Montag, 10. April 2017

Der Übermuslim - Radikalisierung und Opfer

Fethi Benslama: Der Übermuslim. Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt.
Aus dem Französischen von Monika Mager und Michael Schmid.
Berlin: Matthes & Seitz 2017, 142 S. --- ISBN 978-3-95757-388-9 ---
Französische Originalausgabe:
Un furieux désir de sacrifice. Le surmusulman [ = ein wahnsinniges Opferbegehren]
Paris: Seuil 2016, 151 pp. --- ISBN 978-2-02-131909-5 ---

                 


Der Autor dieses Buches, Fethi Benslama (geb. 1951 in Tunesien, seit 1972 in Frankreich), ist Psychoanalytiker. Er hat in den Jahren 1985–2000 wesentliche Erfahrungen als klinischer Psychologe und Psychopathologe gesammelt. Seit 2004 ist er Professor an der Pariser Universität Diderot. Er gehört zugleich der Tunesischen Akademie der Wissenschaft und Künste an. Seit vielen Jahren arbeitet er intensiv zu den Themen gestörter kindlicher Identitäten und jugendlicher Radikalisierung. Er gehört zu den wichtigsten französischsprachigen Forschern mit seinen Untersuchungen über die Zusammenhänge des Islam als Religion und den Strömungen des Islamismus. 15 Jahre hat der Autor in einer Pariser Banlieue mit radikalisierten Jugendlichen gearbeitet. Durch das Zusammendenken von psychologischen Hintergründen im Kontext von theologischer Fundamentalisierung lässt sich leichter verstehen, wie aus dem demütig seinen Glauben lebenden Muslim der Übermuslim wird.
Dieser aufregend geschriebene Essay bietet eine nüchterne Bilanz. Der Autor kommt ohne die üblichen Klischees oder polemischen Abgrenzungen aus.
Im Abschnitt „Radikalisierung als Symptom“ wird deutlich, was hinter den Gewalttaten und den Angriffen auf die Demokratie steht. Es ist nicht nur das Bedrohungspotential, das die Mehrheitsgesellschaft beunruhigt. Zu wenig wird beachtet, dass die Radikalisierten überwiegend junge Männer sind. Aus psychologischer Sicht muss die im 20. Jahrhundert verlängerte bzw. erweiterte Adoleszenszeit in die Analyse einbezogen werden. Denn in dieser Phase zwischen Kind und Erwachsenem sucht der junge Mensch nach Idealen, die ggf. radikal durchgesetzt werden möchten. Es gilt, das eigene Selbst entsprechend zu positionieren und zu sichern. Damit geht man gefährliche Risiken und Bewährungsproben für die eigene Anerkennung ein (S. 43). An diesem Punkt bieten sich fundamentalistische Glaubens- und Lebensformen an. Extreme Gruppen gehen auf die Verunsicherten zu und bieten ihnen Hilfe an. Das Leiden muss überwunden werden durch Einsatz für Gerechtigkeit – auch für sich selbst und gegen die Gesellschaft. So werden durch die Gruppe Würde und Allmacht erfahren. Der Weg dorthin ist gekennzeichnet durch Reue, innere und äußere Reinigung im Sinne einer Konversion. Dann löst sich sogar die Grenze zwischen Leben und Tod auf, so dass auch das Selbstopfer einen Sinn erhält. Der französische Untertitel deutet dies bereits an.
„Halten wir in jedem Fall fest, dass manche Kämpfer zunächst nicht auf der Suche nach Spiritualität oder religiöser Konversion sind. Sie wollen sich gegen die grausame Unterdrückung der syrischen Bevölkerung durch das Assad-Regime auflehnen. Für andere dient die Reise in den geheimnisvollen Orient als romantischer initiierender Prozess. Beim Lesen von Texten über die Kreuzzüge hat mich erstaunt, wie viele Ähnlichkeiten es zu den abenteuerlichen Aufbrüchen in den Dschihad gibt“ (S. 48).
Zum weiteren Verstehen ist aber der häufig benutzte Begriff des „Islamismus“ zu hinterfragen. Benslama macht an politischen Entwicklungen deutlich, dass man nicht von Islamismus im Sinne eines politischen Islam reden kann. Er macht das an Beispielen u.a. der Revolution im Iran 1979 und der Proklamation des Islamischen Staates von 2014 deutlich. „Die fundamentale Zielrichtung des Islamismus besteht [darin], die Unterordnung des Politischen unter das Religiöse so weit zu treiben, bis es darin verschwindet“ (S. 64).
In diesem Zusammenhang tritt der Übermuslim auf, der als Glaubenskämpfer das Reich Gottes hier und jetzt verwirklichen will (S. 67). Diese Entwicklung gewinnt seit den Lehren von Ibn Taymiyya (1263-1328) und durch die Erfahrungen mit dem Kolonialismus (seit Napoleon) an Fahrt und führt dazu, dass Religion und Politik miteinander identifiziert werden (S. 68). Das Begehren, das Politische auf das Religiöse zu reduzieren hat den Übermuslim hervorgebracht (S. 69). Ein solcher Mensch sieht, dass besonders in den westlich-aufgeklärten säkularen Gesellschaften Gott in der staatlichen Gewalt außer Kraft gesetzt worden ist (S. 81).
Man kann nun die Verhaltensweisen des Übermuslim bei den Gläubigen beobachten, für die es nicht ausreicht, die Religion im Rahmen der Tradition zu leben, nämlich gegründet auf dem Gedanken der Demut und Bescheidenheit. Benslama betont: “Einer der größeren Bedeutungen des Namens >Muslim< ist der Demütige. Das ist der fundamental ethische Kern des Islam. Beim Übermuslim dagegen handelt es sich darum, den Stolz des eigenen Glaubens vor der Welt zu manifestieren: >Islam pride<. Dieser Glaube wird in öffentliche Demonstrationen hineingetragen – Glaubenszeichen auf der Stirn, Gebet auf der Straße, körperliche und kleidungsmäßige Kennzeichen, rituelle Steigerungen und Vorschriften, die die kontinuierliche Nähe zu Allah bei jeder Gelegenheit herausrufen.“
(S. 93, eigene Übersetzung aus dem französischen Original, deutsche Ausgabe S. 84).
Die absolut gesetzte Deutungshoheit über die Aussagen des Koran wird zur „Waffe des Terrors in der Hand des personifizierten Übermuslims“ (S. 89).
Die Wirkungen sind verheerend und produzieren zugleich einen Fatwa-Wahn jedes sich dazu berufen Fühlenden, um Verbote und Abgrenzungen durchzusetzen. Eine Fatwa, ursprünglich ein religiöser Ratschlag, bietet nun die Möglichkeit, „Macht über das Bewusstsein der Gläubigen zu erlangen“ (S. 99). Da das Körperliche als Einfallstor des Dämonischen gesehen wird, gilt es „wieder die Kontrolle über die Triebbeherrschung der Muslime zu erlangen“ (S. 103). Extrem auffällig ist dabei, wie der Übermuslim sexuell reagiert. Der weibliche Körper macht ihm besondere Schwierigkeiten. So wird auf seltsamen Fatwa-Wegen die Frau zur Mutter und damit ent-erotisiert und ent-sexualisiert (außerdem gilt das Inzest-Verbot). Sexualität bedroht die umma, die Gemeinschaft der Gläubigen. Darum muss der Übermuslim alles daran setzen „die Gemeinschaft der Gläubigen vor der Frau als dem unkontrollierbaren sexuellen Objekt zu schützen“ (S. 112).
Bilanz
Dies alles klingt wenig beruhigend. Welche Möglichkeiten gibt es, diesen fundamentalistischen Extremen etwas aus der Kraft der islamischen Religion entgegenzusetzen?
Dieser aufregend geschriebene Essay bietet eine nüchterne Bilanz. Benslama kommt ohne die üblichen Klischees oder polemischen Abgrenzungen aus. Seine bleibende Hoffnung bezieht Benslama auf den „Arabischen Frühling“ von 2011. Er ist ein intimer Kenner der nordafrikanischen Entwicklungen. So scheinen sich trotz aller negativer Erfahrungen seit 2011 Hoffnungs-Möglichkeiten zu eröffnen. Dann hätte der Übermuslim – besonders in Ägypten und Tunesien – weniger Chancen zur Umsetzung seiner von Gewalt getränkten Ideale. Der Konflikt jedoch ist unausweichlich: Der  Islamismus ist eine "antipolitische Utopie". Darum versucht er in salafistischem Gewande die Auflösungserscheinungen der organischen religiösen Gemeinschaft, der „umma“, durch den (säkularen) Staat generell zu beseitigen.        
Die muslimischen Aufklärer allerdings wollen gar „kein politisches Projekt der Laizität“ (S. 130), also einer strikten Trennung von Staat und Religion. Sie engagieren sich für eine „Zivilität in Kultur und Gesellschaft“ (aaO), das bedeutet ein Leben in bürgerlicher Freiheit. Nur so können die „versteinerten Phantasmen“ der Umgebung beseitigt werden. Wahrhaftig kein leichter Weg ! Aber eine dringende Aufforderung, hier weiter zu denken, zugleich in Solidarität mit den Aufbrüchen des arabischen Frühlings.

Weitere Bücher von Fethi Benslama:
·        La psychanalyse à l'épreuve de l'Islam. Paris: Flammarion 2004.
Auf Deutsch in Vorbereitung: Psychoanalyse des Islam. Berlin: Matthes & Seitz 2017
·        La Virilité en Islam (codirection avec Nadia Tazi). La Tour-d'Aigues: L’Aube 1998 / 2004
·        La psychanalyse à l'épreuve de l'Islam. Paris: Flammarion 2004 
·        Déclaration d'insoumission: À l'usage des musulmans et de ceux qui ne le sont pas. Paris: Flammarion 2005. 
·        La contestation identitaire, L’école face à l’obscurantisme religieux. Paris: Max Milo 2006. 
·        Soudain la révolution ! De la Tunisie au monde arabe.. La signification d'un soulèvement. Paris: Denoël 2011.
·        La Guerre des subjectivités en Islam, Fécamp: Nouvelles Éditions Lignes 2014
·        L'idéal et la cruauté, subjectivité et politique de la radicalization. Fécamp: Nouvelles Éditions Lignes 2015
Vgl. auch das Interview mit Gilles Kepel: "Der politische Rechtsruck folgt ein Stück weit derselben Logik
wie die islamische religiöse Radikalisierung" Aus: Länderprofile, bpb 21.03.2017:
           
http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/245057/2017-interview-mit-dem-franzoesichen-politikwissenschaftler-gilles-kepel?pk_campaign=nl2017-04-05&pk_kwd=245057

Weitere Buchhinweise zu Martyrium und Selbstopferung (nicht nur) im Mittleren Osten

Reinhard Kirste


Rz-Benslama, 10.04.17

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