Dienstag, 27. Dezember 2016

Religionswissenschaft in Skandinavien ---- Nordische Zeitschrift für Komparative Religion

Vol 52, No 2 (2016)

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Table of Contents

Editorial note
Minna Opas, Anna Haapalainen
                                                                                          PDF
                                                               177

Articles

Minna Opas, Anna Haapalainen
                                                                                PDF
                                                      179-192
Gábor Ittzés
                                                       PDF
                             193-213
Jessica Rivers
                                                       PDF
                            215-237
Minna Opas
                                                      PDF
                            239-260
of extraordinary experience
Jamie Barnes
                                                                PDF
                                    261-287
Anna Haapalainen
                                                                                                 PDF
                                                                     289-311

Afterword
Jon P. Mitchell
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313-320

Book reviews
Francis Joy, Tuula Sakaranaho, Teemu Taira, Donald Wiebe 

Samstag, 24. Dezember 2016

Das Eigene und das Fremde - Universität Frankfurt/M.: Forschungsberichte

Forschung Frankfurt | Ausgabe 2-2016

   Thema: eigen und fremd

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Komplette Ausgabe (6 MB)


Die einzelnen Artikel finden Sie in der Übersicht (siehe unten) zum Downloaden.

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Zeitläufte
Kunstwelten
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Konkurrenz der Arten
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Mittwoch, 21. Dezember 2016

Religiöse Erziehung - christliche und islamische Perspektiven


Stella El Bouayadi-van de Wetering /Siebren Miedema (Eds.): Reaching for the Sky.
Religious Education from Christian and Islamic Perspectives.  

Currents of Encounter - Studies on the Contact between Christianity and Other Religions, Beliefs, and Cultures 43

Amsterdam/New York, NY: Rodopi 2012, VII, 284 S. Index.
– ISBN: 978-90-420-3479-2

Religiöse Erziehung gerät in multikulturellen Gesellschaften und angesichts von Migrationssituationen zu einer besonderen Herausforderung für Eltern, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer in der Schule, aber auch für Moscheevorstände und Hodschas. Kinder und Jugendliche müssen ihren eigenen Weg in Auseinandersetzung und Dialog mit herkömmlichen und auch provozierenden Lebensmustern finden und eine eigene Weltsicht aufbauen. Wie gehen junge Menschen mit ihrer Herkunftsreligion um? Wie lässt sich tolerantes, friedvolles und dialogoffene Verhalten einüben? Wie sollen Jugendliche unterrichtet werden? Welche Bedingungen sind für interreligiöses Lernen notwendig?
Der wissenschaftliche Diskurs wird  im Bereich der religiösen Erziehung neue Horizonte eröffnen müssen. Der Fokus ist dabei besonders auf das Christentum und den Islam gerichtet. Das hängt mit den sich ändernden Gesellschaftsstrukturen und ihren Prägungen zusammen – in der Spannung zwischen säkular und fundamentalistisch.


Die Herausgeber, die Arabisch-Lektorin und Erziehungswissenschaftlerin Stella El Bouayadi-van de Wetering, der Professor für Religiöse Erziehung Siebren Miedema und der Religionsphilosoph Henk Vroom (alle von der Freien Universität Amsterdam), bündeln die Materialien und Vorträge einer Konferenz, die in enger Zusammenarbeit mit dem niederländischen Zentrum für Islamische Theologie, internationalen Erziehungswissenschaftlern und mit der Liga der Islamischen Universitäten in Kairo entstanden. Die Auswahl der Themen bezieht sich darum einerseits auf Kommunikationsstrukturen der religiösen Erziehung, der Normen und Werte in Elternhaus, Moschee, Kirche und Schule, zum anderen auf Länder, in denen schon intensive Erfahrungen mit Multireligiosität vorliegen, hier konkret: Türkei, Indonesien, Libanon, Niederlande, Deutschland, Belgien und Ägypten. Zugleich stehen die Jugendlichen im „Verbund“ und in Auseinandersetzung mit den Erwachsenen und den Erziehungsinstitutionen. Stark beeinflussend wirkt sich verständlicherweise das Verhalten unter ihresgleichen aus, die Problematik der „Peer-Groups“. Die Autoren beschreiben darum aktuelle Prozesse im Erziehungsgeschehen und zeigen Verluste, Problemstellungen und Neufindung religiöser Identität bei Jugendlichen. Sie verbinden ihre Analysen und Einschätzungen mit den Intentionen, Lernfelder aufzubauen, in denen andere Glaubenstraditionen respektiert und die jeweiligen Einflussmechanismen von Elternhaus, Schule, Kirche, Moschee, den Medien und der „Straße“ einbezogen werden.
Die Herausgeber weisen im Vorwort daraufhin, dass die Beiträger/innen – durchweg Erziehungswissenschaftler/innen Methoden und Handlungsanleitungen für die Erziehung junger Menschen (mit und ohne Migrationshintergrund) liefern möchten. Angesichts stärker auftretender antiislamischer Tendenzen in den europäischen „autochthonen“ Gesellschaften ist dies dringend nötig, damit künftige Gesellschaften durch Toleranz und dialogoffene Wertehaltungen geprägt werden.
Mualla Selçuk von der Universität Ankara zeigt, dass die koranische Bedeutung der “Leute des Buches” ein Kommunikationsmodell für eine interreligiös offene islamisch-religiöse Erziehung sein kann. Erhebliche Praxiserfahrungen bringt Ina ter Avest (Amsterdam) ein, und zwar in der Reflexion von drei Grundschul-Beispielen, die einen unterschiedlichen religiösen bzw. säkularen Hintergrund haben. Begegnung zwischen Menschen verschiedener Religionen verläuft Verstehen fördernd am besten „spielerisch“. Die „Spieler“ sind dabei Lehrer und Kinder gleichermaßen im Blick auf den Andern und das Andere. Sie wirken miteinander überzeugend sind dann überzeugend, wenn sie didaktisch verantwortet „predigen“, was sie bereits praktizieren. Alma Lanser-van der Velde (Amsterdam) hebt die Bedeutung des praktischen Umgangs mit Religion in familiärer Kindererziehung hervor. Dihyatun Masqon Ahmad vom Zentrum für Islamische und Westliche Studien aus Ost-Java berichtet von der Dynamik einer modernen islamischen als Internat geführten indonesischen Erziehungseinrichtung, der Pondok Pesantren.
Die Herausgeberin El-Bouayadi-van de Wetering geht näher auf die Problematik zwischen häuslicher Erziehung, Unterricht in der Moschee und säkularem Umfeld in den Niederlanden ein. Der Tübinger Religionspädagoge Friedrich Schweitzer bezieht sich auf eine ähnliche Konstellation in mehreren europäischen Ländern im Blick auf die häusliche (oft fehlende) religiös-familiäre Erziehung und die kirchlichen Möglichkeiten, hauptsächlich im Zusammenhang mit der Konfirmation. Goedroen Juchtmans von der Katholischen Universität Löwen hebt die Bedeutung der Frauen in der religiösen Erziehung hervor. Sie setzen sehr stark auf rituell-spirituelle Impulse im Sinne einer Sakralisierung des Lebens.
Es folgt der Blick in den Nahen Osten: Im Libanon trägt die christliche Erziehung durch die geopolitische Lage osmanische, arabische und westlich-missionarische Prägesignaturen und zugleich blutige Bürgerkriegserfahrungen, wie der Theologe Rima Nasrallah (Beirut) dokumentiert. Bahaeddin Budak (Amsterdam) konzentriert sich zusammen mit der Herausgeberin auf die muslimische Jugend, die unbedingt spirituelle Orientierung braucht und z.T. in der Gefahr steht, sich auf religiösen Extremismus einzulassen. Die Niederlande sind geradezu ein Brennpunkt für diese kritische Gemengelage im Zusammenhang mit der „Versäulung“ im niederländischen Schulsystem und der fortschreitenden Säkularisierung. Gerdien Bertram-Troost und der Herausgeber Siebren Miedema (beide Amsterdam) sind sich über die Wirkungen religiöser Erziehung aufgrund empirischer Untersuchungen recht unsicher. Arslan Karagül (Amsterdam), der neben islamische Erziehung den Schwerpunkt „spiritual care“ (Seelsorge) unterrichtet, ist angesichts der Schwächen in der Praxis islamischer Erziehung und fehlender umfassender Erziehungskonzepte für die Zukunft ziemlich beunruhigt. In diesem Zusammenhang lohnt der Vergleich zweier säkularer multikultureller Gesellschaften, nämlich der Türkei und der Niederlande im Blick auf die Fakten und Faktoren religiöser Erziehung – so die Überlegungen von M. Fatih Genç aus der Türkei (Ankara), Ina ter Avest und Siebren Miedema (Niederlande).
Eine andere Sichtweise eröffnen Hussein Bashir Mahmoud (Kairo) und die Herausgeberin Stella El Bouayadi-van de Wetering, indem sie zuerst auf die Bildungsgeschichte und dann auf die Leitlinien islamischer und religiöser Erziehung eingehen, wie sie in ägyptischen Primar- und Sekundarschulen gehandhabt wird: Toleranz als ethischer Wert spielt hier eine herausragende Rolle. Aus christlicher Sicht diskutiert Manfred L. Pirner (Universität Erlangen-Nürnberg), wie die „Peer Groups“ der Jugendlichen mit dem Einfluss der Medien umgehen und eine „Selbst-Sozialisation“ stattfindet, die zwar auch religiös geprägt sein kann, aber ohne die Muster der klassischen Religionen auskommt. In eine ähnliche Richtung geht Nabil Alsamaloty, Soziologe an der Al-Azhar-Universität in Kairo, zusammen mit der Herausgeberin: Unter Heranziehung soziologischer Theorien auch zum Konfliktmanagement legen sie den Schwerpunkt ihrer Argumentation zum einen auf die Entwicklung kriminellen Verhaltens als Folge von Ausgrenzung und zum andern auf soziale und ökonomische Gewalt im Kontext extremer Armut. Fundamentalistisch und terroristisch orientierte Peer-Groups können sich für ihre gewaltsame Konfliktbereitschaft religiöse Muster aneignen, die originale Glaubenstradition konterkarieren. Das gilt nicht nur für junge Muslime, sondern für junge Menschen in allen Religionen.
Wolfram Weiße von der Akademie der Weltreligionen in Hamburg stellt die Ergebnisse des sog. REDCo-Projektes vor: Es handelt sich um eine Untersuchung, die religiöse Erziehungskonzepte mit (recht heterogenen) religiösen Einstellungen von 14-16jährigen Jugendlichen in mehreren Ländern Ost- und West-Europas kombiniert. Insgesamt hält die Mehrheit der Angesprochenen ein Kennenlernen anderer Religionen in der Schule für friedensfördernd. Dem fügt Redbad Veenbaas (Amsterdam) das Ergebnis einer ähnlich strukturierten kleinen Untersuchung aus den Niederlanden über die religiösen Werte- und Normvorstellungen junger Muslime hinzu, die auch gesellschaftlichen Veränderungen durch die „Straßen-Kultur“ unterliegen.
Die Herausgeber gehen im Epilog nicht nur der Frage nach, ob es religiöser Erziehung gelingt, „reaching for the sky, also „nach dem irdischen Himmel zu greifen“. Ob das wohl die Vorstufe zum transzendenten Himmel (heaven) ist? Der Blick auf christliche und muslimische Jugendliche insgesamt spiegelt nur einen Augenblicksstand. Dieser ist von der Spannung religiöser Erziehung in familiärer Tradition und dem Mangel religiös-authentischer Sprache in säkularen Gesellschaften geprägt. Angesichts nicht zu übersehender Komplexitäten im Feld religiöser Erziehung kann diese Zusammenstellung und  mit der Auswertung einer Reihe von Analysen zuerst eine Bewusstseinsschärfung erreichen. Zum andern aber bietet das Buch Orientierungsempfehlungen für eine dialogische Religiosität, die wirklich ernst genommen und umgesetzt werden sollten.
Reinhard Kirste
Rz-El Bouayadi-RE-Sky, 20.05.12

Schulbücher zum Islam, Unterrichtshilfen (dialogisch) - auch für die Koran-Lektüre (aktualisiert)

Merkez-Moschee Duisburg-Marxloh


Übersicht zu Religionsbüchern, Materialien für den Unterricht
und Anleitungen zur Koranlektüre





1.  RELIGIONSBÜCHER: Primarstufe und Sekundarstufe I



Als theologische und unterrichtspraktische Orientierung gibt es zwei
ISLAMISCH-RELIGIOSPÄDAGOGISCHE ZEITSCHRIFTEN.
Details: hier. 


2.  KORAN UND BIBEL - SYNOPSE
Stefan Jakob Wimmer / Stephan Leimgruber: Von Adam bis Muhammad.
Bibel und Koran im Vergleich. Stuttgart: Kath. Bibelwerk 2005, 2007, 2. Aufl.
Ausführliche Besprechung: hier

3.  WEITERE MATERIALIEN FÜR DEN UNTERRICHT 
         Kommentierte Auswahl: 
--- Schulbücher und Unterrichtsmaterialien -
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund 
(WiSe 2013/2014). 


Buchdeckel

 Harmjan Dam, Selçuk Doğruer,
 Susanna Faust-Kallenberg: 
 Begegnung von Christen und
 Muslimen in der Schule. 
 Eine Arbeitshilfe für  gemeinsames Feiern

 Göttingen: V & R 2016, 111 S.---  978-3-525-70219-2
 Die Arbeitshilfe wurde in christlich-muslimischer  Kooperation entwickelt. Sie enthält praktische  Informationen zur Begegnung vom Muslimen und Christen  in der Schule und praktische Beispiele für gemeinsame 
 religiöse Feiern.
 Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier
Für die Grundschule:
Für Sekundarstufe I und II



  4.  ANLEITUNGEN ZUR
       KORAN-LEKTÜRE
  

 

Montag, 19. Dezember 2016

Die interreligiöse Kraft des Singens

Bernhard König / Tuba Isik / Cordula Heupts (Hg.): Singen als interreligiöse Begegnung.
Beiträge zur Komparativen Theologie, Band 28.
Paderborn: Schöningh 2016, 226 S.
--- ISBN 978-3-506-78571-8 ---


Dass es im Christentum und Judentum eine intensive Gesangstradition gibt, ist hinreichend bekannt. Angesichts fundamentalistischer Attacken gegen muslimische Musik scheint im Islam ein anderes Verständnis vorzuliegen. Um es vorwegzunehmen: Das vorliegende Buch beseitigt viele Vorurteile sowohl den Islam betreffend als auch manche musikalische Theorie und Praxis aller drei monothe-istischer Religionen. Interreligiös ist allerdings erst ein Anfang gemacht, selbst wenn es inzwischen eine Reihe von Ensembles gibt, die die verbindenden Kraft der Musik über Religionen  und Kulturen hinweg zum Klingen bringen. Vgl. dazu: Die interreligiöse Kraft der Musik

Dass dieser Band entstand, hat hauptsächlich mit der musikalisch-trialogischen Praxis von Bernhard König zu tun. Mit dem Projekt TRIMUM von Juden, Christen und Muslimen führt er seit Jahren vor, wie durch die Kraft der Musik Vorurteile und Abwehrhaltungen zusammenbrechen. Er ist nicht nur als Mitbegründer des Kölner Büros für Konzert-pädagogik bekannt geworden, sondern auch als Komponist, Interaktionskünstler und Initiator musikalischer "Grenzgänge". Die anderen beiden Herausgeber, die Lehrerin für Musik und Religion, Doktorandin der katholischen Theologie, Cordula Heupts, und  die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Tuba Isik kommen aus dem Fachbereich Islamische Pädagogik der Universität Paderborn unter der Leitung von Klaus von Stosch
Den Herausgebern geht es mit ihren Gesprächspartnern auch darum, diese interreligiöse Praxis zu reflektieren und sich dazu mit den Fachleuten aus Musik und Theologie zusammenzusetzen.

Das Buch hat insgesamt vier Schwerpunkte
I.  Begründungszusammenhänge
II. Inhalte - auch in der Spannung von jüdisch-christlichen Erfahrungen
III. Verortungen im Sinne musikalischer Gastfreundschaft
IV. Die Ausblicke betonen die Zusammenhänge von "alten" Gesängen,      musikalischer Avantgarde im Horizont der Musik als "Medium der Sehnsucht".

I. Begründungen (S. 17-54): Bernhard König verweist in seinem hinführenden Beitrag "Miteinander singen - wozu?" auf zwei Gesichtspunkte : 


  • "Jahrhundertelang waren die Religionen der wichtigste Motor von Kultur. Die besten Sänger und Dichterinnen, Architekten und Komponistinnen, Rezitatoren und Kalligraphinnen haben ihr Können in ihren Dienst gestellt" (S. 23).
  • "Diesen Schatz aktiv miteinander zu teilen, die Vielfalt der Klänge, Bilder und Inszenierungsformen zu bestaunen, die das kollektive Suchen nach Wahrheit und Transzendenz hervorgebracht hat - dies alles kann eine wertvolle Ergänzung der zahlreichen Initiativen und Begegnungsforen ... sein und dem, was dort auf den Weg gebracht wurde und wird, eine zusätzliche Facette, eine greifbarere und sinnlichere Gestalt verleihen" (aaO).

Dann folgt ein Gespräch mit Barbara Traub (Israelitische Religionsgemeinschaft Baden-Württemberg) über die Bedeutung jüdischer Musik im Alltag und auftretender interreligiöser Dissonanzen. Diese verstärkt der Tübinger Islamwissenschaftler Omar Hamdan. Er betont, dass Gesang nicht Gebet ist, aber die positiven Seiten des Singens sollten auch innerislamisch in Deutschland weiter entwickelt werden. Von daher setzen die interreligiös-musikalischen Erfahrungen des Chores "Pontamima" aus Sarajevo ermutigende Impulse; denn dieser Chor besteht aus Juden, Christen, Muslimen und Atheisten. Davon berichtet beeindruckend der aus Kroatien stammende katholische Theologe Ivo Markovic
In einem Rundgespräch vom 22.02.2014 versuchten die Teilenehmenden aus der Türkei, Deutschland, Israel und dem Irak die Musik zusammen mit Bernhard König als verbindende Kraft herauszustellen. Denn gerade in Zeiten des Krieges  und der Spannungen zwischen Juden und Muslimen kann ein "trialogisches" Konzert ein wichtiger Anstoß zum Frieden sein.

II. Inhalte (S. 57-121): Grenzenlose Verständigung wird es auch durch die Musik wohl nicht geben, meint Bernhard König, wenn er fragt wovon man denn miteinander singen soll. Sensible Arrangements sind darum notwendig. Im Gespräch zwischen dem interreligiös "ausgerichteten" katholischen Theologen Karl-Josef Kuschel und dem evangelischen Systematiker Christoph Schwöbel (beide Tübingen) geht es darum, über eine zu enge Konzentrierung  auf die "heiligen" Texte hinauszukommen. (Musikalische) Gastfreundschaft sollte nämlich auch als Gottesgemeinschaft gesehen werden, in der der jeweils "Andere" sich nicht eingeengt fühlt.
Das betont auch
Klaus von Stosch im Abschnitt III. des Buches, wenn er die Komparative Theologie als eine Form der Gastfreundschaft definiert (S. 134). Da kann man dann sogar "die Differenz zelebrieren" (S. 137). Denn man weiß sich in dem verbunden, was uns Menschen als "Bedingte" "unbedingt" angeht (Paul Tillich).
Die ehemalige Kulturbeauftragte der EKD (inzwischen Regionalbischöfin von Hannover), Petra Bahr, verweist auf die Umbrüche, die sich von jeher im religiösen Lied spiegelten und spiegeln.  Interreligiös ausgerichtete oder komponierte Musik müsste Stimmigkeit zum entscheidenden Kriterium machen. Aber was ist mit Johann Sebastian Bach? Dass er heutzutage universale Weite gewonnen hat, ist unbestritten. "Schmerzhaft nah" überschreibt Bernhard König seinen Beitrag deshalb, weil der souveräne Meister etwa in seinen  Passionen das christlich-jüdische Verhältnis belastete und nationalsozialistisch vereinnahmt wurde. Aber: Dialog und Auseinandersetzung gehören interreligiös zusammen. 
Dieses Thema nimmt König im Blick auf den christlich-islamischen Dialog in Kapitel III noch einmal auf (S. 145-174): Hier scheint die Fremdheit Bachscher Musik eine Hürde für Muslime zu sein. Aber historisch lässt sich zeigen, dass europäische und arabische Musiktheorien keineswegs weit auseinanderstreben.  "Liegt also jenen maqamat [= Saiten einer Laute oder Skalen], die noch heute die tonale Grundlage für die Koran-Rezitation bilden, im Kern das gleiche Verständnis von Harmonie, Proportion und >musikalischem Ethos< zugrunde, das auch das Kompositionshandwerk Johann Sebastian Bachs geprägt hat?" (S. 172).
Bei allen immer wieder auftauchenden Differenzen, scheint sich eine "trialogische" Brücke bei den vielen musikalischen Gesichtern des Königs David zu finden. "David" kommt in jüdischen und christlichen Musiktraditionen immer wieder zum "Klang", wie Cordula Heupts ausführt.

III. Unter "Verortungen" (S. 125-191) verstehen die Herausgeber, die Problematik von Fremdheit und Nähe im musikalisch-ästhetischen Verstehen von Menschen der drei monotheistischen Religionen als Chance wahrzunehmen. Bernhard König verweist darauf, dass sich Religiöses und Nicht-Religiöses nicht so einfach trennen lässt. Natürlich spielt die religiöse und ästhetische Herkunft des Einzelnen im "Konzert" des Dialogs eine Rolle. Damit wird aber zugleich eine Zeitbedingtheit signalisiert, die Ahmet Gül, Sänger für europäische und klassisch türkisches Musik und Gründer des Eastern Ensembles, sagen lässt: "Bach hat auch für Muslime komponiert" (S. 129).
Auf die bereits von Barbara Traub (S. 25-30) angesprochene Eigenständigkeit jüdischer Musik kommt auch Rabbiner Steven Langnas (München) zu sprechen (S. 141-144): Die musikalische Rezitation (Kantillation) macht Worte durch Gesang lebendig. Gleichzeitig wird eine alte Tradition aufrecht erhalten (S. 144). Hier ist durchaus eine Verwandtschaft mit der Koran-Rezitation zu spüren. Tuba Isik betont generell, dass Muslime gerne singen (S. 175-191). Eine Fülle von Beispielen lässt sich aus der islamischen Geschichte beibringen (z.B. im Mevlevi-Orden), auch wenn es in der Hadith-Literatur  eine Reihe ablehnender Äußerungen gibt. Unbestritten bleibt jedoch die Musikalität der Koran-Rezitation. Angesichts der großen kulturellen Unterschiede innerhalb islamischer Traditionen sollte man generell mit Verurteilungen der Musik - von der reichen türkischen Musiktradition einmal abgesehen - vorsichtig sein.

IV. Ausblicke (S. 195-220): Stolpersteine und Chancen scheinen sich bei der Rezeption von Musik unter interreligiösen Gesichtspunkten zuweilen die Waage zu halten. Das hängt offensichtlich auch von mehr oder minder starken orthodox-dogmatischen Vorverständnissen ab. Der jüdische Kantor und Theologe Jascha Nemtsow (Potsdam/Berlin) betont im Gespräch mit Bernhard König, dass es neben festgelegten Tora-Kantillenen variierende Gemeindegesänge gibt und im Konzept des Trialogs die Unterschiedlichkeiten bleiben müssen (s.o. S. 25ff, 141ff). Diese sind natürlich nicht wesensmäßig, sondern oft nur graduell. Sie können z.B. jüdisch-muslimische Verwandtschaften und gegenseitige Beeinflussung aufzeigen.
Dem islamischen Theologen Milad Karimi (Münster) gelingt es m.E., die innere Verbindung des Musikalischen im Trialog zum Ausdruck zu bringen: In der Koran-Rezitation kommt Gott nahe. Musik bringt die Sehnsucht nach Gott zum Klingen. "Der Islam ist gerade insofern musik-affin, als dass diese Religion alles dafür tut, sich dieser Sehnsucht nach Gott gewahr zu werden. Und wenn die Musik das leisten kann, dann ist sie geradezu etwas Heiliges. >Heilig<, weil sie einen heilt" (S. 206).
Wie also miteinander singen? ist die Schlussfrage, auf die die Herausgeber eine vorläufige Antwort gesucht haben: Zuerst: Es gibt keine generellen Lösungen für "trialogische" Musik, aber musikalische Gastfreundschaft öffnet Türen und Herzen des Anderen. Als Beispiel kann dafür das von Papst Johannes Paul II. initiierte Friedensgebet von Assisi 1986 dienen. Dissonanzen zwischen gesungenem Text und Glaubensüberzeugungen können dabei eher als Bereicherung angesehen werden. So könnte auch ein interreligiöses Komponieren entstehen: Teamwork der Religionen, das neue musikalische Kunstwerke ermöglicht und damit interreligiöse Begegnung zum "Gesamtkunstwerk" macht.

Bilanz: Auch wenn dies im Buch nur am Rande angesprochen wurde -  angesichts der vielen Erfahrungen bereits praktizierter interreligiösen Gebete könnte die Musik auf ganz neue Weise mit einbezogen werden. Herausgeber und Autoren haben dazu wichtige Ansätze aufgezeigt. Sicher wird sich immer auch orthodox-religiöser Widerstand auftun, aber die Erfahrung des gemeinsam Praktizierten ist letztlich ermutigendes Kennzeichen aller interreligiöser Begegnungen. Hier hat die Musik in ihrer universalen Weite einen entscheidenden Platz und viele noch nicht ausgelotete Chancen.
Das Buch lädt ein, diesen "Platz" zu bespielen ... In einer oft von Vorurteilen und Ablehnungsstrategien geprägten Gesellschaft wird auf diese Weise ein glaubwürdiger Friedensdienst geleistet, auf den sich alle Religionen einlassen können.


Reinhard Kirste

Rz-König-Singen, 19.12.16 

Initiation und Transformation - Lama Govindas Weg (aktualisiert)



Lama Anagarika Govinda: Initiation.
Vorbereitung – Praxis – Wirkung. Hg.: Birgit Zotz.

Luxemburg: Kairos 2014, 104 S. --- ISBN 978-2-919771-07-3

Ausführliche Besprechung 
Der als Ernst Lothar Hoffmann 1898 im sächsischen Waldheim geborene Lama Anagarika Govinda (gest. 1985) gehört zu den wichtigen Vermittlern buddhistischer Lebensverständnisse für den Westen. Seine Studien, Begegnungen und Erfahrungen in Indien führten ihn schließlich zur Gründung des Ordens Arya Maitreya Mandala, der auch in Deutschland einige Anhänger hat. 
Sein bekanntester Schüler ist neben Armin Gottmann Volker Zotz, der mit seinem Buch „Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur“ bekannt geworden ist (Theseus-Verlag 2000). 
Volker Zotz hat Armin Gottmann auch eine Festschrift zum 70. Geburtstag gewidmet: “Schnittstellen“ (2013).    

Die Herausgeberin, die österreichische Kulturanthropologin, Birgit Zotz und Ehefrau von Volker Zotz, hat nun bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass Govindas zugänglich gemacht.            

Der Blick auf diesen Weisen ist deshalb so wichtig, weil Govinda als Archäologe und Buddhismusforscher immer tiefer in das Wesen des Buddhismus eindrang und dies auch den westlich Interessierten erstaunlich gut vermitteln konnte. Er hatte als Lehrmeister den nach Asien ausgewanderten Anton Gueth. Unter seinem buddhistischen Namen Nyanatiloka  (1878-1957) gründete er ein Kloster. Durch diesen empfing er auch die Ordination mit dem Namen Govinda (eigentlich: Beschützer der Kühe). Schließlich aber wandte sich Govinda dem tibetischen Buddhismus zu, weil ihn die Praxis des Vajrayana, des Diamant-Weges faszinierte, und sein Lehrer Ngwang Kalzang ihn in eine vertiefte Spiritualität einführte. Hier spielt der Buddha der Zukunft, Maitreya, eine entscheidende Rolle, denn es gilt den nach Erleuchtung und Vollendung strebenden Menschen auf den kommenden Buddha einzustimmen, So erklärt sich auch der Name des von ihm 1933 gegründeten Ordens Arya Maitreya Mandala = der Kreis des verehrten Maitreya.

Seine vielen Reisen führten Govinda nicht nur durch Asien, sondern auch immer mehr in den Westen, besonders seit 1960. Die Begegnung mit Rabindranath Tagore dürfte ebenfalls ein wichtiger Meilenstein auf seinem spirituellen Weg gewesen sein. Govinda ist kein üblicher Konvertit in den Buddhismus, sondern einer, der einen Brückenschlag zwischen Ost und West nicht nur versuchte, sondern auch selbst bewusst lebte. Das formulierte er in seinem Buch „Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewusstsein“ (Aurum-Verlag 1977, S. 11) so:
Dieses Buch „möge ein Ansporn sein, der auch andere anregt, die Brücke in beiden Richtungen zu überqueren. In keinem Fall aber soll es jemanden veranlassen, von der einen zu der anderen Seite zu konvertieren … Denn wie bei einer Pilgerreise gilt auch hier, dass das Gehen wichtig ist und nicht das Ankommen!“

Insofern gewinnt das kleine hier anzuzeigende Buch fast eine Art Schlüsselfunktion, weil mit diesen bisher unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass von Lama Govinda der Weg der tantrischen Einweihung dazu führen kann, die wahre Wirklichkeit zu entdecken: „Im Vollzug einer Einweihung erschließt sich … eine neue Dimension des Bewusstseins, die … eine dynamische Wandlung einleitet und vorantreibt“ (S. 35). Das bedeutet auch Individualität als ganz bei sich selbst zu sein – jenseits jeglicher Egozentrik. Birgit Zotz gibt dazu in der Einleitung bereits einige Hilfestellungen zum Wirklichkeitsbereich von Initiation. Govinda selbst macht es an der Geschichte der Einweihung des Padmasambhava durch eine Dakini (eine Art weiblicher „Engel“) deutlich:
„So erfährt die Gestalt des Padmasambhava durch diese Initiation eine vollkommene Transformation, die ihm auch neue Macht verleiht“ (S. 64) – gemeint ist die Macht über die „üblen Geister“. Und es geschieht noch mehr: „Wer den Impuls der Initiation aufnimmt, um seinen physischen Leib zum Tempel höherer Kräfte werden zu lassen, aus dem in der Folge der Diamantkörper heraustritt, … erwacht aus einen schattenhaften Zwischenzustand. Er wird zum Meister seines Lebens und Sterbens“ (S. 77).

Birgit Zotz hat nun Lama Govindas Texte systematisierend geordnet:

1.      Initiation als Quelle der Kraft

2.      Geschichte der Einweihungsriten, Symbole und Rituale

3.      Das Mysterium akzeptieren als Voraussetzung der Einweihung

4.      Äußere Handlung und innere Wirkung bei der Einweihung

5.      Initiation als inneres Geschehen und zugleich Verwandlung der Welt

6.      Auf der Linie der (tantrischen) Tradition bleiben

7.      Lebens- und Sterbenserfahrungen auf dem tantrischen Weg

8.      Magie, Mysterium, heilige Schau – mehr als psychologische Aspekte

9.      Meditation als Vorbereitung zur Initiation und Erfahrungen der Ganzheit

Die ausgewählten Texte lassen etwas von der Faszination tibetischer Mystik spüren, die auf dem Pilgerweg über das eigene irdische Leben hinaus alte Mysterien auf neue Weise erlebbar machen. Govinda hat dieser Tiefenerfahrung auch eine für westliche LeserInnen nachvollziehbare Sprache gegeben. Allerdings wäre es hilfreich, wenn dem Buch noch ein Glossar beigegeben worden wäre, weil eine Reihe von Begriffen auch vielen tibetisch-buddhistisch Interessierten nicht vertraut sein dürfte. Insofern kann man nur wünschen, dass die Gedanken und Erfahrungen noch stärker einfließen, wenn buddhistische Praxis in ihrer Vielfalt zur Sprache kommt.

Weitere Informationen zu Lama Anagarika Govinda und dem Orden Maitreya Mandala

Reinhard Kirste
Rz-Govinda-Initiation, 30.09.14, bearbeitet 19.12.2016