Montag, 13. Januar 2020

Dem Judenhass und Antisemitismus Einhalt gebieten ------ Laupheimer Gespräche 2018


Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.):
Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart

Laupheimer Gespräche 2018 --- Reihe: Laupheimer GesprächeBand: 19
Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2019, 165 S., Abb., Register           

ISBN 978-3-8253-4614-0 --- Alle bisherigen Laupheimer Gespräche seit 2003:
https://www.winter-verlag.de/en/programm/buchreihen/judaica/reihe132/Laupheimer_Gespraeche/alle/


Museum zur Geschichte von Christen und Juden,
Schloss Großlaupheim

Das Jüdische Museum im Schloss Großlaupheim (südlich von Ulm) bietet nicht nur beeindruckende Zeugnisse aus der (vergangenen) jüdischen Welt Württembergs, sondern ist auch zu einem Ort des intensiven Gesprächs zur (christlichen) Begegnung mit dem Judentum in heutiger Perspektive geworden. Vgl.: https://museum-laupheim.de/
Jedes Jahr finden hier die vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg organisierten Laupheimer Gespräche statt, die die Vielfalt, Bedeutung und Dramatik jüdischen Lebens in Deutschland zum Ausdruck bringen:
https://www.hdgbw.de/veranstaltungen/reihen/laupheimer-gespraeche/

2019 war bereits die 20. Veranstaltung dieser Art. Hier soll allerdings der Blick auf die Gespräche von 2018 gelegt werden, weil in beunruhigender Weise seit längerer Zeit antisemitische Äußerungen und Gewaltakte gegen Synagogen und jüdische Friedhöfe gefährlich zunehmen. Man gewinnt fast den Eindruck, als würde antisemitisches Vokabular in Teilen der Bevölkerung (wieder?) salonfähig werden und die sozialen Medien diese Tendenz noch anheizen.
Vgl. Michael Blume (Antisemitismusbeauftragter der BW-Landesregierung):
Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Patmos 2019 --- 
Rezension >>>
Die Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen lassen sich wahrhaftig nicht als Randphänomen oder als das Handeln von sog. Einzeltätern abtun. Mehrere Referenten bei den Gesprächen betonten in diesem Zusammenhang die lange und sich erstaunlich hartnäckig haltenden Ressentiments gegen Juden in Deutschland, aber auch in andern Teilen Europas und in den USA – von dem speziellen arabischen Antisemitismus einmal abgesehen.
Im Vorwort schreibt Paula Lutum-Lenger, Leiterin des Hauses der Geschichte BW: „Wir stehen gegenwärtig einer Welle des unverblümt geäußerten Antisemitismus gegenüber. Deshalb ist das Erkennen von Judenfeindschaft in der Sprache wichtig …Ebenso zentral ist das Erkennen in Bildern“ (S. 12).
Monika Schwarz-Friesel (Linguistik-Professorin an der TU Berlin) untersucht darum mit ihrem Beitrag den Antisemitismus 2.0: der ‚neue alte‘ Judenhass als Vernichtungswille. Sie zieht beängstigende Beispiele des hemmungslosen Judenhasses aus den sozialen Medien (so bei Twitter Facebook und YouTube) heran und zeigt, wie sich derzeit Anti-Zionismus und Anti-Israelismus verbündet haben. Man kommt bei der Bekämpfung des Antisemitismus aber nicht weiter, wenn man nicht endlich die kulturell verankerten Ressentiments genauer untersucht. Das muss auch den Politikern gesagt werden. Juden werden seit Jahrhunderten mit dem „ Bösen in der Welt“ identifiziert (S.23). Der Projektionsort des kollektiven Hasses von Antisemiten aller Genres artikuliert sich aktuell in den Sprachmustern, wo sich Vernichtungswille mit Erlösungsphantasien paaren (29f).
Der Münchener Aktionskünstler Wolfram Kastner sieht im Umgang mit den sog. Schmähskulpturen „Judensau“ an deutschen Kirchen, wie sich hier „Sehstörung, Verdrängung und die Unfähigkeit angemessener Lösung“ breitmachen. Sein mit Bildern unterlegter Bericht stellt diese in Stein gehauenen Beleidigungen an ausgewählten Darstellungen vor:
in Köln, Cadolzburg, Regensburg., Nürnberg, Bad Wimpfen, Zerbst und Wittenberg (auch im Zusammenhang mit Luthers Judenhass). Der Autor zeigt sich beunruhigt, dass sich die Verantwortlichen oft wegducken und selbst klärende Texte nur mit Mühe dann angebracht werden konnten. Im Grunde aber müssten diese „Saubilder“ aus dem öffentlichen Raum deshalb entfernt werden, weil sie den von der UNESCO festgelegten Weltkulturerbe-Maximen der Menschenwürde entgegenstehen
Auf das 200jährige problematische Zusammenleben von Christen und Juden in der Region Laupheim geht der Beitrag von Michael Koch ein, dem Pädagogischen Leiter des Museums zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim. An vier dokumentarischen Beispielen aus dem Museum fragt er, ob man aktualisierend Laupheimer Juden unterstellte, sie hätten Jesus mitgekreuzigt („Christusmörder“), warum ein Jude als Brandstifter denunziert wurde, ob Juden im 19. Jahrhundert letztlich emanzipationsunwillig sind und wie sich Juden scheinbar vor dem Soldatsein im 1. Weltkrieg drückten, obwohl die gegenteiligen Beweise auffällig sind. Pädagogisch werden die Exponate des Museums zum „Rückspiegel, der den Blick auf die Gegenwart schärft, wann immer das Verhältnis  von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft thematisiert wird“ (S. 77f).
Der in Detroit lebende bekannte amerikanische Literaturwissenschaftler und Leiter eines Holocaust-Museums Guy Stern (geb. 1922 in Hildesheim) stellt Propheten einer negativen Utopie (Dystopie) vor, die von der Sorge umgetrieben sind, dass die amerikanische Demokratie zugunsten einer neuen faschistischen Weltordnung Platz greifen könnte. Drei bekannte amerikanische, gesellschaftskritische Schriftsteller haben in ihren Romanen solche Szenarien aufscheinen lassen: Sinclair Lewis (1885–1951), Laura Z. Hobson (1900–1986) und Philip Roth (1933–2018). Sie alle sehen auf ihre Weise, die zerstörerischen Wirkungen des Antisemitismus heraufziehen.
Marc Grimm vom Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (Universität Bielefeld) analysiert den Antisemitismus und Pro-Israelismus in der AfD, indem er sich auf die Protagonisten dieser Form des Rechtsextremismus bezieht. Er bilanziert sehr deutlich:
„Die Geschichtspolitik der Partei zielt auf eine Abwertung der Erinnerung des Holocaust und damit auch der Opfer des Holocaust. Zugleich ist eine Aufwertung der Taten deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen beabsichtigt, die notwendig mit einer Abwertung der antisemitischen Vernichtungsideologie einhergehen … Israel dient als Projektionsfläche, dem die von der AfD forcierten politischen Absichten zugeschrieben werden (u.a. Umgang mit dem Islam)“ (S. 120). Nur der muslimische Antisemitismus interessiert in der AfD, dem man nämlich nur durch die Ausgrenzung der Muslime beikommen kann.

Zusammenfassung:
Die Geschichte ernst nehmen und kreativ lernen,
um heute dem Antisemitismus
Einhalt zu gebieten
Der Anschlag auf die Synagoge in Halle/Saale am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur (14.10.2019) dürfte auch dem letzten Zweifler klar gemacht haben, wie gefährlich und von Teilen der Bevölkerung (indirekt) gebilligt, Judenfeindschaft zu einem dramatischen gesellschaftlichen Problem geworden ist. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, sagte Bert Brecht bereits 1941 – und inzwischen gebiert er wieder! Das besonders Wichtige dieses Buches scheint mir darum zu sein, dass die Referenten bei den Laupheimer Gesprächen 2018 die dunkle Geschichte antijüdischer Ressentiments in verschiedenen Zusammenhängen verdeutlichen wollten. Dadurch wird deutlich, dass der christlich motivierte Judenhass und der politische Antisemitismus immer schon eine bewusst gefährliche Konflikte schaffende Verbindung eingegangen sind, die sich nun sogar in den öffentlichen Medien (nicht nur in den Social Medias) präsentieren darf. Es kann letztlich in einer Demokratie nicht hingenommen werden, dass Synagogen und jüdische Personen Polizeischutz brauchen! Darum sind kreative Bildungsangebote in der Schule, aber auch in der Erwachsenenbildung dringend gefragt, damit eine plurale Gesellschaft lernt, mit Vehemenz für die Werte einer friedlichen Zukunft einzutreten, in der auch Minderheiten ihren gleichwertigen Platz haben.

Reinhard Kirste 
Rz-Laupheim-Antisemitismus, 11.01.2020
CC 


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