Montag, 24. Juni 2024

Wieder im Blickfeld: Averroes (1126-1198) und Averroismus - Erkenntnis im Horizont der Transzendenz (aktualisiert)

Averroes [Averroës]
Über den Intellekt.
Arabisch – Lateinisch – Deutsch.
Hg., übersetzt, eingeleitet
und mit Anmerkungen versehen: 
David WIRMER.
Herders Bibliothek der Philosophie
 des Mittelalters, Bd. 15 (HBPHMA 15)
Freiburg u.a.: Herder 2008, 304 S., Register


Als 1998 das 900. Todesjahr von Averroës gefeiert wurde, gab es in Frankreich eine Fülle von Veranstaltungen, während es in Deutschland angesichts eines Philosophen, der die christliche Theologie bis ins 15. Jahrhundert bestimmte, ausgesprochen still blieb. Es dürfte nämlich ein singuläres geistesgeschichtliches Phänomen sein, dass die averroistische Philosophie als Grundlagenlehre zum Verständnis der Seins- und Existenz-Zusammenhänge im Kontext von Aristoteles sich mehrere Jahrhunderte durchhielt. Trotz mehrfacher Verbote, besonders 1271 durch den Bischof von Paris, Étienne Tempier, wurde der Averroismus an der Pariser Universität keineswegs endgültig außer Kraft gesetzt wurde. 


Vgl. Peter Grabher: Die Pariser Verurteilung von 1277.
Kontext und Bedeutung des Konflikts um den radikalen Aristotelismus. 
Diplomarbeit Wien, 2005, 135 S.


Das geschah indirekt erst auf dem 5. Laterankonzil 1513 durch Leo X. mit einer Verurteilung der Lehre von der Einheit des Intellekts (= aller Erkenntniszusammenhänge) und der Sterblichkeit der Seele.
 
Vgl. zum Averroismus: https://de.wikipedia.org/wiki/Averroismus

Die Kirche fürchtete die „heidnischen“ griechischen Philosophen, besonders den auch von christlichen Theologen wie Thomas von Aquin geschätzten  Aristoteles und die arabischen Kommentare, die die gesamte griechische Philosophie ins Arabische übersetzt hatten, sie fürchtete besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, vor allem die Thesen von der Ewigkeit der Welt und der absoluten Gültigkeit der Naturgesetze, die vernunftgemäß zu erkennen seien. Unter Führung der Universitäten in Paris und Oxford, die von den Dominikanern dominiert wurden, bediente man sich auch der arabischen Quellen (z.B. systematisierend auch Albertus Magnus), um eigene Aristoteles-Kommentare zu schreiben. So wurde Aristoteles im Mittelalter nur noch als „philosophus“ zitiert und Averroës einfach als „commentator“.
Weil nun Averroës die Vernunft im Grenzbereich von Immanenz und Transzendenz diskutiert, ist der theoretische wie der materielle Intellekt letztlich willentlich allen „intelligibilia“ zugänglich, m.a.W. das Geistige ist verstandesgemäß wahrnehmbar – Göttliches und Menschliches gehören zusammen:
„Für uns aber, da wir annehmen, dass der materielle Intellekt ewig ist und die theoretischen Intelligibilia entstehend und vergänglich sind … und dass der materielle Intellekt beide erkennt, nämlich die materiellen Formen und die abgetrennten Formen, … ist offensichtlich, dass das Subjekt der theoretischen Intelligibilia und des aktiven Intellekts ein und dasselbe ist, nämlich der materielle [Intellekt]“ (S. 277).
Gegen diese Einheit des Intellekts hatte sich Thomas von Aquin (1225? – 1274) gewendet:
De unitate intellectus contra Averroistas –
Über die Einheit des Intellekts gegen die Averroisten
 (1270)
Vgl. Herbert A. Davidson: Alfarabi, Avicenna & Averroes on Intellect.
Their Cosmologies, Theories of the Active Intellect & Theories on Human Intellect.
New York / Oxford: Oxford Univ. Press 1992, bes. S. 302–310)
Mehr zum Buch: http://people.exeter.ac.uk/sp344/h%20davidson%20intellect0195074238.pdf
Was damit über die individuelle Erkenntnis gesagt wird, ist eine Zugangspforte für konkretes wie abstrahierendes Denken, das schließlich auch Transzendenz prinzipiell erkennen kann. Im Nachwort weist der Herausgeber allerdings daraufhin, dass sich Averroës von dieser Konsequenz durch einen späteren „halbherzigen Platonismus“ quasi wieder verabschiedet hat (S. 409). Es bleibt aber festzuhalten, dass der Kommentar zu „De Anima“ des Aristoteles dabei zu den Voraussetzungen gehört, um eine eigene beinahe irrtumsfreie Methodik und Erkenntnistheorie zu entwickeln. Dieser Kommentar war allerdings den mittelalterlichen Scholastikern nicht bekannt. Er belegt jedoch zusätzlich eine Zielrichtung, durch die Ibn Rushd Zeugnis für eine von der Vernunft geleiteten Philosophie ablegt, die damit auch zur Erkenntnis Gottes vordringen kann. Dieser Text gewinnt gerade für die heutige Diskussion im Rahmen der verschiedenen Gottes- und Transzendenzverständnisse der Religionen zusätzliche Bedeutung.
Weiteres zur Begegnung und Auseinandersetzung mit Averroes
Averroes

Averroes, auch bekannt als Ibn Rušd, ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten der islamischen Philosophie und Wissenschaft. Geboren im Jahre 1126 (520 nach islamischer Zeitrechnung) in Cordoba, erlebte er eine Zeit bedeutender politischer und wissenschaftlicher Umwälzungen in Andalusien. Diese Zeit war geprägt von einer Bewegung vom Traditionalismus hin zum Rationalismus, besonders unter der Herrschaft der Almohaden. Seine Werke und seine Philosophie haben nicht nur die islamische Welt, sondern auch das mittelalterliche Europa tiefgreifend beeinflusst. In diesem Blogbeitrag werfen wir einen Blick auf das Leben und Werk dieses außergewöhnlichen Denkers.


Historischer Kontext: Andalusien im Wandel: 
Im 11. und 12. Jahrhundert erlebte Andalusien, das heutige Südspanien, unter der Herrschaft der Almoraviden und später der Almohaden bedeutende politische und wissenschaftliche Umwälzungen. Die politische Landschaft Andalusiens zur Zeit von Averroes war komplex und geprägt von den rivalisierenden Dynastien der Almoraviden und Almohaden. Die Almoraviden, eine Berberdynastie, hatten ein traditionalistisches Verständnis des Mālikitischen Rechts und der Religion. Im Gegensatz dazu verfolgten die Almohaden, die die Almoraviden ablösten, einen rationalistischen Ansatz. Diese dynastische Verschiebung begünstigte die Rationalisierung der islamischen Wissenschaften und die Wiederbelebung der griechischen Philosophie in Andalusien​.

Leben und Ausbildung: Abu l-Walīd Muḥammad ibn Aḥmad ibn Muḥammad Ibn Rušd, bekannt als Averroes, wurde in eine angesehene, in Cordoba ansässige Familie geboren, die eine lange Tradition im Recht und in der Wissenschaft hatte. Sein Großvater, ebenfalls ein bedeutender Mālikitischer Gelehrter, und sein Vater spielten eine zentrale Rolle in seiner Ausbildung. Diese frühe Prägung legte den Grundstein für seine späteren Erfolge als Richter und Philosoph. Averroes studierte nicht nur das praktische islamische Recht (furūʿ al-fiqh), sondern auch die islamische Rechtsmethodologie (uṣūl al-fiqh), rationalistische Theologie (kalām) und arabische Grammatik. Diese umfassende Ausbildung ermöglichte es ihm, eine interdisziplinäre Perspektive zu entwickeln, die seine späteren Werke stark beeinflusste.

Averroes als Philosoph: Averroes‘ philosophisches Werk ist besonders durch seine Kommentare zu den Schriften des Aristoteles bekannt. Auf Anregung des Almohaden-Kalifen Abū Yaʿ qūb Yūsuf und des Philosophen Ibn Ṭufayl begann Averroes mit dem Verfassen von kurzen, mittleren und langen Kommentaren zu Aristoteles‘ Werken. Diese Kommentare waren ein wichtiger Beitrag zur Philosophie, da sie den Zugang zu Aristoteles für die lateinische und hebräische Welt erleichterten und die westliche Philosophie erheblich beeinflussten​.

Averroes‘ Ansatz war es, die Schriften des Aristoteles wortgetreu zu interpretieren und sie von den Überlagerungen und Missverständnissen zu befreien, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten. Im Gegensatz zu anderen Philosophen seiner Zeit, wie Avicenna, hielt er strikt an der Lehre des Aristoteles fest. Diese Treue zur aristotelischen Philosophie brachte ihm den Titel „Kommentator“ (šāriḥ) ein und machte ihn zu einer zentralen Figur in der Philosophiegeschichte​.

Einfluss auf die westliche Philosophie: Averroes‘ Aristotelische Kommentare deckten eine breite Palette von Themen ab, darunter Logik, Naturwissenschaften und Ethik. Sie wurden ins Lateinische und Hebräische übersetzt und spielten eine entscheidende Rolle in der westlichen Philosophie, insbesondere während der Scholastik. Seine Werke beeinflussten bedeutende Denker wie Thomas von Aquin und führten zur Entwicklung des Averroismus, einer philosophischen Bewegung, die im mittelalterlichen Europa großen Einfluss hatte.

Averroes als Richter und Rechtsgelehrter: Neben seiner philosophischen Arbeit war Averroes auch ein angesehener Jurist und Richter. Er verfasste bedeutende Werke zur islamischen Rechtsmethodologie und zum islamischen Recht, darunter die analytische Einführung „Ad-Daruri fi Usul al-Fiqh“ und das rechtsvergleichende Werk „Bidayat al-Mujtahid wa Nihayat al-Muqtasid“. Diese Werke, obwohl sie später nur geringen Einfluss auf die Mālikitische Rechtsschule hatten, sind heute von großem Interesse für die moderne Forschung aufgrund ihres innovativen Ansatzes.

Averroes‘ juristische Karriere begann mit seiner Ernennung zum Richter von Sevilla im Jahr 1169. Später wurde er auch Richter in Córdoba und schließlich Oberrichter (Qadi al-Qudat). Seine Tätigkeit als Richter und Hofarzt hinderte ihn nicht daran, weiterhin wissenschaftliche und philosophische Schriften zu verfassen.

Medizinische Schriften: Averroes war auch ein bedeutender Mediziner. Sein Werk „Kulliyyat fi at-Tibb“ (Allgemeine Medizin) ist ein umfassendes medizinisches Kompendium, das die Prinzipien der Medizin und die Behandlungsmethoden beschreibt. Es zeigt, wie Averroes in verschiedenen Disziplinen einen rationalen und systematischen Ansatz verfolgte, um Wissen zu sammeln und weiterzugeben.

Verbannung und Rehabilitation: Trotz seiner bedeutenden Beiträge geriet Averroes in politische Ungnade. 1197 wurde er zusammen mit anderen Gelehrten nach Lucena verbannt. Es wird vermutet, dass seine rationalistische Philosophie und seine kritische Haltung gegenüber traditionellen Gelehrten ihn zum Ziel von Intrigen machten. Doch schon 1198 wurde er rehabilitiert und nach Marrakesch zurückgerufen, wo er kurz darauf starb.

Einfluss und Rezeption : Averroes‘ Einfluss reichte weit über die Grenzen Andalusiens hinaus. Seine Werke wurden ins Lateinische und Hebräische übersetzt und hatten einen tiefgreifenden Einfluss auf die westliche Philosophie, insbesondere während der Renaissance. In der islamischen Welt hingegen blieb seine Philosophie weitgehend unberücksichtigt, insbesondere aufgrund des Niedergangs der Almohaden und des Aufkommens einer konservativeren Geisteshaltung. Trotzdem gab es auch im Osten einige Gelehrte, die seine Werke studierten und schätzten​.

Im 20. Jahrhundert erlebte die Philosophie von Averroes eine Renaissance, insbesondere unter muslimischen Intellektuellen, die nach Wegen suchten, die Rationalität in die moderne islamische Denkweise zu integrieren. Diese Bewegung, oft als „Neo-Averroismus“ bezeichnet, erkannte das Potenzial von Averroes‘ Denken, moderne philosophische und theologische Fragen zu beantworten​.

Schlussfolgerung: Averroes war ein Denker, der in einer Zeit des Wandels lebte und arbeitete. Sein Leben und Werk spiegeln die Spannungen und Dynamiken einer Epoche wider, in der traditionelle und rationalistische Ansätze aufeinandertrafen. Seine Schriften und seine Philosophie haben die intellektuelle Landschaft des Mittelalters nachhaltig geprägt und sind auch heute noch von großer Bedeutung.

Dieser Blogbeitrag bietet nur einen kurzen Überblick über das facettenreiche Leben und Werk von Averroes.
Seine Beiträge zur Philosophie, zur Rechtswissenschaft und zur Medizin machen ihn
zu einem der herausragendsten Gelehrten seiner Zeit, dessen Einfluss bis in die Gegenwart reicht.


Der vollständige Beitrag ist erschienen im Handbuch der Religionen (HdR):
Kurnaz, Serdar: Averroes (1126–1198). 63. Ergänzungslieferung 2020.
In: Michael Klöcker, Udo Tworuschka & Martin Rötting (Hg.): Handbuch der Religionen.
Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland und im deutschsprachigen Raum
[Handbook of Religions. Churches and other Religious Communities in Germany
and German-speaking Countries]. Westarp Science Fachverlag, Hohenwarsleben 2024.



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