Sonntag, 29. Mai 2016

REMMM - Perspektiven des Islam und der Geschichte des Mittelmeerraumes

Die Revue des mondes musulmans et de la Méditerranée (REMMM) hat seit ihrem Erscheinen 1966 ein beachtliches Potential relevanter Informationen zum Verstehen des Mittelmeerraums im Zusammenhang mit der islamischen Welt veröffentlicht. REMMM wird von einem "Lektüre"-Komitee gefördert, das alle vorgelegten Texte evaluiert. 
Die Zeitschrift wird als Printausgabe durch die Presses Universitaires de Provence (PUP) veröffentlicht (= Verlag der Universitäten Aix-en-Provence und Marseille)Die vollständigen (Einzel-)Texte sind hier unten und über die Portale Revue.org und Persée mit Rezensionen zugänglich.
Über 
Freemium lassen sich die Beiträge in den Formaten PDF und ePub abonnieren.

La Revue des mondes musulmans et de la Méditerranée est dotée d’un Comité de lecture qui assure l’évaluation de tous les textes soumis. Elle est publiée en version papier par les Presses Universitaires de Provence et en ligne en texte intégral sur les portails Revue.org et Persée. Les formats détachables (pdf, ePub) sont accessibles par abonnement à la formule Freemium.

In Planung:


Übersichtsliste ab Nr. 77-88 (September 1999)

Die Ausgaben von 1969 bis 1999 über Persée

Samstag, 28. Mai 2016

Falsafa - eine neue Zeitschrift: Islamisches Selbstverständnis in der Diskussion

falsafa 
Jahrbuch für islamische Religions-philosophie


Herausgeber: 
Prof. Dr. Milad Karimi, Universität Münster
in Zusammenarbeit mit
Amina Maria Saleh, Universität München


Falsafa nimmt gern Beiträge zur ersten Ausgabe entgegen.

Call for papers


Die Idee zu diesem Jahrbuch "falsafa" entspringt dem Kontext der Etablierung der islamischen Theologie an den deutschen Universitäten seit 2011. Diese akademische Selbstauslegung des Islam ist eine Herausforderung, die nicht nur gesellschaftlich und politisch, sondern auch intellektuell sehr bewegend ist. Dabei spielt die Frage nach dem Selbstverständnis der einzelnen Disziplinen des islamischen Wissenschaftskanons eine tragende Rolle.
Zur Wortbedeutung von "falsafa" [= Philosophie]: hier

Falsafa widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Religion und Philosophie aus dem Geist des Islam und bietet eine Plattform, um im Dialog mit den klassischen Falāsifa zeitgenössische Perspektiven auf eine Religionsphilosophie im islamischen Kontext zu formulieren. Dabei soll die Verwendung des Begriffs Falsafa im Titel eines Jahrbuchs für islamische Religionsphilosophie nicht etwa suggerieren, Falsafa sei nur von Muslimen betrieben worden, oder Falsafa beschäftige sich lediglich mit dem Phänomen der Religion. Vielmehr soll unter Würdigung der bisherigen wertvollen historischen Betrachtung von Falsafa hier systematisch der Frage nachgegangen werden, wie eine genuin islamische Religionsphilosophie aufbauend auf die geistesgeschichtliche Tradition der Falsafa methodisch und inhaltlich im heutigen Wissenschaftsdiskurs zu verstehen sei. Dieses Projekt betiteln wir nun mit dem Begriff „falsafa”.

Neben den Herausgebern von "falsafa" gibt es einen wissenschaftlichen Beirat
Er besteht aktuell aus folgenden Mitgliedern: 
Dr. Mustafa Cerić (Sarajevo), Prof. Dr. Reza Hajatpour (Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg), Prof. Dr. Hassan Hanafi (Universität Kairo), Prof. Dr. Adnane Mokrani (Päpstliche Universität Gregorina, Rom), Sajjad Rizvi (Universität Exeter), Prof. Dr. Ulrich Rudolph (Universität Zurich), Prof. Dr. Mohammed Rustom (Carleton Universität, Ottawa), Jun.-Prof. Dr. Muna Tatari (Universität Paderborn).

Das Jahrbuch beinhaltet wissenschaftliche Artikel, sowie Interviews mit ForscherInnen und Buchrezensionen. Es wird bilingual sein, sodass die Beiträge in deutscher oder englischer Sprache verfasst sein können. Herausgegeben wird falsafa durch den Verlag Karl Alber, der sich insbesondere um Themen der christlichen Religionsphilosophie und der interkulturellen Philosophie verdient gemacht hat.


Die erste Ausgabe widmet sich der grundlegenden Frage danach, was islamische Religionsphilosophie sei. Mögliche Themen sind unter anderem die Rolle von Philosophie im Kontext von islamischer Theologie, der Stellenwert der Philosophie in islamischem Denken, Philosophie als Magd der Theologie (ancilla theologiae) d.h. die Konzeption der Philosophie als Hilfswissenschaft oder derart als Magd, die – im Geiste Immanuel Kant gesprochen – , ihrer Herrin die Fackel vorantrage und nicht ihr die Schleppe nachtrage, oder ein Verständnis der Philosophie als Königswissenschaft mit inhärentem Wert und Notwendigkeit, sowie verschiedene Konzeptionen von Philosophie, Religion und deren wechselseitige Beziehung.

Beiträge zu den folgenden Fragestellungen werden besonders begrüßt: Was ist islamische Philosophie? Was ist islamisch an dieser Philosophie? Und: Was ist Religion im Islam? Worin liegt die innere Notwendigkeit einer islamischen Religionsphilosophie?
Abstracts von 300-500 Wörtern Länge können in einem anonymisierten Worddokument bis zum 15. Juni 2016 eingereicht werden. Deren Aufnahme in das Jahrbuch wird bis Ende Juni kommuniziert. Die 3000 bis 5000 Wörter langen Aufsätze werden bis zum 10. August 2016 erwartet. Einsendungen richten Sie bitte an info@falsafa.de.
Gerne stehen wir Ihnen für Fragen zur Verfügung.

Kontakt

Zentrum für Islamische Theologie Münster
Hammer Str. 9548153 Münster
Tel.: 0251 - 83 26110 --- Fax: 0251 - 83 26111
zitm@uni-muenster.de

Mittwoch, 18. Mai 2016

Kurz vorgestellt: Gemeinsamer Kulturraum im Spannungsfeld - Mittelmeer



Reihe: MittelmeerstudienBand: 101. 
Paderborn: Schöningh 2016, 447 S., Abb., Karten
---SBN: 978-3-506-76632-8

erschienen in der Reihe: MittelmeerstudienBand: 10
Mediterranean Research in the 21st Century

Verlagshinweis:
Die Mittelmeerstudien sind in Deutschland ein junges Fach. New Horizons stellt aktuelle und innovative Zugänge zur Mediterranistik vor und gibt transdisziplinäre Impulse für eine systematische Erforschung des Mittelmeerraums.
International führende Spezialistinnen und Spezialisten der Mittelmeerstudien geben in diesem Band Einblick in ihre aktuellen Forschungen. Die Aufsätze decken vor allem methodische Fragen der Mittelmeerforschung ab und entwerfen aus ihren jeweiligen Fallstudien heraus übergreifende mediterranistische Zugänge. 

Die Beiträge gehen auf eine 2013 veranstaltete Vortragsreihe am
Zentrum für Mittelmeerstudien der Ruhr-Universität Bochum zurück.

Leseprobe: hier


Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort (7) 
  • Einleitung: Mihran Dabag / Dieter Haller / Nikolas Jaspert / Achim Lichtenberger (9). .
  • Elisabeth Arend: Grenzdiskurse in literarischen und filmischen Mittelmeerrepräsentationen (21)
  • Mihran Dabag / Kristin Platt: Herausforderungen einer Mediterranisierung nicht-beliebiger Ortlosigkeit. Zum Schreiben der Geschichte von nicht-staatlichen Gemeinschaften und Diaspora im Mittelmeerraum (45)
  • Jocelyne Dakhlia: The Lingua Franca from the Sixteenth to the Eighteenth Century: A Mediterranean “Outside the Walls”? (91)
  • Andreas Eckl: Méditerranée? Mediterranistische Diskurse um Mittelmeerwelten und -räume
     
    aus forschungsgeschichtlicher Perspektive (109)
  • Dieter Haller: Vom Mittelmeer zur Subsahara, von Menschen und ğnūn:
    Spiritualität als Ressource f
    ür die Bestimmung von Cultural Areas  (155)
  • Jan-Marc Henke: „Wallfahrt nach Olympia“. Die Aneignung einer mediterranen Kultur
     
    im geisteskulturellen Selbstverständnis des jungen deutschen Kaiserreiches
     
    am Beispiel archäologischer Grabungen in Olympia (183)                                                  
  • Peregrine Horden: Mediterranean Connectivity: A Comparative Approach ( 211)
  • J. Donald Hughes: Mediterranean Environmental History: Research in the Twenty-First Century ( 225)
  • Erich Kistler: The MedIterranean Sea: Mediterranean Object Histories and Their Counter-Histories (237)
  • Achim Lichtenberger: “Sea without Water” – Conceptualizing the Sahara and the Mediterranean (267)
  • Irad Malkin: Migration and Colonization: Turbulence, Continuity,
    and the Practice 
    of Mediterranean Space (11th–5th centuries BCE) (285)
  • Silvia Marzagalli: Maritimity: How the Sea Affected Early Modern Life in the Mediterranean World (309)
  • Meike Meerpohl: Kontrast und Konstruktion: Die Produktion von Bildern und Wissendurch Reiseaktivitäten im Mittelmeerraum (333)                
  • David Ohana: Jacqueline Kahanoff: Between Levantinism and Mediterraneanism (361)
  • Christine Isabel Schröder: Das Mittelmeer im Fokus nationalsozialistischer Diskurse über Geopolitik und Raum.
      
    Eine wissensgeschichtliche Perspektive (385)
  • Gisela Welz: Taste the Mediterranean. Food, Culture and Heritagisation (407)
  • Martin Zillinger: Territories of Grace. Past and Future of Mediterranean Trance ( 427)
  • Topografischer Index.( 441)
  • Namensindex (445)





Montag, 16. Mai 2016

Zwischen Istanbul und Mexiko - Globale Weltsichten im 16./17. Jahrhundert

Serge Gruzinski: Quelle heure est-il là-bas ?
Amérique et islam à l'orée des Temps modernes.
--- Wie spät ist es dort? Amerika und der Islam am Beginn der modernen Zeiten ---
Collection: L'Univers Historique. Paris: Seuil 2008, 227 pp. --- ISBN 978-2-02-098577-2 ---
Interkulturelle Verbindungen machen für den Historiker und Direktor des CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique (= Nationales Zentrum für wissenschaftliche Grundlagen-Forschung) einen wesentlichen Teil seiner Arbeit aus. Mit dem Übergang von der islamischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel zu den katholischen Königen und der christlichen Eroberung der Neuen Welt verändern sich die Sichtweisen. Kaiser Karl V. (1500–1558) war schließlich Herrscher eines Reiches, in dem die Sonne nie unterging! Interessanterweise aber blickt auch das Osmanische Reich in dieser frühen Phase der Globalisierung nicht nur an die Ränder des Mittelmeeres, sondern bis nach Amerika. Die zunehmende Bedeutung der Iberischen Kolonialreiche macht aber zugleich die Sichtweisen von dort auf das „alte“ Europa spannend.

Interessanterweise beruht die inhaltliche Motivation dieses Buches auf dem 2001 in Taiwan entstandenen Film Wie spät ist es denn dort? Der bekannte Regisseur Tsai Ming-liang lässt hier eine besondere Schicksalsgeschichte dreier Menschen Revue passieren. Der Film ist zugleich eine Hommage an François Truffaut. Seinen Filmen wohnt ja die Tendenz inne, Menschen zu thematisieren, die quasi zur Einsamkeit und Sprachunfähigkeit verdammt sind. In „Wie spät ist es denn dort?“ von Tsai Ming-liang trauert eine Frau in einer verdunkelten Wohnung um ihren Mann; ihr Sohn Hsiao verkauft in den Straßen von Taipeh Uhren; seine Kundin Shiang-chyi kommt als Touristin nach Paris und findet dort keinerlei Kontakt. Alle drei Akteure scheinen in ihrer je eigenen Zeitzone fest eingeschlossen zu sein. Doch seltsamerweise gibt es dazwischen trotz dieser „Mauern“ und Distanzen Übereinstimmungen und „Fügungen“. Das geschieht z.B. als Hsiao in Taipeh Truffauts Film "Sie küssten und sie schlugen ihn" (Les Quatre Cents Coups, 1959) sieht. Und etwas später begegnet Shiang-chyi auf einem Pariser Friedhof dem Hauptdarsteller dieses berühmten Films der „Nouvelle Vague“ … (vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nouvelle_Vague)
Wenn Serge Gruzinski nun zwei fast zeitgleiche Dokumente vom Ende des 16. und dem Anfang des 17. Jahrhunderts nebeneinander stellt, dann signalisiert er damit die Aktualität von Fremdheit, Abgrenzung einerseits und die Zeitzonen übergreifende Wissensbegierde andererseits.
Das erste Dokument, eine bebilderte (türkische) Chronik des Neuen Indien (Geschichte Westindiens), wurde 1580 in Istanbul von einem Anonymus redigiert. Es ist erstaunlich, wie viele Details der Eroberungsgeschichte Amerikas hier wiedergegeben werden. Der uns weiter nicht bekannte Autor stand wahrscheinlich in den Diensten des Großwesirs. Der Text ist zuerst als Manuskript überliefert. Der Druck erfolgte nicht vor 1730, weil im Osmanischen Reich die Druckkunst relativ spät (18. Jh.) Eingang fand. Der Schreibstil des Anonymus trägt durchaus imperiale Züge im Sinne seiner Auftraggeber. Das ist auch verständlich, denn den „Türken“ gelingt es im 16. Jh., Teile des Mittelmeeres und die gesamte Südküste unter ihre Kontrolle zu bringen und bis an den Rand von Wien vorzudringen (1529). Aber auch der Eroberungsblick in den Fernen Osten bleibt typisch für die Sultane, obwohl an der Grenze zu Persien, das Safawidenreich den Türken erhebliche Probleme machte.
Das zweite Dokument stammt von Heinrich Martin, einem Drucker aus Hamburg. Er war ursprünglich lutherischer Konfession, wandte sich dann aber dem Katholizismus zu. Seine „Horizonterweiterung“ geschieht durch Reisen und Aufenthalte in Ostpreußen (damals unter polnischer Lehenshoheit), Litauen, Paris und dann besonders in Sevilla. Schließlich tritt er als Kosmograph in die Dienste der Katholischen Könige, die die „Reconquista“ konsequent betrieben. Großmachtgelüste bis hin nach China sieht er quasi als legitim an; und die Bekämpfung des „Islam“ gilt als überregionale Aufgabe. In Amerika trifft er übrigens auf ein Islambild, das die spanischen Eroberer und Kolonisatoren prägten und das sich in Kampfspielen von den Christen gegen die Mauren (interessanterweise nicht gegen die Türken!) zeigte. Gewissermaßen wurde die Kreuzzugsidee von der Eroberung Jerusalems neu inszeniert oder geradezu biblisch-apokalyptisch der türkische Sultan als der „Große Sultan Babylons“ apostrophiert.
Was angesichts solcher Differenzen jedoch nicht zu übersehen ist: Der Mann aus Istanbul und der Norddeutsche sind geprägt von der Neugierde an den „anderen“. Sie blicken recherchierend „nach dort“, um zu dokumentieren, was an den östlichen oder westlichen politischen Knotenpunkten des Atlantiks bzw. des Mittelmeers geschieht. Nachdem Heinrich Martin im königlichen Auftrag als Kosmograph nach Mexiko entsandt worden war, veröffentlichte er dort 1606 ein „Sachregister der Zeiten“ (Répertoire des temps). Zwei Kapitel beschäftigen sich ausdrücklich mit dem „Türkischen Großreich.“
So unterschiedlich die beiden Verfasser auch sind – der eine Muslim, der andere Christ – so nehmen sie außerdem das gemeinsame Erbe der Mittelmeergeschichte für sich in Anspruch, nämlich die Philosophie des Aristoteles und die Geografie des Ptolemäus aus Alexandria. Die geistige Metropole Antwerpen, inzwischen die „Tochter“ des antiken Alexandria. Leider verliert sie ihren Glanz im Zusammenhang des Aufstandes der protestantischen Niederlande gegen die spanische Herrschaft (1568-1648). Der Geograf und Kartograf Abraham Ortelius hatte im Jahre 1570 noch sein „Theater der Welt“, herausgebracht, ehe der spanische Statthalter die Stadt 1585 (wieder) eroberte (vgl. S. 87–97). Die Weltdarstellung des Ortelius blieb allerdings europazentriert. Das sieht Heinrich Martin bereits umfassender. Und Ähnliches gilt für den anonymen Schreiber am Hof des Sultans.
Die geistigen Schübe der Renaissancezeit führen beim Muslim wie beim Christen zur Herausforderung, die Welt historisch, (religions-)politisch und geografisch umfassend darzustellen. Nach dem Alexandria der Antike und dem Antwerpen der Renaissance stehen wiederum zwei Städte im Mittelpunkt. Sie haben durch Welt verändernde Eroberungen eine neue Struktur gewonnen und repräsentieren damit „neue Welten“: Istanbul, das Zentrum des zur Weltmacht aufgestiegenen Osmanischen Reiches mit damals fast 400.000 Einwohnern. Und Mexiko wird dominierende Hauptstadt des amerikanischen Kontinents mit bereits über 100.000 Bewohnern.
Obwohl weder der Anonymus noch Heinrich Martin die Länder des anderen je gesehen hat, entwickeln sie in ihren Beschreibungen einen globalen Horizont. Sie denken bereits die „eine Welt“, wie unterschiedlich auch die jeweiligen geschichtlichen, religiösen und kulturellen Ausprägungen sowie die politischen Interessen ihrer Auftraggeber gewesen sein mögen. Man muss schließlich immer mitbedenken: Die geschichtlichen Umbrüche im Mittelmeerraum seit dem Ende des 15. Jahrhunderts haben zwar ein Klima verschärfter Spannungen und Feindseligkeiten erzeugt. Absolutheitsansprüche des Glaubens wie der Macht können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Iberische Halbinsel 800 Jahre von islamisch-arabischer Kultur geprägt wurde und die Vertreibung von Juden und Muslimen aus Spanien keineswegs diese Kultur zum Erlöschen brachte. Vergleichbares gilt für das noch weithin christliche Vorderasien und den Mittleren Osten.
Bilanz
Was das Buch außer den historischen Vergleichen so spannend macht, ist die damals in den Vordergrund tretende Sichtweise der Globalisierung, auch wenn erst die Moderne diesen Begriff geprägt hat. So nimmt die Frage: "Wie spät ist es dort?" herausfordernde Züge an. Zwei Welten begegnen sich – die islamische und die christliche. Sie sind spannungsgeladen getrennt und doch auf eigenartige Weise miteinander in gleichzeitiger Kommunikation verbunden. Es eröffnen sich geradezu planetarische Horizonte (besonders eindrücklich in Kap. 6: „Die Geschichte der Welt ist in den Himmeln eingeschrieben“). Man könnte sogar an den von C.G. Jung eingebrachten Begriff der „Synchronizität“ denken und fragen, ob „unterhalb der Ebene des kollektiven Bewussten … etwas vorhanden ist, das über den Geist hinausgeht, ein fundamentales dynamisches Ordnungsprinzip.“
(F. David Peat: Synchronizität. Die verborgene Ordnung.
Aus dem Amerikanischen. Von Gerhard Geerdts.
     

Bern u.a.: Scherz für O.W. Barth  1989, S. 124)
Die Rezension von Grunzinskis Buch in Le Monde vom 30.10.2008 hat dessen Intention präzise benannt: Europa, Amerika und der Islam bewegen sind in engen Korrelationen. Es ist „das >Dreieck der Renaissance<, aus dem ein einziges Bild der Welt hervortritt. In der Sichtweise der „Welt-Ökonomie“ des [Historikers] Fernand Braudel (https://de.wikipedia.org/wiki/Fernand_Braudel) inkarniert sich ein „Weltbewusstsein“, ein Gefühl, demselben Planeten anzugehören und an denselben Gesichtskreisen teilzuhaben. Die These [des Autors] ist ehrgeizig, und erinnert an die grundlegenden Herausforderungen der globalen Historie. Im Vergleich und in der Konfrontation geht die Suche zu den Wurzeln einer Geschichte, die sich nicht auf das Verhältnis des Westens mit dem Rest der Welt beschränkt: Es ist eine global history, die heute in den angelsächsischen Universitäten eine großartige Entwicklung findet, während sie in Frankreich nur mühsam zum Vorschein kommt.“ (eigene Übersetzung)  
So gelingt es Gruzinski – beeindruckend detailreich und doch präzise durchstrukturiert – das christlich-islamische Umbruchsfeld des 16./17. Jahrhunderts vorzustellen. Hier tritt die Unabweisbarkeit globalen Denkens und Handelns ins Zentrum – gewiss (noch) mit seltsamen Verzerrungen. Dennoch lässt sich „von dort“ viel für heutige Sichtweisen lernen, um die Chancen umfassender nicht-imperialer Grenzüberschreitungen besser zu nutzen. Übersetzungen ins Englische (Polity Press), ins Spanische (Fondo de Cultura Mexiko) und ins Portugiesische (Brasilien) sind bereits erfolgt. Eine chinesische Übersetzung ist in Arbeit ! Da wäre endlich auch eine deutsche Übersetzung angesagt !

Reinhard Kirste
 Rz-Gruzinski-Neue Welt, 14.05.16 

Donnerstag, 12. Mai 2016

Wege zur Harmonie - Essays in Erinnerung an Ashgar Ali Engineer

Für Ashgar Ali Engineer (1939 - 2013), den Friedensaktivisten und dialogischen Brückenbauer zwischen Religion, Religiosität und Säkularsmus wurde im Jahre 2016 von dem
Anglisten
P. Prayer Elmo Raj (Universität Chennai/Madras) ein
 Essay-Band zu seinen Ehren herausgegeben:

Religion, Politics and Secularism
in India. Essays in Honour of Ashgar Ali Engineer. 
New Delhi: Authorspress 2016, 322 pp.,
list of books written/edited by Dr. Ashgar Ali, Engineer,
index


Verlagshinweis: hier

Dieser Band bringt verschiedene kritische Stimmen zusammen - zu historischen und gegenwärtigen nicht-religiösen Perspektiven sowie säkulare Gesichtspunkte im Spiegel von Religion und Politik. Diese werden durch kreative und existentielle Facetten ergänzt, die die gesellschaftliche Bedeutung und den Wert von  Ko-Existenz und Gemeinsamkeit zur Sprache bringen. Diese Beiträge sind eine Hommage an Ashgar Ali Engineer, der zu den prophetischen und reformerischen Stimmen des modernen Indien gehört. Er hat sich intensiv mit den Wurzeln des indischen Säkularismus befasst, dem Zusammenspiel von Staat und Religion und der Art, in welcher gegenwärtiger Säkularismus durch politische bzw. religiöse Ereignisse bedroht bzw. praktiziert werden. Ashgar Ali Engineers empathisches Eintreten für eine Harmonisierung im Kontext eines vielfältigen gesellschaftlichen Diskurses bleibt wegweisend.

Der Erinnerungsband ist in drei Teile gegliedert:
  1. Ashgar Ali Engineer als Kämpfer für Frieden, Gerechtigkeit, verbunden mit religiöser Verantwortung für die Umwelt
  2. Religion, Politik und Säkularismus im (post-)kolonialen Indien und die Debatte um Säkularismus und Multireligiosität
  3. Die Bedeutung säkularer Werte in Kunst und Literatur
  4. Erwartungen an die Zukunft: Perspektiven und Möglichkeiten.
Die Autoren sind im weitesten Sinne Humanwissenschaftler verschiedener religiöser Traditionen. Die meisten von ihnen kommen aus Indien, einige aber auch aus Malaysia, den USA und aus Deutschland.

Blick ins Inhaltsverzeichnis




 

Montag, 2. Mai 2016

Buch des Monats Mai 2016: Veränderte und erweiterte Sichtweisen der Theologie



Franz Gmainer-Pranzl / Eneida Jacobsen (Hg.):
Deslocamentos – Verschiebungen theologischer Erkenntnis.
Ein ökumenisches und interkulturelles Projekt.

Salzburger Theologische Studien 54  =
Salzburger Theologische Studien interkulturell 16.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2016, 526 S.
---
ISBN 978-3-7022-3496-6 ---


Die Sensibilität lateinamerikanischer Theologie zeigt sich schon seit langem darin, gesellschaftliche Veränderungen und Verschiebungen (deslocamentos) in den eigenen theologischen Diskurs einzubeziehen Dieser (portugiesische) Terminus betrifft die Epistemologie, also die Erkenntnistheorie in ihren pluralisierenden Entwicklungen. Das bedeutet eine Zurücknahme hierarchischer Konzepte.
Herausragendes Beispiel dafür ist die Befreiungstheologie selbst. So entstehen neue Sichtweisen im Sinne von Kulturen übersteigender Ökumenizität.

Der lutherische Theologe Carlos Gilberto Bock [http://www.luteranos.com.br/conteudo/mensagem-de-despedida-carlos-gilberto-bock], hat diese Verschiebungen im Rahmen seiner Dissertation 2002 in ihrer Spannungsbreite umfassend beschrieben.
Er wurde damit indirekt zum Stichwortgeber eines Forschungsprojekts, das in dem vorliegenden Band seinen Niederschlag gefunden hat. Gemeinsam haben Theologinnen und Theologen der lutherischen EST (Escola Superior de Teologia) in São Leopoldo im Süden Brasiliens und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg versucht, „deslocamentos“ genauer zu beschreiben, m.a.W. wie sich die klassischen „loci theologici“ verändern. „Deslocamentos“, angewandt als hermeneutische Methode, zeigen nicht nur theologische Verschiebungen und Verzerrungen an, sondern fordern zu neuer Bewertung heraus.

Im Sinne der Klärung beginnen die Einleitungsbeiträge mit einer Diskussion um die hermeneutisch-epistemologischen Erweiterungen, die Carlos Bock einfordert. Die Theologie der Befreiung hat schon seit den 90er Jahren des 20. Jh.s ein „deslocamento“ durchlaufen. Darum müssen die Bereiche der Politik, der Kultur und der Religion in neuer Weise auf den Prüfstand. Man erinnere sich, dass die Theologie der Befreiung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihrer marxistisch angelehnten Analyse vom Vatikan aufs Schärfste abgelehnt wurde. Dies geschah, obwohl mit dem Stichwort „Revolution“ gewaltsame Umstürze nie prinzipiell gerechtfertigt wurden. Carlos Bock versucht angesichts gerade auch verzerrter theologischer Sichtweisen erkenntnistheoretische Überlegungen in diejenigen Veränderungen einzubeziehen, die die Befreiungstheologie selbst im Sinne einer religiösen Pluralisierung durchlaufen hat. Aus der ursprünglichen Forderung nach Revolution der gesellschaftlichen-kapitalistischen Bedingungen geht der Weg von der Praxis der Befreiung hin zu einer ökologisch geprägten Weltethik und einer interreligiösen Ökumene.
Hans Joachim Sander
(Salzburg) kommentiert die verschiedenen Varianten dieser Verschiebungen und daraus folgende Relativierungen.
Die Mitherausgeberin Eneida Jacobsen (EST) setzt die erkenntnistheoretischen Grundbegriffe in praktisches Verhalten um. So „lässt sich die Befreiung durch ein erweitertes Verständnis der Überwindung eines ungerechten ökonomischen Systems als Kontrapunkt zu jeglicher Situation der Gewalt, der Unterdrückung und der Exklusion wahrnehmen“ (S. 75).

Den Bereich der Politik (Teil I) spricht Roberto E. Zwetsch (EST) konkret in städtischen Zusammenhängen an: Fehlende strukturelle gesellschaftliche Veränderungen, bleibende Korruption, weitere Anhäufung des Reichtums bei wenigen machen das „arme Volk“ zum „gekreuzigten Volk“ (Ignacio Ellacuría, Jan Sobrino), „mit dem sich Christus identifiziert“ (S. 99). Die Option für die Armen ist gegenüber jeglichem Gewinnstreben kontraproduktiv. Schon Luther sah darin Götzendienst und die Verkehrung aller Werte in ihr Gegenteil. Es gilt aber, die Menschen die mit dem Stigma der Armut und des Leidens behaftet sind, aufzurichten und das Teilen von Gütern, Ressourcen, Wissen und Solidarität zum zentralen Anliegen zu machen. Hans-Joachim Sander (Salzburg) folgert in seinem zweiten Beitrag aus der weltweiten Verstädterung und der teilweisen Unfähigkeit der Kirche darauf kompetent zu reagieren: „Gott zeigt sich als Stadtbewohner ... Der biblische Gott ist nicht einfach nur bei seinem Volk präsent, sondern [ihn] zieht es in die Städte hinein“ (S. 132). Das zeigt sich in der Bibel bereits durch die Hervorhebung von Babylon, Jerusalem, Damaskus usw. Der gegenwärtige Gott fordert heraus, seine einladende Empathie zu praktizieren; denn Gott würde in einer „Stadt ohne Gott“ (vgl. Secular City, Harvey Cox, 1965) bewusst ausgegrenzt.

Durch die wachsende Migration in Europa in eine Identitätskrise. Auf diese Identitäts-Verschiebungen verweist Judith Gruber (Salzburg). Es geht einerseits um jene, die „immer schon“ dort beheimatet waren und andererseits um die Migranten, die in großer Zahl in Europa ankommen. Die geistigen und materiellen Grenzziehungen problematisieren die eigenen „Orte“ der Theologie und fordern zu Beweglichkeit auf neuen Wegen heraus.

Der umfassende Begriff der „Fremdheit“ steht darum auch im Mittelpunkt einer theologischen Deutung durch den Mitherausgeber Franz Gmainer-Pranzl (Salzburg): „Die Erfahrung des Fremden lässt ein gesellschaftlich-politisches deslocamento (die Veränderung hin zu einer von Multikulturalität, Migration und ethnischen Minderheiten geprägten Gesellschaft) zum Ort eines erkenntnistheologischen deslocamento werden (nämlich der Krise durch einen befremdenden Anspruch …)“
[S. 165]. In Auseinandersetzung mit Huntingtons „Kampf der Kulturen“ und ähnlichen Abwehrstrategien ist christlicher Glaube genötigt, angesichts von Fremdheitserfahrungen, die eigene Identität neu zu begreifen. Die >Identität< des Glaubenden besteht nicht in der Sicherheit des Eigenen, sondern in der Offenheit gegenüber dem Beanspruchenden“ (S. 191).

Über dem Beitrag von Martin Norberto Dreher (EST) „Fundamentalismus tötet“ könnte auch ein Wort des Aufklärers Denis Diderot stehen: „Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt (aus: Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu, 1745). Der erst im 19. Jahrhundert in den (protestantischen) USA virulent werdende Begriff Fundamentalismus“ signalisiert einen Angriff auf die Moderne mit einer Vereinnahmung der Religion durch die Politik. Am Beispiel der „Mucker“ und der „Christusin“ Jakobine Maurer in Brasilien in der 2. Hälfte des 19. Jh.s zeigt der Autor schließlich, wie Fundamentalismus tatsächlich zum Töten führt.
Die negative Seite von deslocamento hebt Kathleen Luana de Oliveira (EST) hervor: Die Bedrohung der (Menschen-)Rechte. Diese zeigt sich immer wieder in den Gefängnissen, in der Ausübung sexueller Gewalt, der Verweigerung des Landbesitzes und der fehlenden Freiheit des Wohnens. Das gilt auch für die Debatten zum Thema Religionsfreiheit, die durch fundamentalistische Gruppierungen eine besondere Brisanz gewonnen haben. Nicht zu vergessen sind jedoch in verstärktem Maße die Monopole in Wirtschaft und Gesellschaft. Proteste und Gegenbewegungen werden (oft mit Erfolg) zensuriert und zum Schweigen gebracht. Theologie der Befreiung bringt hier neue Hoffnung zum Ausdruck. In diesen Kontext gehört auch HIV/Aids. In den Spannungsfeldern von „Verländlichung“, „Verweiblichung“, „Verjüngung“ und „Verarmung“ diskutiert Walburga Schmied-Streck (EST) die eingetretene Verschiebung. Als zuerst die Reichen in den Städten heimsuchende Krankheit ist sie ins Landesinnere zu den Armen gewandert, dort verbunden mit einer ausgrenzenden Stigmatisierung. Den Infizierten fehlen kompetente Unterstützung und Therapieangebote und die Möglichkeit, dass die Unterdrückten ihre Würde als Bürger wieder erlangen (S. 275). Hierher gehört ein solidarisches Verständnis und Engagement von Kirche.

Im Teil II: Kultur setzt Elaine Neuenfeldt (EST) mit wissenschaftstheoretischen Überlegungen zur Genderfrage an. Sie plädiert für den inneren Zusammenhang von feministischer Theologie und Theologie der Befreiung. Ihre methodologische Basis ist eine Hermeneutik des Verdachts im Sinne von patriarchalen Deutungsvorgaben für die Neuerschließung von feministisch-befreienden Horizonten und die Ermöglichung von Geschlechtergerechtigkeit. Martin Dürnberger (Salzburg) geht auf die erkenntnistheoretischen Verschiebungen ein, die durch die neuen Medien, besonders im Rahmen der Popmusik, in Gang gekommen sind. Dies bedeutet die unausweichliche Frage an die Kirche, welche „Message“ sie denn weitertragen will. Denn das „Medium“ ist der „Mensch“ (S. 310f). Angesichts der Wahrheit Gottes bleibt Theologie methodisch zur Rationalität verpflichtet – „freilich im hellen Bewusstsein ihrer nachmetaphysischen Brechungen“ (S. 317). Die bisher noch nicht beantwortete Frage stellt sich: „Wo üben neue/Neue Medien Druck auf etablierte Theorien theologischer Arbeit aus und führen zu wissenschaftstheoretischen Verschiebungen?“ (S. 322).

Spannend wird die Debatte unter Einbeziehung „a/theistischer Verrenkungen“. Gregor Maria Hoff (Salzburg) nimmt die konfrontative Gottesbegegnung mit der Verrenkung von Jakobs Hüfte am Jabbok (Gen 32,23-33) zum Anlass, die neuen Atheismen als Ortsverschiebungen in den theistischen und atheistischen Diskursen hervorzuheben. Sie geben „Raum für das Entstehen eines neuen theologischen Gelenks“ (S. 340).

In ihrem zweiten Beitrag befasst sich Eneida Jacobsen (EST) mit der Verschiebung der Theologie hin zur Verankerung in der Lebenswelt im Sinne kommunikativen Handelns. Unter Heranziehung von zeitgenössischen Intellektuellen betont sie, dass die Subjektivität der TheologInnen auch das Engagement für die Sache der Unterdrückten einschließt, wie sich besonders am Leben und Denken von Bischof Romero sehen lässt. Aber ebenso kommen die Genderfragen in den Blick – immer auch unter biografischen und persönlichen Aspekten und Erfahrungen. Eine solche Theologie kann sich weder hierarchisch noch dogmatisch starr gebärden (S. 359). Helio Aparecido Campos Teixeira und Ezequiel de Souza (beide EST) argumentieren vor dem Hintergrund der sog. Dependenztheorie: Man analysiert das Vorhandensein hierarchischer Abhängigkeiten (Dependenzen), ausgehend von den industrialisierten Ländern (den Metropolen Europa, Asiens und der USA) und den sog. Entwicklungsländern, die in jeder Hinsicht in die Peripherie geraten sind. Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten sind von daher nur minimal möglich. Befreiungstheologisch leitet sich daraus die umfassende Notwendigkeit der „Option für die Armen“ ab. So entsteht ein prozessuales Zeitverständnis mit dem Ziel, „Räume und Territorien in Beschlag zu nehmen und sie mit Sinn zu füllen“ (S. 404)..
 
Mit der Religion befasst sich Teil III. Marina Pinheiro Teixeira (EST) setzt sich mit dem Pentekostalismus auseinander, der Brasilien seit 1910 in drei „Wellen“ das Land wesentlich beeinflusste. Die 3. und neueste Phase der Pfingstbewegungen bewirkt eine erstaunliche Verschiebung religiöser Identitäten durch deren Exklusivitätsanspruch in Verbindung mit einer Aufnahme synkretistischer Elemente. Das ist durchaus vergleichbar mit den afro-amerikanischen Kulten, die alle ganz praktische Anleitungen zu (materiellem) Glück und Heil bieten.
Alois Halbmayr
(Salzburg) geht auf die Erosion kirchlicher Strukturen ein und fordert um der Lebendigkeit des Glaubens willen nicht mit einem engen Religionsbegriff zu argumentieren. Religiöse Transformationsprozesse könnten dadurch kaum sachgemäß eingeschätzt werden, denn Religion ist in die jeweilige Kultur tief eingebettet. Angesichts von Identitäts- und Sinnsuche müssen sowohl zivilgesellschaftliche wie religiöse Anknüpfungspunkte möglich bleiben. Der Beitrag von Christina M. Kreinecker (Salzburg) bestärkt im Grunde diese Sicht auch auf Veränderungen, die die Säkularität mit sich gebracht hat. Gewissermaßen von der anderen Seite gesehen sind etwa die Olympischen Spiele in Vergangenheit und Gegenwart immer auch „Religion“. Auf diese Weise lässt sich der Kreis noch weiter schlagen in Bezug auf den interreligiösen Dialog und die Menschenrechte. Das zeigt Rudolf von Sinner (EST) unter Berufung auf Raimon Panikkar mit der Begrifflichkeit einer diaotopischen Hermeneutik und diatopischen Ökumene“ (S. 492f). So kommt die Unermesslichkeit der Religionen zum Ausdruck (S. 494), deren kosmotheandrische (Kosmos, Gott, Mensch) Wirklichkeit in jeder einzelnen sichtbar werden kann.
Schließlich beobachtet Ulrich Winkler (Salzburg) religionstheologische Verschiebungen, wodurch z.T. eine völliger Umbau der Theologie der Befreiung erfolgt – bezogen auf deslocamentos und desdobramentos (= Weiterentwicklungen, Entfaltungen – so bei Carlos Bock). Winkler beruft sich neben anderen Befreiungstheologen besonders auf José María Vigil, der in seiner Religionstheologie in Anlehnung an John Hick einen Paradigmenwechsel zur Sprache bringt. Hier verbindet sich sehr deutlich religiöser Pluralismus mit der Option für die Armen. Schwächen dieser Konzeption liegen neben der postkolonialen Dekonstruktion eigener theologischer Identitäten in der Problematik, eine korrelative Konstruktion verschiedener religiöser Traditionen komparativ aufzubauen.


Bilanz

Die in der europäischen Theologie bisher kaum so angesprochenen umfassenden Veränderungen in Lateinamerika verweisen auf erkenntnistheoretische (epistemologische) Verschiebungen (deslocamentos), die mit gesellschaftlichen Transformationen und bisher so nicht dagewesenen Pluralisierungen zu tun haben. Das sind Herausforderungen, die gerade in Lateinamerika eine Neuorientierung der Befreiungstheologie herausfordern, die den veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen differenziert Rechnung tragen will. Die „transatlantische“ Kooperation in diesen Fragen ist ein bemerkenswertes Beispiel, wie Theologien nicht nur voneinander lernen, sondern im Dialog gemeinsam neue Positionen entwickeln.

Reinhard Kirste


Rz-Gmainer-Pranzl-Deslocamentos, 30.04.2016