Sonntag, 29. Januar 2017

Inter-religiöser / inter-ideologischer Dialog als globale Notwendigkeit

Leonard Swidler: The Age of Global Dialogue.
Eugene (Oregon (USA): Pickwick Publications
2016, XII, 428 pp., index
-- Paperback:    ISBN 978-1-4982-0867-3
Hardcover: ISBN 978-1-4982-0869-7 

E-Book:  ISBN 978-1-4982-0868-0


In diesem Buch zieht der bekannte katholische US-Theologe und engagierte Dialogiker Leonard Swidler eine Art Bilanz seines Wirkens in der Begegnung mit Menschen und Theorien anderen Religionen. In vielen Veröffentlichungen hat er seit vielen Jahren die verschiedenen Stationen der interreligiösen Begegnungen mit allen Schwierigkeiten und Chancen bereits erfahren.  

Er verfolgt den Weg vom Beginn des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1893 bis zum 2. Vatikanischen Konzil und den von daher sich entwickelnden weiteren Möglichkeiten. Das gilt besonders im Blick auf die Konzilserklärung „Nostra Aetate“.
Seine Zeitschrift
Journal of Ecumenical Studies (JES):
http://dialogueinstitute.org/jes/ ist von Anfang an ein Seismograph interreligiöser Begegnung, was neue Tendenzen und wichtige Auseinandersetzungen in den verschiedenen Weltreligionen betrifft.

In „The Age of Global Dialogue“ geht Swidlers Gedankenweg nach einführenden Überlegungen in sieben Schritten bis zur Notwendigkeit eines dialogischen Lebens. Ganz nebenbei entsteht so eine Geschichte des interreligiösen Dialog von den frühen Begegnungen mit anderen Religionen in früheren Jahrhunderten bis zu den Herausforderungen der Gegenwart:

1.   Grundlagen des Dialogs (Bases of Dialogue) – S. 1
2.   Religion als Weltanschauung – ihre Bedeutung (Religion/Ideology) – Its Meaning) – S. 35
3.   Der “innere” Dialog (The “Inner” Dialogue) – S. 82
4.   Der gegenseitige-Dialog (The “Inter” Dialogue) – S. 95
5.   Dialog in der Welt (Dialogue in the World) S. 312
6.   Dialog als Experiment (Dialogue Attempted) – S. 366
7.   Endgültige Schlussfolgerung (Final Conclusion) – S. 409
Sehr klar benennt Kapitel 1: Bases of Dialogue neue Verstehensgrundlagen, was die letztgültigen Strukturen unserer Realität, unserer Wahrheitsaussagen und unseres ethischen Verhaltens betreffen. Das muss auf die Religionen weltweit bezogen werden. Das gilt auch für die Weltanschauungen, z.B. den Marxismus. Swidlers Ideologiebegriff ist dabei bewusst wertfrei. Hier zeigt sich bereits eine gegenseitige Verbundenheit im Sinne einer Komplementarität, weil die Verständnisse von Wahrheit nicht isoliert betrachtet werden können.
Die Zielrichtung hatte Swidler schon skizzenhaft vorweg formuliert (aaO S. 3). Er verstärkt sie, indem er Offenheit deutlich macht, nämlich über bisherige Absolutismen hinaus lernend aufeinander zuzugehen und sich damit, auf eine de-absolutierte, kritische Gedankenwelt einzulassen. Hier können wir nicht mehr auf der Ebene einer überkommenen, ersten Naivität leben. Wir müssen wenigstens versuchen, auf die Ebene der zweiten Naivität zu kommen. Auf dieser Ebene verwechseln wir unsere Grundsymbole und Metaphern nicht mit empirischen, ontologischen Realitäten. Wir bringen sie auch nicht mehr mit Phantasien und Märchen durcheinander. Weil wir sie nun als Grundsymbole und Metaphern sehen, schätzen wir sie als unentbehrliche Vehikel, um tiefe zwischenmenschliche Verständigung zu ermöglichen. Hier sind die Religionen und Ideologien besonders herausgefordert.
In Kapitel 2: Religion/Ideology – Its Meaning geht es um Möglichkeiten von Deeper Religion“. Darum entgrenzt der Autor die Religionen und Ideologien/Weltanschauungen aus ihren jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Verengungen, weil bereits faktisch das Zeitalter des globalen Dialogs begonnen hat (S. 43). Authentizität ist aber nur auf dem Weg „Zurück zu den Quellen“ zu erreichen. So werden die Grundmuster aller religiösen Traditionen deutlich – sie seien mehr populär oder reflektierend. Sie intendieren Heil und Erlösung im Kontext einer „ultimate reality“ (S. 59). Sie ist der Horizont, in dem alle interreligiösen Begegnungen ihren Sinn und zugleich ihre menschliche Begrenzung haben (ausführlich S. 283ff).
Das Kapitel 3: The „Inner Dialogue“ nimmt geschichtliche Entwicklungen innerhalb des Christentums auf. Swidler, als katholischer Theologe, sieht dabei kritisch auf die Geschichte des Katholizismus. Der Wendepunkt wurde eindeutig mit dem 2. Vatikanischen Konzil und mit der Erklärung „Nostra Aetate“ gesetzt. Man darf für das Christentum derzeit sagen, dass inzwischen Zukunft weisende Wege beschritten werden.
Logischerweise erfolgt dann mit dem umfassenden Kapitel 4: The „Inter“ Dialogue, für den es natürlich Regeln braucht. Bereits 1978 hatte Swidler diese zum ersten Mal formuliert und 1983 erweitert als „Dialog-Dekalog“ veröffentlicht: http://dialogueinstitute.org/dialogue-principles/
Dieses Grundmuster muss aber nun weiter entwickelt werden. Raimon Panikkar hatte bereits eine Vertiefung im Sinne eines spirituellen Dialogs für notwendig erachtet (S. 107ff). Er schlug ein ökumenisches Esperanto vor (S. 117). Dialog jedoch beruht immer auf Gegenseitigkeit angesichts der Chancen und Probleme, die religiöse Traditionen innerhalb und außerhalb haben. Für den jüdisch-christlichen Dialog, der am Anfang der theologischen Begegnungsarbeit Swidlers stand, spielt zum einen das christliche Verhältnis zum Juden Jesus eine wichtige Rolle. Aber zum andern wird die Erfahrung des Holocaust immer prägend bleiben. Die Einbeziehung des monotheistischen Dialogs, also die Erweiterung zum „Trialog“ wird gegenwärtig durch den zunehmenden Terror im Namen des Islam belastet (S. 209f). Umso wichtiger ist es neben wichtigen Dialog- und Trialog-Organisationen herausragende islamische Dialog-Denker vorzustellen wie Smail Baliç, Mahmud Muhammad Taha, Mohamed Talbi, Hasan Askari und Mohammed Arkoun. Ähnliches lässt sich auch für den hinduistisch-christlichen und den buddhistisch-christlichen Dialog sagen. Hinzu kommt der an Bedeutung gewinnende christlich-konfuzianische Dialog, aber auch der Diskurs mit dem Marxismus. Es seien nur Milan Machovec und Andrija Krešić erwähnt. Gelingen können solche Begegnungen allerdings nur mit entsprechenden sachlichen und zugleich empathischen Dialoghaltungen (S. 307ff).
Im Kapitel 5:  Dialogue in the World kommen die Menschenrechte und die Religionsfreiheit zur Sprache. Im Gegensatz zu Behauptung eines „clash of civilizations“ gilt es den Entwurf für eine Global Ethics-Declaration weiter umzusetzen. Sie gründet auf liebevoller Menschlichkeit (347ff). Wesentliche Schritte dorthin sind, eine ganzheitliche Erziehung aufzubauen im Sinne eines vertiefenden Dialogs („Education Deep Dialogue“), deren Zentrum Friedensstudien sein müssen (S. 360ff). Swidler schlägt dafür 7 Lernstufen vor:
1.  In der bewussten Begegnung mit dem Anderen die Differenz wahrnehmen.
2.  Das Hinübergehen in die Welt des Anderen („crossing over“).    
     Empathie führt zur Veränderung des eigenen Selbstverständnisses.
3.  In die Welt des Anderen und in seine Erfahrungen eintauchen und sich so selbst hin   
     zum Anderen verwandeln.
4.  Rückkehr zu sich selbst mit einer erweiterten Vision und einer neuen Erkenntnis.
5.  Dialogisch/kritisches Erwachen – ein radikale Kehrtwendung (paradigm shift)  
     zu einem inneren transformierten Selbst.
6.  Globales Erwachen: Die „Reifung“ der paradigmatischen Veränderung               
     in Bezug auf sich selbst, den Anderen und die Welt.
7.  Persönliche und weltweite Transformierung des Lebens und des Verhaltens. Leben und Handeln
      von einem selbst geschieht in einem neuen globalen Bewusstsein.
Von daher folgert Swidler im 6. Kapitel: „Dialogue Attempted“, christliche Existenz Grenzen überschreitend anzugehen und zu leben. Dazu müsste ein „ökumenisches Esperanto“ entwickelt werden, ein Gedanke, den Swidler von Panikkar her weiter entwickelt  (S. 366ff, vgl. bereits oben S. 117). Diese „Weltsprache“ basiert – christlich gesprochen – auf der Weltversöhnung in Christus. Das ist eine Christologie, eine Lehre von Christus, die sich dem anderen zuwendet. Sie geschieht durch einen authentischen, interreligiösen, inter-ideologischen Dialog (S. 371). Dieser lebt angesichts der „ultimate reality“ aus der Tiefe der jeweiligen Begegnungen. Das heißt, er wird  von einer heilsamen „ultimate harmony“ geprägt (S. 403ff). Das wäre dann eine Erlösungslehre, die die verschiedenen religiösen und ideologischen Traditionen in die Vision der großen Ökumene aller Glaubensweisen einbringt. Selbst christliches Trinitätsverständnis kann hier weiterhelfen (S. 291).
In seiner Schlussbilanz kommt Swidler auf die Gedanken des Anfangs zurück: Interreligiöser und weltweiter Dialog ist ein Zeichen der Menschlichkeit. Gerade die Religionen, die auch politisch erheblichen Einfluss gewonnen haben, sind herausgefordert, den Dialog zu vertiefen. In einer globalisierten Kultur gibt es nur eine Option: Der globale Dialog. Dies ist die einzige Chance, dass Humanität der oberste Wert im weltweiten Zusammenleben bleibt (vgl. den Originaltext auf S. 409).
Es lohnt sich, sachlich und zugleich empathisch Veränderungen anzugehen und Versöhnung zu praktizieren.
Leonard Swidler hat mit diesem Buch eine dialogische Lebensbilanz vorgelegt, die eine Ermutigung für alle ist, die in der Begegnung mit anderen Religionen und Ideologien die einzige Chance sehen, dass die Welt wieder etwas friedlicher werden kann ...


Reinhard Kirste 

Rz-Swidler-Global-Dialogue, 29.01.2017


Kurz vorgestellt --- Zwischen Realisierung und Vision --- Das Jahrhundert des weltweiten Dialogs


The Age of Global Dialogue

Verlagsankündigung
Thinking beyond the absolutes Christians and other religious persons increasingly find "deabsolutized" in our modern thought world, Swidler reflects on the ways we humans think about the world and its meaning now that increasingly we notice that there are other ways of understanding the world than the way we grew up in. In this new situation we need to develop a common language we can use together both to appreciate our neighbors and enrich ourselves, what the author calls 
Ecumenical Esperanto, 
because it should serve as a common language
without replacing
any of the living languages
of our religious and ideological traditions. 
Of course, such thinking anew about the world and its meaning
must necessarily mean thinking anew about all of our religious beliefs


Samstag, 28. Januar 2017

Kurz vorgestellt: Wo ist der Himmel? Theologie, Ethik und Naturwissenschaft in der Diskussion


Der Himmel als transkultureller ethischer Raum

Harald Lesch, 
Bernd Oberdorfer
Stephanie Waldow (Hg.)

Der Himmel als transkultureller ethischer Raum

Himmelskonstellationen im Spannungsfeld von Literatur und Wissen

Göttingen: V & R - 1. Auflage 2016
408 Seiten mit 29 Abbildungen gebunden
ISBN 978-3-8471-0618-0 --- V&R unipress

Internationale Schriften des
Jakob-Fugger-Zentrums - Band 002

Verlagsinformation
Bereits seit der Antike ist der Himmel ein zentraler Raum, der jenseits von festen Orts-, Zeit- und Identitätszuschreibungen das Verhältnis von Individuum und Kosmos und die damit in Zusammenhang stehenden Grundfragen der menschlichen Existenz und deren Wertkonzepte aushandelt. So stellt der ethische Zugang zum Himmel zentrale Fragehorizonte bereit, die in den Kontext der interdisziplinären Forschungsfelder und kulturellen Horizonte eingebettet werden. Neben diesen Fragehorizonten ist aber auch die ästhetische Umsetzung dieser Perspektivierungen von zentraler Bedeutung, denn wissenschaftliche wie religiöse Texte, die sich mit diesen Konzepten auseinandersetzen und den Himmel als Projektionsraum einsetzen, entfalten eine literarisch-rhetorische Kraft. Diese auf ihre ethischen Implikationen hin zu untersuchen, ist ein wichtiges Ziel des Bandes.
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe                 Download: hier  (PDF)

Harald Lesch

Prof. Dr. Harald Lesch lehrt seit 1995 Theoretische Astrophysik an der LMU München und seit 2002 Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München.

Bernd Oberdorfer
Prof. Dr. Bernd Oberdorfer lehrt Evangelische Theologie mit Schwerpunkt Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen an der Universität Augsburg.
Stephanie Waldow
Prof. Dr. Stephanie Waldow lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ethik an der Universität Augsburg.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Luther und die Hexen - Das Buch zur Ausstellung in Rotenburg o.T.


                                                                                                                           
Markus Hirte (Hrsg.)                                                                                            
Mit dem Schwert oder festem Glauben. Luther und die Hexen                          

(= Link zum Kommentar  mit Leseprobe)                                                                
Darmstadt: Theiss Verlag – WBG                                                                            
2016. 160 S. mit etwa 120 farb. Abb., Klappenbroschur.                                          
Preis: € 19,95[D]                                                                                                  
ISBN: 978-3-8062-3451-0                                                                                      
Erscheint am 16. Februar 2017                                                                                

Dienstag, 24. Januar 2017

Interkulturelle Theologie vor gesellschaftlichen Herausforderungen

Franz Gmainer-Pranzl, Beate Kowalski,
Tony Neelankavil (Hg.):
Herausforderungen interkultureller Theologie.
Beiträge zur Komparativen Theologie, Band 26
Paderborn: Schöningh 2016, 170 S., Abb.
--- ISBN 978-3-506-78550-3 ---
„Interkulturelle Theologie“ gibt es schon seit längerer Zeit an einigen katholischen und evangelischen Fakultäten von Universitäten im deutschen Sprachraum. Der vorliegende Sammelband geht auf eine Tagung an der TU Dortmund im Frühjahr 2015 zurück Die Beitragenden versuchten von ihren religiösen Voraussetzungen Perspektiven interkultureller Theologie zu entwickeln, denn Theologie muss sich durch die Herausforderungen der Globalisierung verändern. Der christliche Glaube ist schließlich nur die Facette einer pluralen Welt.
1.  Perspektiven interkultureller Theologie fordert Franz Gmainer-Pranzl, Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der „Paris Lodron Universität Salzburg“ ein. Er gehört zu denjenigen, die ein neues Problem- und Methodenbewusstsein der Theologie für dringend notwendig erachten.
In seinem orientierenden Einleitungsartikel erörtert er verschiedene Sichtweisen in den Ausdrucksformen von „Interkulturelle Theologie“ und „Theologie interkulturell“. Er ist generell der Meinung, „dass christliche Theologie künftig nur mehr interkulturell betrieben werden kann“ (S. 12). Die Konsequenz daraus ist, dass eine Differenzierung im Sinne eines interdisziplinären Verbundes von vier Arbeitsbereichen unter der „Leitperspektive“ Kultur kommen muss:
1.  Systematisierende interreligiöse Vergleiche             
2.  Untersuchung konkreter kontextueller Theologien (z.B. im Blick auf Lateinamerika)        
3.  Erkenntnistheologische Reflexionen zu „Theologie interkulturell“          
4.  Interreligiöse Vergleiche und Heilsbedeutung fremder Religionen (S. 13f).
Eine offene Frage bleibt der Bezug zur Religionswissenschaft, weil Theologie unter der Voraussetzung des Glaubens immer auch eine „Innensicht“ der jeweiligen Religion vertritt. Der religionspluralistische Theologe Perry Schmidt-Leukel lehnt von daher die Unterscheidung zwischen bekenntnisgebundener Theologie und >vorurteilsfreier< Religionswissenschaft ab (S. 18). Diese Position ist allerdings nicht unumstritten. Man merkt, „Theologie interkulturell“ hat es mit vielen aktuellen Herausforderungen zu tun. Sie hängen zusammen mit dem Verständnis von Inkulturation, der universalen Bedeutung von Kirche („Weltkirche“), dem Kontext von „Mission“, der Ausrichtung der Missionstheologie, den regionalen und gesellschaftlichen Prägungen „kontextueller Theologie“ sowie den Veränderungen von Religion im Zusammenhang von säkularen und „Postsäkularen“ Strömungen. Die Komparative Theologie überschreitet dabei die Begrenzungen eines „Weltethos“ und steuert unwiederbringlich in die Problematik der christlichen Beurteilung anderer Religionen hinein, und zwar in Bezug auf ihren Anspruch von Heil und Wahrheit. Was sich folglich als notwendig erweist, ist eine theologisch-interkulturelle Hermeneutik, die sich mit dem jeweils eigenen Selbstverständnis dem Anderssein des Anderen Religionen und dem Anspruch des Fremden auseinandersetzen muss. Das sind keineswegs sich ausschließende Gegensätze.
Als Ergebnis hält der Autor fest: „>Theologie interkulturell< orientiert sich an gerechten, solidarischen und kommunikativen Verhältnissen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen und kennt aus der Geschichte der Religionswissenschaft die Gefahr von Entwicklungslogiken, die zu Begriffen wie >primitive Religion< oder >Hochreligion< geführt haben. Aus diesen Gründen stellt die gründliche Rezeption der entwicklungstheoretischen Forschung einen entscheidenden Beitrag zu einer zeitgemäßen Neupositionierung von >Theologie interkulturell< dar“ (S. 31).
2.  Im zweiten Bereich werden Perspektiven biblischer Interpretation exemplifiziert. Der katholische Alttestamentler Egbert Ballhorn geht auf das (apokryphe) Buch Baruch ein, das vermutlich aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammt. Bei den Themen Interkulturalität und Fremdheit bezieht er sich dazu auf den Berliner Erziehungswissenschaftler Ortfried Schäffter, der generelle Deutungsmuster im Umgang mit der Fremdheit entwickelt hat. Bezogen auf den konkreten Text der Mahnrede im Baruchbuch (Kap. 3+4) zeigt sich die Fremdheit als Gegenbild zum Eigenen (S. 45). Aber es geht nicht ohne interkulturelle Annäherungen und Assimilationen. Selbst die von Israel behauptete Exklusivität der Tora „ist nur über den Modus der Inanspruchnahme und des Gebrauchs hellenistischer, nichtisraelitscher Kulturelemente möglich“ (S. 49).
Jochen Flebbe, evangelischer Neutestamentler an der Universität Bonn, versucht Kulturbrücken im Neuen Testament zu schlagen. Er bezieht sich dazu auf die dort auftauchenden Schrift-Gattungen und hebt einige Texte besonders hervor: Bedeutungsgehalt von Erzählung in der Heilung des Gelähmten (Lukas 5,17-26), Metapher im Logos-Verständnis Johannes 1 und begriffliche Abstraktion bei Paulus unter besonderer Betonung von Glaube und Liebe mit Bezug auf Galater 5,6. Allein diese Beispiele belegen die multikulturelle Vielfältigkeit und sprachliche Differenzierungsfähigkeit im Neuen Testament. Durch die Überwindung kultureller Grenzen werden unterschiedliche Gruppen in der Gemeinde Jesu Christi zusammengeführt (S. 66).
Ähnliches bestätigt die in der Lehrerfortbildung tätige Rita Müller-Fieberg. Sie arbeitet zugleich als Dozentin für Neues Testament an der Philosophisch-Theologischen Hochschule SVD, St. Augustin. Unter Bezugnahme auf Apg 1,8 und im weiteren Verlauf ihres Beitrags auf die Areopagrede des Paulus in Apg. 17 kann sie die interkulturelle und weltweite Wirksamkeit des Christentums betonen. Diesem universalen Gedanken gibt sie lokalen Ausdruck, indem Sie ihre Hochschule als Lernort interpretiert. Angesichts gelebter Vielfalt entstehen für Lehrende und Lernende wechselseitig neue Perspektiven. Solche Diversität bietet weiterhin die besondere Chance, lebenspraktische Relevanz mit biblischen Impulsen zu verbinden. Besonders Apg. 17 kann zu einen kommunikativen Handlungsmodell werden, das bei allen Schwierigkeiten von Vielfalt Brücken der Gemeinsamkeit ermöglicht.
3. Im Kontext der religionspädagogische Perspektiven geht Claudia Gärtner, katholische Religionspädagogin an der TU Dortmund, von der Tatsache aus, „dass der konfessionelle Religionsunterricht gesellschaftliche Pluralität nicht umfassend genug reflektiert“ (S. 89). Die Problematik benennt sie bereits im Titel ihres Beitrags: Konfessioneller Religionsunterricht – kulturelle Vielfalt als Herausforderung eines auf Homogenität konzipierten und auf Identität zielenden Faches. Mit der Hilfestellung der Komparativen Theologie – in deren demütiger, aber dennoch konfessorischer Verankerung (S. 100) – benennt sie religionspädagogische Rahmenbedingungen. Diese sollten für den (konfessionellen) Religionsunterricht: realisiert werden: günstige Zusammensetzung der Lerngruppen im Sinne des gleichen Status von allen, zwanglose menschliche Kontakte, gemeinsame Zielsetzungen – dies könnte das interreligiöses Lernen voranbringen.
Joachim Willems, evangelischer Religionspädagoge an der Universität Oldenburg, setzt sich mit dem Spannungsverhältnis von Komparativer Theologie und Jugendtheologie auseinander. Religiöse Vorstellungen von Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich wesentlich von denen Erwachsener. Von daher ist eine Kinder- bzw. Jugendtheologie erforderlich. Die Komparative Theologie setzt die eigene Glaubensgewissheit voraus und bemüht sich, die Perspektive des Anderen in das eigene Denken einzubeziehen (S. 108). Angesichts dieses kooperativen Unterfangens zeigt der Blick auf die Jugendlichen, dass die meisten keineswegs in einer religiösen Tradition beheimatet sind. Wie also theologisch mit Jugendlichen sprechen? Als evangelischer Theologe ist der Blick des Autors auf andere Konfessionen und Religionen von seinem reformatorischen Glaubensverständnis geprägt. Es hat in der Rechtfertigungslehre seinen Schwerpunkt. Er stellt beispielhaft Interviews mit einem muslimischen Jungen und einem evangelikal denkenden Mädchen vor. Diese sind allerdings keineswegs repräsentativ für die „Jugend“. Dennoch zeigt sich bereits hier, dass Komparative Jugendtheologie ein schwieriges Unternehmen sein/werden dürfte. Dennoch könnte es lohnend sein, weil sich Jugendliche eben auch zu Religion und religiöser Pluralität verhalten und sich damit auch theologisch äußern.
4.  In den ökumenischen Perspektiven wird deutlich, wie sehr die Einbindung in die eigene religiös-kulturelle Tradition die jeweiligen interreligiösen Intentionen steuert und sprachlich beeinflusst.
In der syro-malabarischen Sicht von Tony Neelankavil, Dogmatiker am Marymatha Major Seminary in Trichur (Kerala), leitet der südindische Kontext seine Ausführungen. Das bedeutet konkret, die Auseinandersetzung mit den politischen Verschärfungen durch das Anwachsen des Hindu-Nationalismus. Der Autor nennt dies einen „asymmetrischen kulturellen Fundamentalismus“ (S. 147). Mit seinem korrelativen Verständnis von Trinität beschreibt er dann eine interkulturelle Hermeneutik mit den Stichworten von Reziprozität (= eigene Veränderung durch die Begegnung mit dem Anderen), Kenosis (= sich selbst dem Anderen verschenken), Gastfreundschaft (= Empfangen und Geben für Gastgeber und Gäste), Harmonie (= Dynamik für positives Wachstum). In dieser Weise verändert sich auch die Kirche und wächst selbst durch einen (kritischen) Dia-log und Poly-log (S. 147) mit der umgebenden Gesellschaft und ihren religiösen Ausprägungen.
Für Vasilica Mugurel Pavaluca, orthodoxer Theologe am Institut für Ev. Theologie der TU Dortmund, ist die Integration des Menschen in die christliche Welt definiert von der „ekklesialen Gemeinschaft der Gottwerdung“. Die Basis dafür ist die Gottähnlichkeit des Menschen, „das Bild Gottes im Menschen“ (S. 151). Die aktualisierenden Konsequenzen für Ethik und Moral versucht der Autor christologisch und trinitätstheologisch im Blick auf verschiedene Positionen der Kirchenväter zu formulieren. Die orthodoxe Theologie hat dazu etwa folgende Denklinie entwickelt, nämlich „dass zwischen der Gnade Gottes und der menschlichen Freiheit eine Art Synergie entsteht und keine Gegensätzlichkeit“ (S. 155). Das tragende Element dieser soteriologischen Balance zwischen Gnade und Freiheit bildet die Liebe im Sinne der Nachahmung Christi. So stellt sich (für den Rezensenten) hier die Frage, wie dieser Ansatz nicht nur ethisch, sondern auch komparativ-theologisch und interreligiös weiter entwickelt werden kann.
Der vorliegende Band dokumentiert insgesamt eine wichtige Etappe auf einem herausfordernden Weg: Interkulturelle Theologie wird ihn noch bewusster weitergehen müssen – in ihren biblisch-hermeneutischen Ausformungen, in einer interreligiös offenen Dogmatik und Ethik sowie einer Pädagogik des interreligiösen Lernens. Nur so wird Theologie interdisziplinär und gesamtgesellschaftlich sprachfähig bleiben – mag sie pluralistisch, komparativ, kontextuell oder interkulturell heißen.
Reinhard Kirste


Rz-Gmainer-Pranzl-Interkult-Theol, 24.01.17

Freitag, 20. Januar 2017

Jan Assmann zur Gewaltproblematik des Monotheismus

Cover: Totale Religion

Jan Assmann Totale Religion

Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung


Picus Verlag, Wien 2016

ISBN 9783711720450

Gebunden, 184 Seiten, 20,00 EUR


KLAPPENTEXT

Die weltweite Bedrohung durch religiös motivierten Terrorismus und Gewalt scheint größer zu sein als je zuvor. Kann es sein, dass das radikale Antlitz des Islamismus nicht so sehr die Eigenheit einer bestimmten Religion ist, sondern auf eine Gemeinsamkeit aller monotheistischen Varianten verweist? Der Ägyptologe und Kulturtheoretiker Jan Assmann geht dem möglichen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und dem absoluten Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen nach. Dabei geht es nicht um die Frage, ob der Monotheismus sich historisch mit Gewalt durchgesetzt hat, sondern erstens, warum er die Geschichte seiner Durchsetzung in den biblischen Texten in so brachialen Formen der Gewalt erinnert und dargestellt hat, und zweitens, unter welchen historischen Bedingungen diese Sprache der Gewalt in Taten umschlägt.


Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.01.2017

Rezensent Michael Stallknecht steht Jan Assmanns Revision seiner These vom potenziell gewalttätigen Monotheismus kritisch gegenüber. Assmanns Differenzierung in einen "Monotheismus der Treue" und einen "Monotheismus der Wahrheit" kann er folgen, ebenso seiner Betonung, dass Gewalt keineswegs eine notwendige Konsequenz des Monotheismus ist. Spätestens jedoch, wenn der Autor den totalitären Zug von Religion mit Carl Schmitts Totalitarismustheorie zu analysieren versucht, wird Stallknecht mulmig zumute. Die Parallele zwischen den von Assmann herangezogenen jüdischen Quellen und einem Theoretiker des Nationalsozialismus erscheint dem Rezensenten "geschmacklich fragwürdig" und argumentativ vage. Wie sich Fragen zur Gewalt in der Religion tabufrei und differenziert diskutieren lassen, kann ihn der Autor allerdings allemal lehren.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Anderen Religionen in Erzählungen begegnen - Zugänge für Kinder und Erwachsene (aktualisiert)

Es handelt sich hier um eine sprachlich, bildlich und sachkompetent herausgegebene interreligiöse Sachbilderbuch- und Nacherzählungsreihe. Sie erschien in den Jahren 1994 bis 1997 in den Verlagen Kaufmann und Klett.

GESCHICHTEN VOM HIMMEL UND DER ERDE
1. Autor/in; 2. Illustrator/in,
Übersetzerin aus dem Französischen: Daniela Nussbaum-Jacob
 --- jeweils 40 Seiten pro Band mit vielen farbigen Abbildungen ---

Eine Übersicht und Kurzkommentierung
aller Bücher: hier


Diese ursprünglich französisch erschienene Bilderbuchreihe mit Geschichten aus verschiedenen Traditionen vereinigt drei religionsdidaktische Aspekte in besonderer Weise: 
  1. Die Geschichten lesen sich leicht. Sie sind gerade für Kinder gut geeignet,
    aber nicht nur!
  2. Die Bilder sind mehr als Illustrationen, sondern regen die eigene Fantasie an.
  3. Zum Verständnis der jeweiligen Religion ist am Schluss ein knappes, aber gut orientierendes Sachkapitel angefügt.
Leider ist diese Reihe vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.
Studierende eines Seminars an der TU Dortmund (WiSe 2016/2017) kommentieren und nacherzählen die hier vorgelegten Geschichten und Sachinformationen.

Hinduismus
--- Ausführliche Besprechung: hier
--- Neue Nacherzählung: hier 
   Buddhismus
Bearbeitung: Nacherzählung: hier


Judentum / Christentum / Islam / traditionale Religionen



Nacherzählungsvariante: hier
Heitere Kinderbuchvariante: hier
"An der Arche um acht"



Nacherzählung für Sek I (Klasse 5/6)



Liste der Gleichnisse
und Bildreden Jesu: hier



>>> Präsentation: hier






Zwei Legenden - noch einmal neu erzählt




Bildpräsentation
 mit Folgerungen für die Sekundarstufe II






   
Religiosität in Afrika


--- Buchvorstellung: hier
--- Erneut nacherzählt