Montag, 21. Januar 2019

Georges Corm: Mittelmeer und Mittlerer Osten ---------- Versuche, eine Region zu verstehen !

Aus "Les Cahiers de l'islam" (16.07.2017)
"Le monde arabe est dans un chaos mental absolu".
Die arabische Welt ist ein einem absoluten mentalen Chaos.
Der libanesische Historiker, Ökonom und Politiker Georges Corm 
(geb. 15.06.1940 in Alexandria) studierte  von 1958 bis 1961 am Institut für politische Studien in Paris und promovierte 1969 über öffentliches Recht an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät von Paris.

1962 kehrte er in den öffentlichen Dienst im Libanon zurück und war von 1998 bis 2000 libanesischer Finanzminister. 
In Vorträgen, Seminaren und Konferenzen versucht er konsequent, die Mentalitäten und Umbrüche der arabischen Welt und für den Westen verstehbar zu machen.
Er lehrte von 1969 bis 1985 an mehreren libanesischen Universitäten und ist seit 2001 Professor an der Saint Joseph Universität in Beirut.
Seine zahlreichen Bücher über die Geschichte des Nahen Ostens und zu gegenwärtigen Konflikten im Mittelmeerraum gehören zu den wichtigsten Analysen zum Verstehen der arabischen Welt.


 La nouvelle question d'Orient.
Paris: La Découverte 2017, 319 pp.

--- Verlagsinformation,
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier

--- Gesamte Rezension in
 "liens socio - lectures" 2017: hier 

In dieser Besprechung in "liens socio - lecture 2017 betont Émilien Légendre u.a.:
"Das Chaos der Gewalt im Nahen Osten beruht auf einem "mentalen Chaos", das sich aus dem Ende der Konfrontation der beiden Blöcke während des Kalten Krieges ergibt. Nach 1990 nahm nämlich die Hybris der westlichen Welt einer einzigen Weltordnung ihren Lauf, als gäbe es nur eine einzige Weltordnung. Damit wurde ein neuer Typus des Imperialismus ausgeübt, ein >humanitärer Imperialismus<. Dieser sieht sich im Recht auf Einmischung in der mittelöstlichen Region. Hier liegt eine sehr kritische Reflexion vor, denn der Autor macht die Vereinigten Staaten und überhaupt die NATO-Mitglieder weitgehend für die Gewalt verantwortlich, die die arabische Welt erschüttert. In diesem Buch schlägt Corm darum eine konzeptionelle Arbeitsveränderung für eine verbessertes Verstehen des Nahen Ostens vor. Damit soll die Rationalität wieder in eine öffentliche Debatte eingebracht werden, die scheinbar von emotionalen Reaktionen [auch im Westen] dominiert wird."

--- Gesamte Rezension (französisch): hier


Pensée et politique
dans le monde arabe     
Contextes historiques
et problématiques XIX-XXIe siècle.
Paris: La Découverte 2015, 346 pp.

In dieser Arbeit stellt der Autor die vielfältigen Facetten des politischen Denkens in der arabischen Welt seit dem 19. Jahrhundert dar. Hier zeigen sich neben dem der von vielen Kulturen geprägten Geschichte auch die Kontroversen dieses Denkens in seiner großen Vitalität prägen. Das alles muss zugleich im Horizont der historischen Umbrüche gesehen werden, die die arabische Welt wesentlich veränderten. Vorherrschaften wie die des Osmanischen Reiches zusammen. Der 1. Weltkrieg und die damit zusammenhängenden weiteren Konflikte veränderten die die geopolitischen und sozioökonomischen Strukturen des gesamten Mittleren Ostens.  Die von außen einwirkenden Mächte drängten eigenständige arabische Denkkonzepte an den Rand, weil nun politisch, militärisch und akademisch beeinflusst auch bestimmte arabische Regime sich von ihren westlichen Beschützern instrumentalisieren ließen. Dem Autor gelingt es durch diese umfssende Analyse zum einen hervorzuheben, wie wichtig es ist sich mit der Komplexität arabischen Denkens auseiandnerzusetzen.
Zum anderen sollte die dynamik Kraft duieses denekns nichht untershätzt werden sowohl in ihrer kritishen und profanen Wirkung, gerade weil sie dem Klischee einer politisch-religiösen Brüchigkeit in keine r Weise entspricht. 

Pour une lecture profane des conflits.         
Sur le «retour du religieux» dans les conflits contemporains
du Moyen-Orient.

Collection "Cahiers libres", Paris: La Découverte 2015,
280 pp.

Der Leser wird hier intensiv herangeführt, sich mit der Logik des Krieges zu befassen. Nur so lässt sich ansatzweise verstehen, wie und warum immer wieder neue Konflikte aufbrechen. Das gilt besonders für den Nahen und Mittleren Osten. Seit dem Ende des Kalten Krieges werden die verschiedenen Gruppierungen und Regionen auseinandergerissen. Die These vom "Kampf der Kulturen" und der Auseinandersetzung mit dem islamistischen "transnationalen" Terrorismus verdeckt die hintergründig wirkenden Mechanismen zu immer neuen Gewaltausbrüchen. Die Verteidigung sog. westlicher Werte in den Krisengebieten (z.B. Afghanistan und Irak) wurden seit den 1990er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit sog. gerechtfertigten Kriegen begründet. So wurde (und wird) Gedächtnis und Geschichte manipuliert, um geopolitische Interessen der „global players“ durchzusetzen, jedoch mit dem Anspruch, in der internationalen Ordnung zugleich religiöse Werte zu verteidigen, statt eine gezielte Anwendung des Völkerrechts in Konfliktsituationen durchzusetzen.
Der Schwerpunkt der Argumentation von Georges Corm liegt auf der Notwendigkeit einer säkularen Konfliktanalyse angesichts dieses „zivilisatorischen Fanatismus". Dieser kann aber keine Antwort auf eine Gewaltpolitik sein, die ihr antiwestliches Auftreten religiös mit „dem Islam“ legitimiert. Politisch-religiös motivierte Konflikte brauchen eine säkulare Deutung im Horizont der Laizität, der demokratischen Freiheiten, und zwar durchaus in der republikanischen Version „à la française“.
Vgl. dazu bereits seinen Beitrag: "Da la Palestine à l'iran.
Révoltes et refus au nom de l'islam"

= Von Palästina bis zum Iran. Revolten und Verweigerung im Namen des Islam
Le Monde Diplomatique. Mars 2006

Weitere Literatur 1989 - 2010 
  • L'Europe et l'Orient : de la balkanisation à la libanisation: histoire d'une modernité inaccomplie.
    Paris: La Découverte [1989, 2001] 2003
    --- Verlagsinformation: hier
    --- Rezension in Persée:  Yves Gonzales-Quijano 1990: hier
  • Conflits et identités au Moyen-Orient (1919-1991). Paris: Arcantère 1992
  • Le Nouveau Désordre économique mondial.
    Paris: La Découverte 1993
  • Le Moyen-Orient. Collection "Dominos"
    Paris: Flammarion 1993  
  • Histoire du pluralisme religieux
     dans le bassin méditerranéen.
    Paris: Geuthner 1998
  • La Méditerranée, espace de conflit, espace de rêve.
    Paris: Harmattan 2001 --- Verlagsinformation: hier
  • Le Liban contemporain : histoire et société.
    Paris: La Découverte [2003, 2005] 2012
  • Orient-Occident, la fracture imaginaire
    Paris: La Découverte [2002] 2004

    Deutsch: Missverständnis Orient.
     Die islamische Kultur und Europa.
    Zürich: Rotpunkt 2004, 180 pp.
    --- Rezension in Deutschlandfunk, 20.09.2004: hier
  • La Question religieuse au xxie siècle. Géopolitique et crise de la post-modernité. Paris: La Découverte 2006
  • Le Proche-Orient éclaté
    (1956–2012). Paris: Gallimard [2002] 2007
  • Histoire du Moyen-Orient de l'Antiquité à nos jours
    Paris: La Découverte 2007
  • L'Europe et le mythe de l'Occident.
    La construction
    d'une histoire. 
    Paris: La Découverte 
    --- Verlagsinformation, Inhaltsverzeichnis,
    weitere Titel von G. Corm: hier
     






Le Nouveau Gouvernement du monde.
Idéologies, structures, contre-pouvoirs
Essais no. 390. Paris: La Découverte 2013
--- Verlagsinformation / Inhaltsverzeichnis: hier
Dieses Buch ist ein Handbuch, um sich über die Probleme und die Veränderungen zu informieren, die durch die Globalisierung entstanden sind. Zugleich eröffnet es Perspektiven für die Zukunft.
Es versteht sich bewusst als Zusammenfassung verschiedener Themenfelder im Horizont von Ökonomie, Gesellschaftswissenschaften und Politik. Corm beschreibt diese unvermeidlichen Veränderungen, die aber nicht dogmatisch verengt geführt werden dürfen, vielmehr zu Wirtschaftsreformen ermöglichen müssen. 

Dazu gehört eine Sensibilisierung im Blick auf Korruption und ein konsequentes Umdenken angesichts der Verschwendung von Ressourcen. Dies kann nur unter Berücksichtigung größerer räumlicher Zusammenhänge geschehen. 
Rezension (französisch) - "liens socio - lectures" 2010: hier
Vgl. Stefan Weidner:
Liberalismus. Unsere Freiheit von außen gesehen.
Deutschlandfunk, 20.01.2019
         
 


                                                                       

                         

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