Sonntag, 15. Januar 2017

Kirchenreform "von unten": Empathie und Weltoffenheit

Rainer Maria Schießler: Himmel, Herrgott, Sakrament.
Auftreten statt austreten
.
München: Kösel (Random House) 2016, 11. Aufl., 256 S.
--- ISBN 978-3-466-37147-1 ---
Der Titel könnte wie ein echter bayerischer Fluch wirken. Die Anspielung ist ja auch gewollt, aber dem beliebten Pfarrer zweier Münchner Gemeinden geht es um mehr als nur um öffentlichkeitswirksame Rhetorik. Ihm liegt der christliche Glaube am Herzen, lässt er doch schon einen „Geschmack“ des Himmels erahnen, wenn man sich auf Gott in irgendeiner Weise einlässt. Nun verkündigt der Pfarrer die frohe Botschaft oft mit unkonventionellen Mitteln. Während sich an vielen Orten die Kirchen leeren, muss sich Rainer Schießler keine Sorgen machen. Seine Gottesdienste sind ein Anziehungsmagnet für Gläubige und weniger Gläubige. Er bringt das Altgewohnte und oft Gehörte in einen unerwarteten Zusammenhang, wenn er z.B. am Heiligabend mit den Besuchern nach der Christmette den Geburtstag Jesu mit einem Sektempfang feiert. 

Man merkt es: Schießler möchte die Kirche sinnlicher und anfassbarer machen. das gilt nicht nur im Blick auf die Sakramente (Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung). Dazu gehört auch, Kirche "mitten in der Welt" zu (er-)leben, z.B. als kellner auf dem Münchner Oktoberfest, bei locker-ernsten Gespächen im Radio und Fernsehen und auch beim Engagement für Flüchtlinge. Die vielen Geschichten und Anekdoten, der 56jährige erzählt, sind aber nicht nur zum Schmunzeln.
Seine bisherige Biografie weist neben den „Erfolgen“ auch manche Tiefen auf. Manchmal hängt es damit zusammen, dass der begeisterte Motorradfahrer sich über kirchliche Konventionen und dogmatische Verengungen kühn hinwegsetzt, wie beispielsweise sein mitfühlender Umgang mit homosexuellen Gläubigen oder aus der Kirche Ausgetretenen.
Sein Motto ist: „Du musst die Leut mögn!“ (S. 114). Gelernt hat er in seinem Nebenjob offensichtlich das Taxifahren auch eine „Haltemarke“ angesichts der ihn belastenden Ausbildung im Priesterseminar.
Schießler erinnert daran, dass sein Wunsch, Priester zu werden, sich für ihn in einem ersten „Anlauf“ als Mönch bei den Kapuzinern als Sackgasse herausstellte. Aber einer der Mönche wird in seiner Bescheidenheit und Demut für ihn zum Lehrer und Vorbild (S. 42–45). So steht Schießler zu seinem Entschluss, (zölibatärer) Priester zu werden; die Nächstenliebe Jesu treibt ihn an und bestätigt ihn auch. Aus der eigenen Erfahrung von einer „Karriere nach unten“ möchte er jedem angehenden Seelsorger empfehlen, „nachts Taxi fahren in einer Großstadt oder als Wiesnbedienung arbeiten. Da lernst du alles fürs Leben – egal, welchen Beruf du später ausübst … das ist der Hauptgrund meines Hierseins. Seelsorge“ (S. 244).
Nach mancher Hürde durch den Weg in die Kirchengemeinden, zuerst als Lernenender in Bad Kuhlgrub, dann Rosenheim und Giesing und schließlich München, hat er auch sehen müssen, dass er eigentlich nirgendwo Wurzeln schlagen kann, weil der Bischof ihn jederzeit abberufen kann. Auch hier dürfte ein Grund liegen, dass  selbst er, der sein Priestersein mit ganzen Herzen auslebt, oft allein und völlig einsam dasteht. So hat er durchaus unter dem Zwangszölibat zu leiden, und das “Nachhausekommen“ in seine ungemütliche Dienstwohnung verstärkt diese Einsamkeit. Wer sorgt sich denn wirklich um die Seele des Seelsorgers? „Im Zölibat ist da niemand, der auf dich wartet. Da ist keine Wärme. Spätabends steh ich manchmal so im Zimmer und höre dem Rauschen des Verkehrs zu. Dann kommt diese Bitterkeit. Dreiundzwanzig Jahre Einsamkeit in dieser Wohnung – so lange währt jetzt die Zwangsehe mit dieser Dienstwohnung. Und mit diesem Gefühl setze ich vermutlich die Tradition meiner Vorgänger fort, die hier nichts anderes empfunden haben können als ich: Leere“ (S. 32).
Bei allen Belastungen aber schlägt die antreibende Liebe Jesu zu den Menschen bei ihm immer wieder durch. Sie bleibt die lebendige Motivation, ehrlich, kreativ und nah an den Menschen die Barmherzigkeit Gottes im Alltag wie am Sonntag deutlich werden zu lassen und so auch Trost, Vergebung und Hoffnung zu vermitteln.
Angesichts der Erfahrung mit Sterbenden, besonders auch geprägt durch den Tod seiner Mutter (S. 82–85), wird ihm das Loslassen an jedem Abend in der Komplet deutlich: „Sie steht für das Loslassen all der Niederlagen, aber auch all der schönen Erfolge des Tages. Du musst alles hergeben …Gibt es den guten Tod? Ich finde, jeder Tod ist gut, weil er das Leben vollendet“ (S. 252). So will er, der lebensvolle Priester, das Leben bewusst loslassen können, wenn es an der Zeit ist. Für das Leben danach muss er sich keine Sorgen machen, die Verantwortung hat ihm Christus abgenommen, aber: „Ich habe jedoch eine Verantwortung für das Leben davor. Wir müssen jetzt leben. Hier und heute. Hier und heute entscheiden wir, ob das Leben Himmel oder Hölle wird“. Das geschieht wie Jesus es vorgelebt hat durch „bedingungslose Liebe“ – zu andern Menschen wie zu dir selbst und zum Leben“ (S. 253). Und weil dieses Leben ständige Veränderung ist, gilt es, sich nirgendwo festzuklammern oder gegen den Strom (in die Vergangenheit) zurückzuschwimmen: „Gehst du nicht mit der Zeit – dann vergehst du mit der Zeit“ (S. 97): Das gilt für den einzelnen Menschen wie auch für Institutionen und eben auch für die Kirche. Schießler macht deutlich, dass dies nicht Anpassung an den „Zeitgeist“ ist, sondern kreative Umgestaltung und dabei bewusst an die „Ränder“ zu gehen, wie Papst Franziskus das ausgedrückt hat (S. 17). „Die Apologeten des Gestrigen und der angeblich reinen Lehre raunen immer, die katholische Kirche müsse aufpassen, dass ihr Anspruch auf absolute Wahrheit nicht verwässert wird. Aber es gibt keine absolute Wahrheit, die Menschen aufstellen können! Wir Katholiken müssen lernen, dass wir nur ein Versuch, ein Weg von vielen sind – auch wenn die Botschaft der Liebe vermutlich eine der stärksten ist und mehr gebraucht wird im Wertekanon denn je“ (S. 21). Das ist ein gutes Wort auch für die evangelische Kirche angesichts mancher Jubiläums-Feier zum Thesenanschlag von 1517 !

Wer schmunzelnd und zugleich nachdenklich Schießlers „Lebensreportage“ mit den eingestreuten Reflexionen gefolgt ist, kann sich nur wünschen: Wir brauchen mehr solche Pfarrer/innen und Seelsorger/innen, dann wird die Kirche nicht nur bunter, sondern auch glaubwürdiger.

Reinhard Kirste (ev. Pfarrer) 
--- Rz-Schießler, 15.01.17   CC

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen