adaption et notes de Bernard Dubant.
    Paris: Courrier du Livre 1996, 285 pp.
  • Popol Vuh. Das Buch des Rates.
    Mythos und Geschichte der Maya.
    Aus dem Quiché übertragen und erläutert von Wolfgang Cordan.
    DG 18. München: Diederichs 1990, 6. Aufl. , 231 S.
  • Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim (Hg.):  Die Welt der Maya.
    Ausstellung "Archäologiche Schätze aus drei Jahrtausenden, 14.06.-29.11. 1992.
    Mainz: Philipp von Zabern 1992, 636 S., Abb., Glossar
  • J. Eric S. Thompson: Grandeza y Decadencia de los Mayas.
    Mexiko-Stadt: Fondo de Cultura Económica 1990, 3. Aufl., 399 pp., ilustraciones




Samstag, 10. September 2016

Kurz vorgestellt: Zum Umgang von Religionen mit Sexualität

Schmidt, Jochen (Hrsg.), Religion und Sexualität.
Studien des Bonner Zentrums für Religion und Gesellschaft (ZERG), Bd. 13 
Würzburg: Ergon-Verlag 2016, 237 S., 22 Abb. ISBN 978-3-95650-150-0.


Religion und Sexualität berühren einander in vielerlei Hinsicht. Schlaglichtartig werden im vorliegenden Band, der auf eine durch das Bonner Zentrum für Religion und Gesellschaft veranstaltete Ringvorlesung zurückgeht, neueste Forschungen zu ausgewählten Fragen präsentiert, die an der Schnittstelle von Religion und Sexualität angesiedelt sind. 
In zwei Beträgen wird das Stichwort "Homosexualität" aus dem Blickwinkel historisch-exegetischer Forschungen zum Alten Testament und zum Neuen Testament thematisiert. 
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Präsentationen der Sexualität in Texten sowohl der jüdischen als auch der buddhistischen Tradition. 
Eine umfangreiche Studie dokumentiert literarische und theologische Diskurse über den heterosexuell aktiven Jesus in Geschichte und Gegenwart. Theologisch-ethische Perspektiven auf das Thema des Bandes wirft ein Beitrag zur Frage nach der ethischen Bewertung von Pornographie.

Weitere Informationen auf der Website des Ergon-Verlages. 
Ein Formular zur Buchbestellung können Sie hier herunterladen.

Inhalt 

  • Vorwort
  • Cordula Trauner - Homosexualität im Alten Testament
  • Irmgard Rüsenberg - Verbotene Lust.
    Grenzziehung und Selbstermächtigung im zweiten Schöpfungsbericht
  • Günter Röhser - Neues Testament und Homosexualität
  • Susanne Talabardon - Die Hindin der Morgendämmerung. Vom Rätsel zum Ritual
  • Martin Leutzsch - Ehemann, Liebhaber, Vater.
    Der heterosexuell aktive Jesus in Geschichte und Gegenwart
  • Regina Höfer - Mao Muschi Mandala oder Weisheit und Mitgefühl: Tantrismus, Pornographie und Sexualität in der zeitgenössischen tibetischen Kunst
  • Jochen Schmidt - Zur ethischen Bewertung von Pornographie
  • Autorenverzeichnis


Sonntag, 4. September 2016

Buch des Monats September 2016: Bilderverehrung und Bilderverbot

Friedhelm Hartenstein / Michael Moxter:
Hermeneutik des Bilderverbots.       
Exegetische und systematisch-theologische Annäherungen.
Forum Theologische Literaturzeitung, 26     
Leipzig: EVA 2016, 357 S., Abb. -- ISBN 978-3-374-03060-6 --

Angesichts strikter Bilderverbote im Judentum und Im Islam sind die christlichen Zugänge zum Bild von Anfang an vielfältiger. Besonders spannend wird es jedoch, wenn sich die Frage nach dem Bild angesichts des Heiligen und Göttlichen stellt. Der vorliegende Band ist aus der Zusammenarbeit eines Alttestamentlers und eines Systematikers an der Universität Hamburg entstanden. Der Exeget und Religionsgeschichtler Friedhelm Hartenstein (seit 2010 an der Universität München) und der Dogmatiker Michael Moxter „dialogisieren“ gewissermaßen die vielfältigen Facetten der Bildthematik im Kontext von Judentum und Christentum. Vergegenwärtigung Gottes und des Göttlichen im Bild und  in der Kult-Symbolik sind schwierige Annäherungsversuche an das Transzendente.

Die grundlegende Spannung zwischen Bilderverehrung und Bilderverbot muss die Variationsbreite der Thematik  im Alten Orient berücksichtigen. So beginnt das Buch auch mit den Fragen zum Kult um (anthropomorphe) Götterbilder und Symbole des Alten Orients.
Unter Bezug auf den Dekalog spielt Hartenstein diese Ikonografie-Geschichte an der jüdischen Bilderkritik durch, besonders seit dem 5. Jahrhundert v. Chr.
Er verfolgt exegetisch-hermeneutische Konsequenzen an ausgewählten Texten sowohl der hebräischen Bibel wie des Neuen Testaments und kann damit auch den (langwierigen) Weg vom Henotheismus zu einem strengen Monotheismus verdeutlichen. Der Systematiker Moxter dagegen geht von Bildern der Macht und bildlichen Herrschafts-Präsentationen aus, um den Sinn des Bilderverbots an der Verborgenheit Gottes zu betonen. Er verfolgt bilderkritische Tendenzen bis in gegenwärtige philosophische Theorien.



Beide Autoren weiten immer wieder den Blick auf das kulturelle Umfeld. Hartenstein zieht dazu viele Belege aus den Quellen des Alten Orients und dem alten Israel heran. Moxter versucht die komplexen Zusammenhänge von Bildverständnis und Bildkritik unter Einbeziehung veränderter politischer und geistesgeschichtlicher Umstände aufzuhellen. Der Systematiker verfolgt dabei eine Linie, die bei der Kritik der Vorsokratiker beginnt und bis hin zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie der Gegenwart führt. Wichtige Markierungspunkte zu einem umfassenden Verständnis sind dabei die moderate Haltung Luthers zu den Bildern und Kants Verständnis des Bilderverbots. Schließlich kommt es bei Theodor Adorno und Max Horkheimer zu einem Bilderverbot, das jüdische Perspektiven gegenüber dem Christentum aufnimmt: „Das Bilderverbot ist insofern ein wesentliches Paradigma, unter dem die Gehalte der Religion philosophisch rekonstruiert werden können. Hermeneutisch bemerkenswert ist, dass das Bilderverbot in dieser Perspektive wesentlich als Verbot eines Rückfalls, einer Regression, rezipiert wird. Die Regression zu den falschen Göttern, die ein Heil nur vorgaukeln und damit der Stabilisierung von Entfremdung zuarbeiten, erscheint als das, was unbedingt vermieden werden muss“ (Moxter, S. 308). Hier zeigt sich ein erstaunlicher Brückenschlag in die Religionsgeschichte des sich entwickelnden monotheistischen Gottesbegriffs, und zwar einerseits im Sinne einer kontrastreichen Korrelation und zum anderen im Sinne einer „bilderkritischen Bildlichkeit“. Diese sollte sowohl für die Hebräische Bibel wie für das Neue Testament gelten: „Auch in der Perspektive einer Theologie der einen, zweiteiligen christlichen Bibel … muss auf die komplexen Relationen zwischen Bilderverbot, Bildlosigkeit und Gottebenbildlichkeit geachtet werden. Auch vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine kritische Theologie des (lebendigen) Bildes ab. Sie wird durch eine Hermeneutik des Bilderverbots ermöglicht und begleitet“ (S. 181f).
Nach Abschaffung der vielen polytheistischen Bilder ägyptischer, griechischer und römischer Götter bleibt im Christentum als Staatsreligion seit dem 4. Jahrhundert ein (Macht-)Bild erhalten - das des Christus Pantokrator (S. 190f). Man bedenke: Eine sich zuspitzende Bilderkritik im Sinne eines Verbots bedeutet auch immer die Zurückweisung machtvoller Zugriffe. Davon zeugt im Mittelalter besonders die  sog. Negativen Theologie mit ihrer Nähe zum Neuplatonismus. Darauf hat besonders Emmanuel Levinas hingewiesen (S. 236). Nun kommt allerdings im christlichen Kult neben der Bildkritik auch eine kreative Bildvergegenwärtigung  ins Spiel, und zwar sakramental durch die Präsenz Christi im Abendmahl. Moxter bringt es auf den Punkt: „Es wundert daher nicht, dass theologische Begründungen des Ikonoklasmus darauf insistierten, allein Brot und Wein könnten als wahres Bild Christi gelten, nicht aber Ikonen“  … (S. 284).
Aktueller Ausblick: Kunst, Philosophie, Kulturwissenschaft und Theologie sind angesichts gerade säkularer Ikonen und einer unübersehbaren Bilderflut herausgefordert, den Umgang mit dem Bild neu zu durchdenken. Von daher bekommt sowohl das jüdische wie das islamische Bilderverbot ein neues Gewicht. Es zeigt nämlich an, dass offensichtlich auch in der Vergegenwärtigung der Bilder Machtzuschreibungen liegen. „Die virtuose ikonische Inszenierung, z.B. von Bildzerstörungen in Syrien und im Irak durch den sog. „Islamischen Staat“ zeigt ja auf ihre Weise, dass die mediale Bildermacht (…) einen Nerv unserer eigenen, in rasantem Wandel begriffenen Bilderkultur trifft“ (S. 350). Dies alles nötigt zu archäologischen und religionsgeschichtlichen Rückfragen, zum einen im Blick auf das Alte Israel. Der Zusammenhang von Monotheismus und Bilderverbot ist im Dekalog gewissermaßen gegründet. Aber nicht die Unsichtbarkeit Gottes ist das Hauptthema, sondern das Festhalten an seiner „Verborgenheit, auch im Zusammenhang der Offenbarung“ (S. 355).  
Insgesamt sind die Bilder Transformationsversuche, die in der christlichen (Kunst-)Geschichte im Zusammenhang der Christologie entstehen. Sie brachten „Ausschläge“ zwischen facettenreicher Affirmation der Bildlichkeit und gewaltsamen Bildersturm mit sich. Die Autoren erinnern an die Bedeutung der Ikonenverehrung im Byzantinischen Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts und an die Auseinandersetzungen innerhalb der Reformation. So wird eine heutige Hermeneutik des Bilderverbots wichtig, um die rechte Unterscheidung bei der Bild-Begegnung mit dem Nicht-Aussagbaren, dem Geheimnisvollen und Faszinierenden  zu ermöglichen. Denn die Bilderflut der heutigen Medien macht ihren eigenen problematischen Umgang mit „dem Bild“ deutlich.  und fordert zu einer erneuerten Kunstlehre des Verstehens heraus (Schleiermacher).
Von daher ist es zu begrüßen, dass die beiden Autoren bei ihrer „archäologischen Spurensuche“ die perspektivische Vielfalt des Umgangs mit den Bildern bis hin zu gegenwärtigen Konsequenzen bedacht haben. Ob es dabei zu einer “Hermeneutik des Bilderverbots“ oder eher zu einer Hermeneutik als erneuerter Kunstlehre des Verstehens im Sinne Schleiermachers kommen sollte, mag vorläufig offen bleiben.
Vgl. übrigens schon die Thematik beim Rudolf-Otto-Symposium 1993 in Marburg:
BARTH, Hans-Martin / ELSAS, Christoph (Hg.): Bild und Bildlosigkeit.
Beiträge zum interreligiösen Dialog. Hamburg: ebv Rissen 1994, 209 S. 
Reinhard Kirste 

Rz-Hartenstein-Bilderverbot, 31.08.16